„Ein unbequemer Kölner bis zum Schluss“

Kurt Holls Autobiografie ist posthum erschienen…

Von Uri Degania

Vor drei Jahren ist Kurt Holl, radikaler Kölner linker Aktivist und undogmatischer Intellektueller, verstorben. Kurt Holl wurde in Nachrufen vielfach gewürdigt, seine Rolle als Begründer des Kölner EL-De Hauses – die seinerzeitige Gestapozentrale von Köln, heute ein städtisches NS-Museum – sowie des Rom e.V. wurde betont. Auf haGalil hatte ich einen innerhalb von zwei Tagen verfassten, erinnernden Nachruf veröffentlicht.

Weiterhin war Kurt Holl, der seine Brötchen als Lehrer, zuletzt im Strafvollzug, verdiente und wegen seiner früheren „Berufsverbotes“ nur eine eher geringe Rente bekam, als Publizist bekannt. Sein „Kölner“ Buch über die 68er-Zeit, ein voluminöses, dickleibiges, präzise dokumentierendes Werk, hatte auch einen großen historischen Wert.

Aber dennoch blieb Kurt als Publizist eher unbekannt. Von seinem radikalen, unbequemen, häufig „nervenden“ Engagement, seiner Kompromisslosigkeit in der Sache wusste man. Autobiografische Erinnerungen von ihm fanden sich hingegen nur sehr verstreut, in „68er-Büchern“, dann bei vereinzelten Preisverleihungen, die selbst ihn im Alter erreichten. In ausführlicherer Weise findet man sie letztlich nur in seiner Einführung zu seinem  1968er-Buch Satisfaction und Ruhender Verkehr – 1968 am Rhein (1998, sowie in einer etwas erweiterten Neuauflage 2008).

Exkurs: Hannes Loh, Rap, Pädagogik und Engagement gegen Antisemitismus

Vor zehn Monaten erhielt ich von Kurt Holls Sohn Hannes Loh – den ich (bis auf die Trauerfeier) nicht persönlich kannte, von dessen beachtlicher Karriere als Rap-Sänger ich jedoch immer wieder gehört hatte – , ein Manuskript. Hierzu gleich mehr. Dem 1971 geborenen Hannes – so liebenswürdig war man seinerzeit in vielen Kreisen – wurde erst mit 20 Jahren, mehr durch ein „Unglück“, bekannt, dass Kurt sein (biologischer) Vater war.

Hannes Loh trat ab 1986, da war er 15, unter dem Pseudonym LJ und dann als Begründer der Hip Hop Gruppe Anarchist Academy als Musiker, dann als Rap-Sänger auf. Anfangs spielte er in Jugendzentren, später war er europaweit unterwegs. Danach machte er auch als Musik-Journalist, so als Mitherausgeber des Hip-Hop-Magazins Anarchist to the Front, eine beachtliche Karriere. Hannes trat mit seiner Gruppe Anarchist Academy in ganz Europa auf, in den Jahren danach verfasste er Bücher über den Hip Hop und wurde Lehrer an einem vor den Toren Kölns gelegenen Gymnasium. Dies war zugleich das Ende seiner Karriere als Musiker.

Und doch führte er sein „Erbe“ weiter, indem er mit seinen Schülern Rap-Texte verfasste und sich zugleich pädagogisch gegen Antisemitismus im Rap engagierte. Dies blieb im selbstverliebten Köln nicht lange ein Geheimnis. Die Kölner Boulevardzeitung Express feierte ihn vor drei Jahren mit der Schlagzeile „Geschichte, Deutsch und HipHop Yo, man! Kölns coolster Lehrer“, und sogar der Spiegel schrieb 2009 über Hannes Lohs pädagogisches Rap-Engagement eine große Story: „Harte Beats gegen die Bildungsmisere“.

Auch Hannes Lohs Engagement gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus im deutschen Rap (Stichworte: Kollegah und Farid Bang) – der jüdische Rapper Ben Salomo hat diesen in deutlicher Weise beschrieben; inzwischen fühlt Ben Salomo sich in Deutschland nicht mehr wohl und auch nicht mehr sicher – wurde sogar in Tageszeitungen aufgegriffen und gewürdigt.

