Ansbach: Barocksynagoge und Wartesaal für Shoa-Überlebende

In unserer neuen Artikelreihe stellen wir Relikte des fränkischen Landjudentums vor. Jahrhundertealte aufgelassene Friedhöfe, Gebäude, die einst als Synagogen dienten, aber auch andere steinerne Zeugnisse, wie etwa Inschriften oder Symbole. Das Landjudentum ist schon lange nicht mehr existent. Bereits im 19. Jahrhundert lösten sich zahlreiche der kleinen Gemeinden auf. Die restlichen wurden während des Nationalsozialismus liquidiert. Doch vereinzelt gab es nach 1945 erneut jüdisches Leben auf dem Land – davon zeugen die Hachscharot-Kibbuzim, Bauernschulen, in denen Überlebende der Shoa für ihre Zukunft in Erez Israel ausgebildet wurden…

Innenraum der Synagoge mit Bima und Aron HaKodesch, Foto: nurinst-archiv

Ansbach: Barocksynagoge und Wartesaal für Shoa-Überlebende

Die mittelfränkische Bezirkshauptstadt und ehemalige Residenz des Marktgrafen von Brandenburg-Ansbach blickt auf eine 700-jährige jüdische Geschichte zurück. Ab dem 14. Jahrhundert bis ins Jahr 1940 waren – mit Unterbrechungen – Juden in der Stadt ansässig. Für das Jahr 1631 lassen sich beispielsweise 27 jüdische Familien nachweisen; zum Ende des 18. Jahrhunderts waren es bereits 60 Familien mit über 300 Personen. Lange Zeit fanden die Gottesdienste zumeist in kleinen privaten Betstuben statt, denn erst 1739 hatte der Hoffaktor Isaak Natan vom Markgrafen die Erlaubnis zum Bau eines Beth HaKnesset erhalten. Im September 1746 wurde die – im Barockstil errichtete – Synagoge in der Rosenbadstraße feierlich eingeweiht.

Ansbacher Synagoge, Foto: nurinst-archiv

Im Keller des Gotteshauses befindet sich eine Mikwe, Reste davon sind noch heute erhalten. Nach dem Synagogenbau wurde Ansbach Sitz eines Rabbinats, das bis in die 1930er Jahre existierte und dem viele umliegende Gemeinden unterstanden. Rund ein Jahrhundert (Ende der 1820er Jahre bis 1924) bestand in Ansbach eine jüdische Elementarschule. Seit 1821 verfügte die jüdische Gemeinde auch über einen eigenen Friedhof.

Insbesondere im evangelisch und stark agrarisch geprägten Westmittelfranken fielen die Hetztiraden des berüchtigten Frankenführers der NSDAP, Julius Streicher, schon früh auf fruchtbaren Boden. So kam es bereits im April 1927 und im Oktober 1932 zu Zerstörungen und Schändungen des jüdischen Friedhofs in Ansbach. In einem Memorandum des Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden vom März 1934, das sich an die Regierung von Ober- und Mittelfranken richtete, wies die jüdische Interessenvertretung auf die antisemitische Stimmung in Ansbach hin: An jeder Ecke der Stadt seien Plakate mit judenfeindlichem Inhalt wie etwa „Die Juden sind unser Unglück“ oder „Juden sind hier nicht erwünscht“ angebracht. Es war daher kein Zufall, dass der Stadtrat schon im Herbst 1933 „wegen des außerordentlichen Wohnungsmangels“ den Juden die Ansiedlung im Stadtgebiet untersagt hatte.

Im Viehhandel, dem klassischen Erwerbszweig vieler fränkischer Juden, wurde die wirtschaftliche Ausschaltung besonders vehement vorangetrieben. Bereits Ende der 1920er Jahre brachte die Fraktion der NSDAP einen Antrag in den Stadtrat ein, der den Juden den Zugang zum Viehmarkt verwehrte. Im Winter 1933 wurde dieses Ansinnen erneut im Rat der Stadt diskutiert. Aus Gründen „der öffentlichen Ruhe und Sicherheit“ beschlossen die Abgeordneten, die jüdischen Händler nur noch mit Lizenzen der NSDAP als Händler auf dem Markt zuzulassen. Die Konsequenz aus diesem zynischen Erlass war, dass es im April 1934 unter den insgesamt 51 Viehhändlern noch vier Juden gab.

Im November 1938 wurde die Synagoge geschändet und die Einrichtung demoliert, jedoch, aufgrund ihrer Lage inmitten der Stadt, nicht angezündet. In der Stadtratssitzung vom 30. Januar 1939 erklärten die Politiker die Stadt als „Judenfrei“. Im April desselben Jahres wüteten Hitlerjungen auf dem Beth Olam zu Ansbach und warfen die meisten Grabstein um oder beschädigten sie; auch das Taharahaus wurde zerstört.

Nach Kriegsende bildete sich in Ansbach eine jüdische Gemeinde mit bis zu 200 Mitgliedern, die sich im „Jüdischen Komitee Ansbach“ zusammengeschlossen hatten. Die hauptsächlich aus Osteuropa stammenden Überlebenden der Shoa waren in requirierten Wohnungen innerhalb des Stadtgebietes untergebracht. Im Mai 1946 fand in der Synagoge eine Gedenkfeier für die ermordeten Juden statt; nach Renovierungsarbeiten wurde das Gotteshaus im Juli 1949 offiziell wieder eingeweiht.

Zudem verwandelte sich die Bleidornkaserne ab Anfang November 1946 in ein Camp für jüdische Displaced Persons, mit einem eigenen Krankenhaus, einem Sportverein, einer Volks-, Berufs- und Religionsschule. Die Gläubigen verfügten auf dem Lagergelände sogar über eine kleine Betstube. Bis zur Schließung im September 1949 warteten hier weit über 1.000 Juden auf ihre Alija nach Erez Israel oder eine Emigration nach Übersee.

Das medizinische Personal des DP-Hospitals Ansbach, Repro: nurinst-archiv

Die Gottesdienste in der Ansbacher Barocksynagoge wurden sowohl von den Juden aus der Stadt als auch von den Lagerbewohnern besucht. Das Vorhaben, auf Dauer eine israelitische Kultusgemeinde in Ansbach zu etablieren, nachdem die große Mehrheit der jüdischen DPs die Stadt verlassen hatte, scheiterte „infolge der antisemitischen Atmosphäre“. Als Beispiel hierfür steht die Friedhofsschändung an Pessach 1950, bei der 24 Grabsteine umgeworfen wurden.

Die Stadtverwaltung Ansbach bietet eine Synagogen-Führung und einen Rundgang über den jüdischen Friedhof an.

Nach der Besichtigung (sowohl Friedhof als auch Synagoge befinden sich im Stadtzentrum) lädt der Traditionsgasthof Mohren mit regionalen Speisen und Getränken zum Verweilen ein.

Anfahrt

Von Nürnberg mit der S 4 oder dem Regionalexpress nach Ansbach
Auf der A 6 Ausfahrt Ansbach oder über die B 14 bzw. B 13

Quellen:

Alexander Biernoth, Ansbachs jüdische Gemeinde, in: Andrea M. Kluxen (Hg.), Juden in Franken 1806 bis heute, Ansbach 2007.
Nathanja Hüttenmeister, Der jüdische Friedhof Ansbach, Ansbach 2008.
Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918–1945. Geschichte und Zerstörung, München 1979.
Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, München 1992.
Jim G. Tobias, Vorübergehende Heimat im Land der Täter. Jüdische DP-Camps in Franken 1945–1949, Nürnberg 2002.

Index – Juden in Franken – ein historischer Überblick

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