„Indien“ von Israel Cohen im Jüdischen Lexikon von 1927

Unsere Beiträge zur Geschichte der Juden in Indien ergänzen wir mit dem Eintrag „Indien“ aus dem „Jüdischen Lexikon“, und damit aus einem der bedeutenderen jüdischen allgemeinen Wissenskompendien der Jahre vor der Shoa. Wir erinnern damit zugleich an einen Veteranen der zionistischen Bewegung und Autor zahlreicher bedeutender Publikationen, an den Briten Israel Cohen…

Das aus fünf Teilbänden bestehende Jüdische Lexikon(„Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Dr. Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner. Unter Mitarbeit von über 250 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern“) bestand unabhängig neben der noch wesentlich umfangreicheren „Encyclopaedia Judaica“, deren erste Bände ebenfalls ab den 1920er Jahren in Berlin erschienen, die jedoch durch die politischen Umstände nicht weiter als bis zum Buchstaben „L“ geführt werden konnte und die somit ein Fragment blieb. Das Mitarbeiterregister des „Jüdischen Lexikons“ enthält neben der Angabe des Namens, weitere Informationen zu akademischem Grad, Beruf, Zugehörigkeit zu einer Schule, Universität oder anderer Einrichtung des jeweiligen Autors. Der hier interessierende Eintrag „Indien“ stammt von dem weithin anerkannten Verfasser von Berichten zu den Lebensbedingungen von Juden in weiten Teilen der Welt, von Israel Cohen.

Am 24. April 1879 in der britischen Industriestadt Manchester geboren, stand am Anfang von Cohens beruflicher Laufbahn, in den Jahren 1906 bis 1908, eine Anstellung bei der „London Tribune“. Später wechselte er als Sekretär zur British Zionist Federation über (1909-10), um ab 1910 als Mitarbeiter der englischsprachigen Abteilung der World Zionist Organisation (WZO) in Köln und, nach Umzug des Büros der Organisation nach Berlin, dort zu wirken.

Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Deutschland überrascht, wurde er als Angehöriger eines Feindeslandes von den Deutschen in einem Gefangenenlager interniert. Die dortigen Erlebnisse veranlassten ihn, bereits kurz nach seiner noch zu Kriegszeiten, 1916, erfolgten Entlassung und Rückkehr nach Großbritannien, darüber in einer Publikation zu berichten.

In der frühen Nachkriegszeit bereiste Cohen in seiner Funktion als Mitarbeiter der WZO Polen und Ungarn, wo sich damals Pogrome zutrugen, bzw. wo Juden unter schweren Repressalien durch die christliche Mehrheitsbevölkerung zu leiden hatten. In viel gelesenen Darstellungen gab er die angetroffenen Verhältnisse minutiös und engagiert wieder. Bald darauf besuchte er in ähnlicher Funktion, als Berichterstatter, Ägypten, Australien, China, die Mandschurei, Japan, Java, Indien und weitere Länder. 1922 ernannte ihn die WZO zu ihrem Generalsekretär. Auf diesem Posten, den Cohen bis 1929 bekleidete, versorgte er die verschiedenen Gremien und Ausschüsse seiner Organisation mit aktuellstem Material. Auch die Zionisten-Kongresse jener Jahre verließen sich auf seine Angaben. 1931 wurde Cohen, der den akademischen Grad eines Bachelors der philosophischen Fakultät der Londoner Universität inne hatte, Mitglied der Deputiertenkammer der britischen Juden (Board of Deputies of British Jews). Durch seine publizistischen Arbeiten gilt er als einer der Pioniere des zionistischen Journalismus bzw. der zionistischen Publizistik Großbritanniens. Entsprechend reichhaltig fällt die Liste seiner Veröffentlichungen aus, von der hier (im Anhang) nur eine Auswahl wiedergeben werden kann. Israel Cohen verstarb am 27. November 1961 im Alter von 82 Jahren in London.

Indien. Schon in der Bibel finden sich Andeutungen auf Indien. Wenn auch nicht das „Goldland“ Ophir mit Indien identisch sein dürfte, so zeigt doch die Erwähnung des Namens „Hodu“ (Ester 1, 1; 8,9) die Bekanntschaft mit Indien in früher Zeit. Nach Oppert ist das in I. Kön. 10, 22 für „Pfaue“ gebrauchte Wort „tukijim“ alten drawidischen Ursprungs. Im ersten Makkabäerbuch (6, 37; 8, 9) ist von Indern die Rede. Der Talmud erwähnt mehrfach Indien (hinduj = Indien, hindĕwi, hinda.a, hindĕwa.a = indisch) und enthält auch sonst noch mehrfache Andeutungen auf Indien (siehe Neubauer, Géographie du Talmud, 385/6). *Benjamin von Tudela erwähnt die schwarzen J. Indiens. Im Laufe der Jhdte. sind dann ab und zu vereinzelte Nachrichten über die J. in Indien bekannt geworden. Erwähnenswert ist ein Briefwechsel aus dem Ende des 18. Jhdts. zwischen den J. von Malabar und New-York.

