Von Liturgie bis Oriental Pop

Der neue Jüdische Almanach zum Thema Musik ist da…

Was genau ist „jüdische Musik“? Diese Frage steht am Anfang des neuen Almanachs. Ist das liturgische Musik, Klezmer? Ist Musik jüdisch nur weil ihr Komponist es ist? Die Musikwissenschaftlerin Heidy Zimmermann betont, dass es gerade die Heterogenität, und sogar die Gegensätzlichkeit ist, die „jüdische Musik“ prägen. Entsprechend vielfältig und weit gefächert sind die 21 Beiträge im Buch.

Der Band, mittlerweile der 14. von Gisela Dachs herausgegebene Almanach, ist ihrem 2015 verstorbenen Bruder Robert Dachs gewidmet. Sein Beitrag über Wiener Publikumslieblinge erzählt von jüdischen Textdichtern, Komponisten und Interpreten in Wien, die zwar vertrieben und ermordet wurden, aber deren Musik so beliebt war, dass sie auch von den Nazis nicht ausgelöscht werden konnte. Stattdessen wurden ihre Namen von den Notenblättern getilgt. Der Beitrag ist ein Auszug aus Robert Dachs‘ 1994 erschienenem Buch „Sag zum Abschied…“.

Wie sehr Musik etwas mit Herkunft zu tun hat zeigt das hier erstmals veröffentlichte Gespräch zwischen György Ligeti und Maricio Kagel, das 1990 im Rahmen eines Festivals in Köln stattfand. Beide Komponisten sprechen über Identität und Religion und hinterfragen die Existenz einer „jüdischen Musik“. Maricio Kagel sagt etwa: „Gestern habe ich Mahler gehört und mich gefragt: Ist das jüdische Musik? (…) Das ist eine außerordentlich schwere Frage, die kann Ligeti auch nicht beantworten. Denn wenn er c, cis und g schreibt, denkt er sicherlich überhaupt nicht nach, ob er Jude ist. Ich auch nicht. Keiner von uns wird eine eindeutige Antwort geben.“ Und György Ligeti gibt zu bedenken, dass es jüdische Musik gebe, wie Mussorgskij russische oder DeFalla spanische Musik mache, genau wie auch liturgische Musik. „Ob man bei Mahler oder Feldman, Kagel oder Ligeti etwas Jüdisches findet, nur weil nachträglich weiß, dass sie Juden sind…“.

Andere Beiträge widmen sich u.a. Musik in Theresienstadt, spüren dem Klezmer als teil einer jüdischen Alternativszene in Deutschland nach, berichten von jüdischen Musikern in der islamischen Welt, zeichnen den Lebensweg des Komponisten Abel Ehrlich nach und nehmen Verbindungen wie Jazz, Juden und Afroamerikaner, sowie Jiddischen Tango unter die Lupe.

Abgerundet wird der Almanach wie immer durch eine Fotoserie, diesmal von Vered Navon, die Verkehrsinseln in  Rosch haAyn fotografiert hat, Verkehrsinseln mit Skulpturen von Instrumenten.

Ein sehr lesenswerter Almanach, der zum Schmökern quer durch die Zeiten und Kontinente einlädt.

Gisela Dachs (Hrsg.), Jüdischer Almanach – Musik, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2016, 272 S., Euro 18,00, Bestellen?

 

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