Antisemitische Vorwürfe auf dem Seziertisch: Julius Goldsteins „Schreiben an einen katholischen Geistlichen“ (1927)

Wer in unserem Lande der ‚Baby-Boomer‘-Generation angehört, kann sich möglicherweise noch an jene, einst so geläufigen und (unter ‚braven‘ Christen) weit verbreiteten, Redensarten erinnern, die Reichtum als für Juden ‚typisch‘ anführten und Kommunismus bzw. Freimaurerei als jüdische Erfindungen ‚priesen‘. Redensarten also, die das Fortleben der so unausrottbar erscheinenden Abneigungen gegen die Minderheit überleben halfen. Heute hat der Antiisraelismus einen Gutteil jener schädlichen Energien kompensiert und die ‚alten Geschichten‘ sind seltener zu hören. Was aber verbarg sich nun tatsächlich hinter den Volkesmeinungen Jude gleich Kapitalist bzw. Jude gleich Kommunist bzw. Jude gleich Freimaurer? Erfreulicherweise hat hierzu eine kompetente und angesehene Persönlichkeit Stellung bezogen. Eine Persönlichkeit im Übrigen, an die es in diesem Jahre zu erinnern gilt, da sich ihr Todestag zum achtzigsten Male jährt…

Von Robert Schlickewitz

Die Rede ist von Professor Julius Goldstein, den der geneigte Leser bitte nicht mit dem Journalisten und NS-Überlebenden Kurt Julius Goldstein (1914-2007) verwechseln möge. Goldsteins Biografie sei hier nur knapp umrissen, da in Kürze an dieser Stelle noch detaillierter über sein Leben und Werk berichtet wird.

Die Wiege des hier Gewürdigten stand in Hamburg, wo er am 29. Oktober 1873 zur Welt kam; der überdurchschnittliche Schüler bzw. Student absolvierte ein Hochschulstudium und begann bereits im Jahre 1901, als Privatdozent für Philosophie an der TH Darmstadt seine akademische Laufbahn; er entwickelte sich bald zu einem geachteten Soziologen (Soziologie der Technik), Kulturwissenschaftler, Philosoph und Physiker. Am Ersten Weltkrieg nahm der überzeugte deutsche Patriot im Alter von über vierzig Jahren als Freiwilliger teil. In Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Professor, 1925, entbrannte eine hässliche Auseinandersetzung mit antisemitischem Hintergrund. Im selben Jahr rief Goldstein die deutsch-jüdische kulturpolitische Zweimonatsschrift „Der Morgen“ ins Leben, die noch bis 1938 existierte. Diese hatte, muss zur Klärung noch angemerkt werden, mit der in der SBZ bzw. DDR erschienenen Tageszeitung gleichen Namens nichts gemein. Professor Julius Goldstein starb am 25. Juni 1929 in Darmstadt an einer schweren Krankheit.

2008 veröffentlichte die Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen eine auf den Tagebüchern des Wissenschaftlers basierende Biografie (Julius Goldstein. Der jüdische Philosoph in seinen Tagebüchern. 1873-1929 Hamburg – Jena – Darmstadt, Hg. Uwe Zuber, Veröffentlichungen der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen 22).

Im hier wiedergegebenen Aufsatz Goldsteins werden jene früher besonders häufig angetroffenen antisemitischen Stereotypen vom Juden als dem Kapitalisten, als dem Bolschewisten und als dem Freimaurer anhand von Gegenbeispielen aus der wissenschaftlichen Literatur und der Publizistik widerlegt. Gleichzeitig können die Ausführungen des Wissenschaftlers als ein Lehrgang in Sachen Toleranz angesehen werden und sind insofern von bleibendem Interesse.

Zum besseren Verständnis noch einige Angaben zum zeitlichen Hintergrund. In das Entstehungsjahr dieses Artikels, 1927, das zufällig auch das Geburtsjahr des bayerischen Papstes Benedikt XVI. ist, fallen folgende Ereignisse: Das mehrheitlich katholische Bayern hebt das öffentliche Redeverbot für Adolf Hitler auf (10.3.) und ermöglicht diesem damit erneute Auftritte vor immer größer werdendem Publikum; Auftritte, in denen er ganz besonders seinen Judenhass zum Ausdruck bringen kann; die preußische Regierung hingegen hält weiter an ihrem Redeverbot für den staatenlosen Demagogen fest (Hitler wurde erst 1932 eingebürgert, seine österreichische Staatsangehörigkeit war ihm aberkannt worden). In Berlin ereignen sich schwere Straßenschlachten zwischen Anhängern der NSDAP und der KPD (19./20.3). In Nürnberg findet der dritte Reichsparteitag der NSDAP statt (ab 19.8.), zugleich der erste Reichsparteitag in der Frankenmetropole; 18.000 Menschen nehmen teil, darunter 8500 SA- und SS-Angehörige in Uniform und 300 der Hitlerjugend. Rassistische Hetze gegen Juden ist fester Bestandteil der Veranstaltung und Hitler stimmt bereits jetzt auf kommende Kriege ein, indem er eine gewaltsame Expansion Deutschlands fordert. Bis zu seiner Machtergreifung sind es noch sechs Jahre!

„Schreiben an einen katholischen Geistlichen

Ihrem Briefe, den Sie die Güte hatten, mir zu senden, entnehme ich drei Vorwürfe, die Sie, und mit Ihnen manche deutsche Katholiken, gegen die Juden richten.

I. Das Judentum ist der eigentliche Träger des modernen Kapitalismus, der das Volkselend verschuldet hat.
II. Das Ostjudentum ist der Träger des Bolschewismus, den es in unser Vaterland hineintragen will.
III. Das Judentum beherrscht die Freimaurerei, die schärfste Gegnerin der katholischen Kirche.

Das sind schwere Vorwürfe, sehr geehrter Herr Pfarrer! Ich empfinde sie um so schwerer, als ich weiß, ein katholischer Geistlicher spricht nicht leichthin Behauptungen von solcher Tragweite aus. Daß Sie als Katholik nicht auf das Recht verzichten können, das Judentum als solches dogmatisch zu bekämpfen, verstehe und würdige ich durchaus. Die Allerweltstoleranz, die schließlich nur aus religiöser Skepsis geboren ist, kann keine ihren Glauben verteidigende Religionsgemeinschaft gutheißen. Ich kenne und schätze die katholische Toleranzidee, wie sie Arthur Vermeersch S. J. in seinem schönen Buche „Die Toleranz“ behandelt hat. Aber die drei oben angegebenen Vorwürfe gegen das Judentum bedeuten ja nicht eine Intoleranz des Katholizismus gegenüber dem jüdischen Glauben, sie bedeuten eine aus zeitgeschichtlichen Vorkommnissen abgeleitete schwere Beschuldigung, die eine judenfeindliche Stimmung mancher katholischer Kreise begreiflich und begründet erscheinen lassen soll; sie bedeuten, daß auch katholische Geistliche von dem Antisemitismus unserer Tage nicht unberührt bleiben. Gegen den Antisemitismus, soweit er bösem Willen, Neid oder taktischen politischen Erwägungen entspringt, läßt sich kaum etwas einwenden. Aber solchem Antisemitismus stehe ich ja hier nicht gegenüber. In dem vorliegenden Falle besteht der Antisemitismus aus einigen dem Zeitgeiste geläufigen Deutungen, die aus dem Verhalten einzelner Juden ein Gesamturteil über die Juden herleiten. Dieses Gesamturteil enthält einen Erklärungsversuch gegenüber gewissen unerfreulichen Erscheinungen der Gegenwart. Kapitalismus, Bolschewismus, Freimaurerei werden auf ihre Ursachen und treibenden Kräfte zurückgeführt. Man stößt dabei auch auf Juden: die Juden gelten fürderhin als die eigentlichen Träger dieser drei Bewegungen. Besteht diese Behauptung zurecht? Ich weiß, sehr geehrter Herr Pfarrer, daß es Ihnen ernst ist um die Wahrheit, daß Sie mir die Zuchtlosigkeit des Denkens verdammen, die so viele unserer Zeitgenossen oft zu leichtfertigen Böswilligkeiten führt. Ich weiß auch, daß der Antisemitismus bei Ihnen nicht im Willen liegt, sondern eine Sache des Intellektes ist. Und deshalb gebe ich mich der Hoffnung hin, Sie auf dem Wege sachlicher Betrachtung von der Unhaltbarkeit jener Vorwürfe zu überzeugen, die gegen die Juden erhoben werden. Freilich: Sie müssen Geduld haben. De Bonald hat im Jahre 1827 gelegentlich eine Rede über die Preßfreiheit das Wort gebraucht: „On attaque avec un mot, un trait; il faut des volumes pour répondre et pour défendre.“ Sie müssen mir daher gestatten etwas auszuholen. Sie haben mich ja aufgefordert, ich möchte mich zu den drei Vorwürfen äußern. Ich erfülle gerne Ihren Wunsch. –

