Indien: „Beni Israel“ von Louis Lewin im Jüdischen Lexikon von 1927

Das „Jüdische Lexikon“ enthält neben seinem Eintrag „Indien“ noch drei weitere Stichworte, unter denen Informationen zu indischen Juden abrufbar sind, „Beni Israel“, „Cochin“ und „Sassoon“. Als Verfasser des „Beni Israel“-Eintrags wird der Breslauer Rabbiner und rastlose Erforscher des Judentums Louis Lewin (1868-1941) angegeben…

Erschienen ist das aus fünf Teilbänden bestehende „Jüdische Lexikon („Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Dr. Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner. Unter Mitarbeit von über 250 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern“) im Jahre 1927 in Berlin. Unter dem Autorennamen Louis Lewin ist als Wohnort Breslau und ansonsten lediglich „Dr. phil., Rabbiner“ angegeben.

Recherchen unter dem Namen Louis Lewin fördern rasch zutage, dass es zwei Träger dieses Namens gab, die beide aus heute polnischen Städten stammten, die in etwa zur selben Zeit lebten und die, jeder auf seinem Gebiet, angesehene deutschsprachige, jüdische Gelehrte waren. Der ältere Louis Lewin (1850-1929) stammte aus Tuchel, Westpreußen und war Arzt, Pharmakologe, Toxikologe sowie Schriftsteller.

Der jüngere, und als Autor des Lexikoneintrags „Beni Israel“ in Frage kommende Louis Lewin, wurde 1868 in Znin in der Provinz Posen (Poznan) geboren, verbrachte jedoch seine Kindheit in Frankfurt am Main. Nach Absolvierung des Rabbinerseminars in Berlin und Abschluss seines Studiums an der Universität Heidelberg (1893) wurde er zunächst als Religionslehrer in Frankfurt am Main tätig.

Seine erste Stelle als Stiftsrabbiner trat Lewin im Posener Land, im Regierungsbezirk Bromberg, in Hohensalza (Inowrocław) an. Es folgten Versetzungen als Rabbiner, 1897 nach Pinne (Pniewy) bei Posen, 1905 nach Kempen (Kępno) und 1920 in das oberschlesische Kattowitz (Katowice).

Zu dem, in jenen Jahren erlebten, polnischen Antisemitismus, der zum Teil lebensbedrohliche Formen annahm, enthält u.a. die Lewin-Biografie auf der Webseite der New Yorker Yeshiva University nähere Angaben.

1925 bis 1937 hatte Lewin die Stelle des Direktors eines jüdischen Erziehungsheimes („Rhedigerheim“) in der, damals zu Deutschland gehörenden, niederschlesischen Hauptstadt Breslau (Wrocław) inne, während er zugleich als Rabbiner der Breslauer Abraham Mugdan Synagoge wirkte, als Berater des Jüdischen Museums, ebenfalls in Breslau, tätig war, und zum Redaktionskollegium der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums gehörte.

Nachdem bei der Reichstagswahl im März 1933 die NSDAP in Breslau die absolute Mehrheit errungen hatte, nachdem ebenfalls 1933 in Breslau-Dürrgoy ein KZ errichtet worden war und nachdem die judenfeindlichen Akte, die von Deutschen ausgingen, bald die der Polen noch übertrafen, wanderte Louis Lewin im Jahre 1937 nach Palästina aus.

Wie sich spätestens im darauffolgenden Jahr zeigen sollte, gerade noch rechtzeitig. Denn christliche Deutsche töteten, verletzten, beraubten und demütigten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 (Reichspogromnacht) ihre jüdischen Landsleute und sie zerstörten die Breslauer Neue Synagoge vollständig. Heute erinnert am Tatort folgende Inschrift in hebräischer, polnischer und deutscher Sprache an die Barbarei: „Sie legten an dein Heiligtum Feuer, entweihten die Wohnung deines Namens bis auf den Grund. (Ps 74, 7)“

Von 1939 bis zu seinem Tode im Jahre 1941 lebte Louis Lewin im von polnischen Chassidim 1924 gegründeten Bnai Brak (Bnei Brak, nordöstlich von Tel Aviv, Ballungsgebiet Gusch-Dan, heute ein Hauptzentrum des Tora-Studiums und vorwiegend von Haredim bewohnt).

Den wertvollsten Besitz, Lewins, er hatte die Jahre über Abschriften seltener, inzwischen vielfach verschollener, Schriften hergestellt, zudem Manuskripte, Briefe und anderes Material gesammelt, konnte dessen Sohn Daniel Lewin (ebenfalls Rabbiner) in den späten Dreißiger Jahren nach London bringen lassen. Dort wurde er 1948 von der New Yorker Yeshiva Universität erworben und befindet sich heute in deren Besitz.