Die Anzahl der Juden in ganz Indien wird auf ungefähr 21 000 geschätzt; die wichtigsten Gemeinden sind die in Bombay, Calcutta und Rangoon. Es gibt Weiße und „Schwarze“ (eigentl. Braune) unter ihren Mitgliedern, die ersteren sind reinrassig, die zweiten von gemischter Abstammung.

Die schwarzen J. unterscheiden sich z.T. kaum von den Eingeborenen der Malabarküste. Sie sollen als Abkömmlinge der Hindu-Rasse besser als braune J. bezeichnet werden und haben mit den *Negerjuden nichts zu tun. Sie erheben den Anspruch, die wahren Nachkommen der J. von Cranganore zu sein. Neben einer plumper gebauten „Kaste“ schwarzer J. gibt es vornehmere und feiner gebaute, die bereits einen Familiennamen tragen. Die weißen J. halten sich von den schwarzen fern, verheiraten sich mit ihnen nicht, ja, speisen nicht einmal mit ihnen. (siehe Illustrationen)

Schwarze Juden in Cochin
Schwarze Juden in Cochin

Zu den weißen Juden gehören die sogenannten „Jerusalemer Juden“ von *Cochin, die sich aus europäischen Juden zusammensetzen, und ein Teil der *Beni Israel von Bombay.

Rabbiner der weißen Juden in Cochin
Rabbiner der weißen Juden in Cochin

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Calcutta geht bis auf das Ende des 18. Jhdts. zurück; die bedeutendste Figur jener Zeit war ein Handelsmann namens Schalom David Cohen. Die Gemeinde, die etwa 2000 Seelen zählt, besteht aus Siedlern aus Mesopotamien und Südarabien und deren Nachkommen; aus Europa dürften kaum mehr als 100 stammen. Die dortigen Juden beherrschen drei Sprachen: sie sprechen untereinander das Arabisch ihrer Väter, mit den Eingeborenen hindostanisch und mit den Europäern englisch. Sie sind größtenteils im Handel tätig, sind häufig Schiffer und Makler und stehen mit Europa und allen Teilen des Ostens in geschäftlichen Beziehungen. Die *Sassoons – die „Rotschilds des Ostens“ – sind hier durch Zweigunternehmen der Stammfirmen von David Sassoon & Co. und Elias D. Sassoon & Co. vertreten. Es gibt drei Synagogen in der Stadt, deren älteste vor mehr als einem Jahrhundert von Ezekiel Juda Jacob erbaut worden ist, und zwei jüdische Schulen.

Die Gemeinde von Bombay besteht aus zwei Hauptteilen, den Bagdader Juden und den Beni Israel. David Sassoon (geb. 1792 in Bagdad) gründete 1832 in Bombay die Firma David Sassoon & Co., baute unter Mitarbeit seiner Söhne sein weitverzweigtes Unternehmen als Bankier und Kaufmann des Ostens aus. Die Sassoons begründeten auch hier Synagogen, Schulen und philanthropische Unternehmungen.

Die Beni Israel bilden den größeren und älteren Teil der jüdischen Bevölkerung von Bombay und werden von ihren Bagdader Brüdern als fremder Stamm betrachtet. Ihre Geschichte kann nicht weiter zurückverfolgt werden als bis etwa in die Mitte des 18. Jhdts., ihre Traditionen sind aber weit älter. Sie erheben Anspruch, die Nachkommen von 7 Überlebenden (7 Männer und 7 Frauen) einer Gruppe von Juden zu sein, die vor 1800 Jahren den Verfolgungen in Palästina entfloh und im Indischen Ozean schiffbrüchig wurde. Die Beni Israel zählen heute etwa 15 000 Mitglieder. Für ihren Namen werden zwei Gründe angeführt: erstens, um ihre Abstammung von einem der verlorenen *Zehn Stämme anzudeuten; zweitens, der, daß sie den Namen „Juden“ vermieden, weil er unter den Moslemiten unpopulär war, während der Name „Beni Israel“ im Koran in günstigem Sinne verwendet wird. Die Beni Israel sprechen Marathi ebenso gut wie englisch, die Sprache des Unterrichts und des Gottesdienstes ist hebräisch. Über ihre Sitten und Gebräuche, Beschäftigung und Charakter s(iehe) Art(ikel) Beni Israel.

Neben den erwähnten j. Gruppen gibt es in Indien auch J., die in neuerer Zeit aus *Bagdad, *Persien und *England zugezogen sind. In den Lehren der von Ram Mohan Rai 1830 begründeten indischen Sekte Brahmosomadsch ist u.a. der Einfluß des j. *Monotheismus erkennbar.

Lit.: Israel Cohen, The Journal of a Jewish Traveller, 1925; Oppert, Über die j. Colonien in Indien, in Semitic Studies in Memory Rev. Dr. Alexander Kohut, 1897, S. 396-419; George Alexander Kohut, Correspondence between the Jews of Malabar and New York a century ago, das., S. 420-434; Feist, Stammeskunde der Juden, 1925: VI. Die J. in Indien; Fishberg, Die Rassenmerkmale der J., München 1913; v. Hesse-Wartegg, Die weißen und die schwarzen Juden des südl. Indiens, in O. W. 1912, 3 (mit Illustr.); weitere Lit(eratur) s(iehe) bei Feist und zu den Art(ikeln) Beni Israel und Cochin.

