Vatikan und Pius XII.: Der Papst, der schwieg

Papst Pius XII. ist noch immer hochumstritten: Von 1939 bis 1958 im Amt, prangerte er nie den Holocaust an. Der Vatikan will ihn trotzdem seligsprechen, eine Berliner Ausstellung dient diesem Ziel…

Von Philipp Gessler, taz v. 22.01.2009

Diese Ausstellung ist ein Skandal. Und sie zeigt, wie die Reaktionäre im Vatikan triumphieren.

Man könnte beides auch vorsichtiger formulieren, diplomatischer sozusagen. Oder ganz vornehm öffentlich schweigen, weil das Thema etwas Unangenehmes hat und man sich so Feinde schafft. So wie Papst Pius XII. das zu machen pflegte – ad maiora mala vitanda, um Schlimmeres zu verhindern. Womit wir mitten im Thema wären: bei einer Ausstellung des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften. Sie ist ab dem Freitag im Neuen Flügel des Berliner Schlosses Charlottenburg zu sehen und zeigt das Leben des umstrittensten Papstes der letzten hundert Jahre: Pius XII.

Eugenio Pacelli, so der bürgerliche Name von Pius XII., lebte von 1876 bis 1958 – in seinen letzten 19 Jahren saß er auf dem Thron Petri. Pacelli soll selig gesprochen werden, es ist die Vorstufe zur Heiligsprechung. Der heutige Papst Benedikt XVI. hat das Dekret zur Seligsprechung des asketischen Intellektuellen schon unterschriftsreif auf seinem Schreibtisch, wenn man richtig deutet, was sein Sprecher Federico Lombardi jüngst gesagt hat. Doch Joseph („Wir sind Papst“) Ratzinger zögert noch, braucht noch Zeit „zur Vertiefung und zur Reflexion“, so Lombardi. Der Grund ist klar: Kann man einen Papst seligsprechen, der zum Holocaust schwieg?

Hoppla, das ist jetzt rausgerutscht! Die Berliner Ausstellung besagt dagegen: „Pius XII. hat zum Holocaust nicht geschwiegen“, so die Ausstellungsmacher in einem Begleittext. „Jeder, der die biografische Ausstellung über Pius XII. ohne ideologische Scheuklappen betrachtet, wird feststellen, dass der Vatikan hier nicht Apologetik, sondern sachliche Aufklärung leistet.“ Die Ausstellung ist „auf Wunsch des Papstes organisiert worden“, betonte Walter Brandmüller bei der Vorstellung der Schau. Der Prälat ist der Präsident des päpstlichen Komitees und der Hauptverantwortliche für die Ausstellung mit dem Titel „Opus Iustitiae Pax. Eugenio Pacelli – Papst Pius XII“.

Der Kern der Ausstellung, die bisher nur in einem Flügel der Kolonnaden des Vatikans am Petersplatz zu sehen war: Raum 7. Mit der dreisten Überschrift an der Stirnwand: „Hier hören Sie das Schweigen des Papstes.“ Zu sehen ist eine Bronzebüste von Pius XII. vor einem alten Mikrofon. Dahinter an der Wand der angebliche Beweis, dass der Schweige-Papst zum Völkermord an den Juden eben nicht geschwiegen habe.

Dieser angebliche Beweis ist ein Zitat aus der Weihnachtsansprache von Pius XII. am 24. Dezember 1942. Darin sagte der Papst: „Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder fortschreitender Verelendung preisgegeben sind.“ Daneben steht, weil wohl doppelt gemoppelt besser hält, ein Zitat des Papstes vor seinen Kardinälen am 2. Juni 1943. Er sagte, seine „besonders innige und bewegte Anteilnahme“ gelte denjenigen, „die wegen ihrer Nationalität oder wegen ihrer Rasse von größtem Unheil und stechenderen und schwereren Schmerzen gequält werden und auch ohne eigene Schuld bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten“.

Das wars. Das also ist der offizielle Beleg des Vatikans dafür, dass der erwiesenermaßen wohlinformierte Pius XII. angesichts eines Völkermords an sechs Millionen Menschen mitten in Europa nicht geschwiegen habe. Das Wort Juden kam Pacelli nicht über die Lippen, Massenmord oder Hitler erst recht nicht. Dafür irritierende Relativierungen wie „persönlich schuldlos bisweilen“, „auch ohne eigene Schuld bisweilen“ oder „Einschränkungen“, was schon fast euphemistisch klingt. Der damalige britische Gesandte beim Heiligen Stuhl erklärte angesichts der mehr als schwammigen Worte des Papstes zum Judenmord, seine Rede könnte „ebenso gut das Bombardement deutscher Städte gemeint haben“. Und diese windelweichen Andeutungen von Pius XII. dienen dem heutigen Papst und den Ausstellungsmachern als Beleg dafür, dass der Schriftsteller Rolf Hochhuth völlig falsch lag, als er in seinem „Stellvertreter“ 1963 schrieb: „Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, ein solcher Papst ist ein Verbrecher.“

Kein Wunder, dass sich Rolf Hochhuth schon im Vorfeld der Ausstellungseröffnung mit einem ihrer Macher öffentlich gestritten hat. Man kann seinen Ingrimm verstehen. Denn in der Ausstellung und bei der Vorstellung der Schau wurde und wird nicht nur sein epochemachendes Drama als unhistorisch abgekanzelt – als müsste ein Theaterstück geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Auch die anhaltende Wut Hochhuths über den mutlos-sprachlosen Papst ist verständlich, vergleicht man etwa die verhuschte Reaktion von Pius XII. angesichts des Völkermords an den Juden mit seinem lauten, öffentlichen Protest bei der Verhaftung und Verurteilung eines einzelnen Menschen, nämlich von Kardinal Joseph Mindszenty. Dieser Primas der katholischen Kirche in Ungarn wurde von den Kommunisten im Februar 1949 wegen „Spionage“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Pius XII. protestierte prompt vor dem diplomatischen Korps gegen Mindszentys Prozess und hielt eine Solidaritätsmesse für ihn – die Millionen Tote der Shoah waren dem Römer dagegen keine Messe wert. Übrigens heißt die Mindszenty-Tafel in der Schau „Kirche des Schweigens“. Der schweigende Papst ist nicht gemeint.

Die Nicht-Haltung des Papstes gegenüber den Juden ist auch innerkirchlich ein Skandal: Während in Deutschland und im von den Nazis besetzten Teil Europas Tausende einfache katholische Geistliche öffentlich gegen den Judenmord protestierten, Juden halfen und ins KZ verschleppt wurden, wobei über 2.000 von ihnen starben, hielt Papst Pius XII. im fernen Rom diplomatische Leisetreterei gegenüber den Nazis für das einzig mögliche Mittel. Sicher, Pius XII. hat auch vielen Juden geholfen. Er hat sie, vor allem nach der deutschen Besetzung Roms im Herbst 1943, in Klöstern verstecken lassen, was in der Ausstellung groß gefeiert wird. Die katholischen Bischöfe der Niederlande protestierten nach der Besetzung ihres Landes durch die Wehrmacht öffentlich gegen die bevorstehenden Deportationen der Juden – was die kontraproduktive Folge hatte, dass die Besatzer jetzt erst recht gezielt zum Katholizismus konvertierte Juden jagten. Aber reicht diese mögliche Angst des Papstes um seine eigenen Schäfchen als Entschuldigung dafür, zum millionenfachen Mord an den Juden zu schweigen?

Unnötig zu erwähnen, dass die Ausstellung natürlich auch die „Rattenlinie“ nicht erwähnt. Darunter versteht man die Hilfe unter anderem päpstlicher Behörden nach 1945 bei der Flucht von Nazi-Massenmördern wie Josef Mengele und Adolf Eichmann nach Lateinamerika. Darauf angesprochen, erklärte ein Mitarbeiter der Ausstellung, der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher, bei der Vorstellung der Schau: Es sei klar, dass Papst Pius XII. bei dieser Hilfe für NS-Schwerverbrecher „keinen Anteil hatte“ und dies auch niemals gebilligt hätte. Der Witz ist: Das kann mit letzter Sicherheit niemand sagen. Denn die vatikanischen Archive zur Amtszeit von Pius XII. von 1939 bis 1958 werden nach Auskunft des Papstsprechers Lombardi frühestens im Jahr 2014 geöffnet.

An dieser Stelle wird die Berliner Ausstellung und die geplante Seligsprechung des wortreich-schweigenden Papstes zum Politikum. Denn ungezählte jüdische Organisationen im In- und Ausland haben bereits gegen die wohl zu erwartende Beatifikation von Pius XII. protestiert – auch mit Verweis auf die noch nicht geöffneten Archive des Vatikans. Das Verhältnis jüdischer Verbände Italiens zum Papst ist wegen der Pius-Verehrung Ratzingers und wegen dessen Förderung der tridentinischen „lateinischen“ Messe zerrüttet. Schließlich wird in dieser Liturgie für die Bekehrung der Juden gebetet. Benedikt XVI. aber pusht diese alte Messe, um den ultrakonservativen Kräfte in seiner Weltkirche zu gefallen. Diesem Ziel dienen auch die offiziellen Lobhudeleien für Papst Pius XII. Der vorkonziliäre Papst ist für viele Reaktionäre ein Symbol der angeblich so guten alten Welt des Katholizismus. Da ist es fast frech, wenn die Ausstellungsmacher wie jüngst der Papst nun versuchen, den erzkonservativen Pius XII. als angeblichen Vorbereiter des Konzils darzustellen – um seinen Kritikern Wind aus den Segeln zu nehmen. Übrigens besuchte am Donnerstag Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Vatikan auch das Grab Pius XII. Ausgerechnet.

So sucht das Gespenst des Pius XII. die Kirche noch heute heim. Nicht zuletzt die Pius-Verehrung hat zwischen dem Vatikan und Israel in letzter Zeit zu heftigem Streit geführt. Unter diesem schlechten Stern steht auch die für den Frühling geplante Reise des Papstes nach Israel. Im Oktober 2008 erklärte der israelische Minister Jitzhak Herzog, eine Selig- und Heiligsprechung von Pius XII. sei nicht hinnehmbar. Herzog ist ein Enkel des ersten aschkenasischen Oberrabbiners Israels, Isaac Herzog. Dieser hatte 1943 Papst Pius XII. um Hilfe bei der Rettung ungarischer Juden gebeten. „Mein Großvater spürte nach einer Audienz beim Papst das Bedürfnis, ein Reinigungsbad in der Mikwe in Rom zu nehmen“, erzählte sein Enkel. Man kann Isaac Herzog gut verstehen.

