Gedenkveranstaltung im Alten Rathaus

Zum 80. Jahrestag des 9. November 1938 gedachte München auch heuer wieder der jüdischen Münchner, die während der „Reichspogromnacht“ und in den folgenden Jahren misshandelt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden…

Ort der zentralen Gedenkfeier war auch in diesem Jahr der Saal des Alten Rathauses, wo 1938 Joseph Goebbels mit einer seiner berüchtigten Hetzreden die Ausschreitungen initiiert hatte. In ihren Reden gingen Oberbürgermeister Reiter, Ministerpräsident Dr. Söder und die IKG-Präsidentin Dr. h.c. Charlotte Knobloch insbesondere auf den anwachsenden Antisemitismus als gesellschaftliches und politisches Problem ein, das auch vor dem Hintergrund der gewachsenen Erinnerungskultur nicht hingenommen werden dürfe.

Ministerpräsident Dr. Markus Söder erklärte: „Heute vor 80 Jahren wurden bei der Reichsprogromnacht viele Tausende Juden zu unschuldigen Opfern von Hass und Gewalt. Niemand kann diese furchtbaren Verbrechen ungeschehen machen. Aber wir haben heute die Verantwortung, uns Hass und Gewalt mit Worten und Taten entgegen zu stellen. Bayern wird alles dafür tun, damit Juden ihren Glauben selbstverständlich und frei von Angst leben können. Das ist eine Herzensangelegenheit.“

Oberbürgermeister Dieter Reiter wies darauf hin, dass Judenhass auch 80 Jahre nach der Reichspogromnacht noch immer ein Thema sei. Anstatt zu verschwinden, seien heute „antisemitische Ressentiments und Denkmuster wieder an der Tagesordnung“. Das hänge auch mit den politischen Entwicklungen zusammen, in deren Folge „antisemitische Einstellungen oder besser gesagt Zumutungen verstärkt in den öffentlichen Diskurs hineingetragen werden“.

Wie bereits in den vergangenen Jahren benannte Reiter die Untätigkeit vieler Münchner als eine Ursache dafür, dass die Gewalt der Pogromnacht von 1938 solche Ausmaße annehmen konnte. Die Münchner hätten, anstatt einzugreifen, „meist einfach zugeschaut, bisweilen zugestimmt oder im schlimmsten Fall sogar mitgemacht“.
Beides – die Erinnerung an die Gräuel von damals und der erneuerte Judenhass von heute – zeige eindeutig, „was heute zu tun ist und wo wir jetzt zu stehen haben. Nämlich eng und unverbrüchlich an der Seite der Jüdinnen und Juden.“ Es sei „eine Schande für unser Land“, dass jüdischen Menschen aus Angst vor Übergriffen zum Tragen von Basecaps statt einer Kippa geraten werden müsse.

Reiter betonte, dass Antisemitismus in allen seinen Formen zu bekämpfen sei: „Egal, wie er daherkommt, ob von rechtsaußen als rassistisch und völkisch aufgeladener Judenhass, ob als obskure Verschwörungstheorie eines Weltjudentums, ob als Relativierung von NS-Verbrechen oder geleitet von antiisraelischen Ressentiments.“ Dabei unterstrich er nochmals die Bedeutung des Grundlagenbeschlusses des Stadtrates vom Dezember 2017, wonach „Antisemitismus keine Unterstützung erfahren soll – weder durch städtische Zuschüsse noch durch Raumvergaben seitens der Stadtverwaltung.“

Reiter verwies abschließend darauf, dass die Bekämpfung von Judenhass eine Aufgabe sei, die nicht allein jüdischen Menschen zufallen dürfe. Es sei „nicht die Aufgabe der Leidtragenden von Hass, Hetze und Gewalt, die Mehrheitsgesellschaft für ihren Schutz zu mobilisieren. Vielmehr ist es die Aufgabe jeder aufmerksamen, verantwortungsbewussten und demokratischen Stadtgesellschaft, von sich aus gegen Antisemitismus aufzustehen und sich solidarisch an die Seite der Jüdinnen und Juden zu stellen“.

