Lost Memories

Aus alten, geschädigten privaten Digitalaufnahmen, die künstlerisch verarbeitet zu neuem Leben erweckt werden, entstehen in der Serie „Memories Lost“ des venezianischen Künstlers Luigi Viola Erinnerungsbruchstücke, die für die Vergänglichkeit des Seins stellvertretend stehen. So in Front of the Sea (siehe Abb. oben), dem größten unter den Bildern mit sehr unterschiedlichen Motiven, die zur Schau gestellt werden. ..

Von Anna Zanco-Prestel

Mal sind es – wie in Snowy Mountain – schneebedeckte Flächen, die eine Landschaft vorübergehend verändern, mal die vielen Glanzlichter, die in Harbour by Night die Dunkelheit erhellen und in einem – auch nur vorübergehenden – Farbenrausch umwandeln. Ein scheinbar in der Luft treibendes Piratenschiff aus einem rasant um sich kreisenden Karussell versinnbildlicht – in einer beinah kindlichen Phantasie in „Pirates ship corrupted“– den Wunsch der Realität zu entfliehen, einem Fernweh zu weichen, das zu einer Fahrt zu unbekannten Ufern einlädt. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit auch in diesen Fällen um misslungene Fotos aus dem Speicher eines weggeworfenen Handys, die rein zufällig wieder entdeckt wurden. Abenteuerlust oder Sehnsucht nach Erholung am Rande eines Schwimmbades oder in einer Sauna, Freude am geselligen Beisammensein im Kreise der Freunde oder der jungen Familie sind wiederkehrende Sujets, die eine Kontinuität mit den Serien aufweisen, die Viola zwischen Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahren unter dem Titel „Alice“ realisiert hat. Einzelne spätere mit Hilfe der neuen Computertechnologie bearbeiteten Fotogramme aus alten Super 8-Filmen, mit denen er auch den Alltag daheim oder draußen festgehalten hatte, fließen Anfang 2000 in eine andere Serie namens „Frames“. Bilder wie plötzlich aus den Tiefen des Gedächtnisses aufgetaucht, die zur Ideenfundgrube für eine „einzige Arbeit werden, die sich durch den Parcours eines ganzen Lebens entfaltet.“

Allgegenwärtig ist auf Violas Bildern – in der einen oder anderen Form – das Wasser. Wasser als Metapher in seinen unterschiedlichen Bedeutungen und ebenso vielen Interpretationsmöglichkeiten. Wasser, das für Fluidität steht, für das rastlose Fließen im Kreislauf der Natur, aber auch für das Fortschreiten der Existenz in ihrem Wettkampf gegen die Zeit selbst. Das Wasser auch als Ursprung alles Lebens und aller Lebewesen und als Sinnbild für Läuterung in geistig-moralischer Hinsicht.

Unvermeidlich für den venezianischen Künstler war es auch auf manche formal eher unbedeutenden – beinah touristischen – Venedig-Aufnahmen zurückzugreifen, die die Stadt als „Emblem eines einzigartigen Modus“ erscheinen lassen, sich „direkt auf dem Wasser anzusiedeln, um zu signalisieren, dass auch dieses außerordentlich schöne Gebilde angegriffen und letztendlich korrumpiert“ werden kann. Die Verderbtheit des visuellen Bildes, die vermeintliche und enttäuschende Fehlbarkeit der Technologie in ihrer nur scheinbaren Übermacht sind miteinander verwandte Themenkomplexe, die dazu einladen, Parallelen zu Prozessen zu ziehen, die unser biologisches Gedächtnis miteinbeziehen, es schädigen oder gar zerstören. Dank eines Procedere, das der Technik der Restaurierung gleichkommt, entstehen aus banalen Momentaufnahmen aus dem Privatleben, die irreparabel geschädigt zu sein schienen, Werke mit einem hohen ästhetischen Anspruch, die zur Reflexion auffordern. Werke, die auch mit den Mechanismen des Gedächtnisses und dessen Verlust, mit Verfall und Verderbnis interagieren, aber auch mit der verlorenen Erinnerung sowie mit der „Stratifizierung historischer und individueller Erinnerung“ an besonders geschichtsträchtigen Orten. Ein Thema, das Viola seit Jahren ganz besonders am Herzen liegt und seine künstlerische Sensibilität immer wieder aufs Neue herausfordert. Damit verbunden bleibt die Frage nach der Identität, die ihn seit Beginn seiner Laufbahn auf verschiedenen Gebieten seines Schaffens – visueller Schreibkunst, Performance, Video und Fotografie – intensiv beschäftigt.

