Zum Gedenken an die Vernichtung des Theresienstädter Familienlagers in Auschwitz-Birkenau vor 65 Jahren

Das Dritte Reich war eine unbegreifliche Erscheinung, in der das Theresienstädter Ghetto ein eigentümliches Phänomen und ein jüdisches Familienlager in der Hölle von Auschwitz unvorstellbar waren. Das Familienlager für 17.528 Theresienstädter Juden 1943/44 in Auschwitz-Birkenau war einmalig im Holocaust, hervorgerufen durch den Kriegsverlauf und die geheimen Verhandlungen höchster SS-Führer und des Auswärtigen Amtes…

Von Jacov Tsur

Die Deportationen aus dem so genannten Altreich, der Ostmark und des Protektorates (Böhmen und Mähren) begannen in Oktober 1941. Diese Deportationen wurden mit dem angeblichen Arbeitseinsatz der Juden im Osten begründet, was aber in der Öffentlichkeit bezweifelt wurde. Die Behörden konnten niemandem glauben machen, dass alte Leute zur Arbeit tauglich sind.

Probleme ergaben sich auch mit Interventionen „höherer Reichsstellen“ für weltbekannte Juden, und für solche, die große Dienste für Deutschland in der Vergangenheit geleistet und Verbindungen zu einflussreichen Personen im Reich hatten; auch für aus dem Weltkrieg 1914-1918 schwerkriegsbeschädigte Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen. Laut dem Protokoll der Wannsee-Konferenz (20.1.1942) erkäerte Heydrich:

„Es sei beabsichtigt, Juden im Alter von über 65 Jahren nicht zu EVAKUIEREN (J. T.), sondern sie einem Altersghetto, vorgesehen ist Theresienstadt, zu ÜBERSTELLEN. Au?er dieser Kategorie sollten (nach) Theresienstadt die schwerkriegsbeschädigten Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen… EINGEWIESEN werden. Mit dieser zweckmässigen Lösung werden mit einem Schlag die vielen Interventionen ausgeschaltet.“

Der Leser kann alleine den Unterschied in der Bedeutung der Tarnbegriffe EVAKUIEREN auf der einen Seite und ÜBERSTELLEN und EINGEWIESEN auf der anderen wahrnehmen.

Am 2. Juni 1942 wurden die ersten deutschen Juden in das „Alters-Ghetto Theresienstadt übergestellt“, so Heydrichs Tarnsprache.

Am 21. April 1945, nachdem schon 6 Millionen Juden ermordet waren, sagte Himmler mit unverschämter Frechheit zu Norbert Masur vom Jüdischen Weltkongress: „Theresienstadt ist kein Lager im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern eine nur von Juden bewohnte Stadt… Diese Art von Lager ist von mir und meinen Freund Heydrich geschaffen worden, und so hatten wir alle Lager gewünscht.“

Mit dem Kriegseintritt Amerikas und den Ereignissen an der Ostfront des Winters 41/42, sah Heydrich, wie auch andere SS-Führer, dass von diesem Kulminationspunkt eine Wende im Kriege eintrat. Bei der „beschleunigten Judenaktion“ legte jetzt Heydrich mehr als früher Wert auf vier Grundsätze: Tarnung, Ablenkung, Täuschung und Irreführung. Die Durchführung von Heydrichs Richtlinien setzte Himmler nach Heydrichs Tode fort, und die Folge der oben angegebenen vier Grundsätze war, dass Himmler im Februar 1943 eine Pause der Osttransporte aus Theresienstadt befahl. Damals wurden die ersten Fühler in Hinblick auf einen Besuch des Internationalen Roten Kreuzes im Ghetto Theresienstadt ausgestreckt und geheime Verhandlungen zum Austausch von jüdischen Kindern gegen deutsche Zivilpersonen geführt. Ohne Präzedenzfall war das Vorhaben, ein so genanntes Familienlager für Juden aus Theresienstadt in Auschwitz-Birkenau zu errichten.

1943 steigerten sich die grossen Allierten-Luftangriffe auf deutsche Städte. Aufgrund der Annahme des RSHA (Reichssicherheitshauptamt), dass das Ghetto nicht Ziel von Bombenangriffen werden würde, überführte es sein Archiv nach Theresienstadt. Am 26./27.7.1943 wurden drei Kasernen, Sudeten, Zeughaus und Bodenbach, von Häftlingen geräumt.

