Zum diesjährigen Frühlingsfest feiert Tel Aviv seinen hundertsten Geburtstag. Zwar werden die Veranstaltungen auf den Boulevards der Stadt und auf ihren Plätzen stattfinden. Es ist aber nicht übertrieben zu sagen, dass der Jahrestag der Gründung der ersten hebräischen Stadt eine Art nationaler Feiertag ist…
Leitartikel der Haaretz-Redaktion
Seit den Anfängen „Ahuzat Beit“ auf den Sanddünen am Meer symbolisiert Tel Aviv den Geist der Moderne, die Offenheit und die Freiheit, und so wird sie von Touristen und von Israelis empfunden. Nicht von ungefähr bezeichnet man sie als „Stadt ohne Pause“. Tel Aviv atmet, brummt und arbeitet 24 Stunden am Tag das ganze Jahr hindurch. Sein Name steht für eine lockere und gute Atmosphäre.
Über die Jahre hat Tel Aviv einige begabte Stadtplaner und glückreiche Bürgermeister gehabt, die seinem Antlitz beeindruckende Züge verliehen haben. Sie gilt als Hauptstadt des Bauhaus, ist bekannt für ihre alte Schönheit im Stil einer „Gartenstadt“, die nachbarschaftliche Gärten zwischen die niedrigen Häuser einflicht, und entlang ihrer Küste verläuft eine weitläufige und angenehme Strandpromenade. Denkmalschutz und Renovierung haben den wunderschönen Häusern der Vergangenheit ihren Rang und ihre Pracht zurückgegeben, ganze Straßenzüge sind schöner denn je wiederauferstanden. Auch die vernachlässigten Boulevards wurden renoviert und vibrieren heute vor Lebendigkeit. Museen, Galerien, Konzerthallen und Theater, eine Universität sowie private und staatliche Colleges, ein großer Park und Sportzentren bieten Kultur und Unterhaltung für die Einwohner der Stadt und ziehen Bürger aus dem ganzen Land an.
Doch die Metropole Israels – die extreme Antithese zur armen und immer religiöser werdenden Hauptstadt Jerusalem, die zu einer Großstadt ähnlich den meisten Großstädten der westlichen Welt geworden ist, leidet an zwei hervorstechenden Mangelerscheinungen: einem schwachen öffentlichen Nahverkehr und Schmutz.
Der öffentliche Nahverkehr ist der Schwachpunkt Tel Avivs. Seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben die Regierungen für seine Verbesserung Diskussionen geführt und Beschlüsse gefasst: über eine U-Bahn oder eine Straßenbahn mit großen Kapazitäten und ein funktionierendes Busnetz, die endlich die ständig anwachsenden, beklemmenden Staus an den Ein- und Ausfahrten der Stadt auflösen sollten, die in ihr den Verkehr zum Stillstand zu bringen.
Mit verschiedenen Ausreden und in einer ermüdenden Kettenreaktion blieben alle Pläne stecken, während die Luftverschmutzung, die Überfüllung und die finanzielle Bürde anwachsen. Angesichts der Erblühens Tel Avivs, dem Geschäfts- und Finanzzentrum Israels, sticht die Vernachlässigung der Peripherie besonders ins Auge. Ein effektiver öffentlicher Nahverkehr, der die Stadt schnell mit dem Norden und dem Süden verbindet, würde diese wirtschaftlich-gesellschaftliche Härte lindern.
Auch die Sauberkeit der Straßen begleitet die Stadt wie ein dunkler Schatten, und kein Bürgermeister ist ihm gewachsen gewesen. Und dennoch, und obwohl einige Stadtviertel noch immer erstaunlich hässlich sind, gibt es „schönere als sie“, wie der Tel Aviver Dichter (Nathan Alterman) schrieb, „aber keine, die so schön ist wie sie“.
Selbst von dem Schimpfwort der „Blase“, das ihm anhaftet, muss Tel Aviv sich nicht beleidigt fühlen. Ein Staat, der ein normales Leben führen möchte, braucht manchmal eine solche Blase.
Haaretz, 08.04.09
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