„Indien“ von Joshua Gutmann und Cecil Roth in der Encyclopaedia Judaica (1931)

Erfreulich zahlreich sind die Stichworte der Berliner Encyclopaedia Judaica zu Juden in Indien: „Beni Israel“, „Calcutta“, „Calicut“, „Cochin“, „Cranganore“, „Indien“ und „Inquisition“. Der eigentliche Indieneintrag wurde von zwei Autoren bearbeitet, wobei für die frühe Phase der Geschichte J. Gutmann (1890-1963) und für das Mittelalter bzw. die Neuzeit Cecil Roth (1899-1970) gewonnen werden konnten…

Das von herausragenden Fachleuten verantwortete und in hoher Druckqualität ausgelegte Nachschlagewerk aus dem Verlag  Eschkol, dessen Einzelbände ab Ende der 1920er und bis in die frühen 1930er Jahre erschienen, blieb bekanntlich ein Fragment. Es konnte nur bis zum Buchstaben „L“ geführt werden, ehe die politischen Verhältnisse in Deutschland eine Weiterarbeit, oder gar einen Abschluss, unmöglich machten. Als Chefredakteur der Encyclopaedia Judaica wird Dr. Jakob Klatzkin, als dessen Stellvertreter Prof. Dr. I(smar) Elbogen angegeben.

Bedauerlicherweise wurde der Vorname des Lexikonmitarbeiters J. Gutmann im Autorenverzeichnis des Nachschlagewerkes nicht ausgeschrieben angegeben und somit kann nur vermutete werden, dass es sich bei ihm um Joshua Gutmann handelt.

Dieser jüdische Gelehrte wurde 1890 im, damals zum russischen Zarenreich gehörenden, Weißrussland geboren. Er studierte in Odessa an der Slobodka Yeshiva, am Baron-Guenzburg-Institut-für-Orientalische-Studien und an den Universitäten von St. Peterburg, Odessa und Berlin.

1916 bis 1921 war Gutmann in Odessa lehrend tätig, später in ähnlicher Funktion am Hebräischen Lehrerseminar von Wilna. 1923 ging er, wie so viele andere hochgebildete osteuropäische Juden, die dem verheerend wütenden, russischen, polnischen, ukrainischen und litauischen Antisemitismus entgehen wollten, nach Berlin und zählte dort, aufgrund seiner außergewöhnlichen Kenntnisse der Geschichte, bereits zwei Jahre später zum Kollegium der Redakteure und Herausgeber der deutschsprachigen Encyclopaedia Judaica, bzw. des hebräischsprachigen Eshkol-Lexikons. Für diese Nachschlagewerke verfasste er Hunderte von Einträgen zu unterschiedlichen Themen. Darüberhinaus hielt er an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Lehrveranstaltungen ab.

Als Immigrant in Deutschland und somit ohne familiäre Verwurzelung dürfte es Gutmann, nachdem sich das Klima für Juden in Deutschland inzwischen schlimmsten osteuropäischen Verhältnissen angenähert hatte, nicht allzu schwer gefallen sein, 1933 nach Palästina auszuwandern. Hier setzte er seine erfolgreiche Lehrtätigkeit, zunächst an der Reali-Schule in Haifa, später zum Leiter des Hebräischen Lehrerseminars in Jerusalem berufen, fort.

Von 1942 an gehörte Gutmann dem Redaktionsstab des biblischen Lexikons Enzyklopedyah Mikra’it und später auch dem der Encyclopaedia Hebraica an. Ab 1949 schließlich lehrte er an der Hebrew University Judentum im Alten Griechenland („Jewish Hellenistic studies“), sein ganz persönliches Spezialgebiet. 1954 gehörte Gutmann gemeinsam mit M. Schwabe zu den Begründern von „Eschkolot“, einer Zeitschrift für jüdische Altphilologie.

Zu Gutmanns Hauptwerken zählen die beiden ersten Bände von Ha-Sifrut ha-Yehudi ha-Hellenistit (1958-1963), die sich mit dem Judentum im Alten Griechenland befassen. Bis zuletzt schrieb er Beiträge für wissenschaftliche Zeitschriften und Festschriften in hebräischer, russischer und englischer Sprache. Er war außerdem Mitherausgeber der Gedächtnisschrift für Hans Lewy („Sefer Yohanan Levi“ (1949). Gutmans Kenntnisse nicht nur des Judentums, sondern auch der Alten Geschichte befähigten ihn dazu herausragende Beiträge zum Verständnis der hellenistischen Periode der jüdischen Geschichte und Literatur zu leisten. Der unermüdliche Forscher und bedeutende Lehrer verstarb, viel zu früh, im Jahre 1963.