In einem alten Familienbriefe vom Jahr 1874 fand ich kürzlich folgende Stelle: „Heutzutage wird alles Böse den Katholiken zugeschoben; dann werden die Sozialdemokraten drankommen und schließlich die Juden.“ Ich mußte oft an diese Stelle denken. Von der Verfolgung der Sozialdemokraten wußte ich manches. Von Katholikenverfolgungen hatte ich aber keine deutliche Vorstellung. Ich wußte wohl, daß es einmal einen sog. Kulturkampf gegeben, ich hatte die Reden Bismarcks gelesen, aber ein klares Bild von dem, was das Wort „Kulturkampf“ bedeutete, besaß ich nicht. Wohl hörte ich oft von älteren katholischen Freunden: Was man Euch Juden heute vorwirft, das hat man uns Katholiken ceteris paribus vor wenigen Jahrzehnten vorgeworfen. Wir Katholiken sollten uns hüten, antisemitische Behauptungen nachzusprechen; wir haben unter dem Fluch der Minorität früher ebenso gelitten wie jetzt die Juden….

Da entschloß ich mich, einmal gründlicher die Geschichte des Kulturkampfes zu studieren. Ich war aufs höchste überrascht. Oft mußte ich in der Lektüre innehalten und mich besinnen, daß ich antikatholische Aufsätze las – Wendungen, Sätze, Behauptungen, Bilder: die ganze Phraseologie war zum Erschrecken derjenigen gleich, die sich heute in der antisemitischen Literatur findet. Wie heute alles Weltschicksal sich abzuspielen scheint zwischen Germanen und Semiten, so damals zwischen Germanen und Ultramontanen. Ich traf in der Kulturkampf-Literatur alle jene Insinuationen wieder, mit denen heute antisemitische Preßorgane nach dem Prinzip der Reklame unaufhörlich arbeiten. Gestatten Sie mir eine Reihe solcher erstaunlicher Parallelen zu geben: Ich halte mich dabei im wesentlichen an das klassische Werk von Kißling: „Geschichte des Kulturkampfes im deutschen Reiche“.
Die Antisemiten sagen: Die Juden arbeiten systematisch an dem Untergang Deutschlands. Im Kulturkampf heißt es: „Der Ruin der Nation und des Vaterlandes ist das Ziel des Ultramontanismus“ (im „Neuen Reich“ 1874, Bd. IV). Und weiter heißt es in der Allgemeinen Zeitung vom 5. Dezember 1870 in einem Aufsatz „Wunsch zur Kaiserkrönung“: „So wäre denn alles zu Heil und Segen gewendet, fräße nicht ein giftiger Schwamm in unsern Eingeweiden, der unablässig, Tag und Nacht, seine zerstörende Arbeit fortsetzt. Welches die Krankheit ist, braucht nicht erst gesagt zu werden: Die Wahlen zum preußischen Landtag haben wieder einmal die wunde Stelle entblößt; blind ist, wer nicht erschreckt davor zurückfährt. Der blühendste aufgeklärteste regsamste Teil Deutschlands, Rheinland und Westfalen, schickt 40 ultramontane Abgeordnete in die Landesvertretung. Wahrlich eine verlorene große Schlacht an der Loire wäre ein geringeres Unglück für die Nation als diese Niederlage…. So wächst und wächst die stille Verschwörung gegen Staat und Kultur Stund für Stund, treibt ihre sich festkrallenden Ranken überall umher und droht uns zu ersticken in gegebener Zeit.“ –

Die Antisemiten sagen: Die Juden haben ein heimliches Gesetz, den Talmud, der entbindet sie von allen Eiden, die sie Nichtjuden leisten.

Im Kulturkampf heißt es: Zu „ihrem Rechte“ rechnet die katholische Kirche auch, „daß die Untertanen des ketzerischen Königs von Preußen diesem gegenüber von jedem Eide, von Treue und Gehorsam entbunden sind oder doch sein sollten und jeden Augenblick durch die Kirche entbunden werden können.“ Solche äußersten Konsequenzen fordere die Kirche klugerweise nicht sofort, aber wenn der Staat nachgebe, werde sie ihre Forderungen nach geometrischen Progressionen steigern. (Aus einem Werke von Otto Meyer: „Die Propaganda, ihre Provinzen und ihr Recht, mit besonderer Berücksichtigung auf Deutschland“, Göttingen 1852, zit. bei Kißling, Bd. I, p. 273.)

Die Antisemiten sagen: Das Judentum ist fremdländischen Ursprunges und der deutschen Nation wesensfremd. Die Juden sind ein Tropfen fremden Blutes im deutschen Volkskörper.

Im Kulturkampf heißt es: „Der Katholizismus ist kein deutsches Gewächs. Er ist fremdländischen Ursprunges. Die deutsche Nation und der Protestantismus sind im innersten Wesen verwandt und aufeinander angewiesen.“ (Protestant. Kirchenzeitung 1866, p. 959.) „Sozialisten und Katholiken haben die Empfindung, daß sie ein fremder nicht assimilierbarer Tropfen in unserm Blute sind, daß zwischen dem Wesen unseres Volkes und Staates und dem ihrigen ein unausgeglichener Gegensatz besteht, und daß es zugleich für sie und ihre Herrschaftspläne kein stärkeres Hindernis gibt als das heutige unter der Führung Preußens geeinigte blühende und machtvolle Deutschland“ (Magdeburger Zeitung, 4. April 1872). –

Die Antisemiten sagen: Die Juden haben den Weltkrieg gemacht.

Im Kulturkampf heißt es: Der römische Jesuitismus hat die Kaiserin Eugenie zum Glaubenskrieg gegen Deutschland gewonnen. Bismarck erzählte dem Bischof von Ketteler von seiner Befürchtung, daß seinem Werke von Rom her Gefahr drohe, daß von dort, wie von einem Mittelpunkte aus, eine einheitliche Leitung gegen das Deutsche Reich stattfinde, und daß der erste und nächste Angriffspunkt in diesem Kampfe die preußisch-polnischen Länder seien. „Mich erschreckte damals“, so berichtete der Bischof, „dieser Wahn in dem Kopfe eines so einflußreichen und energischen Mannes im Hinblick auf das Unheil, das möglicherweise aus einem solchen Phantasiegebilde für Deutschland entstehen würde.“ (Kißling, Bd. I, 386.)
Wie das, was einzelne Juden tun, den Juden zugerechnet wird, so geschah es auch in der Kulturkampfepoche mit den Katholiken. Im Reichstag verwahrte sich die Zentrumsfraktion dagegen, daß das Attentat Kullmanns den Katholiken zugerechnet würde. Bismarck antwortete ihnen: „Verstoßen Sie diesen Mann, wie Sie wollen. Er hängt sich doch an Ihre Rockschöße.“

Wie es heute in Zeitungen und Büchern eine unflätige antisemitische Romanliteratur gibt (ich erinnere nur an Dinters „Sünde wider das Blut“), so hat es auch zur Zeit des Kulturkampfes in den siebziger Jahren eine antikatholische Romanliteratur gegeben, die Kißling mit folgenden Worten charakterisiert: „Einen unermeßlichen Strom von Unflat und Schlamm ergoß diese Literatur gegen die katholische Kirche; viele Redaktionen scheinen ihr Feuilleton aus dem Tollhause zu beziehen, so gräßlich waren die Zerrbilder von allem, was katholisch hieß, die Tag für Tag unter dem Strich paradierten. Welche Vorstellungen mußte aus solch einer Lektüre das protestantische Volk von seinen katholischen Mitbürgern und ihrer Kirche gewinnen!“ – Ein merkwürdiger Zufall will es, daß einer der schlimmsten Romane jener Zeit „Biaritz“ von dem Berliner Schriftsteller Gödsche (er schrieb unter dem Namen Sir John Ratcliffe) damals als Quelle der Verleumdungen gegen Kirche und Jesuiten galt, und daß heute aus diesem selben Roman der Antisemitismus ein besonderes Kapitel in einer Broschüre unter dem Titel „Das Geheimnis der jüdischen Weltherrschaft“ verbreitet.