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88 Kommentare zu “Vatikan und Pius XII.: Der Papst, der schwieg

  1. Thanks, @jim, you’re a real buddy!

    @Conenius
    Ich lasse mich nicht entmutigen; es gibt da noch so viele unbeantwortete oder nicht plausibel beantwortete Fragen, und die Antworten, die wir erhalten, werden immer flacher und hohler…

    @Herbert Huber
    Das Thema Homosexuelle (ebenso wie Sinti und Roma) kam in diesem Zusammenhang tatsächlich noch nicht ausreichend zur Sprache. Pius be- und verschwieg ihr Schicksal mit.
    Danke für Ihre wertvollen Beiträge und Ansatzpunkte!

    @Michael Hesemann

    Antwort folgt in Kürze.

  2. Herr Schlickewitz, lassen Sie sich bitte nicht entmutigen. Ich bin sehr beeindruckt, wie Sie Ihren Standpunkt verteidigen.
    Könnte man sagen, dass die Kirche „die Juden“ (in Gesamtheit) fallen liess (komischer Ausdruck, da sie sie ja nie gehalten hat), einzelne, die dann ganz persönlich vor Dankbarkeit und Loyalität gebeugt wurden, aber leben liess?
    Ein grausames und unwürdiges Spiel.

  3. Herr Huber,
    Pius XII. war nicht Papst während der zwölfjährigen NS-Diktatur, sondern in den letzten sechs Jahren, den Kriegsjahren. Zuvor aber war er Kardinalstaatssekretär unter Pius XII., der mit seiner Enzyklika „In brennender Sorge“ die wohl heftigste Verurteilung eines Regimes ausgesprochen hat, die in der gesamten Neuzeit aus dem Mund eines Papstes zu hören war. Ihr Text wurde, das ist anhand seiner handschriftlichen Korrekturen nachweisbar, von Pacelli verschärft. Mir ist nicht bekannt, dass je ein Papst eine Enzyklika zum Thema moralischer Verirrungen (wie der von Ihnen zitierten Homosexualität) verfasst hat.
    Schon damit hat er eigentlich die politische Neutralität verletzt, zu der er nach den Lateranverträgen verpflichtet gewesen wäre. Aber damals hoffte er Papst noch, die deutschen Katholiken wachzurütteln, was leider mißlang.
    Insofern ziehen Ihre Vorwürfe nicht. Der Kurs aus Rom war doch mit der Enzyklika eindeutig definiert. Kein Bischof konnte sich mehr hinter dem Konkordat verstecken!
    Die Exkommunikation der Nazis wurde bereits 1931 von diversen deutschen Bistümern ausgesprochen und vom Vatikan im Osservatore Romano bestätigt. Andererseits wußte Pius XII. durch seine Quellen im deutschen Widerstand, dass Hitler nur auf einen Vorwand wartete, um gegen die Kirche loszuschlagen, wie auch aus den Goebbels-Tagebüchern und den Tischgesprächen Hitlers eindeutig hervorgeht. Damit wäre ihr dann jede Möglichkeit, Untergrundarbeit gegen das Regime zu leisten und die Verfolgten zu schützen, genommen.
    Bei der Hilfsaktion für die verfolgten Juden 1942-45 ging der Vatikan bis an seine finanziellen Grenzen. Pius XII. beauftragte sogar seinen Neffen, Käufer für Gemälde aus den Vatikanmuseen zu suchen, um Hilfsgüter einkaufen und Überfahrten finanzieren zu können. Zum Glück traf in letzter Stunde eine große Geldspende aus den USA ein…

  4. Eugenio Pacelli: Selig? Unglückselig?

    […] Die diplomatische Tätigkeit blieb für sein gesamtes weiteres Leben wirkmächtig. Er bewunderte die tüchtigen Deutschen, er liebte deren Kultur, er setzte sich für deren Kriegsgefangene ein. Die Angst vor dem Bolschewismus ging um. Auch der päpstliche Nuntius fürchtete das Äußerste. Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden: für viele Deutsche ein Feindbild.

    1917 hatte Italien die Ausfuhr von Palmwedeln ins feindliche Deutschland gesperrt. Die Münchner Juden benötigten sie aber für ihr Laubhüttenfest. Ob nicht der Vatikan vermitteln könnte, fragte Münchens Oberrabbiner beim Nuntius vorsichtig an. Dieser berichtete nach Rom, wie er den jüdischen Bittsteller höflich hingehalten habe. Das hätte ja bedeutet, „. . . den Juden besondere Hilfe zu leisten“, „ihnen in positiver und direkter Weise bei der Ausübung ihres jüdischen Kultus beizustehen“.

    Pacelli blieb solcherart Liebling der vatikanischen Behörden in Rom. Erst recht, als er sich vorsichtig daranmachte, mit der Weimarer Republik ein Konkordat auszuhandeln, das seinesgleichen in der Welt suchen sollte. Es war Pacellis Meisterstück und rückte ihn schließlich dem Thron Petri ein gehöriges Stück näher. […]

  5. Herr Schlickewitz,
    was ich bei Herrn Cornwell kritisiere ist nicht, worüber er sonst noch geschrieben hat, sondern die Art und Weise, wie er in Sachen Pius XII. gearbeitet hat. Und da das überprüfbar ist, muss ich sagen: sehr unsauber!
    Wissen Sie, jedes Mal, wenn man im vatikanischen Geheimarchiv arbeitet, wird das registriert. Ich muss eintragen, wann ich komme und wann ich gehe. Daher kann ich Ihnen sagen, dass Herr Cornwell gerade einmal drei Tage im Geheimarchiv verbrachte. Das Geheimarchiv hat von 9-13 Uhr geöffnet, also nur vier Stunden. Erfahrungsgemäß kann ich Ihnen sagen, dass man den ersten Tag braucht, um sich einzuarbeiten – also bleiben zwei Tage oder 8 Stunden. Wie kann er in lächerlichen acht Stunden seriös recherchiert haben? Natürlich konnte er das nicht. So hat er einen ziemlich beschränkten Einblick bekommen. Zudem habe ich ihn zweimal der Manipulation überführt, so bei der oben behandelten manipulativen Übersetzung. Dass ich da wenig Respekt vor ihm habe liegt einzig und allein an der Qualität seiner Arbeit!
    Warum soll es eine „Lügen-Leier“ sein, dass Hitler der jüdisch-christlichen Zivilisation an sich den Krieg erklärt hat? Ist Ihnen nicht bekannt, dass er schon in den 1920er Jahren „gegen die Juden und Jesuiten“ hetzte? Und dass auch 1938 die Ausschreitungen der Kristallnacht „gegen die Juden und ihre schwarzen Bundesgenossen“ gerichtet waren? Nein, Juden und Katholiken sind Brüder und sitzen im selben Boot und nie in der Geschichte war dies so offensichtlich wie im nationalsozialistischen Terror!
    Im Schioppa-Bericht kommt „Jude“ nicht häufiger vor als „Russe“. Wollen Sie auch behaupten, das Wort „Russe“ sei, aus dem Munde eines Katholiken, als Diskriminierung gedacht? Immerhin hat der deutsche Orden ja mal gegen die Russen gekämpft …
    Es ist ja fein, dass Sie die Freundschaftsbeweise Pacellis gegenüber diversen Vertretern des Judentums mit seiner „Softness“ abzutun versuchen. Aber Sie unterstellten ihm doch Antisemitismus! War er so „soft“, dass er seine (ihm von Ihnen angedichtete) Abneigung „vergessen“ konnte?
    Als er von dem schrecklichen Mord an Millionen Juden erfuhr, handelte Pius XII. Er rettete immerhin 850.000 von ihnen. Und er war der Einzige unter den Mächtigen dieser Zeit – Schande über sie! -, der HALF. Während die USA Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen an Bord umkehren ließen, während die Briten hübsche Luftaufnahmen von Auschwitz schossen, statt die Bahngleise zu bombardieren, charterte er Schiffe, um Juden in die Karibik und nach Brasilien zu bringen, wo immerhin ein begrenztes Kontingent an Visa zur Verfügung gestellt wurde. Er gab sein gesamtes Privatvermögen als Pacelli aus, um jüdische Flüchtlinge zu versorgen. Dabei musste er natürlich immer darauf achten, diskret zu handeln, denn die Nazis durften von all dem, von der größten Rettungsaktion der Geschichte, nichts erfahren. Nun fragen Sie, weshalb er nicht lauter gehandelt hat?? Ich verrate Ihnen den Grund: Weil er das Leben Hunderttausender Juden, die in kirchlichen Institutionen versteckt waren, nicht gefährden wollte! Er wollte sich das Lob der Nachwelt – IHR LOB, lieber Herr Schlickewitz, nicht mit dem Leben Hunderttausender erkaufen!
    Ich habe mich mit der Zeit Rattis in Polen nicht beschäftigt. Es wäre also unseriös, auf Goldhagen zu antworten. Mein Thema war und ist Pacelli. Ich kann nur Rattis Handlungen und Äußerungen während seines Pontifikats als Pius XI. kommentieren, gipfelnd in seinem Ausspruch „Spirituell sind wir alle Semiten“ (6.9.38). Ich habe auch das Telegramm an Mussolini vom 12.12.38, in dem im Fall einer Einführung der Rassengesetze eine „Violente crisi d’ira del Pontefice“ angedroht wird, vorliegen. Oder den „Syllabus“ gegen den Rassismus vom 13.4.1938, verschickt an alle katholischen Universitäten und Seminare, in dem die Rassen-Ideologie als „unverschämte Verleumdung und gefährliche Doktrin … die den Verstand verdirbt und die wahre Religion entwurzelt“ bezeichnet. Das ist der Pius XI., den ich dokumentieren kann. Seine Zeit in Polen war nie Teil meiner Arbeit.
    Humani generis unitas: Pius XI. hat LaFarge beauftragt, weil er von dessen Arbeit zum Rassismus gegen die Schwarzen in den USA beeindruckt war, nicht, weil er Pacelli mißtraute; tatsächlich wußte Pacelli ja bestens bescheid. Allerdings war der Entwurf, den LaFarge einreichte, eine Katastrophe, denn er war voller christlicher Antijudaismen. Eine Veröffentlichung wäre Wasser auf die Mühlen der Nazi-Propaganda gewesen. So hieß es darin, die Juden hätten, „durch den Traum von weltlichem Gewinn und materiuellen Erfolg verblendet, das verloren, wonach sie selbst gesucht haben“. Oder es ist die Rede von „diesem unglücklihen Volk, das sich selbst ins Unglück führte, dessen verstockte Führer den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen“. Es ist sogar von den „spirituellen Gefahren … denen der Kontakt mit den Juden die Seelen aussetzen kann“ die Rede. Wollen Sie noch mehr von diesem gefährlichen Unsinn hören, um zu verstehen, weshalb Pius XI. den Text mit dem handschriftlichen Vermerk „ABGELEHNT!“ zurück geschickt hat – nur wenige Wochen vor seinem Tod?
    Alle brauchbaren Elemente dagegen konnte Pacelli recyclen: In seiner ersten Enzyklika „Summi Pontificatus“, Thema: „Not und Irrtümer unserer Zeit und ihre Überwindung in Christus“.
    Da bereits seit zwei Monaten der zweite Weltkrieg tobte, war der Rassismus eines von zwei Hauptthemen – aber mit den „Irrtümern“ waren an erster Stelle, so die Enzkylika, „Theorien (gemeint), wleche die Einheit des Menschengeschlechtes leugneten … und das Gesetz der Solidarität und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen.“ Die Kirche dagegen lehre, dass alle Menschen und Völker „aus einem einzigen Stamm sind“. Daher hätten die Opfer von Krieg und Rassismus gleichermaßen „ein Recht auf Mitleid und Hilfe“.