Wesentlich einfacher fällt die Zuordnung des zweiten EJ-Autors, die des britischen Historikers Cecil Bezalel Roth. Dieser wurde am 5. März 1899 in London geboren und nahm bis ins Jahr 1918 hinein als Infanterist aktiv am Ersten Weltkrieg teil. Sein sich anschließendes Studium in Oxford beendete er mit Promotion. Roth hatte sich für den Studiengang Allgemeine Geschichtswissenschaften entschieden, wobei er als seinen Schwerpunkt die Geschichte Italiens setzte.

Als ein nach den Riten des Judentums lebender Brite, der u.a. von seinem Vater Hebräischkenntnisse vermittelt bekommen hatte, interessierte sich Roth selbstverständlich früh auch für jüdische Geschichte; zudem erwarb er sich ein umfassendes liturgisches Wissen. Beides, jüdische Geschichte wie jüdische Liturgie, gab er, zunächst in wissenschaftlichen Arbeiten, dann als akademischer Lehrer, u.a. an seinem ehemaligen Studienort Oxford wirkend, wieder. – Auch als Antwort auf die  Diffamierungen und Herabwürdigungen von Juden und deren Kultur durch das deutsche NS-Regime brachte der Wissenschaftler 1938, im Jahre der Reichspogromnacht, sein Buch The Jewish Contribution to Civilization heraus, das heute noch seine Lektüre wert ist.

Erst nach seiner Emeritierung im Jahre 1964 siedelte Roth nach Israel über, wo er an der Bar Ilan Universität Vorlesungen gab. Mehrfach besuchte er in seinen letzten Lebensjahren die USA, um am Queens College, an der New Yorker City University und am Stern College sein herausragendes Wissen an Studenten weiterzugeben. Außerdem arbeitete Cecil Roth an der ersten Auflage der Jerusalemer Encyclopaedia Judaica mit.

Die Liste seiner schriftlichen Arbeiten umfasst um die 600 Werke. Eine Bibliografie von 1966 zählt allein 574 Titel auf, darunter diverse Übersetzungen in verschiedene Sprachen.

Die Encyclopaedia Judaica von 1971 hebt hervor, dass Cecil Roth in seiner Heimat Großbritannien nicht die Anerkennung zuteil wurde, die er eigentlich verdient hätte und die ihm in anderen Ländern, wie etwa in Italien, in den USA oder in Israel, in Form von Gesten großer Verehrung und hoher Auszeichnungen entgegen gebracht wurde. Roth starb am 21. Juni 1970 in Jerusalem. Sein Bruder Leon Roth war ein gleichermaßen angesehener Akademiker, auf dessen Gebiet, der Philosophie, gewesen.

Es folgt aus dem im Jahre 1931 erschienenen Band 8 der Berliner EJ die Wiedergabe des Stichwortes „Indien“. Der Lexikontext wurde in seiner Originalschreibweise belassen. Der Buchstabe „a.“ nach Jahreszahlen ist die Abkürzung für das lateinische „ante“, zu Deutsch „vor“, also gleichbedeutend mit „vor der Zeitrechnung“; entsprechend steht p(ost) für „nach der Zeitrechnung“; Ibidem = ebenda, am angeführten Ort; idem = derselbe, dasselbe.