Quelle:

Jüdisches Lexikon. Vier Bände (5 Teilbände), Band III, 1. Aufl., Berlin 1927, „Indien“

Anmerkungen:

Der Lexikontext wurde in seiner Originalschreibweise belassen; * deutet auf einen korrespondierenden Artikel in diesem Nachschlagewerk hin; j = jüdisch; J = Jude(n)

Die Angaben zur Biografie von Israel Cohen stammen aus der Encyclopaedia Judaica, Eschkol – Berlin 1930, aus der Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971 sowie von: http://archive.is/5dLLL bzw. http://www.jta.org/1961/11/28/archive/israel-cohen-author-and-noted-zionist-dies-in-london-was-82

Anhang:

Werke von Israel Cohen (Bücher, Broschüren, Aufsätze, Beiträge – eine Auswahl):

Literature in the Ghetto. A Paper (1905)

Israel in Italien: Eindrücke und Erlebnisse (Berlin 1909)

Zionism & Jewish Ideals: A Reply to Mr. Laurie Magnus (1909)

The Jewish Community (1910)

Zionist Work in Palestine (London 1911)

The Zionist Movement: Its Aims and Achievements (1912)

The Economic Activities of Modern Jewry (1914)

Jewish Life in Modern Times (1914/1929)

The Ruhleben Prison Camp: A Record of Nineteen Months Internment (London 1917/2010)

Antisemitism in Germany / Der Antisemitismus in Deutschland / El Antisemitismo en Alemania / L’Antisémitisme en Allemagne (1918)

Der deutsche Angriff auf die Hebräischen Schulen in Palästina / The German Attack on the Hebrew Schools in Palestine / O Ataque Allemão ás Escolas Hebraicas na Palestina / La Menace Allemande dans les Ecoles Hébraïques en Palestine / El Ataque Alemán contra las Escuelas Hebreas en Palestina (1918)

The Turkish Persecution of the Jews (1918)

(A) Report on the Pogroms in Poland / The Pogroms in Poland: Origin and Extent (London 1919)

The Jewish Question in Poland (1919)

History of the Jews in Vilna (?)

Zionistische Leistung in Palästina: Vier Jahre Arbeit / Tsienisṭisher progres in Eretsiśroel: sakhakl fun fir yor (1922)

The „Conflict“ in Palestine: a Reply to the Secretary of the Palestine Arab Delegation (1922)

Zionist Progress in Palestine: A Four Years Record (1923)

The Journal of a Jewish Traveler (London 1925)

Palestine and the British Tax-Payer (1929)

A Ghetto Gallery (1931)

The Jews in Germany / De Joden in Duitschland / Gli Ebrei in Germania (1933)

The Situation in Palestine (1933)

Recent Progress in Palestine (1934)

The Jewish Tragedy (1934)

Les Progrès Du Sionisme (1935)

Palestine Strides Forward (1935)

Points about Palestine: Facts and Figures (1936)

The Jews in Poland (1937)

What Britain Makes out of Palestine. A Fallacy Exploded (1938)

The Jews in Rumania (1938)

The Progress of Zionism (London 1938/1943)

The Future of Palestine (1939)

The Nazi International (1939)

Mussolini and the Jews (1939)

The Jews in Italy (Reprinted from The Political Quarterly) (1939)

The Jews in France (1941/1942)

Britain’s Nameless Ally: An Account of the Palestinian Jews in the War (London 1942)

The Balfour Declaration: 25 Years After (1942)

Palestine, the Jews, and the War (1942)

Polish Jewry Under Nazi Tyranny. Reprinted from the Quarterly Review, Vol. 278, No. 551, January 1942

Vilna (Philadelphia 1943)

The Doom of European Jewry (1943)

Palestine under Mandatory Regime 1921-1928 (1945)

The Economic Value of Refugees (1945)

The Zionist Movement (1945) / Le Mouvement Sioniste (1946)

The Palestine Problem, Etc. (1946)

The Jews in Europe. Their Post-war Situation. Presented to the Anglo-American Committee of Enquiry by the Board of Deputies of British Jews (1946)

The Plague of Antisemitism (1949)

Contemporary Jewry: A Survey of Social, Cultural, Ecconomic (sic!) and Political Conditions (1950)

A Short History of Zionism (1951)

The Legacy of Leon Pinsker (1952)

The Rebirth of Israel (1952)

Un Popolo Risorge: Storia del Sionismo (1953)

Travels in Jewry (1953)

A Jewish Pilgrimage: The Autobiography of Israel Cohen (1956)

Aharon D. Gordon (1957)

Theodor Herzl: Founder of Political Zionism (1959)

Theodor Herzl: His Life and Times (1959)