Wer damals für die Jesuiten eintrat, wer Besonnenheit und Besinnung verlangte und gegen ungerechtfertigte Verleumdungen sich wandte, der wurde als Jesuitenknecht niedergeschrieen. Wer heute gegen die fratzenhaften Verleumdungen des Antisemitismus auftritt und sachlich gerechte Beurteilung verlangt, wird als Judenknecht bezeichnet.

Die Parallelen ließen sich noch weiter ausspinnen. Man erkennt aber schon aus dem bisherigen, daß es immer der gleiche Kreis demagogischer Mittel ist, der im Kulturkampf und im Antisemitismus sich auswirkt.

Aber, werden Sie sagen, wir werfen den Juden heute wesentlich anderes vor!

Gewiß! Es muß aber doch stutzig machen, daß nicht nur die Technik der Verleumdung im Antisemitismus und Kulturkampf so erstaunlich sich ähnelt, sondern daß auch der Inhalt der Verleumdungen in weitem Umfange sich deckt! Ist das bloßer Zufall?

Katholiken und Juden befinden sich beide in der Minorität. Beide wollen und können ihr Recht auf religiöse Sonderexistenz nicht aufgeben. Das wird von der herrschenden Mehrheit als Angriff empfunden, den sie mit einem Gegenangriff auf die der Minderheit garantierten staatsbürgerlichen Rechte beantwortet. Die Minderheit muß sich dagegen zur Wehr setzen und schließt sich zur Abwehrgemeinschaft zusammen. Das steigert wiederum den Zorn der Mehrheit, die die Abwehrgemeinschaft der Minderheit zu einer herrschsüchtigen Angriffsgemeinschaft umdeutet, und schließlich gebärdet sich die verfolgende Mehrheit als „persécuteur persécuté“, wie es in der französischen Psychiatrie heißt. Das ist die formale Gleichheit in der soziologischen Struktur des Antisemitismus und des Kulturkampfes. Aus dieser formalen Gleichheit entstehen dann gewisse Gleichheiten der Beschuldigungen, wie ich sie vorhin aufgewiesen habe. Die Demagogie verfällt immer auf dieselben Mittel; je mehr sie sich organisiert und den technischen Apparat moderner Beeinflussungsmethoden beherrscht, um so leichter ist sie imstande, aus jeder neuen historischen Situation neue Beschuldigungen gegen die Minderheit eindrucksvoll zu verbreiten. Für alles, was in der Zeit an schlimmen Tatsachen auftaucht, wird auf die Minderheit als Ursache hingewiesen. Da immer irgendwelche Angehörige dieser Minderheit irgendwelche Beziehung zu diesen Tatsachen haben, verfällt das durch frühere Agitation beeinflußte Denken dem bekannten und bequemen Trugschluß vom cum hoc zum ex hoc. Damit rechnet die Demagogie, und sie verrechnet sich nicht.

Kapitalismus und Bolschewismus werden vom Katholizismus bekämpft. An beiden sind auch Juden beteiligt. Daraus leitet dann der Antisemitismus die Behauptung ab: Die Juden sind die eigentlichen Träger des Kapitalismus und des Bolschewismus. Die jüdische Gemeinschaft ist schuld an all dem Furchtbaren, was Kapitalismus und Bolschewismus hervorgebracht hat.

Die jüdische Gemeinschaft! Gestatten Sie mir, sehr geehrter Pfarrer, einiges zu diesem völlig mißverstandenen Begriffe zu sagen.

Angesichts gewisser unerfreulicher Erscheinungen des politischen Lebens, an denen auch Juden beteiligt sind, hört man oft von wohlmeinender Seite: Rücken Sie ab von diesen Leuten, sonst meint man, sie billigten ihr Treiben! Hinter diesem Rat steckt eine durchaus irrige Auffassung vom Wesen der jüdischen Gemeinschaft und von ihrem Verhältnis zu den Handlungen der einzelnen Mitglieder. Diese falsche Auffassung läßt sich etwa folgendermaßen umschreiben: Die deutschen Juden bilden in Deutschland eine in sich geschlossene Gemeinschaft, die auf ihre Mitglieder bestimmenden Einfluß hat. Deshalb ist die jüdische Gemeinschaft mitverantwortlich für die Verfehlungen jedes einzelnen Juden. Bei jeder anderen Gruppe von Menschen verlangt es der politische Anstand, Verfehlungen Einzelner nicht der Gesamtheit zuzuschreiben. Bei den Juden läßt man diese Anstandspflicht außer Acht.
Wie steht es aber nun mit dieser Auffassung vom Wesen der jüdischen Gemeinschaft?

Wenn früher in einer Kompagnie Verfehlungen Einzelner vorkamen, dann ließ der Kompagnieführer die Kompagnie nachexerzieren oder hob Vergünstigungen besonderer Art für die gesamte Kompagnie auf. Man motivierte das mit dem Hinweis, die Gemeinschaft müßte unter sich die Einzelnen im Schach halten und die schlechten Elemente zügeln. Die Kompagnie wurde verantwortlich gemacht für das Verhalten Einzelner. Hier haben wir den Überrest einer sittlichen Auffassung, die in der Gruppenmoral primitiver Gemeinschaftsformen der Menschheit allgemein war. Die Gemeinschaft hat mitzubüßen für die Verfehlungen ihrer Mitglieder, wobei der Kreis der Gemeinschaft je nach Zeiten und Ländern und je nach den Umständen enger oder weiter gezogen wird.

Freilich war das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft in geschichtlichen Frühzeiten (wie es z. B. Fustel de Coulanges und Maine geschildert haben) von dem heutigen toto genere verschieden. Alle Lebensbeziehungen des Individuums waren von der Gruppe festgesetzt und geregelt. Eine von der Gruppe unabhängige Existenz gab es für das Individuum auf keinem Gebiete. Mit seiner Geburt sind alle seine Lebensbeziehungen und -betätigungen ihm vorgezeichnet. Individuum und Gruppe bilden eine unlösbare Einheit. Was uns heute als selbstverständlich gilt, daß der Einzelne für seine eigenen Handlungen persönlich verantwortlich ist, liegt jenen Zeiten noch völlig fern.

Nun hat sich aber im Laufe der geschichtlichen Entwicklung das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft von Grund auf geändert. Der Mensch gehört gleichzeitig einer Vielheit von Verbandsformen an, die ihn beeinflussen und denen er sich, in den meisten Fällen wenigstens, nach freiem Ermessen hingeben kann – den Verbandsformen der Familie, des Staates, der Nation, der Kirche, und all den unzählbaren Formen des Vereinslebens, wie sie die Gegenwart in immer steigendem Maße zeitigt. Keine einzige dieser Verbandsformen nimmt ihn ganz für sich in Anspruch; jede übt Einfluß auf ihn aus, auf jede wirkt er zurück. Eine einzige Verbandsform herauszuheben und sie verantwortlich machen für die Taten des Einzelnen geht nicht an und vergewaltigt die tatsächlichen Verhältnisse. Das tun aber alle diejenigen, die das Judentum verantwortlich machen für Handlungen einzelner Juden. Es ist immer noch die primitive Gruppenmoral, die hier nachwirkt; nur kann sie angesichts unsres modernen Rechtszustandes nicht mehr mit direkten Strafen gegen die Gemeinschaft vorgehen, sondern nur mit sozialen Ächtungen. Im Laufe der Zeit kann sich das dann freilich zu gesetzgeberischen Maßnahmen gegen die Gemeinschaft verdichten: Damit rechnet die antisemitische Politik all der Parteien, die die Emanzipation der Juden rückgängig machen wollen.