Indien. Im Altertum. Schon aus dem 14. Jht. a(nte) lassen sich Beziehungen nachweisen zwischen Stämmen, die in frühgeschichtlicher Zeit ihren Wohnsitz in Indien hatten, und der Bevölkerung Mesopotamiens und Palästinas. In einem Vertrag zwischen dem mesopotamischen Reiche Mitanni (siehe Stichwort Aram Naharajim) und den Hetitern (14. Jht.) werden unter anderen Göttern auch Indra, Varuna und Nasatya als Zeugen für die Heiligkeit angeführt (Weidner, Polit. Dokumente aus Kleinasien, 1923; Götze, Das Hethiterreich, 1928). In dem Amarnaarchiv sind Briefe palästinensischer Fürsten erhalten, die echt indische Namen trugen, wie z. B. Indaruta (Indrauta), König von Achschaf, und Schuwardata (Suryadata), König von Keila (Revue d’Assyriologie 1922, S. 97ff). Die hebräischen Bezeichnungen für Affe (ףוק), „Pfau“ (יבת) und wohl auch „Sandelholz“ (םינוטלא יצע), die schon zur Zeit Salomos in Palästina bekannt waren (I. Kön. 10, 22), sind indischen Ursprungs; vermutlich wurden schon damals Handelsbeziehungen zwischen Indien und Israel, vielleicht durch Vermittlung der Phönizier, unterhalten. Ausdrücklich wird Indien (זדה) in der Bibel nur im Estherbuche zur Bezeichnung der Ostgrenze des persischen Reiches erwähnt (I, 1; 8, 9); der Ausdruck: „von Indien bis Äthiopien“ (ibidem) für die Grenzen Persiens ist der amtlichen Sprache der persischen Reichskanzlei entnommen. In späteren jüd. Quellen bezeichnet Indien die Grenzlinie für die größte Ausdehnung der semitischen Stämme nach Osten hin; dabei ist Indien manchmal wie Eden, kein klarer geographischer Begriff (vgl. Jubil. 8, 21; 9, 2-3). Genauer wird diese Grenze bei Josephus beschrieben (Ant. I, 143, 147), der im Fluß Kophen oder Kophes (mit Kabul, Nebenfluß des Indus von Westen her, zu identifizieren, vgl. Arrian, Ind. I, 1; idem, Arab. IV, 22, 6; V, 1; 1), die Ostgrenze der Jaktaniden sieht. Unter Pischon, dem vierten Fluß des Paradieses, versteht Josephus den Ganges (ibid. I, 38); er sucht auch das Land Ophir in Indien in I. (Ant. VIII, 164), wie die späteren Targumim das Land Chawila (s. Ps.-Jonathan zu Gen. 25, 18). Die in jüd. Quellen enthaltenen Mitteilungen über die Religion der Inder, z. B. das Lob der asketischen Ideale der indischen Weisen bei Philo (Quod omnis probus liber, § 11 ff.) und Josephus (BJ VII, 351 ff.), sind der griechischen Literatur der damaligen Zeit entnommen und zeigen nichts spezifisch Jüdisches.

In talmudischen Quellen wird Indien öfters erwähnt. Verschiedene Zeugnisse deuten darauf hin, daß zwischen den babylonischen Juden und Indien Handelsbeziehungen bestanden. In Sed. OL. R. 30 findet sich eine vielleicht aus jüd.-babylonischen Quellen stammende Liste von Königen, die den Begründer der indischen Mauryadynastie (321 a.) Candragupta (‚Eανδρόχοττος, קודטנס), an sechster Stelle zeigt (Sed. Ol. R. 30). Spätere Quellen erwähnen eine Art Pfeffer, die man aus Indien bezog (Ber. 36a; Joma 81b). Die Mischna spricht von indischem Leinen, das für die Kleider des Hohenpriesters verwandt wurde (Jom. III, 7; vgl. dazu Peripl. Maris Erythraei 6, 31, 41, 48, 63). Aus Ned. 50b ist wohl zu schließen, daß der Verkehr zwischen den jüd. Kaufleuten in Babylonien und Indien auf dem Seeweg erfolgte (s. Gamda). Von den Sagen über die indischen Gymnosophisten, die im Altertum verbreitet waren, sind einige auch im Talmud erhalten; Tam. 31a heißen die Gymnosophisten „die Ältesten des Südens“ (בגנה ינקז; s. Alexander der Grosse).

S. Lévi, Problemes Indo-Hébraiques, REJ LXXXII (1926), S. 49 ff.

J. Gu(tmann)

Mittelalter und Neuzeit. Noch im frühen Mittelalter kamen die Juden mit der indischen Sagenwelt in Berührung. Wie Ibn Esra berichtet, hat ein Jude die indische Vorlage des Fabelbuches „Kalila we-Dimna“ für den Kalifen Es-Saffah (750-755) übersetzt; ein Jahr später sei der selbe Übersetzer nach Indien entsandt worden und habe einen indischen Gelehrten zu dem Kalifen gebracht, der den Arabern u.a. die sog. arabischen Zahlen mitgeteilt habe (vgl. Steinschneider, ZDMG XXIV, 353 ff.). Laut einer legendären Überlieferung hat Abraham Ibn Esra selbst Indien besucht. Im Laufe der Zeit haben indische Sagen einer großen Zahl mittelalterlicher jüd. Erzählungen zur Quelle gedient.