  6. The Vatican Opposes Jewish Home in Palestine (June 22, 1943)

    […] The second point concerns Palestine itself. Catholics the world over are piously devoted to this country, hallowed as it was by the presence of the Redeemer and esteemed as it is as the cradle of Christianity. If the greater part of Palestine is given to the Jewish people, this would be a severe blow to the religious attachment of Catholics to this land. To have the Jewish people in the majority would be to interfere with the peaceful exercise of these rights in the Holy Land already vested in Catholics.

    It is true that at one time Palestine was inhabited by the Hebrew Race, but there is no axiom in history to substantiate the necessity of a people returning to a country they left nineteen centuries before.

    If a “Hebrew Home” is desired, it would not be too difficult to find a more fitting territory than Palestine. With an increase in the Jewish population there, grave new, international problems would arise. Catholics the world over would be aroused. The Holy See would be saddened, and justly, so, by such a move, for it would not be in keeping with the charitable assistance non-arians [sic] have received and will continue to receive at the hands of the Vatican.

    I am confident that from these points, Your Excellency will appreciate the position of the Holy See in this matter.

  7. Zwei Nachgedanken:
    meine Vorwurf richtet sich nicht nur an Pius XII. sondern auch an seinen Vorgänger.
    Es wäre interessant den 2 öffentlichen verbalen Stellungnahmen am 24.12.1942 und am 2. Juni 1943 gegen den Judenmord entgegenzustellen, wie oft sich Pius XII. in seiner Amtszeit bis 1945 gegen den Bolschewismus und Kommunismus ausgesprochen hat. Da werden zwei Hände mit allen Fingern nicht reichen.

  8. Sehr geehrter Herr Hesemann,
    ich habe doch extra zu Antisemitismus & Pius XII. geschrieben: „was ich nicht behaupte, dazu kenne ich seine Biografie zu wenig“. Weit über die Hälfte des Postings (die nachweisen soll, Pius XII. war kein Antisemit) betrifft mich also nicht.
    Wenn Pius XII. in zwölf Jahren NS-Terrorherrschaft und mind. eben so langwährender Judenverfolgung in Deutschland sich an 2 Tagen öffentlich dagegen ausgesprochen hat .. na, ja. Josef Ratzinger ist noch keine 5 Jahre Papst und hat 1234 mal öffentlich gegen Homosexuelle und Kondome gewettert (OK, vielleicht übertrieben, 1232 mal).
    Zum Konkordat: „die letzte Rechtsbasis der Katholiken in Deutschland aufzugeben“. Hierzu lese ich immer, Hitler hätte es eh nicht eingehalten. Da wäre der formale Kündigungsakt super gewesen. Signalwirkung! Ich meine, das Konkordat war den Nazis auch nach 1933 noch sehr angenehm: einige Bischöfe kamen in Gewissensnöte (sagten sie später jedenfalls): wie können sie gegen Hitler sein, wenn der Vatikan mit dem Gröfaz Verträge schließt? Die Konkordatskündigung war außerdem nur 1 Beispiel von mir für eine mögliche Aktion durch den Vatikan.
    Beispiel 2: Ex-Kommunikation von Adolf und den anderen Katholiken in der NS-Riege. 3) Die Bischöfe ließen an seinem Geburtstag die Glocken läuten (war’s nicht auch nach den missglückten Attentaten so?). Hätte man lassen können. 4) Faulhaber predigte zum Gehorsam gegenüber den Nazis und dass jede Macht von Gott eingesetzt sei. Das hätte man vom Vatikan widerrufen können. (Ich habe noch ca. 2345 Vorschläge).
    BTW ich bin auch heute der Ansicht, dass der Vatikan sich viel zu wenig einsetzt: gegen Armut (die reichste Organisation der Welt will da wohl wenig tun), für die Flüchtlinge, für die Menschenrechte (der Papst spricht sich DAGEGEN aus! 1.2.2010 Antidiskriminierung in GB) usw.
    Wie so oft bei der Kath. Kirche: Anspruch und Taten divergieren wie das Weihwasser und der Teufel.

  9. Da haben wir sie schon wieder, die alte katholische (Lügen-)Leier: „Opfer waren Katholiken ebenso wie Juden“.

    Das führt uns nicht weiter, Herr Hesemann, auch nicht das Aufzählen von noch mehr und noch mehr Juden, die dem Papst dankten, die ihn hoch leben ließen, die ihm Konzerte und Blumen darbrachten oder -reichten.

    Bereits Goldhagen geht auf diese Tatsache ein und kommt zum Schluss, dass es tatsächlich Juden gab, die dem Papst Rettung und somit Dank schuldeten, jedoch stehen jedem geretteten Juden Tausende andere gegenüber, die ermordet wurden, weil der Papst eben doch nicht alle seine Möglichkeiten ausschöpfte.

    Ich möchte aber noch auf einige Punkte in Ihren früheren Kommentaren eingehen.

    Sie haben, Herr Hesemann, keinen Grund den Gekränkten zu spielen, nur weil ich Ihnen einige ganz natürliche Fragen stellte, Fragen, die einem jeden kritischen Beobachter Ihrer so langen Liste verschiedenartigster Veröffentlichungen gleichfalls in den Sinn gekommen wären.

    Nachdem Sie selbst so häufig, auch abfällig, auf die Qualifikation anderer Autoren (Goldhagen, Cornwell etc.) verwiesen hatten, mussten Sie damit rechnen, dass man auch kritisch mit Ihnen verfahren würde.
    Der so häufig von Ihnen betriebenen Cornwell-Schelte möchte ich entgegenhalten, dass es kein unbekannter Waldundwiesenverlag, sondern der renommierte Münchner C.H.Beck Verlag war, der Cornwells Pius-XII-Buch zuerst in Deutschland herausbrachte, dass sich zuvor noch die Rezensenten so angesehener englischsprachiger Zeitungen wie des Independent, der Washington Post und der Los Angeles Times geradezu euphorisch über Autor und Werk geäußert hatten.

    Zu Ihrem Argument – es ließe sich mit treukatholischer Lesekost kein Geld mehr verdienen, habe ich gegenteilige Informationen aus dem Buchhandel meiner Umgebung erhalten.
    Ich lebe da, wo unser Deutschland am katholischsten ist, in Niederbayern. Auch hier gibt es Buchhandlungen und Verlage und Leser. Ich bin mit einer Reihe der hier ansässigen BuchhändlerInnen gut bekannt und man tauscht sich aus. So teilte man mir u.a. mit, es gäbe sehr wohl eine durchaus auch kaufkräftige, halbintellektuelle, katholische Klientel, die sehr an konfessionsgebundenen Werken (solchen, die das traditionelle Weltbild nicht allzu sehr belasten)zu Geschichte, Vatikan, Papst und verwandten Themen interessiert sei. Auch die Existenz zahlreicher katholischer Verlage in meinem Bundesland belegt die Nachfrage bzw. das Interesse dieser Leserschaft. Wir müssen also noch nicht für Sie Sammeln gehen.

    Es war nicht nötig auf einen „Lieblingsitaliener“ zu verweisen oder die Übersetzung zu präsentieren, die italienische Fassung des Schioppa-Pacelli-Briefes hätte genügt. Wie auch immer, ebenso wie in den vorher von mir wiedergegebenen Fassungen fällt auch hier, in Ihrer Fassung, die unnatürliche Häufung des Attributes „Jude“ auf. Jeder, der die katholische Welt (Mitteleuropas) kennt, weiß, das diese Unterscheidung Jude-Christ, von Christen vorgenommen, meist in diskriminierender Absicht vorgenommen wird und eine derart häufige Wiederholung in so einem Kontext belegt doch jedem, der die Zusammenhänge kennt, dass „Jude“ hier nicht neutral charakterisierend intendiert wurde.

    Zum Fall des Juden Sokolov: So etwas kam vor.
    Aus den diversen Pacelli-Biografien geht hervor, dass dieser Papst im täglichen Leben, im Umgang mit Mitmenschen, auch mit Juden, ein „Softy“ war. Er konnte niemandem eine Bitte abschlagen, er hörte dem zu, der es geschafft hatte, zu ihm ‚vorzudringen‘ und er half ihm, wenn er konnte. So auch in diesem Fall oder in dem Fall des bayerischen Rabbiners und dessen Wunsch nach Palmzweigen. Wer Pacelli eindringlich genug bat oder bettelte, bekam von ihm was er wollte. Nur leider hatten Millionen von Juden keine Möglichkeit persönlich bei ihm eine Audienz zu erhalten und um ihr Leben zu betteln, sondern sie wurden von Deutschen vergast.Und der Papst schwieg.