Die jüdischen Häftlinge mussten in dem nun verkleinerten Ghetto aufgenommen werden, was die miserablen Lebensbedingungen noch verschlimmerte. Die unhaltbaren Zustände durften dem Internationalen Roten Kreuze nicht präsentiert werden. Damit das überfuellte Ghetto die Wirkung des geplanten „Schaubesuches“ nicht stören würde, hob Himmler die Pause der Osttransporte aus Theresienstadt auf.

Am 8. September 1943 kamen die ersten zwei Transporte mit 5007 Männern, Frauen und Kindern aus Theresienstadt in Auschwitz an. Nach der Ankunft passierten diese Häftlinge keine Selektion und wurden in den Lagerabschnitt BIIb, 600 Meter lang und 130 Meter breit mit 32 Holzbaracken in Birkenau eingeliefert. Mit diesem Datum begann die Geschichte des Theresienstaedter Familienlagers in Auschwitz-Birkenau.

Am 16. und 20.12.1943 wurden weitere 5007 Haeftlinge und zwischen dem 16. und 19.5.1944 weitere 7503 Haeftlinge aus Theresienstadt dorthin deportiert. Sie durften schreiben und Lebensmittelpakete erhalten. Diese besonderen Vergünstigungen stehen deutlich im Zusammenhang mit der Zustimmung Himmlers zum Besuch einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt. Postkarten von Häftlingen aus dem „Arbeitslager“ Birkenau sollten den wahren Zweck der Osttransporte verschleiern.

Bis zum 8. März 1944 starben unter den Lagerverhältnissen im „Familienlager“ zirka 1100 vom „September-Transport“, weitere 3.791 wurden in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1944 in den Krematorien II und III ermordet. Etwa 70 Ärzte und Zwillinge und zirka 30 Kranke wurden aus dem Transport herausgeholt und im Lager BIIb am Leben gelassen.

Das Schicksal des „Dezember-Transportes“ war anders. Anfang März 1944 hatten Speer und Milch den „Jägerstab“ gebildet, um unterirdische Bunker für Fluggzeugfabriken zu errichten. Dafür wurden zirka 250.000 Arbeiter benötigt. Karl-Otto Saur, Amtsleiter des Rüstungsministers Speer, sprach Anfang April 1944 mit Hitler über die Arbeitsreserven und dieser entschied den Einsatz von 100.000 ungarischen Juden. Bald wurde der Erlass auf jüdische Frauen und Juden aus allen Teilen Europas erweitert.

Nachdem im Mai 1944 weitere 7503 Juden aus Theresienstadt nach Birkenau deportiert wurden, fand der Besuch der Delegation des Internationalen Roten Kreuzes in Theresienstadt am 23. Juni 1944 statt.

Nach der Durchführung dieser Täuschungs-Inszenierung war das „Theresienstaedter Familienlager in Auschwitz-Birkenau“ überflüssig geworden. Alle Häftlinge im Alter von 14 bis 60 Jahren wurden einer Selektion unterzogen.

Müttern mit jungen Kindern wurde die Wahl gegeben, die Kinder Anderen zu überlassen und sich alleine für einen Arbeitstransport zu melden. Ausser einzelnen Ausnahmen blieben hunderte Mütter bei ihren Kindern und fanden den Tod in den Gaskammern.

Etwa 1550 Männer und 1850 Frauen, die bei der Selektion durchkamen, wurden in andere Lager transportiert. Es gibt keine eindeutige Erklärung für die erstaunliche Tatsache, dass auch 94 Jungen in das Männerlager in Birkenau überführt wurden.

Zwischen dem 12. und dem 14. Juli 1944 wurden die letzten 7300 Haeftlinge des Familienlagers in den Gaskammer-Krematorien IV und V ermordet. Von den insgesamt 17.528 Häftlingen des Familienlagers überlebten bei Kriegsende am 9. Mai 1945 ungefähr 1400.

Jacov Tsur ist ehemaliger Häftling des Theresienstädter Familienlagers in Auschwitz-Birkenau, sowie von Theresienstadt und Sachsenhausen. Er ist Vorstand der Vereinigung jüdischer Überlebender von Sachsenhausen in Israel.