Strenge Liebe

Sieben Monate nach Barack Obamas Sieg bei den Präsidentschaftswahlen ist weiter unklar, was das neue strategische Ziel der USA ist: das iranische Atomprogramms zu stoppen oder sich mit einem atomaren Iran abzufinden. Auch ist unklar, was die neue amerikanische Vision für den Nahen Osten ist: ein realistischer Teilfrieden oder ein voller und unrealistischer Frieden…

Von Ari Shavit, Haaretz v. 02.07.09

Noch ist unbekannt, ob die Vereinigten Staaten Obamas beabsichtigen, die Extremisten des Nahen Ostens zu isolieren oder sie anzuspornen. Unbekannt ist ihr Verhältnis zu Hamas, Hisbollah, Syrien und dem Iran. Auch ist unbekannt, ob sie als Sieger oder Besiegte aus dem Irak abziehen werden. In einem Punkt allerdings gibt es keinen Zweifel: In allem, was mit Israel zu tun hat, haben sich die Vereinigten Staaten die Strategie der strengen Liebe zu Eigen gemacht.

„Strenge Liebe“ ist ein beladener Begriff. Er hat pädagogische, emotionale und mitunter erotische Konnotationen. Ihm wohnt der patriarchalische Glaube inne, dass der Erzieher besser weiß als der zu Erziehende, was gut für diesen ist. Daher wird er traditionell mit geschlossenen Erziehungseinrichtungen, mit ausbeuterischen Herrschaftssystemen und bevormundendem Konservativismus identifiziert. Und doch hat die strenge Liebe jüngst gerade in liberalen Kreisen in Washington und New York Hochkonjunktur. Demokratische Meinungsführer – viele davon Juden – haben begonnen, mit leuchtenden Augen von der Notwendigkeit yu sprechen, Israel mit Strenge zu lieben. Es zu zähmen, es zu entwöhnen, ihm Grenzen aufzuzeigen. Es zu seinen Gunsten gegen seinen Willen zu zwingen.

Israel hat seinerseits nicht wenig dafür getan, um jenen in Hände zu spielen, die sich in strenger Erziehung üben. Die verwöhnte israelisch-amerikanische Prinzessin hat ihre Stellung als Augapfel Onkel Sams ausgenutzt. Jahrelang hat sie die amerikanische Regierung genarrt und sich mit Siedlungen, Kontrollpunkten und illegalen Außenposten ausgetobt. Mit ihrem zügellosen Verhalten hat sie jedes Joch abgeschüttelt und die Guten und Anständigen in der amerikanischen Hauptstadt erzürnt. Daher haben, als Barack Obama und Emanuel Rahm ins Weiße Haus einzogen, viele ihnen empfohlen, die Stürmische zu zügeln. Der Präsident und sein Stabschef haben die Empfehlung begeistert aufgenommen. Für die zwei starken Kerle aus Chicago klang die Idee, Israel hart und schmerzhaft zu lieben, cool.

Die Resultate kann man auf den Bildschirmen auf der ganzen Welt betrachten: eine amerikanische Politik englischer Erziehung. Eine Diplomatie öffentlicher Missachtung. Die neuen Vereinigten Staaten versuchen Israel seine schlechten Gewohnheiten mit dem Lineal des Lehrers abzugewöhnen. Während sie sich vor Saudi-Arabien verneigen und um die Ehre des Iran besorgt sind, erniedrigen sie Israel. Die Füße auf dem Tisch des Präsidenten sind die Botschaft. Das Ziel ist ein wohlerzogenes und gehorsames Israel.

Die USA sind eine Supermacht. Wenn sie Israel in Stücke gebrochen haben wollen, kriegen sie Israel in Stücke gebrochen. Die Kollision zwischen einem Panzer und einem Traktor. Zwischen einem Tarnkappenbomber und Segelflugzeug. Aber die Frage, die das Weiße Haus sich fragen muss, ist, ob ein Zertreten Israels ihm dient. Ob ein gebrochenes Israel im Interesse der USA liegt.

Die Antwort ist eindeutig: Nein, schon jetzt schadet die öffentliche Erniedrigung Israels Amerika. Sie sorgt dafür, dass die gemäßigten Araber nicht bereit sind, etwas zur Förderung des politischen Prozesses beizutragen. Ohne signifikanten arabischen Beitrag wird es keinen politischen Prozess geben. Eine Fortsetzung der strengen Erziehung Israels würde jedoch noch viel schwereren und unumkehrbaren Schaden anrichten. Ohne ein starkes Israel wird es keinen Frieden geben und wird kein Frieden überleben im Nahen Osten. Ohne ein starkes Israel wird der Nahe Osten in Flammen aufgehen. Daher sollten Amerikaner und Israelis, anstatt Machtspiele in Rekrutenart zu spielen, in Harmonie agieren. Sie müssen sich vom Schubladendenken verabschieden, um eine kreative Lösung zu initiieren, die auf gegenseitigem Zuhören und gegenseitigem Respekt beruht. Sie müssen gemeinsam einen wirklichen regionalen Frieden voranbringen.

Die Zeit ist knapp. Sowohl die Obama-Administration als auch die Regierung Netanyahu haben in den vergangenen Minuten schwere Fehler begangen. Aber letztlich sind sowohl Obama als auch Netanyahu würdige Staatsmänner, die das Richtige tun wollen. Daher müssen beide das gefährliche Spiel, das sie spielen, beenden. Es ist Zeit, die strenge Liebe gegen eine reife und vernünftige Liebe einzutauschen.