    Der Fall Sokolov und die anderen von Ihnen, Herr Hesemann, aufgezählten Fälle stehen nicht für die grundsätzliche Einstellung Pacellis zu den Juden. Diese war, folgen wir den zahlreichen Belegen bei Cornwell und Goldhagen, nicht einmal neutral, sie war judenfeindlich. Dem ‚abstrakten‘ Juden, dem Vertreter des Judentums als Religion stand Pacelli voller katholischer Vorurteile und ganz im Bewusstsein seiner katholischen Erziehung und Tradition gegenüber.

    Diese judenfeindliche katholische Tradition hat im 19. Jh. ganz besonders „Pio Nono“ (Pius IX.)bis zum Exzess ausgelebt (Fall Mortara u.a.) und keiner seiner Nachfolger, ganz besonders nicht Pius XI., den Sie, Herr Hesemann, oben als einen Papst charakterisieren, der „seine Liebe zum jüdischen Volk“ offen gezeigt habe, hat sich von dieser verwerflichen Linie distanziert.

    Zu Pius XI., Achille Ratti, zitiere ich Goldhagen (S.108ff):

    „Das ist nicht erstaunlich, war Pius XI. doch seit langem ein engagierter Antisemit. 1918 – unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges und weniger als vier Jahre, bevor Achille Ratti als Pius XI. das päpstliche Amt übernahm – hatte Papst Benedikt XV. ihn als seinen Vertreter nach Polen geschickt. Dort sollte er sich für die Juden einsetzen, die sich heftigen Verfolgungen durch katholische Polen ausgesetzt sahen; es war sogar zu Pogromen gekommen. Kertzer kommt zu dem Schluss: ‚(Ratti) unternahm alles, um Aktionen des Vatikan zu Gunsten der Juden zu torpedieren und eine Intervention des heiligen Stuhls zu verhindern (…) Ratti (hatte) begonnen (…) eigene Berichte über die Lage der Juden in Polen nach Rom zu senden, in denen er keineswegs vor deren Verfolgern warnte, sondern stattdessen versuchte, den Vatikan auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die sie selbst in seinen Augen darstellten.‘ Warum hat er die Anweisung seines Papstes nicht befolgt? Wegen seines Antisemitismus. Nicht nur schrieb Ratti nach Rom, dass die Juden in den polnischen Großstädten ’sich durch kleine Geschäfte, die Schmuggel, Betrug und Wucher umfassen, ernähren‘; in seinem Bericht erklärte er außerdem: ‚Eine der übelsten und stärksten Kräfte, die man hier antrifft, vielleicht die übelste und stärkste überhaupt, sind die Juden.‘ Wie sein Nachfolger Pius XII. folgte er der Dämonologie des modernen Antisemitismus, die den Bolschewismus mit Juden gleichsetzte, als er in seinem Bericht an den Vatikan behauptete, dass ‚die Hauptstadt (des Bolschewismus) in Polen die Juden sind‘. 1932 gestand er sogar Mussolini seine tiefe Abneigung gegen Juden ein, eine Abneigung, die er zumindest die längste Zeit seines Pontifikats nicht ablegte. Die Verfolgung der Kirche in aller Welt, meinte Pius XI., sei unter anderem auch auf ‚die Abneigung des Judaismus gegen das Christentum‘ zurückzuführen, und anders als die italienischen Juden seien vor allem die Juden Mittel- und Osteuropas eine Gefahr für die christliche Gesellschaft, wie er angeblich aus eigener Anschauung in Warschau erfahren hatte: ‚Als ich in Warschau war (…) sah ich, dass die (bolschewistischen) Kommunisten (…) allesamt Juden waren.‘ Wenn Pius XI. und Pius XII. mit solchen Ansichten und speziell der ihnen gemeinsamen falschen Gleichsetzung der Juden mit dem Kommunismus – und der ebenso falschen Annahme, alle kommunistischen Führer seien Juden – die Kirche führten, nimmt es nicht wunder, dass Mussolini und Hitler überzeugt waren, die Kirche werde ihnen bezüglich der Juden nicht in die Arme fallen. (…)
    Wie weit die Kirche in den dreißiger Jahren mit diesem modernen Antisemitismus gegangen war, lässt sich daraus entnehmen, dass Pius XI. zu einem späten Zeitpunkt seines Lebens versuchte, seine Vergehen und die der Kirche wieder gutzumachen – den Antisemitismus, der in der von ihm und Pacelli verfassten Enzyklika ‚Mit brennender Sorge‘ zum Ausdruck kam, die Unterdrückung einer katholischen Organisation, die dem Gottesmord-Vorwurf ein Ende machen wollte, und sein Schweigen angesichts des rassistisch-antisemitischen Angriffs der Deutschen auf die Juden. Kurz vor seinem Tod gab er eine neue Enzyklika in Auftrag, die sogenannte Unterschlagene Enzyklika, die das Vorgehen der Deutschen ausdrücklich verurteilte. Weil er dem antisemitischen Establishments des Vatikans und wohl auch Pacelli selbst misstraute – vor dem er seine Absicht verbarg -, wandte er sich an einen Außenstehenden, eine amerikanischen Jesuiten namens John LaFarge…“

    Allein dieser Buchauszug reicht aus, um das Märchen vom Judenfreund Achille Ratti (Pius XI.) als unhaltbare Schutzbehauptung zu überführen.

    Oder sind Sie, Herr Hesemann, gar willens und in der Lage all diese Argumente Goldhagens zu widerlegen?

    Vor allem würde mich interessieren wie Sie selbst zur Unterdrückten Enzyklika stehen? Warum tat die Kirche solange so, als ob es „Humani Generis Unitas“ nie gegeben hätte?
    Tat Pacelli den Juden wirklich einen Gefallen, indem er diese Enzyklika seines Vorgängers in die Archivverbannung schickte und sie so vor der Veröffentlichung ‚bewahrte‘?
    Rätsel über Rätsel.

    RS

  10. Sehr geehrter Herr Huber,
    da die zionistische Bewegung aus dem Judentum entstand ist, so denke ich, ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zu führenden Zionisten und ein offenes Eintreten für die zionistische Sache wohl gewiß kein Indiz für Antisemitismus. Zudem hat Pacelli als Nuntius, wie oben erwähnt, sich ebenso vehement für die Anliegen deutscher Juden eingesetzt, etwa als es um die Palmzweige für das Sukhot-Fest 1917 ging.
    Am interessantesten aber sind zwei Berichte aus der Jerusalem Post – einmal vom 28.4.1944 (als sie noch Palestine Post hieß). Da berichtet ein jüdischer Flüchtling von einer Papstaudienz, an der er teilgenommen hat. Als er sein Anliegen vortrug und erwähnte, dass er Jude war, erklärte Pius XII. zweimal in voller Lautstärke, so, dass es alle hören konnten: „Sei stolz darauf, dass Du ein Jude bist“. Um den Artikel „A Papal Audience in War-Time“ zu zitieren: „Then Pius XII says: … You are a young Jew. I know what that meansand I hope you will always be proud to be a Jew … My Jewish friend, go with the protection of the Lord, and never forget, you must always be proud to be a Jew!“ An der Audienz nahmen auch deutsche Soldaten teil, die ziemlich erstaunt reagierten …
    Der zweite Artikel erschien in der JT vom 10.10.1958, nach dem Tod des Papstes: „Ramat Gan Physician Recalls Schooldays with Pius XII“. Darin berichtet der israelische Lungenspezialist Prof. Dr. Guido Mendes von seiner Schulfreundschaft mit Eugenio Pacelli. Pacelli nahm regelmäßig an den Schabbat-Feiern der Familie Mendes teil, lieh sich Bücher jüdischer Denker und wollte Hebräisch lernen. Umgekehrt führte er Guido Mendes in seiner Familie ein. Die beiden blieben ein Leben lang Freunde. 1938 verhalf Pacelli ihm zur Flucht erst in die Schweiz, dann nach Pälästina, nach dem Krieg kam es zu zwei persönlichen Treffen in alter Herzlichkeit.
    Auch das, denke ich, zeugt nicht gerade von antisemitischer Gesinnung.
    „Schweigen“ und „nicht öffentlich lautstark protestieren“ sind zwei völlig verschiedene Dinge. Schweigen ist auch Verschweigen. Pius XII. hat zweimal, am 24.12.1942 und am 2. Juni 1943, die Deportationen und den Völkermord öffentlich angesprochen und verdammt. Er hat vor allem aber immer wieder durch diplomatische Interventionen bei Hitlers Vasallen – Vichy-Frankreich, Slowakei, Ungarn und Rumänien – Deportationen GESTOPPT, genau wie es ihm gelang, 7000 der 8000 Juden Roms zu retten, nachdem er die Deportation in Rom stoppte.
    Das Konkordat zu kündigen wäre die dümmste aller Protestmaßnahmen gewesen, denn das hätte bedeutet, die letzte Rechtsbasis der Katholiken in Deutschland aufzugeben. Damit wäre nur den Nazis gedient. Denen nutzte das Konkordat Mitte 1933 noch als Prestigegewinn und um die Katholiken im Land zu beruhigen, später war es ihnen nur noch lästig.
    Selbst Hitler wußte, dass er nicht alle seine Ziele gleichzeitig erreichen konnte. Er behielt sich die Abrechnung der Kirche für die Zeit nach dem Endsieg vor, wie aus seinen Tischreden hervorgeht. Bis dahin galt es, die Katholiken ruhigzustellen. Sie durften ja noch für das Reich kämpfen und fallen. Die Vernichtung der Juden dagegen war sein Primärziel von Anfang an. Da war er weder zum Aufschub noch zu Kompromissen bereit. Im Gegenteil: Je mehr er sich in die Enge getrieben fühlte, je brutaler ging er vor – sie galten ihm nur als Vorwand für Vergeltungsmaßnahmen. Deshalb waren es ja auch die jüdischen Gemeinden, die den Papst oder auch in Deutschland Bischof von Galen dringend baten, nicht zu protestieren, da sie Schlimmeres befürchteten.

  11. Herr Schlickewitz…
    „Man staunt und fragt sich, ist der Hesemann ein zweiter Guido Knopp oder nur ein germanisch-katholischer Graphomane oder worüber schreibt der eigentlich nicht? Von einem Ihrer ehemaligen Mitarbeiter, oder Weggefährten, Herr Hesemann, erfuhr ich inzwischen, dass Sie über alles geschrieben haben, für das es gute Knete gab, dass Sie sich im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen erschrieben haben. „

    Das erinnert mich an den Fuchs und die sauren Trauben!
    Sollte hier der publizistische Erfolg eine UNGLAUBWÜRDIGKEIT dokumentieren?