„Ein wahrer Kölner (Ehren)Bürger!“

Hannes Loh schickte mir Ende 2017 ein mich sehr überraschendes Manuskript: Autobiografische Erinnerungen von Kurt Holl! Anfangs hatte Hannes nur vereinzelte kurze Erinnerungen von Kurt gekannt. Dieser hatte verschiedentlich von der Idee einer Autobiografie gesprochen. Die Krankheiten und der Tod kamen ihm dazwischen. Dann durchforschte Hannes  systematisch, in monatelanger Arbeit, Kurts Holls Computer – und entdeckte immer mehr kurze, erzählende Texte. Diese hat er nun, gemeinsam mit seinem 20 Jahre jüngeren Bruder Benjamin Küsters, zu einer lebendig erzählenden, 250 Seiten umfassenden, großzügig bebilderten Autobiografie zusammen gefügt. Ich bin wirklich angetan vom Text!

Uneitel, unprätentiös, mit Ironie schreibt Kurt Holl in auch stilistisch überzeugender Weise über sein wildes Engagement, seine – abhängig vom jeweiligen politischen Standpunkt –  widersprüchliche, ambivalente Rezeption; die vielfältigen Ablehnungen, die er erlebte und an denen er durchaus nicht unbeteiligt war: „Die Bilder, die Menschen von mir hatten, die mich privat kannten, waren bunter und differenzierter. Aber nicht immer zitierfähig war das, was im privaten Bereich (…) Genossen, Gegner, Freunde (…) über mich dachten. Wenn ich dich wirklich brauche, ist immer etwas anderes wichtiger, das habe ich manchmal gehört von Menschen, die mir sehr nahe waren.“

Immer wieder schreibt Kurt Holl in seinen autobiografischen Aufzeichnungen über das Erbe des Nationalsozialismus, das er als 1938 im kleinstädtischen bayrischen Nördlingen Aufgewachsener erlebte. Und über sein radikales Engagement hiergegen, bereits als Schüler in der Nachkriegszeit.

Einige Kapitelüberschriften seien genannt: Kurt Holl schreibt im Kapitel „Ich bin in einem Krater geboren“ über seine kindlichen Anfänge in Bayern, über das familiäre Vorbild von Maria Holl, der „Hexe von Nördlingen“. Und warum sie ihn lehrte schon als Kind „Staat und Klerus zu verachten.“ Er, der Sohn eines früh gestorbenen Nationalsozialisten, erinnert sich im jahrzehntelangen zeitlichen Abstand an die „Liebe zu einem Ungeheuer“ und an seine von Sehnsüchten und Enttäuschungen geprägte „Suche nach den Vätern“: „Ich war dreieinhalb Jahre alt, als mein Vater vor Moskau im Februar 1942 fiel.“ Kurt erinnert sich an vereinzelte „warme Erlebnisse“: „Er trug mich auf dem Arm durch einen Garten, ich klammerte mich um seinen Hals. Dennoch behütet im Reich der Mütter, vermisste ich ihn lange nicht. Doch dann änderte sich das. Je älter ich wurde, um so weniger ertrug ich die Züchtigungen meiner Mutter. Während der Bastonade unterdrückte ich stolz Schmerz und Tränen, begann sie zu hassen, verfluchte sie heimlich und übte Widerstand. Sollte ich ohne Essen ins Bett, trat ich gleich drei Tage in den Hungerstreik. Dass meine Mutter nach den Prügeleien durchaus auch wieder nett sein konnte, verwirrte mich und kam mir heuchlerisch vor. Ich wünschte meinen Vater immer häufiger herbei. (…) Wir wollten nie mehr wehrlose Opfer sein. So machte ich mich auf die Suche nach dem Vater und nach anderen Vätern, zu denen ich aufschauen konnte.“

Vaterlos aufgewachsen wächst Kurt, wie viele seiner gleichaltrigen Freunde, „im Land der Frauen“ auf. Der „Club der Kriegswitwen“, also der Mütter vieler vaterlos aufgewachsenen Freunde und seine eigene Mutter, innerlich zutiefst ambivalent, war in der Nachkriegszeit in Bayern für ihn eine „verschworene Truppe“. Ein Vaterland gab es für ihn, den späteren anarchistisch geprägten radikalen Aktivisten (der dennoch einmal einer K-Partei nahe gestanden haben soll), nach der Nazizeit nicht; und auch in den Jahrzehnten danach änderte sich hieran nichts mehr.