Das sittliche Unrecht dieser Verhaltensweise besteht darin, daß man eine Art Moral wieder einführen will, die man sonst als unsittlich empfindet, weil ihre Voraussetzung gefallen ist: Die Macht der Gruppe über den Einzelnen. Unsere ganze Rechtsentwicklung hat der Gruppe die exekutive Strafgewalt über das Individuum genommen und sie dem Staate übergeben.

Das Verhältnis des Einzelnen zu den verschiedenen Gemeinschaftsformen ist, mit wenigen Ausnahmen, ein Verhältnis der Freiwilligkeit. Die Gemeinschaft kann ihn von sich ausschließen, wenn er nicht freiwillig ausscheidet. Das ist eine Art Selbstschutz der Gemeinschaft, ein Mittel, die Gemeinschaft frei zu halten von Individuen, die die besonderen Ehrbegriffe der Gemeinschaft durch ihre Handlungen verletzen. So geschieht es in den Standesgemeinschaften, z. B. der Ärzte, Juristen, Diplomingenieure.

Wie steht es nun mit der jüdischen Gemeinschaft? Das Judentum ist heute machtlos gegenüber dem einzelnen. Als es noch eine in sich geschlossene Gemeinschaft war unter eigenem Recht und Verwaltung, besaßen seine religiösen Führer Strafmittel gegen die Mitglieder der Gemeinschaft. Heute besitzt das Judentum keine weltlichen und geistigen Machtmittel mehr. Es gibt wohl kaum eine andre religiöse Gemeinschaft, die hilfloser dem Einzelnen gegenübersteht als das Judentum. Es verliert dauernd zahlreiche Mitglieder an andre Religionsgemeinschaften. Sehr viele der Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sind mit dem Judentum nur noch durch den Zufall der Geburt verbunden und lehnen es in schroffer Weise ab, in ihren Handlungen durch das Judentum beschränkt zu werden.

Eine Reihe jüdischer Gemeinden hat sich seinerzeit mit der Bitte an Kurt Eisner gewandt, er möchte von seiner Politik ablassen. Er hat dieses Ansinnen zurückgewiesen.

Als Trotzki zur Herrschaft kam, erkannte die russische Judenheit sogleich, daß eine ungeheure antisemitische Bewegung entfacht werden würde, wenn ein Jude sich zum Träger einer radikalen adels- und kirchenfeindlichen Politik mache. Eine Deputation großer jüdischer Gemeinden, unter Leitung eines der angesehensten und geachtetsten Rabbiner des Landes, begab sich zu Trotzki und bat ihn im Namen von Millionen russischer Juden flehentlich, er möge von seinem Posten zurücktreten und der judenfeindlichen Bewegung, die dann vor allem gegen die wehrlosen Juden sich richten würde, keine neue Nahrung geben. Trotzki erwiderte dieser Deputation wörtlich: „Meine Herren, ich bin erst Russe und dann Jude; die russischen Interessen aber gebieten, daß ich an meinem Platz bleibe.“

Als Juden treiben die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens überhaupt keine Politik, es sei denn, sie wehren sich gegen die Beschränkungen der verfassungsmäßigen Rechte. Die Juden gehören allen Parteien an. Wir Juden haben ein seltsames Gefühl gegenüber dem Märchen von der jüdischen Gemeinschaft. Wir fürchten es, wie wir nur etwas auf der Welt fürchten können. Es ist ein ständiger Albdruck, unter dem wir leben, ein dauerndes Angstgefühl: wenn nur keine Schandtaten geschehen, deren Urheber Juden sind! Und dabei dieses schauerliche Gefühl der Ohnmacht, es nicht ändern zu können, es auch den eigenen Landsleuten nicht ausreden zu können, daß man daran schuldlos ist. Das Märchen von der jüdischen Gemeinschaft ist das erste, das das jüdische Kind am eigenen Leibe und an eigener Seele erlebt, wenn ihm seine Abstammung höhnend zugerufen wird; es begleitet seinen Lebensweg als häßliche Kindheitserinnerung, die einen Zug leiser Traurigkeit zurückläßt; es ist das einzige Märchen, – an das die andern glauben.
Und schließlich kommen wir dahin, zu wünschen, es möchte wahr sein, wahr in dem Sinne, daß es wirklich eine Art jüdischen Solidaritätsgefühls gäbe, das den Einzelnen veranlaßte, bei allen seinen Handlungen daran zu denken, daß er Rücksicht nehmen muß auf das Märchen von der jüdischen Gemeinschaft. Gerade die feiner organisierten Geister unter den Juden leiden am meisten unter den Handlungen ihrer robusteren Glaubens- und Unglaubensgenossen. In der europäischen Kultur empfinden nur die Juden die Tragweite des indischen tat twam asi. –

Und nun komme ich zu den beiden Hauptvorwürfen, die man den Juden macht: Sie seinen Träger des Kapitalismus und des Bolschewismus, und damit schuld an allem Unheil der Gegenwart. Es ist dem Antisemitismus eigentümlich, in unerfreulichen Zeiterscheinungen nicht Phänomene zu sehen, an denen auch Juden beteiligt sind, sondern Phänomene, die nur von den Juden hervorgerufen und ohne sie nicht vorhanden wären; wenigstens liegt dieser Glaube unausgesprochen hinter der antisemitischen Beurteilung der Zeiterscheinungen. Er verstärkt sich durch die Meinung, der Jude sei von der Rasse wegen zu sittlicher Minderwertigkeit verdammt. Solchem Materialismus steht ja der katholische Geistliche fern. Aber die Suggestion des Zeitgeistes beeinflußt auch sein Denken, so daß er leicht das als etwas spezifisch Jüdisches anspricht, was bei Juden und Nichtjuden gleichermaßen nur Ausdruck eines gemeinsamen historischen Schicksals ist.

Die Juden sind mit dem Gesamtleben und dem Gesamtleiden ihrer Epoche eng verbunden. Sie spiegeln – vielleicht deutlicher und schärfer als die Nichtjuden – im Guten wie im Bösen die Tendenzen ihrer Zeit wider. Wie oft spricht man von Materialismus und Freigeisterei als von spezifisch jüdischen Erscheinungen, ohne zu bedenken, daß beide Zeittendenzen von Nichtjuden geschaffen worden sind. Muß ich daran erinnern, daß unter den Begründern des Materialismus im 18. und 19. Jahrhundert kein einziger Jude sich befindet? Daß Männer wie Cabanis, Holbach, Lamettrie, Vogt, Moleschott, Büchner, Haeckel nichts mit dem Judentum zu tun haben? Muß ich daran erinnern, daß die das Christentum zersetzenden Theologen und Schriftsteller, wie Voltaire, Strauß, Renan, Baur, Drews, daß die „völkischen“ Kirchenfeinde keine Juden sind? Daß hingegen Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung, wie Neander, Stahl, Cardinal Newman dem positiven Christentum wertvolle Dienste geleistet haben? Daß Männer wie Hermann Cohen, Otto Liebmann, Husserl, Henri Bergson den Materialismus wissenschaftlich vernichtet haben?

Gewiß! Juden waren und sind auch unter den Anhängern und Verfechtern eines religionsfeindlichen Materialismus, aber nicht, weil sie der Abstammung oder der Religion nach Juden sind, sondern weil sie sich den herrschenden Tendenzen ihres Kulturkreises und ihrer Zeit anschlossen und diese Tendenzen sich zu eigen machten. Niemand wird das mehr bedauern als der gläubige Jude. Man verurteile diese Juden, aber nicht mehr als die zeitgenössischen Nichtjuden; man vergesse auch nicht, daß tausende still für sich lebende gläubige Juden sich diesem Zeittreiben ferngehalten haben.
Was hier vom Materialismus gesagt ist, gilt mutatis mutandis auch vom Kapitalismus und Bolschewismus. Als Wirtschaftsgesinnung erscheint der Kapitalismus nach den Kreuzzügen in den oberitalienischen Stadtstaaten und breitet sich mit dem Verfall der mittelalterlichen Feudalordnung über Europa und die übrige Welt aus. Die Juden, die im Alten Testament Ackerbauer und Viehzüchter sind, werden frühzeitig in den Kapitalismus hineingezogen. Ich brauche nicht an die bekannten Tatsachen zu erinnern, wie die Juden von Handwerk und Ackerbau abgedrängt werden zu Geldwirtschaft, – ein furchtbares historisches Schicksal zwingt sie in jene Berufe, die kapitalistischer Wirtschaftsweise besonders zugänglich sind. (Aus der großen Literatur verweise ich nur auf Döllinger: „Die Juden in Europa“, und J. Elbogen: „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates“, Aus Natur und Geisteswelt.) Daß die einseitige Berufsgliederung der Juden seelische und körperliche Schädigungen hervorgerufen hat, leugnet niemand; die Juden selbst am wenigsten. Sie versuchen seit längerem schon, und heute mit besonderem Erfolge, die Jugend der Landwirtschaft und dem Handwerk wieder zuzuführen.