Die Präsidentin der IKG und Beauftragte für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress Dr. h.c. Charlotte Knobloch verband ihre persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1938 mit einer eindringlichen Warnung vor dem wieder aufflammenden Antisemitismus unserer Tage. In München, „meiner Heimatstadt, die das nicht mehr war“, habe sie im November 1938 „an Vaters Hand“ vor allem Angst erlebt: „Genau hier, in den Straßen und auf den Plätzen, die wir kennen und über die wir bis heute flanieren, tobte damals der Mob.“

Knobloch wies darauf hin, dass die Zahl derjenigen, die die Pogromnacht 1938 mit eigenen Augen gesehen haben, immer weiter zurückgehe. Bekannte Zeitzeugen wie Imre Kertesz, Elie Wiesel oder Max Mannheimer seien in den vergangenen Jahren bereits verstorben.
Die Botschaft dieser Zeitzeugen sei das „Nie wieder“ gewesen. „Nie wieder“ sei auch der Anspruch gewesen, auf dem die Bundesrepublik gegründet wurde: In diesen Worten „finden wir die Überzeugung wieder, dass die Menschenwürde die beste, die wichtigste und im Zweifel die einzige Richtschnur staatlichen Handelns sein und bleiben muss.“

Knobloch wies Forderungen nach einem „Schlussstrich“ zurück. Aus „Nie wieder“ dürfe kein „Jetzt wieder“ werden. Die „Dauerhaftigkeit des Judenhasses“ mache sich bis heute bemerkbar. „Diesen Hass, diese Abneigung erleben wir heute genauso rein und ungefiltert wie ich ihn 1938 als kleines Mädchen in den Gesichtern der Menschen gesehen habe, die taten- und teilnahmslos danebenstanden, als die rauchenden Überreste der Synagoge in sich zusammenstürzten.“
Dabei nahm Knobloch auch Bezug auf die anhaltenden Wahlerfolge der AfD, in der „Antisemitismus erneut eine politische und gesellschaftliche Heimat gefunden habe“. Das „Nie wieder“ sei dabei eigentlich ein Versprechen gewesen, „dass wir, die jüdische Gemeinschaft, nie wieder im Stich gelassen werden würden. Dass wir die Angst, die Hilflosigkeit von damals niemals wieder würden durchleiden müssen.“

Knobloch ging auf die große Belastung ein, die dieses immer wieder gebrochene Versprechen für jüdisches Leben in Deutschland bedeute. Solange jüdische Kinder in Deutschland nur hinter Sicherheitsschleusen aufwüchsen und sich nicht gefahrlos zur eigenen Identität bekennen könnten, seien sie nicht wirklich frei. Bei aller Dankbarkeit für die Unterstützung durch Staat und Gesellschaft vermisse sie wirksame Taten gegen einen Antisemitismus, der zu oft kleingeredet oder relativiert werde: „Phrasen und Beteuerungen reichen nicht. Es muss etwas geschehen – etwas Sichtbares. Spürbares. Es geht darum, Worten Taten folgen zu lassen.“ Knobloch forderte ein großes Auflehnen gegen Judenhass: „Wo sind die Zehntausende, die in München demonstrieren, wenn es um Antisemitismus geht?“
Die Hand ihres Vaters, der sie 1938 durch die Schrecken der Pogromnacht geführt hatte, müsse, so Knobloch weiter, „heute ersetzt werden durch die Hand, die Politik und Gesellschaft uns reichen.“ Alles, was die jüdischen Menschen wollten, sei, „in diesem – unserem – Land in Freiheit und Sicherheit zu leben, so wie jeder andere auch.“

Am Morgen waren bei der öffentlichen Lesung am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße die Namen sowie kurze Biographien von jüdischen Münchnern verlesen worden, die im November 1938 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden waren. Unter den Lesenden waren u.a. Polizeipräsident Hubertus Andrä, der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten Karl Freller, die Leiterin der städtischen Fachstelle für Demokratie Dr. Miriam Heigl, die Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung Dr. Hildegard Kronawitter, Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers, der Vorsitzende des Politischen Beirats im NS-Dokumentationszentrum Marian Offman, Frau Petra Reiter und die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums Prof. Dr. Mirjam Zadoff.

Reden des Gedenkaktes zum 80. Jahrestag des 9. November 1938 im Saal des Alten Rathauses am Marienplatz

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