  12. 1) Dass Pacelli für die Migration von Juden nach Palästina eintrat (These Hesemann 20. Februar 2010, 1:14) schließt keineswegs aus, dass er Antisemit war (was ich nicht behaupte, dazu kenne ich seine Biografie zu wenig). Jemand, der dafür eintritt, alle Schwarzen in Zentralafrika anzusiedeln, beweist damit keineswegs, dass er kein Rassist ist.
    2) Herr Hesemann beklagt die Vorwürfe an Pacelli, „der Papst, der schwieg“ zu sein. Er nennt sie die Geschichte „umzudeuten, ja zu pervertieren“. Hesemann belegt diese These aber selbst: „weil er es während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust für klüger hielt, zu handeln als zu reden“.
    Das ist ein bekanntes falsches Argumentationsmuster: Keinesfalls trifft X zu. X war unumgänglich, weil … Die Begründung widerlegt die eigene These.
    3) Letzte These aus dem zitierten Posting:
    „Er zog es vor, im Stillen so viele Juden wie möglich zu retten statt ihre Lage durch wirkungslose Proteste noch zu verschlimmern“.
    a) Niemand verlangt von Pacelli „wirkungslose Proteste“. Die Geschichte zeigt, dass sehr viele wirkungsvolle Proteste möglich waren.
    b) auch scheinbar „wirkungslose Proteste“ hätten eine Langzeitwirkung gehabt oder auf andere eingewirkt. Ein Beispiel: Im Laufe des Jahres 1933 wurde auch dem Blindesten die verbrecherische Position des NS-Regimes erkennbar. Der Vatikan hätte das Konkordat mit Hitler kündigen können. Die Signalwirkung ist heute kaum mehr abschätzbar. Einigen mutigen deutschen Bischöfen wären z.B. nicht mehr die Hände gebunden gewesen.
    c) Sonderbar ist, dass die Kath. Kirche, wenn es um ihre Symbole (z.B. Entfernen des Kreuzes aus Klassenzimmern) und Prozeduren (z.B. Religionsunterricht) geht, damals und heute ihre Stimme wirkungsvoll erhebt. Wenn dagegen Juden aus dem Klassenzimmer entfernt wurden, zog sie es (aus den von Hesemann genannten Gründen; die meines Erachtens – wie ausgeführt – kaum stichhaltig sind) vor zu schweigen.

  13. Sorry für den Druckfehler oben, es muss natürlich heißen: in 45 Ländern…
    Aber noch ein Wort zum Thema Geld und Erfolg. Wissen Sie, wie man als Autor zu Weltruhm und Auflagenmillionen kommt? Man muss die Kirche angreifen! Hochhuth hat das mit seinem Trauerspiel geschafft, Cornwell mit seinem schlecht recherchierten und diffamierenden Pius-Buch, Baigent/Leigh mit ihrem Qumran-Verschwörungs-Nonsense, Yallop mit der Behauptung, Johannes Paul I. sei umgebracht worden, Dan Brown wurde damit sogar zum erfolgreichsten Autor des letzten Jahrzehnts.
    Wer dagegen die Kirche verteidigt, hat auf dem Markt keine Chancen. Er bleibt ein Nischenautor. So erschien mein Buch über Pisu XII. im katholischen St. Ulrich-Verlag. Nicht gerade ein Garant für die Bestsellerliste. Aber dafür integer.
    Ich will meine Seele nicht verkaufen, ich will der Wahrheit dienen. Cooperatores veritatem ist der Leitspruch eines Mannes, den ich sehr bewundere und der in vielem mein Vorbild ist. In veritatem vene ut veritas vinceret schrieb ich in der Widmung meines Pius-Buches.
    Also, Sie können mir alles vorwerfen, nur nicht, dass ich „für gute Knete“ schreibe.
    Denn das ist einfach Unsinn, wenn man die Auflagen kennt!

  14. Herr Schlickewitz,
    Ihre Taktik, jetzt ad hominem anzugreifen, zeigt mir, dass Ihnen ansonsten die Argumente ausgegangen sind. Witzig dabei ist, dass ausgerechnet Sie mir vorwarfen, den guten Herrn Goldhagen „persönlich herabzuwürdigen“, nur weil ich nachwies, dass er ein Zitat aus zweiter Hand und leider in einer fragwürdigen Übersetzung zitiert hat, obwohl die Benutzung von Sekundärliteratur für einen Nichthistoriker keineswegs ehrenrührig ist.
    Nun ist es seltsam, dass Sie einen „ehemaligen Mitarbeiter“ von mir zitieren, da ich nie Mitarbeiter hatte. Umso seltsamer ist, wenn dieser behauptet, ich hätte mir „ein kleines Vermögen zusammengeschrieben“, was zumindest beweist, dass er mich nicht kennt. Denn ich lebe in der selben Mietwohnung wie vor 18 Jahren, fahre einen mittlerweile sieben Jahre alten, gebraucht erworbenen Wagen und besitze weder Immobilien noch größere In- oder Auslandskonten noch auch nur eine einzige Aktie. Tatsache ist, dass ich mir durch das Schreiben den Luxus erlaube, hauptberuflich forschen zu können, ohne von einer Anstellung, einem Lehramt oder einem Lehrstuhl abhängig sein zu müssen. Das macht mich zumindest unabhängig und gibt mir die Zeit zu intensiver Arbeit und einer gewissen Produktivität.
    Nun lesen Sie in jeder Biographie von mir (auch auf wikipedia), dass ich Geschichte UND Kulturanthropologie studiert habe. Dabei waren moderne Mythen schon ein Schwerpunkt meiner universitären Forschung als Kulturanthropologe. So kam ich auch dazu, mich mit den UFOs und Kornkreisen und anderen modernen Mythen zu befassen, wobei für mich immer im Mittelpunkt stand, was Menschen erlebt haben wollen. Insofern habe ich mit von Däniken und seinen recht abenteuerlichen Interpretationen recht wenig gemein. In „UFOs über Deutschland“ weise ich etwa nach, dass der Großteil aller angeblichen UFOs ganz konventionelle Erklärungen hat, d.h. es sich um Fehldeutungen bekannter Himmelserscheinungen handelt.
    Mein zweites Studienfach war Mittlere und Neuere Geschichte. Dass ich mich sowohl als Kulturanthropologe wie als Historiker mit dem Nationalsozialismus beschäftigt habe, liegt wohl auf der Hand. Ebenso, dass ich mich als gläubiger Katholik für Themen der Kirchengeschichte interessiere. „Haushistoriker“ des Vatikans bin ich damit noch lange nicht, das ist Prälat Dr. Walter Brandmüller.
    Tatsache ist, dass ich – ganz ohne himmlische Erscheinung – im Heiligen Jahr 2000 beschloss, mich fortan auf christliche Themen zu spezialisieren. Da selbst erfolgreiche Bücher im Sachbuchbereich zwischen 5000 und 30.000 Exemplaren verkaufen, der Autor wzischen 8 und 12 % Tantiemen bekommt und davon sämtliche Fachliteratur (ich besitze 8000 Bücher) sowie sämtliche Recherchenreisen (ich recherchierte in 445 Ländern) bezahlen muss, können Sie sich selbst ausrechnen, dass man davon nicht reich wird. Ich musste sogar mal meine Lebensversicherung aufkündigen, um ein Projekt zu finanzieren. Was soll’s! Wer der Wahrheit dient, dem ist anderer Lohn vergönnt!

  15. Alles sehr effektvoll, wirklich beeindruckend. Ich werde mir in Kürze die einzelnen Punkte genauer vornehmen und prüfen.

    Nur hätte ich im Vorfeld von Ihnen, Herr Hesemann, gerne gewusst, was Sie veranlasst hat, den ungeheuren Schwenk von Deutschlands zweitgrößtem UFOlogen (nach dem Schweizer Erich von Däniken) zum Haushistoriker des Vatikan zu vollziehen.

    So enthält Ihre eindrucksvolle Liste an Publikationen Buchtitel wie:

    „Findet der Weltuntergang statt?“

    „Botschaft aus dem Kosmos“

    „UFOs: Die Beweise“

    „Die Spinne in der Yucca-Palme“

    „UFOs: Die Kontakte“

    „UFOs: neue Beweise“

    „Geheimsache UFO: Die wahre Geschichte der unbekannten Flugobjekte“

    „Jenseits von Roswell: der Schweigevorhang lüftet sich…“

    „Kornkreise: die Geschichte eines Phänomens“

    „UFOs über Deutschland“

    Dann, um 1999/2000 kam es bei Ihnen anscheinend zum Bruch mit den schwirrenden, flitzenden, blitzenden Untertassen sowie den grünen Männchen und Sie widmeten sich den Reliquien bzw. den Wallfahrtsorten oder anderen streng katholischen Themen; jedenfalls ‚bereicherten‘ Sie den Buchmarkt mit Titeln wie:

    „Geheimsache Fatima“

    „Die stummen Zeugen von Golgatha: die faszinierende Geschichte der Passionsreliquien Christi“

    „Das Fatima-Geheimnis“

    „Die Entdeckung des Heiligen Grals: das Ende der Suche“

    „Geheimakte John F. Kennedy: warum mußte der amerikanische Präsident sterben?“

    „Stigmata: sie tragen die Wundmale Christi“

    „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“

    Ab 2004 haben Sie sich dann zusätzlich (musste das denn auch noch sein?)dem unvermeidlichen Hitler zugewendet und die Druckerpressen ’spuckten‘ unter dem Autorennamen Hesemann solche Schinken ‚aus‘ wie:

    „Hitlers Religion: die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus“

    „Hitlers Lügen: wie der ‚Führer‘ die Deutschen täuschte“

    Und dann folgte auf den Hitler auch noch der ‚Dschisäs‘ vom Hesemann:

    „Jesus von Nazareth. Archäologen auf der Spur des Erlösers“

    bzw.

    „Das Blut-Tuch Christi. Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung“

    Man staunt und fragt sich, ist der Hesemann ein zweiter Guido Knopp oder nur ein germanisch-katholischer Graphomane oder worüber schreibt der eigentlich nicht?

    Von einem Ihrer ehemaligen Mitarbeiter, oder Weggefährten, Herr Hesemann, erfuhr ich inzwischen, dass Sie über alles geschrieben haben, für das es gute Knete gab, dass Sie sich im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen erschrieben haben.