Der älteste Bestandteil des indischen Judentums hatte in Malabar, an der südwestlichen Küste, seinen Wohnsitz. Es besteht Grund für die Annahme, daß jüd. Kaufleute aus Alexandrien in den ersten Jahrhunderten p(ost) an dem Export von Pfeffer und Gewürzen aus diesem Teile des Landes nach dem römischen Weltreich beteiligt waren. Örtlichen Legenden zufolge sind die ersten jüd. Siedler im Jahre 70 a(nte), zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch Titus, nach Malabar gekommen; die historisch beglaubigte Verbindung von Juden mit Indien datiert jedoch aus einer etwas späteren Zeit. Die früheste geschichtliche Urkunde ist die Bronzetafel mit Privilegien für Issuppu Irappan (Josef Rabban), die gewöhnlich mit 750 datiert wird, mit größerer Wahrscheinlichkeit jedoch in das Jahr 1021 zu setzen ist (vgl. REJ LXXXIX, 27f.). Benjamin aus Tudela (1167) wußte von einer Kolonie schwarzer Juden in Indien, die sich durch ihre Wohltätigkeit auszeichneten und eine gewisse Bildung aufwiesen; sie lebten im Umkreise des damals wichtigen Hafens von Khullam oder Quilon, an der Südspitze der Malabarküste. Hier fand sie auch Marco Polo vor. Eine andere Gruppe schwarzer Juden scheint auf der Insel Chennamangalam gelebt zu haben, wo ein Grabstein mit hebr. Datum aus dem Jahre 1581 sel. Aera, d.i. 1269 p., entdeckt worden ist (vgl. Annual Report of the Archeolog. Department of the Cochin State, 1929). Als Khullam seine Bedeutung für den Handel verloren hatte, wurde Calicut zum Handelszentrum, welche Stadt zu Beginn des 16. Jhts. eine ansehnliche jüd. Niederlassung mit eigenen „Fürsten“ aufwies. Die wichtigste jüd. Ansiedlung in Indien am Ausgang des Mittelalters bestand jedoch in Cranganore, wo die Nachfolger des Josef Rabban einen halb unabhängigen Feudalstaat regierten.

Während der Kriege, die nach dem Auftreten der Portugiesen einsetzten (zu Beginn des 16. Jhts.), hörte diese Periode der friedlichen Entwicklung auf. Die Vermutung besteht, daß der eigentliche Zweck der Mission David Reubenis nach Europa darin bestanden habe, Hilfe gegen die benachbarten mohammedanischen Rajah zu erwirken. Die Legende berichtet über einen dynastischen Kampf unter den Juden selbst, in dessen Verlauf eine Intervention von außen erbeten worden sei. Die wirklichen Ursachen sind unbekannt; jedenfalls floh Josef Azar, angeblich der 72. feudale Herrscher über dieses jüdische Fürstentum, mit den Überlebenden nach Cochin, einem kleineren Zentrum, wo sich von da ab die jüd. Siedlung konzentrierte. Der Herrscher, in dessen Abteilungen die Juden fochten, wurde manchmal als „König der Juden“ bezeichnet. Zu dieser Zeit scheint auch eine ansehnliche jüd. Einwanderung aus dem Westen erfolgt zu sein. Die eingewanderten Familien, deren Vorfahren aus Spanien, Marokko, Palästina, Persien, Syrien, Deutschland usw. gekommen waren, gingen in der alteingesessenen jüd. Bevölkerung auf. Es bestand jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen den sog. „weißen“ und den „schwarzen“ oder „emanzipierten“ Juden, die sich aus früheren Sklaven und den Kindern aus Mischehen zusammensetzten. Alle paßten sich schließlich in Kleidung und äußerem Wesen den Landesbewohnern an. Für das Anwachsen der Bevölkerung spricht die Errichtung einer Synagoge im Jahre 1568. Die Leiden der Juden unter der portugiesischen Herrschaft mögen das Auftreten eines „Messias“ in Cochin im Jahre 1613 verursacht haben. Als die Holländer 1662 den ersten Versuch machten, die Stadt zu nehmen, wurden die Juden der heimlichen Sympathie mit dem Feinde beschuldigt und die Synagoge niedergebrannt. Unter der holländischen Herrschaft besserte sich die Lage der Juden. Die Führung der Gemeinde lag in den Händen der Familie Castiel, die erbliche Agenten der Rajahs waren. Auf Samuel Castiel folgte 1640 als Gemeindeältester sein Sohn David, der noch 1686 tätig war. Unter den alteingesessenen Juden war die Familie Zaccai aus Cranganore führend. Andere jüd. Gruppen waren in Attenmacul, Chenotta (Chandamangullam), Ernakulam, Malla und Paroor ansässig.

