Die Welt der armen jüdischen Emigranten

Der Klassiker „Ein Vertrag mit Gott“ von Will Eisner neu aufgelegt…

Von Georg Patzer

Da hat er noch mal Glück gehabt. Grade will er aus dem Fenster springen, da ruft ihn die neue Nachbarin: „Haaa-llo! Mister Shaftesbury!! Könnten Sie mal kurz rüberkommen?“ Sie hat einen Job für ihn: „Ich möchte Sie keinesfalls beleidigen, Mr. Shaftsbury, aber wir brauchen jemanden, der kein Jude ist und am Sabbat unseren Ofen anzünden kann und das Licht anmacht“, sagt sie und gibt ihm gleich die fünfzig Cent für die Woche im voraus. Kurz zuvor hat Mr. Shaftsbury seinen Job verloren, musste umziehen, in die Bronx. Ein Abstieg, vor dem es ihm grauste. Aber dann lernt er Rebecca kennen, die Nachbarstochter, die sich für ihn interessiert, ihn zum Eislaufen einlädt, ihn fragt, ob er verheiratet sei – die Eltern sehen es nicht gar so gern, aber was soll man machen. Und dann bekommt er doch noch einen Job, als Laufbursche, muss Wertpapiere zur Bank bringen. Als die Mafia das mitbekommt, soll er ausgeraubt werden. Aber ein verrückter Zufall verhindert die Tat.

Will Eisner ist einer der Pioniere der graphic novel, sein Buch „Ein Vertrag mit Gott“ war das erste mit dieser Bezeichnung als Untertitel. Geboren als William Erwin Eisner 1917 in Brooklyn, Sohn der Rumänin Fannie Ingber und des Österreichers Shmuel Eisner, der Bühnenbilder für das Jüdische Theater in der 2nd Avenue malte, veröffentlichte er seinen ersten Comic schon 1933. Ab 1940 entwickelte er für eine sonntägliche Zeitungsbeilage seine erste Reihe „The Spirit“, ein genreübergreifender Comic mit gewagten, filmischen Perspektiven. 1978 erschienen die ersten vier Geschichten aus dem Mietshaus Dropsie Avenue 55 unter dem Titel „Ein Vertrag mit Gott“.

Eisner erzählt darin Geschichten aus dem Emigrantenmilieu, er kennt die lebendige Atmosphäre, die kleinen Hoffnungen und das Elend sehr gut. Es sind Geschichten von armen Menschen, die, wie Elton Shaftsbury, vom Börsencrash 1929 ruiniert werden, die wie Frimme Hersh mit Gott einen Vertrag abschließen, in Stein geritzt, und mit ihm hadern, als Gott seine Adoptivtochter Rachele sterben lässt. Oder Straßensänger Eddie, der beinah berühmt wird, nur hat er leider die Adresse seiner Wohltäterin in spe im Suff vergessen. In einer Geschichte dreht der gefürchtete, antisemitische Hausmeister Mr. Scruggs seine Runden, bis ein kleines Mädchen ihn zu Fall bringt, in einer anderen fahren die armen Mieter im Sommer aufs Land, in die Catskill Mountains, in der Hoffnung, einen reichen Mann oder eine reiche Frau kennenzulernen, der sie aus der Armut rettet – meist vergeblich.

Seine oft großformatigen Schwarzweißzeichnungen sind von einer düsteren Atmosphäre unterlegt, auch, wenn die Geschichten gut ausgehen. Eine leichte Bedrohung liegt immer über ihnen, der allgegenwärtige Antisemitismus, die drohende Armut, Krankheit, Irrsinn, Tod. Eisner nutzt auch in „Ein Vertrag mit Gott“ filmische, wechselnde Perspektiven, zeichnet seine „Helden“ mit ausdrucksstarker, fast expressionistischer Mimik und Gestik. Er erzählt von einer Welt, die wir hier nur aus Filmen kennen, die Welt der armen jüdischen Emigranten. In einer preiswerten Taschenbuchausgabe hat der Carlsen Verlag diesen Klassiker jetzt wieder neu aufgelegt.

Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott. Mietshausgeschichten, Carlsen Verlag 2017, 528 S., 19,99 Euro, Bestellen?