    Wie nur dann dieser Schwenk zum vatikanischen Haushistoriker? Noch mehr Geld und Ehre, oder plötzlich ein Zeichen vom Himmel, eine ‚Erscheinung‘ sozusagen, die Sie auf den ‚rechten Weg‘ brachte?
    Sie müssen entschuldigen, aber angesichts Ihrer so mannigfaltig-buntgescheckten und themenreichen Liste an Veröffentlichungen macht man sich so seine Gedanken.

    Also nichts für ungut, lieber Hesemann, wenn ich Ihnen diese Fragen stelle.

    MfG
    RS

  16. Eugenio Pacelli und die Zionisten

    Neue Funde im vatikanischen Geheimarchiv bestätigen, dass der spätere Papst Pius XII. den Zionismus unterstützte – und zugunsten jüdischer Siedler in Palästina intervenierte

    Von Michael Hesemann

    Kein Papst der jüngeren Kirchengeschichte mit Ausnahme Johannes Pauls II. und vielleicht noch Pius XI. zeigte so offen seine Liebe zum jüdischen Volk wie Pius XII. Umso unbegreiflicher ist es für den Historiker, dass kein historisches Dokument, sondern ein Theaterstück genügte, um die Geschichte dieses großen Papstes umzudeuten, ja zu pervertieren. Plötzlich war er „der Stellvertreter“, „der Papst, der schwieg“, sogar „Hitlers Papst“, wurde ihm von Autoren wie John Cornwell („Pius XII. – Der Papst, der geschwiegen hat“) und Daniel Jonah Goldhagen („Die katholische Kirche und der Holocaust“) mal ein latenter, mal offener Antisemitismus unterstellt. Und das nur, weil er es während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust für klüger hielt, zu handeln als zu reden. Er zog es vor, im Stillen so viele Juden wie möglich zu retten statt ihre Lage durch wirkungslose Proteste noch zu verschlimmern. Es galt, alles zu vermeiden, was die Effizienz der einzigen Institution gefährdete, die ihnen in Zeiten der Schoa noch half: Der katholischen Kirche. Sein scheinbares Schweigen, seine vorgetäuschte Neutralität, wurden zum Schutzmantel für die größte Hilfs- und Rettungsaktion der Geschichte, die immerhin über 850.000 Juden vor dem sicheren Tod in den Gaskammern bewahrte.

    Doch wer den Menschen Eugenio Pacelli verstehen will, muss weiter in seine Vergangenheit zurückblicken. Schon als Jugendlicher hatte der Römer einen jüdischen Schulfreund, nahm er an Schabatfeiern ein, zu denen ihn dessen Eltern geladen hatten, las er begeistert die Werke jüdischer Philosophen. Nach seinem Studium der Theologie und des Kirchenrechts und seiner Priesterweihe begann Pacelli 1901 mit seiner Tätigkeit im Staatssekretariat des Heiligen Stuhls. Dort machte er schnell Karriere, wurde schließlich im März 1911 zum Unterstaatssekretär der „Kongregation für Außerordentliche kirchliche Angelegenheiten“, sprich: des päpstlichen „Außenministeriums“, ernannt. In dieser Position kam er im Mai 1917 erstmals mit der Bewegung der Zionisten in Kontakt.

    Nachum Sokolow, Journalist, Schriftsteller und Führungsmitglied des Zionistischen Weltkongresses, war nach Rom gekommen, um für den Plan eines Judenstaates in Palästina zu werben. Dass Benedikt XV. ein Jahr zuvor den Antisemitismus heftig verurteilt hatte, erschien ihm als günstiges Vorzeichen. Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri verwies ihn an Pacelli, der Sokolow freundlich empfing und sich die Zeit nahm, ihm geduldig zuzuhören. Später rühmte Sokolow in seinem Bericht an das Exekutivkomitee der Zionisten die Herzlichkeit, die ihm der Monsignore entgegenbrachte. Und er gestand ein, von Pacelli völlig überrascht worden zu sein. Ob er denn nicht sein Anliegen dem Papst vortragen wolle, fragte ihn der Monsignore freundlich. Sokolow hätte sich nie träumen lassen, dass dies für einen Juden möglich war. Doch dann, am 6. Mai, wurde er für eine Dreiviertelstunde – länger als manches Staatsoberhaupt – von Benedikt XV. empfangen.

    „Ich neige nicht zu Leichtgläubigkeit oder Übertreibung“, versicherte der Zionist später in seinem Bericht an das Exekutivkomitee, „trotzdem kann ich nicht umhin, zu erklären, dass dies ein ungewöhnliches Maß von Freundschaft offenbarte: einem Juden und Vertreter des Zionismus mit solcher Promptheit eine Privataudienz zu gewähren, die so lange dauerte und mit solcher Herzlichkeit und allen Versicherungen der Sympathie, sowohl für die Juden im allgemeinen und für den Zionismus im besonderen, geführt wurde, das beweist zumindest, dass wir von Seiten des Vatikans keine unüberwindlichen Hindernisse zu erwarten haben.“

    „Pacelli hat mir von Ihrer Mission erzählt; wollen Sie mir weitere Einzelheiten mitteilen?“, begrüßte ihn Benedikt XV. Dann ließ er sich in völlig ungezwungener Weise das zionistische Programm erläutern, um Sokolow daraufhin zu bescheinigen, dass es „von der Vorsehung bestimmt“ und „in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen“ sei. Auch was die christlichen Heiligtümer in Palästina betraf, hatte der Papst keine Bedenken: „Ich hege keinen Zweifel, dass eine befriedigende Vereinbarung erreicht wird.“ Während Sokolow am Ziel seiner Wünsche angekommen war, verabschiedete ihn Benedikt XV., indem er mehrfach, wie zur Bekräftigung, wiederholte: „Ja, ich glaube, dass wir gute Nachbarn sein werden.“ (Bericht vom 10.5.1917 im Hauptarchiv des Yad Vashem, Akte A 18/25; zit. n. Pinchas Lapide, Rom und die Juden, Bad Schussenried 2005 (3), S. 254 f.)

    Nur eine Woche nach dieser Begegnung wurde Eugenio Pacelli von Papst Benedikt XV. in der Sixtinischen Kapelle zum Erzbischof geweiht. Eine weitere Woche später saß er bereits im Zug und fuhr nach Deutschland. Der Papst hatte ihn als neuen Nuntius in München eingesetzt, der einzigen Vertretung des Heiligen Stuhls in Deutschland. Seine erste Aufgabe war es, bei der Regierung des Kaiserreiches in Berlin einen päpstlichen Friedensplan vorzulegen, um das sinnlose Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs zu beenden.

    Von einer anderen und zudem erfolgreichen Intervention Pacellis aus dieser Zeit berichtet der jüdische Historiker und Diplomat Pinchas Lapide in seinem Buch „Rom und die Juden“. Im zionistischen Archiv in Jerusalem fand Lapide die Fotokopie eines offiziellen Schreibens, das Pacelli als Nuntius in München am 16. November 1917 an den bayerischen Außenminister Otto Ritter von Dandl gerichtet hatte:
    „Der unterfertigte Apostolische Nuntius hat die Ehre, Euerer Exzellenz mitzuteilen, dass die israelitischen Gemeinden der Schweiz den hl. Vater gebeten haben, sich für die Erhaltung der Orte und der jüdischen Bevölkerung von Jerusalem zu verwenden. Seine Eminenz, der Herr Kardinalstaatssekretär hat nun denselben beauftragt, im Namen Seiner Heiligkeit mit aller Sorgfalt bei der Kaiserlichen Regierung im gewünschten Sinne sich zu bemühen. Der Unterzeichnete ersucht daher Euere Exzellenz, zur Erreichung des Zweckes bei den zuständigen Behörden all Ihre guten Dienste nachdrücklich aufzubieten. Im Voraus hierfür dankend, zeichnet mit der Versicherung vorzüglicher Wertschätzung … Eugenio Pacelli, Erzbischof von Sardes, Apostolischer Nuntius.“

    Die Sorge der Juden war mehr als berechtigt. Die Türkei war ein Verbündeter der Mittelmächte, die Briten hatten den arabischen Aufstand angezettelt, um sie zu einem Zweifronten-Krieg zu zwingen. Die Juden standen bei den Türken in Verdacht, mit den Engländern zu kollaborieren. Nach dem Völkermord der Türken an den Armeniern, die sie für Verbündete der Russen hielten, war das Schlimmste zu befürchten.

    Im April 1915 hatte der türkische Kriegsminister Enver Pascha die Zwangsdeportation großer Teile der armenischen Bevölkerungsminderheit des Osmanischen Reiches in die syrische Wüste angeordnet. Was offiziell als militärisch bedingte „Evakuierung“ einer politisch unzuverlässigen Minderheit deklariert wurde, erwies sich als der erste große Genozid des 20. Jahrhunderts. Die Bewegung der Jungtürken wollte das multi-ethnische Osmanische Reich in einen Nationalstaat mit pantürkischer Ideologie verwandeln, in dem die christlichen Armenier keinen Platz mehr hatten. Die „endgültige Lösung“ dieses Minderheitenproblems war der Völkermord. Sein Ausführender wurde der Militärbefehlshaber und Generalgouverneur von Syrien, Cemal Pascha. Die Gesamtzahl der Opfer betrug 1,5 Millionen. Sie fielen teil den türkischen Massakern zum Opfern, teils wurden sie in die syrische Wüste getrieben, wo sie verhungerten, verdursteten, an Schwäche oder durch Seuchen starben.

    Scharf ging Cemal Pascha 1917 in Palästina auch gegen jüdisch-zionistische Siedlungen vor. Nachdem jüdische Siedler in Jaffa der Kollaboration mit den Briten beschuldigt wurden, ordnete der osmanische Generalgouverneur auch ihre „Umsiedlung“ an. Über 8000 Juden wurden aus ihren Häusern gejagt, ohne die Erlaubnis, Gepäck oder Lebensmittel mitzunehmen. Vor ihren Augen wurden ihre Häuser von den Türken geplündert. An den Toren der jüdischen Vorstadt wurden zwei Juden aufgehängt, als Exempel für alle, die es gewagt hatten, den Plünderern Widerstand zu leisten. Augenzeugen berichteten von der unmenschlichen Grausamkeit der Soldaten. Dutzende Juden wurden später tot in den Dünen von Jaffa gefunden. Ende März 1917 meldete die Nachrichtenagentur „Reuters“, auch aus Jerusalem seien „Massen von Juden“ vertrieben worden, die „das Schicksal der Armenier teilen“ würden. Eine Depesche des Zionistischen Büros in Kopenhagen schloss mit der Befürchtung, dass nach den Drohungen Paschas die Juden Palästinas das gleiche grausame Schicksal erwartete wie die Armenier – Ausrottung durch Hunger, Durst und Epidemien.