Erst nach dem Einzug der Portugiesen in Indien wurden Beziehungen zwischen den Juden in Malabar und denen des Westens angeknüpft. R. David b. Salomo Ibn Simra in Kairo erhielt aus Indien eine Anfrage betr. Kinder aus Verbindungen zwischen Juden und heidnischen Sklavinnen. Im Jahre 1618 weilten Isaak und Abraham Almosnino aus Fez in Cochin (Arquivo da Torre do Lisboa, Proz. 5393). Mose Pereira de Paiva aus Amsterdam, der 1686 nach Cochin kam, stellte regelrechte Beziehungen zwischen den dortigen Juden und den westlichen Ländern her. Aus Holland wurden Bücher und Torarollen nach Cochin gesandt. In Holland erschienen 1757 und 1769 die Gebete des Ritus von Cochin im Druck. Wohl dank diesen Beziehungen zu Holland wurde die sefardische Liturgie in Cochin heimisch; es bestehen aber viele charakteristische kleine Abweichungen. Die Hymnen der Cochiner Juden sind mehrfach veröffentlicht worden; viele haben örtliche Dichter zu Verfassern.

Ein anderer alteingesessener Teil der indischen Juden sind die „Beni Israel“ in Bombay und Umgebung, die anthropologisch von der sie umgebenden Bevölkerung fast nicht zu unterscheiden sind. Ihr Ursprung ist in Dunkel gehüllt; möglicherweise sind sie Nachkommen der samaritanischen Aufständischen, die durch Justinian nach Indien als Sklaven verkauft wurden (vgl. Gibbon, Decline and Fall, Kap. XLVII). Nachdem sie zum großen Teil ihre Überlieferungen vergessen hatten, soll ein Jude aus Cochin, David Rahabi, im 10. Jht. eine religiöse Neubelebung bewirkt haben. Eine zweite religiöse Renaissance erfolgte im 19. Jht. dank den Bemühungen von Samuel Ezekiel Divekar, der die erste „Beni-Israel“-Synagoge 1796 erbaute, und Salomo Shurabi, einem fremden Rabbiner, der durch Schiffbruch dorthin gelangte. Der traditionelle sefardische Ritus ist unter ihnen vorherrschend. Zur Zeit der Ostindischen Kompagnie wurden viele von den „Beni Israel“ Berufssoldaten. Ihre Muttersprache ist das Mahratti, in dem Lehr- und Religionsbücher veröffentlicht wurden. Die „Beni-Israel“ sind in der ganzen Präsidentenschaft Bombay verbreitet – Gemeinden bestehen in mehr als zwölf Plätzen – und auch in Aden anzutreffen. Zahlenmäßig sind sie der wichtigste Teil der indischen Judenheit.