Beni Israel, Juden in Bombay (Ostindien), nach der Volkszählung von 1921 rund 15 000, fast ¾ der gesamten J. *Indiens, von denen sie sich in mancher Hinsicht unterscheiden. Ihre Bevölkerungsziffer bewegt sich neuerdings aufwärts. Sie ähneln in ihrem Äußeren den *jemenitischen J. und tragen zum Teil heute noch die charakteristischen Peot (Schläfenlocken). Sie sprechen das Mahratti, eine einheimische Mundart, und stammen nach einer Version aus Ehen mit Eingeborenen, die zum J.-tum übertraten. Diese Annahme wird aber von ihnen mit aller Entschiedenheit bestritten, ja sie blicken auf die aus Mischehen herrührenden  „schwarzen J.“ (Kala Jisrael) mit Geringschätzung herab, verheiraten sich nicht mit ihnen und speisen nicht mit ihnen. Nach ihrer Tradition stammen sie von den *“Zehn Stämmen“, nach anderen Annahmen sind ihre Ahnen nach der *Zerstörung des ersten Tempels oder zur Zeit der Verfolgungen des *Antiochus Epiphanes ins Land gekommen. Obwohl stark assimiliert und der Tradition entrückt, halten sie doch an j. Gebräuchen (*Sabbat und *Bĕrit mila) fest. Von der hebr. Sprache haben sie nur die Worte „Schĕma Jisrael“ bewahrt, die in ihren Gebeten immer wiederkehren. Die *Speisegesetze beobachten sie zum Teil. So ist der Genuß von Schweinefleisch verpönt. Sie kennen die meisten j. Feste, wenn auch unter anderen Namen. So ist das „Fest der Schließung des Tores“ identisch mit dem *Jom kippur; sie fasten an diesem Tage, verbringen ihn in ihren verschlossenen Häusern, meiden jede Berührung mit den Nachbarn und kleiden sich in weiße Gewänder. Sie sind Handwerker oder Soldaten im Eingeborenenheere, aus denen die Engländer gern ihre Offiziere wählen. Sie sind fleißig, lernbegierig und hochintelligent. Sie besitzen ein Waisenhaus, eine Bibliothek, Synagogen, eine Schule, eine Zeitung für die niederen und eine Zeitschrift für die höheren Schichten. Von den Eingeborenen werden sie „Sabbat-Ölpresser“ genannt. In Aden lebt eine Kolonie von etwa 300 Seelen. Der Anglisierungsprozeß hat auch sie erfaßt.

Lit.: Sammelblätter j. Wissens, S. 80b, Beilage zu „Der Orden Bne Briß“, Berlin 1927; JE III, 17 ff. (mit Abbild.); OY IV, 113 ff. (mit Abbild.); A. Goldstein, in „Haolam“ 1927, No. 15/6.

Quelle:

Jüdisches Lexikon. Vier Bände (5 Teilbände), Band I, 1. Aufl., Berlin 1927, „Beni Israel“. Der Lexikontext wurde in seiner Originalschreibweise belassen; * deutet auf einen korrespondierenden Artikel in diesem Nachschlagewerk hin; j = jüdisch; J = Jude(n).

Beni Israel im Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Beni_Israel

http://en.wikipedia.org/wiki/Bene_Israel

http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%91%D0%BD%D0%B5%D0%B9-%D0%98%D1%81%D1%80%D0%B0%D1%8D%D0%BB%D1%8C

http://www.jewishencyclopedia.com/articles/2944-beni-israel

http://adaniel.tripod.com/beneisrael.htm

http://www.youtube.com/watch?v=lJ9pZnnHlKs

http://www.youtube.com/watch?v=Bz1kv2L_UwA

http://www.youtube.com/watch?v=aH6vIesklCo

http://www.youtube.com/watch?v=vgQ2gDe8z10

http://www.youtube.com/watch?v=T9IbdXMwi8E

Anmerkungen:

Die Angaben zur Biografie von Louis Lewin stammen aus der Encyclopaedia Judaica, Eschkol – Berlin 1934, aus der Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971 sowie von: https://www.yu.edu/libraries/memorbuch/Biography-LL/

Louis Lewins eigene Veröffentlichungen beschäftigten sich besonders mit der Geschichte der Juden in Großpolen (Wielkopolska) und der Provinz Posen (Auswahl):

–          Rabbi Simon ben Jochai, ein historisches Zeitbild (Dissertation, 1892)

–          Geschichte der Juden in Inowrocław (1900)

–          Die Judenverfolgungen im 2. schwedisch-polnischen Kriege (1901)

–          Aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde in Pinne (1903)

–          Ein großpolnischer Bericht aus der Zeit des 1. schwedischen Krieges (1904)

–          Geschichte der Juden in Lissa (Leszno) (1904)

–          Neue Materialien zur Geschichte der Vierländersynode (1905, 1906, 1916)

–          Der Stadlan im Posener Ghetto (Festschrift Feilchenfeld, 1907)

–          Deutsche Einwanderungen in polnische Ghetti (1907)

–          Beiträge zur Geschichte der Juden in Kalisch (1909)

–          Jüdische Ärzte in Großpolen (1911)

–          Die Ländersynode der großpolnischen Judenschaft (1926)

–          Geschichte der isr. Krankenversicherungsanstalt und Beerdigungsgesellschaft zu Breslau (1926)