Jahrzehnte später, als Kurt Holl mehr über seinen Nazi-Vater erfuhr, schrieb er über „die deutschen Täterinnen“. Als Folge hiervon verwendet er die plakative Kapitelüberschrift „Vater Staat und Mutter-Sau.“ Unvergessen und identitätsprägend für ihn der empörte Ausruf seiner damaligen Schwiegermutter gegenüber ihrem 68er-Schwiegersohn: „Aber Hitler hat für uns Mütter alles getan, er hat sogar dafür gesorgt, dass wir für unsere Kleinkinder täglich einen Liter Milch bekommen.“ Die „Mutter-Sau“ war für Kurt hiermit sprachlich geboren.

Der Schock: „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais – und H. M. Broder

Es folgen Buchkapitel wie „Vaterland Ade! Wie Deutschland den Krieg und auch mich verlor“. Kurt beschreibt, wie er in seiner Schulzeit Antisemitismus erlebte, was ihn verstörte. Mit 18 Jahren dann der „letzte“ Schock: „Der radikale Bruch mit meiner postfaschistischen Erziehung kam, als ich 1956 in Bonn den Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais über die Vernichtungslager der Nazis sah.“ Nun überkam ihn Scham über seine frühere Verehrung seines toten Vaters. Er begann nun „Vaterland und die Deutschen zu verachten“, da sie mehrheitlich den Verbrechen zugeschaut oder sich sogar daran beteiligt hatten. Sartres Philosophie des Existentialismus bot Kurt wenig später den theoretischen Überbau für seinen radikalen Aktivismus, den er dann bis zum Ende seines Lebens durchhielt.

Es folgen im Buch Beschreibungen seines frühes Engagements als Schüler für die algerische Befreiungsbewegung: „Kofferträger für die „Terroristen““. Kurt Holl, der in den 68er Jahren in Köln immer wieder auf seinen produktiven, seinerzeit noch langhaarigen Mitstreiter Henryk M. Broder stieß, verfasst – in teils zutreffender, teils vereinfachender Weise  – eine „Abbitte an ein Arschloch“: Hiermit meint er Broder, an den er sich bis heute gut erinnern könne. Dieser habe in einem neuen Zeitungsbeitrag alles Notwendige zum „jüdisch-christlichen-islamischen Monotheismus“ gesagt; er selbst habe dies leider nicht so treffend zu formulieren vermocht.

Der Vater – der SS-Mann

Dann kommt Kurt, Jahrzehnte später, auf seinen 1942 in Russland als SS-Mann „gefallenen“ Vater zurück, der zu ihm liebevoll war, einzelne frühkindliche Erinnerungen sind geblieben. Und doch war dieser, wie der weitgehend vaterlos aufgewachsene Kurt später  entdeckte, zugleich ein wohl überzeugter Nationalsozialist: Dieser war als Soldat unmittelbar an der Shoah beteiligt gewesen. Kurt Holl entdeckte irgendwann das Titelbild einer Wochenzeitschrift aus dem Jahr 1941, auf dem sein Vater als strahlender SS-Mann mit Gewehr auf einem Motorrad posierte. Dann gab es eine Feldpostkarte aus dem Jahr 1941, die sein Vater dem „lieben Kurt“ zum dritten Geburtstag geschickt hatte. Kurts Nachforschungen ergaben später, dass die SS-Einheit seines Vaters an dem Tag an Massakern an der Zivilbevölkerung in Russland beteiligt war, an dem dieser die Glückwunschkarte schrieb.

Kurt vermag nun nur noch „Brüder statt Väter“ zu akzeptieren und schreibt demgemäß „Von der Unterwerfung unter die Gewalt des Vaters zum militanten Widerstand“: „Ich war dreieinhalb Jahre als mein Vater vor Moskau im Februar 1942 fiel. Seine Kurzbesuche von der Front hinterließen keine deutlichen Erinnerungen.“