Europäische Juden tauchten in Indien zum ersten Male zur Zeit der portugiesischen Herrschaft auf. Vasco da Gama traf dort 1498 einen Juden aus Posen, Gaspar de Gama (siehe dort) an. Auch Marannen kamen nach Indien. In Goa wurde 1543 ein Jeronimo Diaz, wie es scheint ein Maranne, wegen ketzerischer Äußerungen verbrannt; die Inquisition, offiziell in Goa 1561 eingesetzt, verurteilte bis zum Jahre 1623 3800 Personen, darunter viele wegen Anhänglichkeit zum Judentum. Der Schneider und Kaufmann Manuel Rodrigues wurde 1557 unter der Anschuldigung, jüd. Riten befolgt zu haben, nach Lissabon zur Untersuchung geschickt, wo er vier Jahre später in einem Autodafé-Prozeß figurierte. Besonders hatten die Marannen in Goa unter dem Inquisitor Bartolomeus de Fonseca zu leiden; in den Jahren 1557 und 1578 büßten je 17 ihr Leben ein. Einige Marannen schlossen sich in Cochin der jüd. Gemeinde an, unter ihnen Manuel Lopez, ein Arzt aus Oporto, und der Chronist Antonio Bocarro, die jedoch später nach Portugal zurückkehrten und sich mit der Kirche versöhnten. In Madras entstand unter englischer Herrschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jhts. eine kleine jüd. Gemeinde, deren Mitglieder z. T. aus Spanien und Portugal, z. T. aus nördlichen europäischen Ländern stammten (vgl. Barrios, Historia Real de la Gran Bretaña, S. 56: Sexta[01] en Madras Patan se verifica); Dominga da Porto, alias Abraham Israel da Porto, eine der führenden Persönlichkeiten während der Neuansiedlung der Juden in England, ließ sich 1691 in Indien nieder. Um dieselbe Zeit lebten einige portugiesische Juden in Fort St. George (d. i. Calcutta), und zwar Jacob Jessurun Alvarez, John Mendes da Costa u. a. Die Ausfuhr indischer Diamanten nach Europa lag fast ganz in ihren Händen.

Ausgang des 17. Jhts. kamen auch Juden aus Bagdad und Persien nach den englischen Siedlungen, zuerst nach Surat (wo Jacob Semah sich 1680 niederließ und bald eine Synagoge erbaut wurde), später nach Calcutta, Poona und anderen Orten. Die angesehenen und wohlhabenden Familien Sassoon, Ezra, Ezekiel, David sind besonders zu nennen. Sie verpflanzten nach Indien die charakteristischen Institutionen der Bagdader jüd. Gemeinde und bedienten sich lange Zeit des Arabischen als einer halb-geheiligten Sprache; von den „Beni Israel“ und den Cochin-Juden, die sie als minderwertig ansahen, hielten sie sich fern.

Die aschkenasischen Juden, die in neuester Zeit nach Indien eingewandert sind, leben in den größeren Städten, haben aber kein Gemeindeleben entfaltet. Von den angesehensten sind zu nennen der 1930 verstorbene Bakteriologe Waldemar M. Haffkine (siehe dort), der an der Bekämpfung der Pest arbeitete, A. J. Chotzner, ein Gerichtsbeamter in Calcutta, Sir Philip Hartog, Vizekanler der Universität in Dacca, und Lord Reading, Vizekönig von Indien in den Jahren 1921-1926. Edwin Montague, Staatssekretär für Indien, war der Urheber der neuen konstitutionellen Versuche der indischen Regierung. – Die jüd. Bevölkerung Indiens einschließlich Adens beträgt gegenwärtig (1931) 21 500 Seelen, darunter 15 000 Beni Israel, 2000 Juden in Malabar und Cochin, 3500 Juden aus Bagdad. Siehe Beni Israel, Bombay, Calcutta, Calcut, Cochin, Cranganore; Inquisition.

J.H. Lord, The Jews of India 1907; Herbert Loewe, in Cambridge History of India II; G. Oppert, in Semitic Studies in Memory of A. Kohut, S. 403-419; S. Mendelssohn, Jews in Asia 98ff.; M. Pereyra de Paiva, Notisias dos judeus de Cochim 1687; Il. Ed. M. B. Amzalak, Lissabon 1923; Rebecca Reuben, The Beni Israel of Bombay, Cambridge 1913; The Beni Israel Annual and Year-Book, Bombay 1918ff.; A. Marx, REJ LXXXIX, 293-304; Sylvain Lévi, ibid. 26-32; P. de Azevedo, O Bocarro frances e os judeus de Cochim e Hamburgo, in Arch. Hist. Portugues, VIII, 186; A. B. Salem; Cochin Jew Town Synagogue (Ernakulam, 1929); S. R. Samuel, The Beni Israel of India, in Jew. Lit. Annual 1905; A. Goldstein, Beni Israel be-Hodu, Reschummot VI, 55; E. N. Adler, Von Ghetto zu Ghetto; Correa, Lendas das Indias I, 656 f., 900; II, 785 f.; III, 762, 772; IV, 157f., 708; Arturo Bab, Jüd. Familiennamen in Südindien am Ausgange des 17. Jhts., Mitt. D. Ges. f. jüd. Familienforschung VI (1930), S. 217ff.; Wolf, JQR I, 409f.; I. A. Isaac, A short account oft he Calcutta Jews (Calcutta 1917); Rinman, Massaot Schelomo; Jakob Saphir, Eben Sappir; I. Abrahams, The Words of Gad the Seer, in Poznański-Gedenkschrift 8f. Über eine Handschrift aus Cochin); Neubauer, Catalogue of the Hebrew Mss. In the Jews‘ College, London § 53.