Und Identitäten in einem schwebenden Zustand sind in dieser Reihe die Paare auf den Selfies, die sich – wie vor der Kamera entblößt in einer Ruhepause – ihre eigene Zerbrechlichkeit und Beklommenheit preisgeben.

In den letzten zwanzig Jahren hat die jüdische Erfahrung in ihrer spirituellen und kulturellen Dimension einen immer wichtigeren Platz in Violas Kunst eingenommen. Neben Themen, die mit der Erinnerung verknüpft sind, widmet er seine Aufmerksamkeit der symbolischen Valenz der Reise oder der Landschaft und mehr als alles andere der Sakralität von Leben und Tod. In seinem künstlerischen Experimentieren hört er nie auf, die Komplexität unserer Zeit zu ergründen, in die er unentwegt nach Antworten auf Fragen der Transzendenz und einer Existenz jenseits des irdischen Seins sucht.

Alles dreht sich in der Serie „Lost Memories“- wie bereits auch in anderen Arbeiten – um die Wandelbarkeit, um die Flüchtigkeit der Bilder, die sich aus Scherben des Reellen zusammensetzen. “Gedächtnisbruchstücke, die, ” – wie der Künstler suggeriert – auf eine komplexere Welt schließen lassen, von der sie lediglich einen vorübergehenden Widerschein bzw. ein unvollständiges Bild bewahren, das – fern von jeder Rhetorik – Zeugnis über einzelne Momente einer gelebten Existenz, eines Alltags ablegt, die – angesichts der unerschöpflichen Komplexität des Reellen – allein in der reduzierten Dimension des Fragments festzuhalten sind.“ All dies potenziert zur gleichen Zeit den Sinn des Bildes dank eines Wechselspiels aus Verweisen und Verschiebungen, das dessen unfassbare Substanz beleuchtet. Letzteres besitzt die Fähigkeit, sich – je nach Lage und Gegebenheit – zu verwandeln und somit stets neue Metamorphosen zu generieren, die sich schließlich als ephemere, inspirierende Visionen wie schillernde Geistesblitze entpuppen.

Eröffnung am 21.06.2017 ab 18:00 Uhr
Einführung: Dr. Anna Zanco-Prestel – Kuratorin – 19:00 Uhr

GALERIE FREIRAUM 16
Oefelestr. 13a
81543 München

21.06. – 17.7.2017

Öffnungszeiten während der Ausstellung:

Mo-Fr.: Jederzeit nach Vereinbarung
Sa: 11-18 Uhr

www.galerie-freiraum16.de

Luigi Viola ist ein Multimedia-Artist und Professor an den prestigevollen Kunstakademien Mailand und Venedig. In den 70er Jahren gilt er als Pionier der Videokunst in Italien und ist seitdem aktiv auf dem Gebiet der Konzeptkunst mit Arbeiten der konzeptuellen Schreibkunst, der Performance, der Video-Art und der Fotografie mit Fokus auf das Thema der Identität. Rege internationale Ausstellungstätigkeit u.a. auch an der Kunstbiennale von Venedig. Mitbegründer und Redakteur von namhaften Kunstzeitschriften wie Informazione Arti Visive, Qnst in Venice, Creativa in Genua und Artivisive in Rom. Er lebt und wirkt in Venedig.

Fotos: (c) Luigi Viola

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