Sind denn heute die Juden die eigentlichen Träger des Kapitalismus? Und haben sie als solche schuld an all dem Unheil, das über uns gekommen ist?

Ich behandle die zweite Frage zuerst, denn nur, wenn der Kapitalismus die Schuld am Weltkriege trüge, hätte die Frage, ob die Juden die eigentlichen Träger des Kapitalismus sind, mehr als akademische Bedeutung. Dann lautete etwa die Behauptung in verschärfter Einfachheit: Der Kapitalismus trägt die Hauptschuld am Kriege; die Juden sind die Träger des Kapitalismus – folglich sind die Juden die eigentlichen Schuldigen des Weltkrieges.

Das Groteske dieser Beschuldigung ist auch antisemitischen Kreisen zum Bewußtsein gekommen. Im Augustheft 1920 der Zeitschrift „Der Türmer“ wird unter der Überschrift „Antisemitisches Saltomortale“ von einer Polemik berichtet zwischen dem Hauptschriftleiter der „Deutschen Zeitung“, Reinhold Wulle, und dem Herausgeber der ebenfalls antisemitischen „Eisernen Blätter“, Dr. Ulrich Kahrstedt. Dr. Kahrstedt schreibt:
„Es ist doch der Inbegriff unhistorischer Betrachtungsweise, alle unerfreulichen Erscheinungen in der vielgestaltigen Kultur aller Zeiten und am Abschluß einer tausendjährigen Entwicklung aus einer Quelle erklären und aus einem Punkt kurieren zu wollen. Eine den ganzen Erdball umspannende Geschichte, eine Weltkatastrophe, wie sie seit der Völkerwanderungszeit und seit dem Untergang der Antike nicht da war, läßt sich nicht auf eine Formel bringen. Es ist grotesk für den Panslavismus, den Drang Rußlands zum warmen Meere, den französischen Revanchedurst, den englischen Handelsneid, den Nationalitätenstreit in Österreich, die Balkanwirren und für die Einmischung der Vereinigten Staaten in die internationale Politik einen Oberbegriff suchen zu wollen und alles das auf das Judentum zurückzuführen. Wenn es keine Juden in der Welt gäbe, hätte Frankreich nie einen Rhein begehrt, England die deutsche Konkurrenz gern ertragen, Rußland die Panslavisten kurz gehalten und keinen eisfreien Hafen gewollt, Serbien nie nach österreichischem Boden gestrebt? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Gerade England hat diesmal gegen uns dasselbe getan, was es im 16. Jahrhundert gegen Spanien, im 17. gegen Holland, im 18. gegen Frankreich getan und im 19. zweimal gegen die Vereinigten Staaten versucht hat (1812 und 1864). Wenn diesmal alle Schuld die Juden trifft, muß man auch die Vernichtung der Armada, die Schiffahrtsakte Cromwells, die Schlacht von Trafalgar, die Verbrennung von Washington und den Sezessionskrieg als jüdische Mache erklären.“

Es ist mit der Schuldfrage eine eigene Sache. Wenn man den Kapitalismus in jenem weiteren Sinne nimmt, daß er nicht nur eine ganz bestimmte Wirtschaftsweise, sondern auch eine den Kulturprozeß durchdringende Gesinnung ist, eine vom Mammonismus beherrschte Rangordnung der Werte, die besonders seit dem Aufkommen der modernen Industrie die Massen mehr und mehr ergriffen hat, dann bedeutet die Behauptung: Der Kapitalismus hat unser Elend verschuldet, nur die Feststellung einer zwangsläufig sich vollziehenden Katastrophe, die nicht auf Rechnung irgendeiner einzelnen Menschengruppe zu setzen ist. Die Behauptung ist so vage, daß man historisch wenig mit ihr anfangen kann. Alle übrigen Kriegs- und Wirtschaftskatastrophen der verflossenen Jahrhunderte ließen sich mit gleichem Rechte von ihr ableiten. Beachtenswert dürfte aber doch der Hinweis sein, daß in der großen Memoirenliteratur unserer und der ausländischer Minister, Diplomaten und Militärs bei der Behandlung der Schuldfrage von einem besonderen Schuldanteil der Juden am Ausbruch des Krieges nirgends die Rede ist.

Man kann von sozialistischer Seite wohl hören: Dieser Krieg ist eine Folge des Kapitalismus. Aber hier heißt es „Folge“ nicht „Schuld“.

Nach der materialistischen Geschichtsauffassung bestimmt nicht die seelische Seite die ökonomischen und politischen Verhältnisse, – so daß ein besonders geartetes jüdisches Sein an den Verhältnissen schuld sein könnte –, sondern die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das seelische Sein. Damit nähern wir uns dem Kapitalismus als einem spezifischen Wirtschaftsgefüge. Daß hier in dem Kampf um die Märkte und der Steigerung der Konkurrenz in Handelsneid und Profitgier, in der Furcht vor wirtschaftlicher Überflügelung störende Momente des Weltfriedens lagen, kann natürlich nicht geleugnet werden. Aber das sind Zwangsläufigkeiten eines Systems, dessen immanente Logik kaum etwas mit dem guten oder bösen Willen der Menschen zu tun hat.

Tatsächlich hat aber die Weltkatastrophe nicht der Kapitalismus als solcher verschuldet, sondern die verhängnisvolle Verquickung der Staatsinteressen mit den Interessen des Kapitals. Der Staat, besonders Deutschland, hat sich in den Dienst der kapitalistischen Interessen, der Schwerindustrie und der Großbanken, in denen Juden keine ausschlaggebende Rolle spielen, gestellt (Bagdadbahn, Deutsche Bank, Helfferich!). Die Schutzzollpolitik der Großagrarier und der Großindustriellen, die Entstehung von Monopolen, zusammen mit der dadurch bedingten allgemeinen Steigerung des Wettrüstens zu Lande und vor allem zu Wasser (England fühlte sich bedroht; man lese darüber Eckardstein: „Lebenserinnerungen und politische Denkwürdigkeiten“) – diese Verfilzung von Staatsinteresse und Kapitalsinteresse hat die unerträgliche Spannung geschaffen, die unter Einwirkung einer ungeschickten, ja manchmal geradezu tölpelhaften Politik, Deutschland, nach einem Ausdrucke von Tirpitz, in den Krieg hat „hineinschlittern“ lassen.

Wo waren Juden an der Macht, als der Krieg ausbrach? Alle Gewalt lag beim Kaiser, seinen Kanzlern und Ministern, dem Auswärtigen Amt, dem Generalstab und den Diplomaten. Kein Jude war unter ihnen. Die größten Reichtümer befinden sich nicht bei den Juden, sondern bei den deutschen Industriemagnaten, den schlesischen Kohlengrubenbesitzern und den ostelbischen Großgrundbesitzern: Krupp, Thyssen, Stinnes, Ehrhardt, Morne, Körting, Kirdorf, Fürst von Fürstenberg, Henkel von Donnersmarck, von Podbielski u. a.

Im Bankgewerbe spielen Juden wohl eine Rolle, keineswegs aber eine ausschlaggebende. Die maßgebenden Männer der Deutschen Bank, die, wie viele glauben, zu Deutschlands Unglück die türkischen Geschäfte ins Leben riefen und Großbankenpolitik trieben, waren G. Siemens, Gwinner, Helfferich.
In der Großindustrie tritt die Bedeutung der Juden vollends zurück. Mit Ausnahme von Ballin spielten die Juden überhaupt keine Rolle in der Binnenschiffahrt, dem Schiffsbau, dem Transportwesen, der Kohleproduktion, der chemischen und der Schwerindustrie. Auf allen diesen Gebieten haben die Juden eine irgendwie maßgebende Bedeutung weder in Deutschland noch in Amerika, dessen wirtschaftliches Leben von den Morgan, Gould, Vanderbilt, Rockefeller, Carnegie, Armour beherrscht wird: lauter Nichtjuden.

