Stadt mit einem Traum

100 Jahre nach seiner Gründung stellt Tel Aviv ein Dilemma dar: Ist es das Modell, dem das ganze Land folgen sollte, oder wird es immer ein Staat im Staat bleiben, der sich entsprechend seiner eigenen Gesetze verhält?…

Von Yair Lapid

Auf viele Arten hat Tel Aviv es geschafft, das Format beizubehalten, unter dessen Prämisse es gegründet worden war: Es ist relativ säkular, relativ bürgerlich, relativ reich und relativ liberal. Trotz ihres wilden Images hat die Stadt über die Jahre Beständigkeit gezeigt und das Profil beibehalten, das ihr von den Gründervätern vorgegeben worden war.

Mein Großvater, ein Ehrenbürger der Stadt, kam hier 1932 an, um mit Menschen wie ihm selbst zu leben – mit Kindern, die ihre religiösen Seminare und Orte verlassen hatten und weltlich geworden waren, um sich in ‚Gutbürgerliche’ zu verwandeln. Sie hatten kultivierte Träume: zur Arbeit gehen, auf dem Heimweg zu einem kurzen Kaffee einkehren, und einmal in der Woche ein Stück im Habima-Theater anschauen. Auch heute, als mehr als 100 Jahre alter Mann, spaziert mein Großvater jeden Morgen zum Kikar Hamedina, setzt sich auf eine Bank und beobachtet junge Frauen in farbenfrohen Kleidern, die wie flimmernde Sonnenstrahlen an ihm vorbeihuschen.

Das Land – oh, das Land – hat sich jedoch in vollkommen andere Richtungen entwickelt: konservativer, radikaler und traditioneller. Es beschuldigt Tel Aviv, manchmal zurecht und manchmal blindlings, es versuche sich als fröhliche und sorglose europäische Stadt zu verkleiden, während alle anderen mit Sorgen kämpfen und sich einem entschiedenen Existenzkampf widmen.

Dieses Image ist größer als das Leben. So ist es eben mit Images. Tel Aviv hat nicht weniger Narben als irgendeine andere Stadt in Israel. Diese reichen von den Selbstmordanschlägen auf den Bus der Linie 5 bis zu den Raketen des ersten Golfkrieges. Der Hauptunterschied ist, dass Tel Aviv sich weigert, von der Geschichte belastet zu werden. Das überlassen wir den Jerusalemern.

Es gibt keine Heiligen in unseren Gassen, unsere Rabbiner lächeln mehr als üblich und wenn wir sagen, dass einer einen harten Tag gehabt habe, dann meinen wir, dass er seinen Kater noch nicht auskuriert hat. Es stimmt, dass Selbsttäuschung eine Rolle spielt. Israel ist nicht Dänemark und Tel Aviv ist nicht Kopenhagen. Wir haben andere Probleme, die sehr viel komplexer sind. Andererseits muss man auch nach etwas streben.

Die Gruppe von Menschen, die 1909 Jaffa verließ und in die Sanddünen ging, verkörpert die israelische Version von „Ich habe einen Traum“. Vielleicht kann Israel kein westliches Land sein, das das Leben nicht zu ernst nimmt. Aber wir dürfen darauf hoffen.

Yedioth Ahronot, 08.04.09

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