Kurt Holl erinnert sich an „Alexis Sorbas in Anatolien“; an seine „Schwäche für das Milieu“, und an eine – seiner mehr als zahlreichen – Polizeiakte, die ihm „einmal ein Date versaute“: Er vermochte Einsicht in seine Polizeiakte zu nehmen. In den Jahren von 1976 bis 1991 waren dort zehn Delikte aufgeführt, die jedoch alle rechtsstaatlich eingestellt worden waren. Mitte der 1990er Jahre machte er Bekanntschaft mit einer attraktiven jungen Frau. Sie vereinbarten für den folgenden Tag ein Treffen in einem Cafe, sie erschien jedoch nicht. Kurt erinnert sich: „Am nächsten Tag war ich neugierig, warum sie mich hatte sitzen lassen. Sie wurde rot und stammelte: „“Ach wissen Sie, ich bin bei der Polizei. Da habe ich vorgestern ihre Akte gelesen.“

Kurt Holl mit jungen Türken

Und natürlich erzählt der Begründer des Rom e.V. auch „Wie ich unter die „Zigeuner“ fiel“ sowie vom rassistischen, rechtsradikalen „Kopfgeld“, das eine rechtsradikale Kölner Partei seinerzeit auf eine Roma ausgesetzt hatte. Die linke Kölner Geschichte ist voller Dramen und amüsanter Anekdoten; an sehr vielen war Kurt Holl direkt beteiligt. Sehr amüsant auch die Geschichte, aus der Perspektive einer Weinflasche erzählt, wie Ende 1990 bei einer Besetzung des Büros des Kölner Regierungspräsidenten F. J. Antwerpes durch 100 Roma-Aktivisten nebenbei auch eine sehr edle Weinflasche verschwandt. Insbesondere dieser Umstand weckte den unstillbaren Zorn des eher cholerisch auftretenden Antwerpes. Ausgetrunken wurde der edle Tropfen auf den rechtsrheinisch gelegenen Poller Wiesen. Die Flasche selbst jedoch verblieb als Triumph in einer berühmten Wohnung im Friesenwall.

Eine Anmerkung von Hedwig Neven DuMont

Kurt Holl, der teils nervige, selbstlose, unnachgiebige Rebell, mit dem sehr Viele nicht gut über einen langen Zeitraum zusammenzuarbeiten vermochten, verband sein kompromissloses radikales Engagement immer auch mit einer Liaison mit der Macht – mit der weiblichen Macht. So ist es kein Zufall, dass die einflussreiche, engagierte Kölner Sozialdemokratin Elfi Scho-Antwerpes und die Verleger-Gattin Hedwig Neven DuMont über viele Jahre hinweg enge Weggefährten und wirkmächtige Unterstützerinnen von Kurt waren. Hedwig Neven DuMont hat denn auch für das Buchcover einige Zeilen beigesteuert, in denen sie über den toten Kurt Holl und (seit 2007) „alternativen“ Ehrenbürger der Stadt Köln (gemeinsam mit ihr selbst) konstatiert: „Unsere Gesellschaft braucht Menschen wie Kurt. Menschen, die etwas riskieren, um anderen zu helfen. In diesem Sinne ist Kurt Holl ein Sohn dieser Stadt, denn Köln hat ein Herz für mutige Querdenker.“

Weiterhin enthält das Buch ein Nachwort von Kurt Holls engem Freund Lothar Gothe, früher Aktivist der Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK) sowie einen sehr aufrichtigen, posthum verfassten Brief der Romaaktivistin und Journalistin Fatima Hartmann. Abgerundet werden Kurts autobiografischen Erinnerungen mit sehr gelungenen Interviews mit Kurts Söhnen Benjamin Küsters und Hannes Loh. Sie zeigen die private Seite Kurts, den „anderen“, in der Öffentlichkeit nicht so bekannten Kurt.

Ein tolles Buch. Und ein wirkliches Stück Kölner Zeitgeschichte!

Ein unbequemer Kölner bis zum Schluss: Kurt Holl. Autobiografisches Portrait eines 68ers, Herausgegeben von Hannes Loh und Benjamin Küsters, 250 S., zahlreiche Fotos, Köln: Edition Fredebold, Hardcover, 22 Euro, Bestellen?

28.10.2018, Lesung
Kurt Holl – Autobiografisches Portrait eines 68ers
Beginn 14:00 Uhr
Lutherkirche, Martin-Luther-Platz 4, 50677 Köln

Bilder oben: Aus dem besprochenen Band, (c) Edition Fredebold

Eine Erinnerung an den radikalen Aktivisten und Menschenfreund Kurt Holl

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