    Am 7. Mai 1917 brachte der sozialdemokratische Abgeordnete Oskar Cohn die antijüdischen Ausschreitungen in Palästina vor dem Berliner Reichstag zur Sprache. Nur einen Tag später versuchte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Arthur Zimmermann, das Thema herunterzuspielen. Der Befehl zur Evakuierung Jaffas sei eine reine „Vorsichtsmaßregel“ gewesen. Zudem könne die Reichsregierung kein Interesse daran haben, mit Vorfällen in Verbindung gebracht zu werden, die allein in der Verantwortung der Türkei lägen. Kurzum: Man wollte den Verbündeten am Bosporus nicht unnötig verärgern. Umso brisanter ist die Intervention des Apostolischen Nuntius, die Pinchas Lapide zitiert.

    Leider hat sie meines Wissens kein anderer Historiker aufgegriffen und verifiziert. Cornwell & Co. ignorieren den Vorfall, da er nicht in ihr Zerrbild von Pacelli als Antisemiten passt, die Mehrheit der Verteidiger Pius XII. konzentriert sich auf sein Verhältnis zum Nationalsozialismus. Zudem wird – ohne jede sachliche Begründung – Lapides Glaubwürdigkeit von Pacelli-Gegnern gerne pauschal infrage gestellt. Dabei finden wir bei ihm jedes Mal saubere Quellennachweise, so auch hier: Das zitierte Dokument, so Lapide, ist auf dem „Mikrofilm K 179 90 203 im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem“ zu finden.

    Ich vertraute Lapide, hatte sich sein exzellentes Werk doch schon in anderen Fällen als zuverlässig erwiesen, und erwähnte den Vorfall in meiner Pius XII.-Biografie „Der Papst, der Hitler trotzte“. Dann, im November 2008, erhielt ich die langersehnte Genehmigung, im Vatikanischen Geheimarchiv zu recherchieren. Mein Ziel war, weitere Details speziell über das Verhältnis Pacellis zu den Juden und zum aufstrebenden Nationalsozialismus in Erfahrung zu bringen. Die Verifizierung der von Lapide erwähnten Intervention stand dabei an erster Stelle auf meiner Wunschliste.

    Nachdem ich mich beim Leiter des Archivio Secreto, Bischof Sergio Pagano, vorgestellt hatte, begann meine Arbeit im „Sala Studio“, im Studiensaal des Geheimarchivs. Die Bestände des Vatikanischen Geheimarchivs sind sämtlich – zumindest bis zum Jahr 1939 – katalogisiert. Wer sie einsehen will, muss zunächst die umfangreichen Kataloge durchforschen, bevor ihm einer der freundlichen Mitarbeiter den entsprechenden Ordner zur gründlichen Inspektion übergibt. In einem dieser Kataloge, in dem fein säuberlich der Bestand des „Archivs der Nuntiatur München“ aufgelistet wird, stieß ich dann auch gleich auf einen vielversprechenden Eintrag: „Guerra Europ., Palestina # 1, Pop. Giudaica e della Citta Santa della Palestina” – “Erster Weltkrieg, Palästina Nr. 1, Jüdische Bevölkerung und die der Heiligen Stadt in Palästina“. Nachdem ich die archivalische Signatur der Akte notiert hatte (A.S.V., Arch. Nunz. Monaco d.B. 385; Fasc. 2; Pos. XIII, Guerra Europ. Palestina # 1, Popolazione Giudaica e della Citta Santa della Palestina), ließ ich sie mir bringen. Ich wurde nicht enttäuscht. Immerhin enthielt sie nicht nur Pacellis handschriftlichen Entwurf des von Lapide zitierten Briefes, sie gab auch weiteren Aufschluss über die Hintergründe der Intervention.

    Am 15. November 1917 um 16.30 Uhr war die chiffrierte Nachricht des päpstlichen Kardinalstaatssekretärs Gasparri an den Nuntius Pacelli herausgegangen, um 7.30 Uhr am nächsten Morgen wurde sie empfangen und dechiffriert. Ihr vollständiger Text lautet:
    „Die israelitische Gemeinschaft der Schweiz bat den Heiligen Vater, sich für die Unversehrtheit der Stätten und der jüdischen Bevölkerung Jerusalems einzusetzen. Er bittet Eure Exzellenz durch uns, entsprechend im Namen des Heiligen Vaters auf die deutsche Regierung einzuwirken. Card. Gasparri.“ (ebd., p. 2)

    Die Entscheidung, Pacelli mit dem Fall zu beauftragen, war klug. Es war mehr als fraglich, ob der Papst in Konstaninopel etwas bewirken konnte. Nur Deutschland als ihr stärkster Verbündeter war in der Lage, die Türken von einem Massaker abzuhalten. Und dass Pacelli für jüdische Angelegenheiten immer ein offenes Ohr hatte, das hatte sich bereits beim Empfang des Zionistenführers Sokolow gezeigt. Vielleicht ging die ganze Initiative sogar auf diesen zurück, der, weil er in England lebte, besser die Juden der neutralen Schweiz an den Papst schreiben ließ.

    Tatsächlich wurde Pacelli unverzüglich aktiv. Dabei war die ganze Angelegenheit eher diffizil. Schließlich bestanden zu diesem Zeitpunkt noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen dem Kaiserreich und dem Heiligen Stuhl. Die einzige Nuntiatur auf deutschem Boden befand sich in München, der Hauptstadt des Königreiches Bayern. Also musste ein diplomatischer Vorstoß über die bayerische Staatsregierung erfolgen. So trug Pacelli am 16. November 1917 sein Anliegen zunächst dem Königlich-Bayerischen Außenminister Otto Ritter von Dandl vor, den er dringend bat, sich für eine Intervention des Auswärtigen Amtes einzusetzen.

    Tatsächlich wurde dieses Mal, anders als ein halbes Jahr zuvor, das Berliner Auswärtige Amt aktiv. Elf Tage später, am 27. November 1917, finden wir folgende Notiz in der Akte „Juden in der Türkei“ des Berliner Auswärtigen Amtes als Antwort auf die entsprechende Demarche: „Es besteht keinerlei Anlass zu der Befürchtung, dass die türkischen Behörden in Palästina Ausnahmemaßregeln anwenden, die sich gegen die jüdische Bevölkerung richten könnten. Wir erfahren von türkischer Seite, dass die Heilige Stadt und alle Stätten, die den Gegenstand christlicher und jüdischer Verehrung bilden, geschont und geschätzt werden, soweit es die militärischen Notwendigkeiten nur irgendwie gestatten.“ (zit. n. Lapide, S.271)

    Daraufhin veröffentlichten die deutschen Behörden zwei Tage später die folgende Erklärung: „Nach den vorliegenden Nachrichten von türkischer Seite ist bereits auf die Schonung der heiligen Stätten in Jerusalem, die auch bei den Mohammedanern Verehrung genießen, Bedacht genommen worden, wird man der Bevölkerung jede Rücksicht angedeihen lassen. Selbstverständlich haben die Juden dabei keinerlei Ausnahmemaßregeln zu befürchten.“ (Jüdische Rundschau Nr. 48, 30.11.1917; zit. n. Lapide, S. 272)

    Schließlich konnte Ritter von Dandl am 8. Dezember 1917 dem Apostolischen Nuntius Bericht erstatten: „Eure Exzellenz beehre ich mich in Erwiderung der schätzbarsten Note vom 16. vor. Mts. ergebenst mitzuteilen, dass ich nicht verfehlt habe(,) das Anliegen der israelitischen Gemeinden der Schweiz wegen des Schutzes der Orte und der judaischen Bevölkerung von Jerusalem zur Kenntnis des Auswärtigen Amtes in Berlin zu bringen.
    Es ist mir hierauf von dort erwidert worden, es liege nach den daselbst eingetroffenen Nachrichten keinerlei Anlass zu der Befürchtung vor, dass die Türkischen Behörden in Palästina besondere, gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Maßnahmen zur Anwendung bringen könnten…“ (Arch. Nunz. Monaco d.B. 385, Fasc. 2, Pos. XIII, p. 5)

    Nur drei Tage später, am 11. Dezember 1917, nahmen die Briten unter General Allenby Jerusalem ein. Die Juden in Palästina konnten aufatmen.

    Zumindest laut Pinchas Lapide hatte der Nuntius Pacelli durch die Initiative zu dieser Demarche dazu beigetragen, „die Jerusalemer Judenheit wie die heiligen Stätten vor dem fast gewissen Untergang zu bewahren“. Sie war umso wichtiger, weil zu diesem Zeitpunkt der deutsche General Erich von Falkenhayn die türkischen Truppen in Palästina befehligte. Was ihn betrifft, stellte sein Biograf Holger Afflerbach fest: „Ein unmenschlicher Exzess gegen die Juden in Palästina wurde allein durch Falkenhayns Verhalten verhindert, was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einen besonderen – und Falkenhayn auszeichnenden – Stellenwert erhält.“ Da Falkenhayn zeitlebens nur ein strikter Befehlsempfänger war, ist davon auszugehen, dass ihm dieses „Verhalten“ aus Berlin befohlen worden war.

