Religion und Wissenschaft: Erwartungen der „Gottesteilchen“

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Eine alte chassidische Tradition betrachtet die Tora geheimnisvoll, weil sie neben dem sichtbaren Text der Buchstaben auch den unsichtbaren Text des weissen Hintergrunds enthalte. Dementsprechend kann behauptet werden: Als die Tora dem Menschen die Eroberugung der Erde auftrug, mag sie an den breiteren kosmischen Kontext gedacht haben, der viel später zum Vorschein kam: Erde, Sonnesystem, Milchstrasse, Galaxiengruppen, Superhaufen – bis uns schwindlich wird, wie wahrscheinlich schon Awraham Awinu, dem der Ewige sagte: Schau zum Himmel und zähle all die Sterne, wenn du kannst...

Rabbiner Tom Kučera, München

Letztes Jahrhundert brachte uns etwas Neues dazu: eine Verbindung zwischen den unermässlichen Dimensionen des Makrokosmos mit den geheimnisvollen Dimensionen des Mikrokosmos. Davon überzeugt uns auch CERN, das weltgrößte Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik, nicht weit von Genf (der Name selbst ist eine französische Abkürzung für die Europäische Organisation für Kernforschung).

CERN ist bekannt durch seinen Teilchenbeschleuniger, in dem möglichst hohe Energien und möglichst hohe Zahl der Partikelkollisionen erreicht werden sollen, damit unsere Suche, unsere Jagd nach den Higgs-Partikeln (Higgs-Bosonen) fortsetzen kann. Sie wurden theoretisch schon von mehr als einem halben Jahrhundert vorgeschlagen und warten immer noch auf ihre endgültige Bestätigung. Ihre Bedeutung liegt in der Vervollständigung. Den Physikern wird nachgesagt, sie lieben eine Einfachheit: die Higgs-Partikel liefern eine elegante Weise, wie die elektromagnetische Kraft mit der schwachen Kraft des Partikelzerfalls und der starken Kraft der Atomkerne zu vereinigen sind. Die (vierte und letzte) Gravitationskraft  ist zwar nicht dabei, trotzdem sind die Higgs-Partikel das letzte fehlende und noch nicht bewiesene Stück des Standardmodels, das unser Universum einheitlich aufgrund der Wechselwirkungen von insgesamt 17 Elementarteilchen (12 Partikel der Masse – sogenannte Fermionen – und 4 Partikel der Kräfte – sogenannte Bosonen) beschreibt.

Mit diesem Hintergrund verstehen wir besser, warum die Higgs-Partikel (Higgs-Bosonen) populär als „Gottesteilchen“ (vom jüdischen Nobelpreisträger Leon Lederman) genannt wurden: sie versuchen, unsere Welt einheitlich mit einem einzigartigen System zu beschreiben. Damit ist der beliebte Text von Adon olam zu vergleichen, den wir so gerne am Ende jeder Tefilla singen. In dessen dritten Strophe beteuern wir, Gott sei einzig und ihm nichts gleiche, um sich ihm zuzugesellen. Diese sowohl religiöse als auch wissenschaftliche Einheit ist einfach und schön. Das Adverb einfach soll uns dabei nicht täuschen: die Higgs-Partikel mögen durch komplexe Wechselwirkungen allen anderen Partikeln die Masse verleihen. Diese komplizierte Einheit ist überwältigend und attraktiv.

Darum alle diese Mühe in CERN: weil wir wissen wollen, wie unser Universum funktioniert. Die erste Bitte der Amida an einem Wochentag ist um die Einsicht (Bina) und endet mit dem Wunsch für die Erkenntnis (Da´at oder D´ea). Damit es nicht genug ist, bringt diese Bracha noch das fünfte Substantiv Vernunft (Sechel). Kann man sich eine größere Einladung unserer Tradition zum kognitiven Erobern vorstellen? Doch um welchen Preis geschieht diese Einsicht, Erkenntnis und Vernunft in der Suche nach den Higgs-Partikeln? Der erste Beschleuniger wurde im Jahre 1929 von einer Person für 25 Dollar gebaut, der CERN-Beschleuniger 80 Jahre später kostete der internationalen Gemeinschaft 10 Milliarden. Die Wissenschaft kann heutzutage eine zehnfach höhere Energie als in CERN erreichen, es würde nur zehn Mal teuerer. Bis zu welcher Grenze werden die Länder der Welt bereit sein, zu gehen, um die Erkenntnis (Da´at) zu erlangen? Möglicherweise wird es auch nötig sein, um die Higgs-Partikel endgültig nachzuweisen. Einige Higgs-Zerfälle mögen schon sogar beobachtet sein. Der Energiebereich der Higgs-Partikel wird mehr und mehr eingegrenzt.

Um jedoch ganz sicher zu sein, werden entweder mehr Daten oder mehr Analysen der vorhandenen Daten gebraucht. Das kann sich hinziehen. In Tevatron, dem ärmeren und jetzt schon geschlossen Bruder von CERN, nicht weit von Chicago, wurde die letzte Proton-Antiproton-Kollision im September 2011 durchgeführt. Ihre Datenanalyse soll jahrelang dauern.