C(ecil) R(oth)

Anmerkungen:

Die Angaben zur Biografie von Joshua Gutmann stammen aus der Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971; weiterführende Informationen siehe A. Fuks, S. Safrai, M. Stern; Al Profesor Yehoshu’a Gutmann; Jerusalem (1964) sowie:

http://trove.nla.gov.au/people/1121187?c=people

https://www.google.de/search?hl=de&tbo=p&tbm=bks&q=inauthor:%22Joshua+Gutmann%22&source=gbs_metadata_r&cad=3

http://www.worldcat.org/title/al-prof-yehoshua-gutman-devarim-she-neemru-le-zikhro/oclc/54220246

http://www.worldcat.org/title/sifrut-ha-yehudit-ha-helenistit-beginnings-of-jewish-hellenistic-literature/oclc/37535945

http://catalog.hathitrust.org/Search/Home?lookfor=%22Gutman,%20Yehoshua,%201890-1963.%22&type=author&inst

http://archive.is/ujWUQ

Werke von Joshua Gutmann(Auswahl):

הספרות היהודית־ההלניסטית by Yehoshua Gutman
9 editions published between 1958 and 1963 in Hebrew and English

ספר יוחנן לוי : מחקרים בהלניסמוס יהודי לזכרו של יוחנן לוי
1 edition published in 1949 in Hebrew

פרקי הלכה
4 editions published between 1938 and 1939 in Hebrew

הספרות היהודית־ההלניסטית by Yehoshua Gutman
in Hebrew

Sefer Yohanan Leṿi : meḥḳarim be-Helenismus Yehudi le-zikhro shel Yoḥanan Leṿi
1 edition published in 1949 in Hebrew

אודיסיה by Homer
4 editions published between 1942 and 1952 in Hebrew

Toldot Yiśra‘el : teḳufat ha-bayit ha-sheni : ḳovets hartsa‘ot by Joshua Gutmann
1 edition published in 1954 in Hebrew

Meḳorot le-toldot Yisrael me-ḥurban bayit shenei ‘ad mered galut by יהושע גוטמן
1 edition published in 1957 in Hebrew

ha-El ha-Kena‘ani Shadrafa u-mahuto by Yehoshua Gutman
1 edition published in 1949 in Hebrew

ha-Sifrūt ha-Yehūdīt ha-Helenīsṭīt : ha-Yahadūt ṿeha-Heleniyūt li-feney teqūfat ha-Ḥas︠h︡mōna‘īm by Yehoshua Gutman
1 edition published in 1958 in Hebrew

Die Angaben zur Biografie von Cecil Roth stammen aus der Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971 sowie von

http://de.wikipedia.org/wiki/Cecil_Roth

http://en.wikipedia.org/wiki/Cecil_Roth

http://www.oxfordchabad.org/templates/articlecco_cdo/aid/457404/jewish/Cecil-Roth.htm

http://www.iamthewitness.com/books/Cecil.Roth/A.History.of.the.Jews.in.England/

http://www.oxfordjewishheritage.co.uk/resources/further-reading/170-cecil-roth-1899-1970

http://onthemainline.blogspot.de/2013/04/a-defense-of-cecil-roth-against-charge.html

http://muse.jhu.edu/login?auth=0&type=summary&url=/journals/modern_judaism/v021/21.3krome.pdf

http://menachemmendel.net/blog/attacking-cecil-roth/

http://en.wikiquote.org/wiki/Cecil_Roth

http://www.elyosoy.com/uploads/4/3/2/8/4328985/ahistoryofthemarranos.pdf

http://www.jta.org/1970/06/23/archive/dr-cecil-roth-authority-on-jewish-history-dies-of-cancer-at-the-age-of-71

http://alfassa.com/cecilroth.html

https://archive.org/details/jewishcontributi00roth

https://www.goodreads.com/author/show/106367.Cecil_Roth

Werke von Cecil Roth (Auswahl):

