Eine Kontextualisierung der Morde an den europäischen Juden

Der Historiker Christian Gerlach will in seinem Buch „Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen“ eine Kontextualisierung des Völkermordes vornehmen. Dabei geht er über eine bestehende eindimensionale Perspektive hinaus, worin das Verdienst seiner Studie zu sehen ist, lässt die Opfer aber meist nur als Zahlenwerk erscheinen…

Von Armin Pfahl-Traughber

Es hat relativ lange gedauert bis ein deutscher Historiker eine Gesamtdarstellung zur Judenverfolgung und -vernichtung im Zweiten Weltkrieg vorlegte. Und es hat noch länger gedauert bis ein deutscher Historiker eine solche mit einer Deutung der Ereignisse verbunden hat. Derart versteht sich das Buch „Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen“, das der an der Universität Bern lehrende Christian Gerlach veröffentlichte. Der Professor für Zeitgeschichte in globaler Perspektive macht darin bereits in der Einleitung deutlich, er biete mehr Analyse als Erzählung und wolle nur wenige exemplarische Geschichten liefern. Dazu nutzte der Autor eine besondere Perspektive, der es eben nicht nur um eine chronologische Darstellung gehe. Das Buch stelle, so heißt es gleich zu Beginn in der Einleitung,  „die Judenverfolgung in den Kontext voneinander abhängiger Maßnahmen bezüglich Kriegsführung, Besatzung und Polizeiüberwachung, sozialer Fragen, Wirtschaft, rassistischer Ideologie und Populärrassismus“ (S. 11).

Damit einher geht die Auffassung, wonach die dominierenden Erklärungen zu staatszentriert seien. Denn die Massengewalt beruhe auf komplexen partizipatorischen Prozessen. Auch bei Akten gegenüber anderen Opfergruppen und Tätern mit einem nicht-deutschen Hintergrund könne dies ausgemacht werden: „Je mehr Opfergruppen ins Bild kommen, desto klarer wird, dass ein breites Spektrum von Personen an der Gewalt beteiligt war“ (S. 21). Diese Blickrichtung prägt das dreiteilige Werk: Zunächst geht es um die „Verfolgung durch Deutsche“, wobei auf die Fehlannahme einer hauptsächlich verantwortlichen Organisation verwiesen wird. Von klaren Befehlen und strikten Hierarchien konnte keine Rede sein, auch nicht von einer fabrikmäßigen Organisation der Vernichtungspolitik. Denn: „In Wirklichkeit war das NS-System teilweise dezentralisiert und erlaubt eine gewisse Flexibilität, informelle Koordination und Autonomie, schuf aber auch Reibungen, weil es Einzelpersonen und Gruppen Raum gab, ihre jeweiligen Interessen zu verfolgen“ (S. 125).

Danach geht es um die „Logiken der Verfolgung“, wobei Gerlach darauf hinweist, dass die Annahme von einem Primat der Judenvernichtung gegenüber der Kriegsführung unangemessen sei. Andere Historiker hatten etwa auf die Eisenbahnzüge für die Judendeportationen verwiesen, welchen vor militärischen Transporten angeblich ein Vorrang eingeräumt wurde. Der Autor behauptet demgegenüber, „dass militärische Notwendigkeiten in Wirklichkeit häufig die Verschiebung von Deportationstransporten erzwangen oder sie sogar ganz stoppten“ (S. 275). Und schließlich steht noch „Die europäische Dimension“ im Mittelpunkt: Dabei wird ein vergleichender Blick auf die Praxis in den besetzten Staaten geworfen. Auch die Ermordung von Kriegsgefangenen und Minderheiten hat dabei einen hohen Stellenwert. In der Gesamtschau geht es Gerlach sehr stark um „den partizipatorischen Charakter der deutschen Gewalt gegen Juden und andere Gruppen“, welcher sich aus den Strukturen der Politik- und Entscheidungsfindung“ (S. 432) herleite.

Dem Autor kommt tatsächlich das Verdienst zu, hier die Kontextualisierung der Judenmorde in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Es wird deutlich, dass eine eindimensionale Entwicklung weder in der Planung noch in der Umsetzung vorhanden war. Dies zeigt: Eingriffsmöglichkeiten zum Gegensteuern bestanden, welche aber von kaum einem Handelnden genutzt wurden. Das komplexe Beziehungsgeflecht von Institutionen wie von Ideologien kann man sowohl im allgemeinen wie im konkreten Wechselverhältnis indessen häufig gar nicht mehr nachvollziehen. Dies ist auch für den Autor und nicht nur den Leser ein Problem. Gleichwohl stoßen die Erkenntnisse wohlmöglich neue Forschungsfragen und Reflexionen an. Gerlach verweist immer wieder auf einschlägige Potentiale. Auffällig ist darüber hinaus bei dem Buch, dass es fast ohne näheres Interesse für die Opfer auskommt. Dies mag durch die Blickrichtung auf das Handeln der Täter motiviert sein. So verschwindet das Leiden vieler Menschen aber hinter der Reihung von Opferzahlen.

Christian Gerlach, Der Mord an den europäischen Juden. Ursachen, Ereignisse, Dimensionen, Beck Verlag 2017, 576 S., Euro 34,95, Bestellen?

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