Was ist süß?

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Gedanken zu Rosh-Ha-Shana – eine Art Rückblick …

Von Ramona Ambs

Ich tunke meinen Apfel in Honig und frage mich: was ist süß?

Man könnte Vieles zum vergangenen Jahr 5775 schreiben. Zu Charlie Hebdo, zur Krise in der Ukraine, zur Lage in Nahost, zu den ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer, zu den brennenden Asylunterkünften hier in Deutschland, zu… zu… zu…

Nein, es war nicht süß, das letzte Jahr.

Aber das alles wären Themen, die in einem jüdischen Jahresrückblick Platz finden sollten, weil sie alle so wichtig sind und uns unsere Aufgaben fürs neue Jahr aufzeigen… Sie zeigen, wo die Welt noch süßer werden kann,- oder wenigstens weniger bitter.

Aber ich beschränke mich in meinem Rückblick auf zwei Ereignisse der letzten vier Wochen, weil diese für mich anders, ja, in gewissem Sinne prägender waren, als alles andere. Und die es mir schwer machen, den Apfel in Honig zu tauchen und ein süßes Jahr zu wünschen.

Weil diese Geschichten so bitter sind.

Diese beiden Schlagzeilen, und die dahinter stehenden Geschichten, haben eine Verzweiflung in mir ausgelöst, die ich in der Intensität bisher nicht kannte. Und die mich noch immer sehr nachdenklich macht.

Die erste Geschichte passierte in Berlin. In der U-Bahn. Zwei Männer, Mitte dreißig, bedrohen eine Mutter mit zwei Kindern, die sie optisch als undeutsch einstufen, mit „Heil Hitler Ihr Juden!“ Einer der beiden Männer holt seinen Penis raus und uriniert schließlich auf die Kinder.

Die zweite Geschichte passierte in Amsterdam. In der Wohnung von Schmuel und Diana Blog, 86 und 87 Jahre alt. Die beiden Shoa-Überlebenden wurden in ihrer Wohnung überfallen, als „Dreckige Juden“ beschimpft und dabei äußerst brutal mißhandelt. Beide sitzen nun im Rollstuhl, Schmuel hat durch den Angriff sein Augenlicht verloren.

Diese beiden Dinge sind in den letzten vier Wochen passiert, mitten in Europa. Also in Ländern, die insgesamt stabile Demokratien sind. In Ländern, in denen gewiss viel falsch läuft, aber noch viel mehr richtig und in denen jeder sein eigenes Leben irgendwie gestalten könnte. Kurz: es ist hier passiert und nicht in einem Krisengebiet, wo jeder nur noch ums eigene Überleben kämpft und Menschen zwangsläufig abstumpfen…

Es war hier.
Und das ist bitter.

Warum blüht hier der Judenhass und der Rassismus? Und warum offenbar so stark, dass er vor garnichts mehr zurück schreckt. Nicht vor schutzlosen Kindern und nicht vor schutzlosen Alten?

Das macht mir Sorgen. Denn es wird nicht leichter werden die nächsten Jahre. Und wenn sich der Hass schon in guten Zeiten, wie diesen, so brutal ausdrückt, was wird dann werden, wenn es mal wirklich schwierig wird?…

Ich tunke meinen Apfel in den Honig und frage mich: was ist süß?

Und ich habe diesmal keine Antwort…

1 Kommentar

  1. Liebe Ramona,

    „Denn es wird nicht leichter werden die nächsten Jahre. Und wenn sich der Hass schon in guten Zeiten, wie diesen, so brutal ausdrückt, was wird dann werden, wenn es mal wirklich schwierig wird?…“

    Davor habe ich auch große Angst.

    Solange man in den deutschen Medien jedoch solche Beiträge sehen kann:

    http://www.bing.com/videos/search?q=Spiegel+TV+Berlin+Nazi&FORM=VIRE1#view=detail&mid=AC4289443B6DED650E31AC4289443B6DED650E31

    und gleichzeitig über die Unterstützungswelle für Flüchtlinge berichtet wird, halte ich persönlich dies für eine gute Reaktion.

    Sich als Mehrheit fühlen zu können, hilft -in diesem Fall nicht leider- immer noch.

    Sehe, fühle und habe jedoch auch Ängste, gerade durch viele Gespräche mit „Normalmenschen“, die Mehrheit wieder umdenkend zu sehen.

    (Der SPD- und Personalrats-Nachbar meiner Schwiegermutter (80) erklärte ihr am Wochenende ernsthaft am Gartenzaun, daß sie verpflichtend 2 Flüchtlingsfamilien aufnehmen müsse, da sie alleine in ihrem Haus lebe; er sah es lustig)

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