Wenn man natürlich sich gewöhnt hat, Geldleute einfach gleich Juden zu setzen, dann geht es einem wie jenem Arbeiter, von dem Comte d’Avenel in seiner Schrift „Les Français de mon Temps“ erzählt: Auf dem Dache eines Omnibusses unterbricht ein Arbeiter die Lektüre seiner Zeitung, um zu seinem Kameraden zu sagen: „Dieser Herzog von Montpensier, der soeben gestorben ist, scheint 50 Millionen zu hinterlassen.“ „O, diese Juden!“ antwortet der andere kopfschüttelnd.

Aber in der Behauptung „Die Juden sind die eigentlichen Träger des Kapitalismus und deshalb schuld an unserm Elend“ steckt noch eine besondere Beziehung auf die Zustände unserer unmittelbaren Gegenwart. Man bezichtigt die Juden des ausgesprochenen Wuchers, des Schiebertums, der Profitgier, der Ausnutzung der Notlage des Volkes. Der Antisemitismus stellt es so dar, als ob diese unerfreulichen Tatsachen eigentlich nur bei den Juden vorhanden wären. Ich lasse hierzu einen süddeutschen Konservativen, Adam Röder, sprechen („Der deutsche Konservatismus und die Revolution“): „Der Antisemitismus ist populär. Das macht ihn für jeden anständigen Menschen und ernsthaften Christen verdächtig. Unbefangene Betrachtung wird den Antisemitismus der jetzigen Zeit abweisen müssen. Es geht wirklich nicht an, in einer Periode, in der die schamlose Ausbeutung aller durch alle geradezu als Grundsatz getrieben wird, die Juden im besonderen der Ausbeutung zu bezichtigen… Wer die Verhältnisse kennt, weiß daß in den Kriegszeiten alles, was produzierte oder handelte, übergroßen Gewinn gemacht hat. Nur der Arbeiter, der Handwerker und der geistige, und die Beamten standen jenseits der Gewinnflut. Nur weltfremde Leute können behaupten, daß der Jude in besonderer Weise an diesen Zugriffen sich beteiligt habe. Die reichen Leute und Millionäre sind überall aus dem Boden gewachsen. Das war die Folge des hemmungslos gewordenen kapitalistischen Systems, das immer und zu allen Zeiten der Weltgeschichte autonom die Ausbeutung besorgte, unbeschadet der Rasse und des Bekenntnisses. Daß der Jude leichter erkennbar in dieser Autonomie der kapitalistischen Ausbeutung erscheint, ist jedem Sozialpolitiker verständlich. Wir wissen, daß die Juden achtzehnmal stärker am Bankrott, neunzehnmal stärker beim Wucher usw. beteiligt sind. Das hört sich schlimm an und ist von gewissenslosen Agitatoren stets ausgebeutet worden. Der gerechte Statistiker weiß natürlich, daß solche Zahlen nicht absolut, sondern relativ aufgefaßt werden müssen. Die Juden sind fast ausschließlich sozialwirtschaftlich im Kaufmannstand und in Berufen der Geldwirtschaft untergebracht, während die Deutschen nur zu einem ganz kleinen Teil in diesen Berufsrubriken erscheinen. Will man also ein gerechtes Urteil fällen, so muß man der Zahl jüdischer Kaufleute die gleiche Zahl christlicher gegenüberstellen und dann untersuchen, wie sich die Bankerott- und Wucherfälle verteilen. Diese Untersuchung ergibt, daß Juden und Christen zu fast gleichen Prozentteilen an diesem Vergehen beteiligt sind. So ist es auch jetzt mit den Kriegsgewinnlern. Da die Juden in den stärksten Prozentteilen an den kaufmännischen usw. Geschäften beteiligt sind, ist auch der ihnen zukommende Teil der Kriegsgewinnler scharf in die Augen springend. Stellt man aber auch hier Deutsche und Juden in gleichen Zahlen einander gegenüber, so wird der jüdische Ausbeuter dem deutschen nichts voraushaben. Tatsache ist, daß unser deutsches Volk dem Wucher und Ausbeutungsgeist hemmungslos ergeben war; alle Begriffe, nicht nur der kaufmännischen Anständigkeit und Ehrlichkeit, der einfachsten sittlichen Forderungen, waren und sind noch ausgeschaltet. Der Wuchergeist, die Profitgier, die Ausbeutungssucht hat alle mit einer Intensität überfallen, die man für unmöglich hielt. Wenn man deutsche christliche Kaufleute darauf anspricht, oder wenn man selbst einen Blick in die kaufmännischen Liefer- und Schiebergeschäfte tut, so wird man den Sündenfall aller feststellen müssen. Nur Unkenntnis oder bewußte lügnerische Agitationsmethode kann von einer besonderen Schuld der Juden sprechen. Angesichts der sittlichen Verwahrlosung großer und größter Kreise des deutschen Volkes ist es unzulässig, für die Juden ein Sonderkonto der Bewucherung zu eröffnen. Dem ganzen deutschen Volke tut Einkehr not. Einen Sündenbock herauszustellen, ist bequem, aber unzulässig. Kein ehrlicher Politiker kann sich an einem solchen Geschäfte beteiligen.“ So weit Röder. –

Ich komm nunmehr zu Ihrer Behauptung, die Ostjuden seien die eigentlichen Träger des Bolschewismus. Hier muß ich dasselbe sagen, was ich beim Kapitalismus gesagt habe: Der Bolschewismus ist eine Zeiterscheinung, an der auch Juden beteiligt sind, aber nicht sofern sie Juden, sondern sofern sie Russen und russischem Geist verfallen sind. Die übliche antisemitische Erklärung, der Bolschewismus sei eine jüdische Erfindung, kann nur auf Urteilslose und Unwissende Eindruck machen. Ebenso wie der Zarismus ein typisch russisches Erzeugnis ist, ebenso verhält es sich mit dem Bolschewismus, dem Zarismus von unten, wie ich ihn nennen möchte. Es würde hier zu weit führen, die Wurzeln des Bolschewismus im russischen Geiste und in russischen Zuständen aufzuweisen. Es gibt auch in katholischen Schriften und Zeitschriften treffliche Ausführungen zu diesem Thema. Ich verweise z. B. auf den Artikel von Eduard Stadler: „Der revolutionäre Geist in Rußland, eine Studie zur Entstehung der russischen Revolution“. (Hochland I. Heft 16. Jahrgang) Alle politischen Ideen des Westens nehmen in Rußland extrem revolutionäre Gestalt an. Der ungeheure Druck des Zarismus hat schon im Jahre 1825 den Dekabristenaufstand hervorgerufen. Er ist inszeniert worden von jenem Teil des Offizierskorps, der von den westeuropäischen Schlachtfeldern die Sehnsucht nach der politischen Kultur Westeuropas mit in die Heimat brachte. Revolutionäre Freiheitsbewegungen erfolgten weiter 1840-1848, und dann von 1855-1862, dazwischen lagen Perioden schärfster politischer Reaktion. Der heutige Bolschewismus knüpft zeitlich an die Revolution von 1905 an, immer wieder zuckt sie auf, immer wieder bricht sie zusammen, bis dann Lenin und Trotzki, von Ludendorff in plombierten Salonwagen von der Schweiz über Kopenhagen nach Rußland gesandt, die russische Revolution in ihrer heutigen bolschewistischen Form zum Siege führten.