Diese wissenschaftliche Unsicherheit in Bezug auf das Endergebnis ist tatsächlich spannend. Es kann sich nämlich zeigen, dass es überhaupt keine Higgs-Partikel gibt und  dass die Wissenschaft wesentlich umdenken muss. Einige kritische Physiker spekulieren sogar über eine „Energiewüste“, die zwischen dem jetzigen Gebiet und dem Gebiet einer ganz neuen Physik bestehen mag.  Obwohl die Mehrheit auf die Bestätigung des Standardmodells hofft, herrscht immer noch eine Unsicherheit. Diese ist am besten mit der Hoffnung durchzuhalten. Oder mit einer weiteren Mühe. Beide sind einige der vielen Punkte, in denen Wissenschaft und Religion zusammenlaufen.

Auch wenn die Angst vor der Energiewüste am Ende real werden sollte, denke ich, dass uns CERN eine wichtige Lehre gebracht hat: das riesige Team der 10 000 Wissenschaflter aus 85 Nationen (Israel ist auch dabei) ist selber ein Ziel der soziologischen Untersuchungen: wie kann so eine große Schicksalsgemeinschaft mit höchst ambiziösen Leuten funktionieren? Das Ergebnis der Beobachtungen sagt: Autorität stützt sich auf Expertise, nicht auf Positionen. Es gibt keine Chefs, sondern Koordinatoren und gewählte Sprecher. Sie geben keine Anweisungen, sondern versuchen, zu überzeugen und Konsens zu schaffen. Es ist ein modernes Beispiel des Triumphs des Kollektivs. Auf das Triumph seiner Arbeit müssen wir wahrscheinlich noch etwas warten.

2 Kommentare

  1. Das einfachste Modell ist das stärkste.
    Warum?
    Es muss allem Bekannten gerecht werden,
    ohne die Einführung mehr oder weniger willkürlicher, innerhalb eines Gedankenmodells notwendiger Postulate*, ohne Singularitäten**.

    (*)
    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Overview_of_all_known_subatomic_particles_without_anti-particles_german.png&filetimestamp=20110502161612

    Diese „explosionsartige“ Vermehrung der Teilchen erscheint durch nichts anderes begründet,
    als dass es hierduch möglich wird, sich mit Rechenmodellen einigermaßen hinreichend
    der (beobachteten, beobachtbaren( Realität annähern zu können.

    Ein einfaches Beispiel, es möge als Gleichnis dienen:
    Ein n-fach Polynom mit n gegen unendlich.
    Es wird immer ein Restglied bleiben, welches sich (beinahe beliebig) infintesimal klein
    von der Realität unterscheidet.
    Im Vergleich dazu eine einfache (oder „einfache“) e-Funktion,
    die eben durch das gerade erwähnte Beipiel angenähert wird.

    „Das einfachste Modell ist das stärkste.
    Warum?“

    In ihm steckt die größte intellektuelle Leistung, den Wald vor lauter Bäumen zu erkennen.
    Modelle mit der geringsten Anzahl an Axiomen, die allem
    (bis dato Bekannten***)
    gerecht werden, sind „am schwierigsten zu bekommen“.  

    (**)
    Singularitäten ergeben sich wohl aus linearer Rückrechnung auf einen Raum-/Zeitpunkt,
    (der meiner Meinung nach nicht exisitiert) (Urknall) 
    eine „Linearität“, die keine ist.

    (***)
    Was sonst? Jesses nee… 

  2. Aabgesehen davon, dass jede Philosophie ihre eigenen Schriften hat,
    immer ein Vergleich zwischen biblischen Schriften und saekularer Verwendung
    gesucht wird, frage ich mich, ob das Gottesteilchen ein Teil von Gott in jeder Art von Materie darstellen sollte….
    wie die Thora das Grundgesetz aller Nationen ist.
    Oder wie sonst? Die Geschwindigkeit Gottes messen?
    Also wie gross ist die Hand Gottes, messbar? Wieviel Sterne oder Planeten passen hinein? Schrittlaenge… Koerperhoehe? Wenigstens ungefaehre Angaben moeglich?
    Oder wie relativ veraenderbar ist die Gestalt, Funktion, … Gottes?
    Menschen sind nun mal neugierig.
    Natuerlich hat Gott auch irgendwo mal Gefuehle geschaffen,
    aber meisst ist es sicherer, diese nur im Rahmen der gesetzlichen vorgegebenen
    Formen zu leben. Damit das Leben gesichert ist,
    im Krieg ist das zwar manchmal anders, dann darf niemals darueber
    gesprochen oder geschrieben werden, das liegt an deren Hierarchie und Verantwortlichkeit.
    Oder alle sind alle immer gleich… und duerfen immer dasselbe und
    denn ists immer noch keine Anarchie?!
     

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