The Last Florentine Republic (1925)

The Jews of Malta (1931)

A History of the Marranos (3 Bde.; 1932…1974)

Life of Menasseh Ben Israel (1934)

Roth Haggadah (1934)

A Short History of the Jewish People (1936)

Magna Bibliotheca Anglo-Judaica: a Bibliographical Guide to Anglo-Jewish History (1937)

The Spanish Inquisition (1937, 1964, 2004)

Anglo-Jewish Letters. 1158-1917 (1938)

The Jewish Contribution to Civilization (1938, 1941)

History of the Great Synagogue (of London)

Haggadah (gemeinsam mit Arthur Szyk; 1940)

History of the Jews in England (1941, 1964)

History of the Jews in Italy (1946)

The House of Nasi (2 Bde.; 1947/48, 1969, 1992)

Intellectual Activities of Medieval Anglo Jewry (1949)

The Rise of Provincial Jewry (1950)

A. Marx Jubilee Volume (1950)

Personalities and Events in Jewish History (1953)

History oft he Jews / A Bird’s-Eye View of Jewish History (1954)

Geschichte der Juden von den Anfängen bis zum Staate Israel (1954, 1959, 1964)

Geschichte der Marranen (1959)

The Jews in the Renaissance (1959)

Standard Jewish Encyclopaedia (als Herausgeber; 1959)

Jewish Art. An Illustrated History (1961, 1971)

Essays and Portraits in Anglo Jewish History (1962)

Die Kunst der Juden (2 Bde. 1963-64)

Dead Sea Scrolls (1965)

Der Anteil der Juden an der politischen Geschichte des Abendlandes (1965)

Gleanings, Essay in Jewish History and Art (1967)

Das Volk der Juden. 4000 Jahre Kampf ums Überleben. Eine Universalgeschichte (gemeinsam mit Max Wurmbrand; 1980, 1989, 1999)

Juden in Indien im Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Judentum_in_Indien

http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_India

http://fr.wikipedia.org/wiki/Histoire_des_Juifs_en_Inde

http://tr.wikipedia.org/wiki/Hindistan%27daki_Yahudilerin_tarihi

http://it.wikipedia.org/wiki/Storia_degli_ebrei_in_India

http://es.wikipedia.org/wiki/Juda%C3%ADsmo_en_la_India

http://www.jewishencyclopedia.com/articles/8104-india

http://adaniel.tripod.com/jewishnames.htm

http://www.worldjewishcongress.org/en/communities/show/id/8

http://www.youtube.com/channel/UCoDwtVzOz64n26B64NRKi3Q

http://www.sueddeutsche.de/politik/juden-in-indien-wir-hatten-nie-angst-bisher-1.363194

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2528

http://www.shalom-magazine.com/Article.php?id=240211

https://puls.uni-potsdam.de/qisserver/rds;jsessionid=20A1E28D7EA14121FE16D1A35482E052.node9?state=verpublish&status=init&vmfile=no&publishid=10480&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung

http://www.swr.de/international/de/-/id=233334/nid=233334/did=12261178/1pociw9/index.html

http://www.jafi.org.il/JewishAgency/English/Jewish+Education/German/Israel+und+Zionismus/Konzepte/Israel-Diaspora/Israel-Diaspora+12.htm

http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3835.general-gouverneur-gentleman.html

http://www.israel-nachrichten.org/archive/2202

http://www.mz-web.de/panorama/indien-hitler-restaurant-veraergert-juden-in-indien-und-im-ausland,20642226,18993590.html

http://israel.nahost-politik.de/israel-nachrichten/news/indien.htm

http://www.david.juden.at/kulturzeitschrift/50-54/Main%20frame_Artikel50_Rosch.htm

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/vjw/India.html

http://www.haaretz.com/jewish-world/jewish-world-news/1.553350

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  1. sc. Sinagoga []