Rußland gehört nur geographisch zu Europa, geistig gehört es dem griechisch-byzantinischen Kulturkreis an. Von Anbeginn ist sein geistiges Schicksal durch die griechische Kirche bestimmt. Dieser fehlt jede Entwicklung, ihr fehlt, ich möchte sagen Aristoteles. Sie ist ganz der Staatsgewalt verfallen, dem Dämonen weltlicher Macht. Innere religiöse Erneuerungen haben sich in Rußland niemals in der sozialen und politischen Sphäre des Lebens segensvoll ausgewirkt. Der russische Geist ist auf dem Gebiet der staatlichen Kultur ebenso geschichtslos wie auf dem der religiösen, man denke an Tolstoi. Die Bedeutung dieser fundamentalen Tatsache ist auch von katholischer Seite schon früh erkannt worden. Man findet in einer Artikelserie der „Historisch-Politischen Blätter für das katholische Deutschland“ vom Jahre 1854 die ganze russische Revolution vorausgeschaut. Es wäre wert, diese Aufsätze heute neu herauszugeben zum Verständnis des Bolschewismus. Sie würden ein für allemal dem Märchen ein Ende machen, als ob der Bolschewismus ein Produkt des Ostjudentums wäre. Will man den Zerstörungsgeist des Bolschewismus in seiner klassischen Form erkennen, dann lese man Bakunins Schriften. Bakunin (1824-1876) entstammt einer adeligen Familie, wird Offizier, übersetzt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts deutsche Philosophen, insonderheit Hegel und widmet sein Leben, schriftstellerisch und handelnd, der Revolution. In ihm lebt der bolschewistische Geist der Zerstörung gegen alles geschichtlich Überkommene. „Wir wollen“, so schreibt er 1873 einmal, „den vollständigen Bankerott und die Liquidierung des Staates, die Abschaffung der Steuern, der Administration, der Armee, der Geistlichkeit, der Universitäten, des Privateigentums.“ In seiner grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen das Menschenleben lebt im Bolschewismus – wie übrigens auch im Zarentum – immer noch der alte Dschingiskan; Telegraph und Telephon haben ihn nicht verändert.

Eigentümlich russisch ist auch die revolutionäre Einschätzung des Räubertums. Man höre einmal Bakunin in einer seiner Proklamationen:
„Das Räubertum ist eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Staatslebens. Seit der Gründung des Moskauer Staates war es ein verzweifelter Protest des Volkes gegen die niederträchtige soziale Ordnung, die nach westlichen Mustern vervollkommnet und durch die Reformen Peters und die Befreiungsakte des gutmütigen Alexander noch mehr befestigt wurde. Der Räuber ist ein Held, ein Verteidiger, ein Retter des Volkes. Er ist der unversöhnbare Feind des Staates und der ganzen vom Staate errichteten sozialen und bürgerlichen Ordnung. Er ist ein Kämpfer auf Leben und Tod gegen die ganze Zivilisation der adligen Tschinowniks und Regierungspopen. Wer nicht das Räuberwesen versteht, der wird nichts von der russischen Volksgeschichte verstehen. Wer nicht mit ihm sympathisiert, der kann nicht mit dem russischen Volksleben sympathisieren, der hat kein Herz für die jahrhundertelangen unermeßlichen Leiden des Volkes, der gehört zum Lager der feindlichen Anhänger des Staatstums.

Seit der Gründung des Moskauer Staates hat das russische Räuberwesen nie aufgehört. In ihm erhalten sich die Überlieferung der Demütigungen des Volkes, es ist einzig allein ein Beweis von der Leidenschaft, der Lebensfähigkeit und der Kraft des Volkes. Das Aufhören des Räuberwesens in Rußland würde entweder den endgültigen Tod des Volkes oder aber seine völlige Befreiung bedeuten. Der Räuber ist der echte und einzige Revolutionär in Rußland – ein Revolutionär ohne Phrasen, ohne Bücherrhetorik, ein unversöhnbarer, unermüdlicher und unbezähmbarer Revolutionär der Tat, ein volkstümlich sozialer, aber kein politischer und zu keinem Stande gehöriger Revolutionär.“ (Aus M. Bakunin, Sozialpolitischer Briefwechsel, p. 353.) –
Eigentümlich russisch ist ferner im Bolschewismus der Glaube an die erlösende Weltrevolution, die von Rußland ausgehen soll. Die russischen Großgeister halten unsere westeuropäische Kultur für abgelebt. Sie haben von Fichte und Hegel die Idee übernommen, daß in der Führung der Geschichte ein Nationalgeist den anderen ablöst. Die Zeit ist jetzt für Rußland gekommen. Panslawistische Motive haben sich mit dem Bolschewismus verschmolzen. So sind die seelischen Grundkräfte des Bolschewismus urrussisch.

Aber, so wird man fragen, wo bleibt der Marxismus? Der Bolschewismus versteift sich darauf, den echten und unverfälschten Marxismus zu vertreten. Lenins Schrift „Staat und Revolution“ ist eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der sozialdemokratischen Interpretation der Marxistischen Gedanken. Wir können hier die Streitfrage auf sich beruhen lassen. Aber bedeutet der Einfluß des Marxismus auf die bolschewistische Gedankenwelt schon so viel, daß der Bolschewismus unter der Herrschaft des Judentums steht? Weil Marx dem Judentum entstammte, soll Marxismus jüdischer Geist bedeuten? Voltaire entstammte dem Katholizismus, ist deshalb der Voltairianismus katholischer Geist? Wie Marx die theoretische Grundlage der Sozialdemokratie, so hat der Jude Stahl (Schlesinger) die wissenschaftlichen Grundlagen der preußischen konservativen Partei geschaffen. Stehen die Konservativen deshalb unter jüdischer Herrschaft? Was beweist die Herkunft eines Mannes über Wert und Unwert, über Inhalt und Wahrheit seiner Gedanken?

Marxismus als materialistische Geschichtsauffassung wird als etwas spezifisch Jüdisches bezeichnet. Ich habe schon weiter oben dargelegt, daß der Materialismus ein Produkt des 18. Jahrhunderts ist und daß seine Schöpfer Nichtjuden waren. Auf die ökonomische Welt hat Adam Smith den Materialismus in seinem „Reichtum der Nationen“ übertragen.

Aber im Marxismus steckt ein Gedanke, der den eigentlichen Zauber auf die Massen ausübt: der Chiliasmus. Dieser Chiliasmus entstammt aber als geschichtsphilosophische Theorie dem deutschen Idealismus. In einer lesenswerten Schrift: „Der Kommunismus als Lehre vom tausendjährigen Reich“ (Bruckner, München) hat Dr. Friedrich Gerlich nachgewiesen, daß vom deutschen Pietismus über Lessing, Kant, Fichte, Hegel bis zu Marx die Entwicklungslinie vom evangelischen Christentum zum Marxismus geht. Der Marxismus ist der letzte Ausläufer einer Gedankenrichtung, die den Traditionen des deutschen Idealismus entstammt. Die kulturvernichtende Wirkung des Bolschewismus ist nach Gerlich die Konsequenz seiner marxistischen Geschichtsauffassung. Diese Konsequenz sehen aber, wie Gerlich in einem Schlußabschnitt über „Bolschewismus und Judentum“ ausführt, manche unserer Zeitgenossen nicht als Folge des Systems, sondern als eine solche der Beteiligung von Juden an seiner Leitung an! Hierzu schreibt Gerlich (S. 227): „Sehen wir uns diese jüdischen Kreise einmal näher an. Die rein pathologischen und verbrecherischen Elemente scheiden dabei aus. Sie sind auch unter den nicht jüdischen Kommunisten sehr stark vorhanden. Ihre Hinneigung zum marxistischen Kommunismus erklärt sich aus dem Umstand, daß dieser dem Triebleben hemmungslos Bahn zu verschaffen strebt und in seiner restlosen Befriedigung sein Ziel sieht, und infolgedessen das natürliche Milieu für sittlich und intellektuell hemmungslose Menschen abgibt. Für uns kommen nur die Marxisten aus Überlegung und Überzeugung in Frage. Hier zeigt sich nun, daß die Juden unter ihnen in religiösem Sinne zumeist keine Juden mehr sind. Sie haben den jüdischen Glauben abgelegt. Das gläubige Judentum bei uns und in Russland ist in der Regel ein angesagter Feind des Bolschewismus. Für die deutschen Juden, die ihren Glauben verloren haben, ist die Sachlage nun die, daß sie in der Lebensidee des deutschen Volkstums ihren Halt suchen. Das aber ist der philosophische Chiliasmus. Und dessen letzter Vertreter ist wiederum der Marxismus.“ –

Ich glaube, gezeigt zu haben, daß der Bolschewismus alles andere ist als ein Produkt des Ostjudentums. Wie steht es aber rein zahlenmäßig mit den jüdischen Führern des Bolschewismus?

