Öffentlich Präsentation der Edition der Memorbücher der jüdischen Gemeinden Koblenz und Ehrenbreitstein

Memorbücher sind Totengedächtnisbücher, in denen Namen, Sterbedaten, Verwandtschafts-verhältnisse und Verdienste von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde festgehalten sind. Die Koblenzer Bücher stammen aus einem Zeitraum von knapp 300 Jahren zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert…

In dieser Zeitspanne vollzogen sich unter kurfürstlicher, französischer und preußischer Herrschaft grundlegende politische und wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle sowie religiöse Wandlungen. Koblenzer Juden brachten es zu Hoflieferanten am kurfürstlichen Hof in Ehrenbreitstein und Koblenz. In französischer Zeit war Koblenz für kurze Zeit Sitz des jüdischen Konsistoriums im Rhein-Mosel-Departement. In preußischer Zeit stiegen Kaufleute und Unternehmer, Ärzte und Rechtsanwälte aus jüdischen Familien ins städtische Bürgertum auf.

Der gleichzeitigen Edition der Memorbücher beider benachbarter Gemeinden kommt eine besondere Bedeutung zu. Durch die Gegenüberstellung des umfangreicheren Koblenzer Memorbuchs mit dem Memorbuch der kleineren Nachbargemeinde Ehrenbreitstein lassen sich exemplarisch divergierende Entwicklungen im deutschen Judentum im Laufe des vorletzten Jahrhunderts beobachten. Während die Ehrenbreitsteiner Gemeinde im 19. Jahrhundert am traditionellen orthodox-jüdischen Gottesdienstritus festhielt, entwickelte sich in Koblenz eine bürgerlich-liberale jüdische Gemeinde.

Memorbücher geben wertvolle Einblicke in die Verwandtschaftsverhältnisse jüdischer Familien insbesondere in der Epoche vor Einführung von Zivilstandsregistern. Für die kurfürstliche Zeit stellen sie die wichtigste Quelle zur Erschließung der genealogischen Vernetzung jüdischer Familien dar. Koblenzer und Ehrenbreitsteiner Juden waren durch Heiraten mit Juden aus Bonn und Trier sowie aus dem Mittelrhein-Gebiet und dem Frankfurter Raum weit über den engeren lokalen Raum hinaus verbunden. Insofern stellt die Edition der Memorbücher einen bedeutsamen Beitrag zur jüdischen Familienforschung im Rheinland dar.

Bisher waren die Memorbücher als Quellentexte in den Darstellungen der Geschichte der beiden jüdischen Gemeinden sowie der Koblenzer Stadtgeschichte noch nie berücksichtigt worden. Jetzt können die Selbstzeugnisse jüdischer Personen und Familien seit der Frühen Neuzeit erstmals der historischen Wissenschaft sowie einem interessierten Publikum so vollständig wie möglich zur Verfügung gestellt werden. Insofern stellt ihre Erschließung eine wesentliche Grundlagenarbeit und die Voraussetzung für weitere Geschichtsforschung dar.

Nachdem das Koblenzer Memorbuch nach einem Vierteljahrhundert spurlosen Verschwindens Mitte der 1920er Jahre unvermittelt wiederaufgetaucht war, hatte die Jüdische Kultusgemeinde Koblenz beide Bücher dem damaligen Staatsarchiv zur Aufbewahrung übergeben. Dieser Akt erwies sich in der Zeit des Nationalsozialismus als Glücksfall. Denn im Staatsarchiv haben sie unbeschadet die „Reichspogromnacht“ mit der Zerstörung der Koblenzer Synagoge und der Verbrennung ihres gesamten Inventars überstanden.

Dank der Initiative der Koblenzer Kultur Stiftung hat das Salomon Ludwig Steinheim-Institut in Essen in zweijähriger Arbeit die Online-Edition der Memorbücher erstellt.

Der Leiter des Steinheim-Instituts Prof. Dr. Michael Brocke und Frau Nathanja Hüttenmeister M.A., die die Editionsarbeit geleistet hat, stellen in einer öffentlichen Präsentation das Werk vor.

15. November 2017, um 19.00 Uhr,
im Historischen Rathaussaal der Stadt Koblenz (Eingang Jesuitenplatz)

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