Ende 1918 hat die Sowjetregierung das Ergebnis einer Erhebung über die Zusammensetzung der Petersburger kommunistischen Organisationen veröffentlicht. Es stellten: die Russen 74,2%, die Letten 10,6%, die Polen 6,3%, die Esten 3,7%, die Litauer 2,6% – die Juden 2,6%! Daß auf dem flachen Lande unter der Agrarbevölkerung, die ja in Rußland über 80 % der Gesamtbevölkerung ausmacht, bolschewistische Juden nur spärlich vertreten sind, ist klar. Wir haben allerdings über die bolschewistischen Juden in den Provinzstädten keine Zahlen. Aber es leuchtet doch ein, daß die Juden, die es zu Macht und Einfluß bringen, sich vor allem in Petersburg und Moskau konzentrieren, und daß der Vorwurf des Bolschewismus als Judenbewegung gerade in Hinblick auf diese exponierten Stellungen erhoben wird. Nun gibt es natürlich eine Reihe führender Bolschewisten, die jüdischer Abstammung sind, wie Trotzki, Radeck, Sinowjew, Litwinow u. a. Aber ihnen gegenüber steht die Majorität der christlichen Führer des Bolschewismus. Ich nenne einige Namen: Lenin, Tschitscherin, Lunatscharski, Kolontaj, Bitzenko, Peters und Dzerschinsky, Krassin, Dybenko, Krylenko u. a.
Und wie steht es mit der roten Armee? Die Führer sind frühere zaristische Generäle und Militärtechniker: General Tscheremissow, General Klembowskiy, General Swejetschin, General Radus Sonkowitsch, die Generäle Bajow, Seliwatschow, Nadeschnyj, Sytin, Jegorjew u.a.m. (Vergl. den Aufsatz von E. Hurwicz in der Deutschen Rundschau vom Dezember 1919).

Es gibt bei uns politische Parteien und russische Refugiés, die ein Interesse daran haben, den Bolschewismus zu einer jüdischen Bewegung zu stempeln. Geflissentlich werden nur die jüdischen Führer genannt. Geflissentlich wird verschwiegen, daß der russische Bolschewismus einen systematischen Vernichtungskampf gegen die jüdischen Gemeindeinstitutionen, insbesondere gegen das Rabbinat führt. Der Bolschewismus hat die Kultusvorstände und Rabbinatskollegien aufgelöst, die jüdischen Zeitungsorgane verboten und hat fast aus sämtlichen Gemeinden Russlands eine wahre Massenflucht der Wohlhabenden wie der Ärmsten herbeigeführt. Die begüterten Juden und der jüdische Mittelstand sind politisch mit verschwindenden Ausnahmen Anhänger der Kadettenpartei. Das jüdische Proletariat aber gehört fast ausschließlich den Menschewiki an, den entschiedensten Gegnern der Bolschewisten. –

Ich komme endlich zum Vorwurf: Das Judentum beherrsche die Freimaurerei. Es steht mir als Juden nicht an, zu dem Problem Freimaurerei und katholische Kirche einem katholischen Geistlichen meine persönliche Auffassung vorzutragen. Nur dies muß in aller Schärfe gesagt werden: Das Judentum als solches hat nichts, aber auch gar nichts, mit der Freimaurerei zu tun. Wenn wirklich in der Freimaurerei, besonders der romanischen, eine Feindschaft gegen die Religion, insonderheit gegen den Katholizismus besteht: das Judentum verurteilt diese Feindschaft aufs schärfste; denn ihm liegt jede Feindschaft gegen andre Religionen fern. Als Minorität wäre das Judentum, auch abgesehen von allen sittlich-religiösen Forderungen, töricht, wenn es nicht dieselbe Duldsamkeit, die es für sich beansprucht, auch andern Religionen entgegenbrächte.

Die prinzipielle Gegnerschaft der katholischen Kirche gegen die Freimaurerei liegt weit über politische Erwägungen hinaus. Sie liegt in der entgegengesetzten Art, wie Kirche und Freimaurerei die innere Einigung der Menschheit vornehmen wollen. Die Kirche muß darauf bestehen, daß die Menschheit nur auf übernatürlichem Wege durch die Heilsmittel der Kirche zu innerer Einheit und sittlicher Erhöhung gelangen kann, während die Freimaurerei das Ziel auf natürlichem Wege unter Ausschaltung aller übernatürlichen Heilsmittel bewerkstelligen zu können behauptet. Die katholische Kirche muß deshalb die Freimaurerei als ein antichristliches Prinzip bekämpfen. Dies scheint mir der entscheidendste Punkt zu sein zur Beurteilung des Verhältnisses von Kirche und Freimaurertum. Es ist bedauerlich, daß gerade diese prinzipielle Gegnerschaft in der Öffentlichkeit wenig beachtet wird. Ich habe aber, wie gesagt, zu dieser dogmatischen Frage keine Stellung zu nehmen, wohl aber zu der Verquickung dieser Frage mit dem Antisemitismus.
Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß sich unter den Mitgliedern der romanischen Logen auch Juden befinden; in welchem Maße, ist mir nicht bekannt. Aber nicht, sofern sie Juden sind, gehören sie der Freimaurerei an, sondern sofern sie Italiener, Franzosen und Belgier sind. Als solche haben sie auch im Weltkriege gegen die Deutschen, auch gegen die deutschen Juden, Stellung genommen. Aber für uns hier kommt es doch nur auf die Teilnahme der deutschen Juden an deutschen Freimaurerlogen an.

In Deutschland liegen die Verhältnisse wesentlich klarer. Die deutschen Freimaurerlogen bemühen sich, möglichst unpolitisch zu sein. Vor allem aber: Die Hälfte aller deutschen Freimaurer gehört zwei streng christlichen Freimaurergroßlogen an, die keine Juden als Mitglieder aufnehmen. Aber, so heißt es in einer antisemitischen Schrift, die Oberleitung der Freimaurerei, die sich bis zu den 33 Graden der Stufenleiter maurerischer Erkenntnis aufgipfelt und die unteren Schichten in Unklarheit über die eigentlichen maurerischen Zwecke und Ziele hält, ist jüdisch. Auch diese Behauptung ist falsch. Denn eben die Freimaurerverbände, die Juden aufnehmen, haben nur drei einfache jedermann zugängliche Grade, der Lehrlinge, der Gesellen und Meister. Die sogenannten Hochgrade, von denen oben die Rede war, finden sich ausschließlich bei denjenigen Freimaurerverbänden, die keine Juden aufnehmen.

In dem bekannten Buche von Wichtl spielt ein Mann namens J. A. Karl Kohn in Frankfurt a. M. eine besondere Rolle. Er starb zwar schon im September 1914, aber einige Zeit vor der Ermordung des österreichischen Thronfolgers wurde er, zwar nicht zum Großmeister aller deutschen Freimaurer, wohl aber eines Freimaurerverbandes gemacht. Daraus hat die antisemitische Hintertreppenromantik Wichtls die wildesten Schlußfolgerungen für eine Geschichtsklitterung gezogen, die alle Jesuitenriecherei des Kulturkampfes weit hinter sich läßt. Er hat dabei nur etwas nicht beachtet: daß J. A. Karl Kohn treuer evangelischer Christ, Kirchenvorsteher der St. Petersgemeinde in Frankfurt a. M. war, und daß seine Vorfahren als Bauern in Westpreußen ebenfalls Christen waren. –

Abgedruckt in Heft 5, Jahrgang 3 (1927) von „Der Morgen“, Philo Verlag Berlin, S. 473-494.

Anmerkung:
Der Text wurde in der Originalschreibweise übernommen, auf die Wiedergabe einer Fußnote verzichtet und kleinere Orthografie- bzw. Setzfehler stillschweigend korrigiert.

Literatur:
Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998, Stichwort: „Presse, jüdische“
R. Schlickewitz, Die ehrliche weißblaue Chronik, München 2006 (unveröffentlicht)
R. Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern, 3. Aufl., Deggendorf 2008
http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Goldstein.html (aufgerufen am 10.5.2009)

2 Kommentare zu “Antisemitische Vorwürfe auf dem Seziertisch: Julius Goldsteins „Schreiben an einen katholischen Geistlichen“ (1927)

  1. Frappierend, dass selbst einer, der die Juden gegen antisemitische Vorurteile verteidigt, wie der zitierte Adam Röder, zwischen „Juden“ und „Deutschen“ unterscheidet…

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