    So zitiert Pinchas Lapide einen Brief, den Dr. Jakob Thon, der damalige Leiter des Zionistischen Büros in Jerusalem, im Dezember 1917 schrieb: „Eine besondere glückliche Fügung war, dass in den letzten kritischen Tagen General von Falkenhayn den Oberbefehl hatte. Cemal Pascha hätte in diesem Falle – wie er es oft in Aussicht gestellt hatte – die Bevölkerung des ganzen Gebiets verjagt und das Land in eine Ruine verwandelt. Wir und die gesamte übrige Bevölkerung, sowohl die christliche als auch die mohammedanische, müssen mit tiefer Dankbarkeit an P.(acelli) denken, der durch Verhinderung einer geplanten vollständigen Evakuierung dieses Gebietes die Zivilbevölkerung vor dem Untergang bewahrt hat.“ (Mikrofilm K 1800 72/73 im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem, zit. n. Lapide, S. 272)

    Neun Jahre später, im Dezember 1926, wurde in Berlin das „Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palästina-Siedlung“ gegründet. Gründungsmitglieder waren unter anderem Reichstagspräsident Paul Löbe, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, Albert Einstein und Thomas Mann. Damals tauchte die Frage auf, inwieweit prominente Katholiken dabei mitwirken wollten. Während der heftigen Debatte um die Balfour-Deklaration beim Völkerbund war die Idee eines jüdischen Staates auch in Kirchenkreisen umstritten, man sorgte sich um den Status der christlichen Stätten. Zudem führte die betont sozialistische Einstellung einiger Zionisten im Vatikan zu einigen Irritationen und so rief selbst der „Osservatore Romano“ am 1. Juni 1922 zum „Schutze der heiligen Stätten gegen das bolschewistische Judentum“ auf. Wie Pinchas Lapide feststellt, vertrat der mittlerweile in Berlin residierende Nuntius Eugenio Pacelli auch „während dieser Zeit … den Pro-Palästina-Standpunkt“. Er erteilte also der Zionismus-Skepsis breiter Vatikankreise eine deutliche Absage, unterstützte stattdessen die jüdischen Siedler und ermutigte prominente Katholiken, der Initiative beizutreten. Selbst Pacellis engster Freund, der damalige Zentrums-Politiker Prälat Dr. Ludwig Kaas, gehörte schließlich dem Präsidium des Komitees an. (siehe Jehuda Reinhart, Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882-1933, Tübingen 1981, S. 378)

    Wie sehr er damals nach wie vor mit den Zionisten sympathisierte, zeigen die Erinnerungen des deutschen Zionisten Kurt Blumenfeld. In seinen 1962 erschienenen Memoiren „Gelebte Judenfrage“ berichtet er, wie jener Nachum Sokolow, dem Pacelli 1917 seine Papstaudienz vermittelt hatte, 1925 Berlin besuchte. Sokolow war mittlerweile zum Präsidenten aller Zionistenkongresse aufgestiegen. Als die Zionisten eine erneute Vorlage beim Völkerbund in Genf planten, erinnerten sie sich an den einstigen Unterstaatssekretär des päpstlichen Außenamtes. So wollten sie Erzbischof Pacelli um eine Instruktion für den Repräsentanten des Vatikans in Genf bitten. Doch als Blumenfeld in der Nuntiatur anrief, erfuhr er, dass Pacelli schwer krank im Hedwigs-Krankenhaus lag und für niemanden zu sprechen sei. Erst als er den Namen Sokolow ins Spiel brachte, rief man ihn zurück: Seine Exzellenz, der Nuntius, würde sich freuen, Herrn Sokolow für fünf Minuten zu empfangen.

    Gemeinsam fuhren Blumenfeld und Sokolow in die Klinik. Im Vorzimmer begrüßte sie der diensthabende Arzt: „Herr Sokolow allein und nur für fünf Minuten“, ermahnte er die Besucher. Blumenfeld setzte sich in die Bibliothek und vertiefte sich in ein Buch. Erst nach anderthalb Stunden kehrte Sokolow zurück. „Man merkte ihm an, wie interessant die Unterhaltung mit dem Nuntius gewesen war, eine Unterhaltung, die sowohl über jüdische wie über katholische historische Fragen ging“, erinnert sich Blumenfeld (1962, S. 83).

    Was weder Blumenfeld noch Lapide wussten, war, dass Pacelli ein paar Tage später in Sachen Sokolow nach Rom schrieb. Ich entdeckte dieses Dokument im vatikanischen Geheimarchiv, in einem Ordner zum Thema „Sionismo“, der sinnigerweise – man dachte halt noch in den Grenzen der Vorkriegszeit – der Akte „Turchia“ zugewiesen worden war. Es ist ein Schreiben Pacellis an Kardinalstaatssekretär Gasparri, datiert auf den 15. Februar 1925, mit folgendem Text:

    „Herr Nachum Sokolow, Präsident des Exekutivkomitees des Zionistischen Weltverbandes, bestand darauf, mich zu sehen, als er vor ein paar Tagen auf der Durchreise in Berlin war.
    Während unseres kurzen Gesprächs, das ich als völlig konstruktiv und einvernehmlich empfand, drückte er als Jude der katholischen Kirche seine Bewunderung und seinen Respekt aus, und ich erinnere daran, dass er Anfang 1917, als er Rom besuchte, wiederholt von Eurer Eminenz empfangen wurde und die Ehre hatte, Seiner Heiligkeit in einer Privataudienz zu begegnen.
    Deshalb empfehle ich, wenn er in diesem Jahr zurückkehrt, dass Eure Eminenz ihn erneut wohlwollend empfangen mögen, was ihn besonders glücklich machen würde, und ihm wenn möglich Eure Fürsorge zukommen lassen könnten.
    Obwohl ich weiß, dass die Intentionen dieses Herren, obwohl sie interessant sind, nicht in den Zuständigkeitsbereich dieser Nuntiatur fallen, sehe ich es doch als meine Pflicht an, den o.g. (Sokolow) dem guten Willen Eurer Eminenz anzuvertrauen.“ (A.E.S. Turchia -1921-39-, Pos. 7, Fasc. 23, p. 27)

    Mehr als jedes andere Dokument beweist dieser Fund, dass Eugenio Pacelli tatsächlich ein Freund des Zionismus war. Er war nicht nur sofort bereit, den prominenten Zionistenführer selbst noch im Krankenhaus zu empfangen, er schickte auch gleich darauf ein Empfehlungsschreiben nach Rom, um sicher zu gehen, dass dieser dort offene Türen vorfindet. Wer sein Verhalten in der Weltkriegs-Demarche noch für Pflichterfüllung im Auftrag des Papstes hält, muss zugeben, dass Pacelli in Sachen Sokolow auf eigene Initiative weit über seine Pflichten und sogar seine Kompetenzen hinausging. Wieder einmal zeigte der spätere Papst Pius XII., dass er für die Anliegen und Probleme des jüdischen Volkes immer ein offenes Ohr hatte.

  17. Lieber Herr Schlickewitz,
    bitte haben Sie Verständnis, dass ich nicht immer sofort antworten kann. So war ich von Dienstag bis vor wenigen Stunden in Rom und konnte daher einfach Ihre Frage nach dem Originalwortlaut noch nicht beantworten. Das will ich nun aber gerne tun. Dabei frage ich mich allerdings, wie Sie darauf kommen, dass ich Herrn Goldhagen in diesem Kontext „persönlich herabwürdigen“ wollte. Alles, was ich sage, ist, dass Goldhagen mit Quellen arbeitete. Er ist ja, das gibt er selber zu, kein studierter Historiker, er hat das Originaldokument nie in den Händen gehalten – sondern aus Cornwells manipulativer Übersetzung zitiert. Da er nicht wissen konnte, dass Cornwell manipuliert hat, trifft Goldhagen keine Schuld.
    Also, die fragliche Passage lautet im italienischen Original, danach in einer wortgetreuen Übersetzung (die Sie gerne von Ihrem Lieblingsitaliener überprüfen lassen können):
    „Un esercito di impiegati, che vanno, che vengono, che trasmettono ordini, che piopalano notizie,e fra essi una schiera di giovani donne, dall aspetto poco rassicurante, ebree come i primi, che stanno in tutti gli uffici, con atie provocanti e con sorrisi equivoci. A capo di questo gruppo femminile vi e l’amante di Levien: una giovanne russa, ebream divolziata, che comandada padrona…
    Il Levien e un giovanotto, anche egli russo ed ebreo, di circa trenta o trentacinque anni. Pallido, sporco, dagli occhi scialbi, della voce rauca: un vero tipo ributtante, eppure con una fisionomia intelligente e furba.“
    „Dabei war eine Schar junger Frauen von wenig beruhigendem Aussehen, Juden wie die zuvor erwähnten, die überall im Büro herumstanden, provokant im Verhalten mit einem vielsagenden Lächeln. Der Kopf dieser weiblichen Gruppe war die Geliebte Leviens: eine junge Russin, Jüdin, geschieden, die sich als Chefin benahm… Levien ist ein junger Mann, ebenfalls Russe und Jude, von etwa 30 oder 35 Jahren. Blass, ungepflegt, mit leerem Blick und rauer Stimme: ein wirklich abstoßender Typ und doch von intelligentem und schlauem Aussehen.“
    Bitte beachten Sie, dass hier ein revolutionärer Pöbel beschrieben wird, der dem Nuntiaturmitarbeiter Schioppa, von dem der Bericht ja stammt, nicht mehr und nicht weniger unsympathisch sein dürfte als eine 1968er Kommune. Dass es nun mal (de facto von ihrem Glauben abgefallene) Juden waren spielt in dem Bericht keine größere Rolle als ihre russische Nationalität. Also ein Indiz für einen Antisemitismus Pacellis kann man da ja nun wirklich nicht reininterpretieren! Und falls Sie das jetzt anders sehen, lesen wir doch mal, wie der bestimmt des Antisemitismus unverdächtige David Clay Large in seiner Zeitstudie „Hitlers München“ Levien beschrieb: „Er schlurfte in einer verknitterten Uniform umher, war ein starker Trinker und vermietete angeblich seine Frau für Liebesdienste.“

    Aber untersuchen wir mal die echten Zeugnisse von der Einstellung Pacellis zu den Juden aus dieser Zeit:
    – so empfing er im Mai 1917 im Vatikan den Zionisten Nahum Sokolov und verschaffte ihm eine Papstaudienz. Sokolov schrieb danach an sein Exekutivkomitee: „Ich neige nicht zu Leichtgläubigkeit und Übertreibung, trotzdem komme ich nicht umhin, zu erklären, dass dies ein ungewöhnliches Maß an Freundschaft offenbarte“ (Brief vom 12.5.1917)
    – Sokolov besuchte Pacelli ein weiteres Mal, als dieser Nuntius in Berlin war. Obwohl Pacelli im Krankenhaus war, war er sofort bereit, den Zionisten auch dort zu empfangen. Noch vom Krankenbett aus diktierte er für Sokolov ein Empfehlungsschreiben für Rom. Das Treffen wird übrigens von Kurt Blumenfeld in „Gelebte Judenfrage“ bestätigt.
    – Im August 1917 setzte sich Pacelli mit aller Kraft für das Anliegen des Münchner Rabbis Prof. Dr. Werner ein, der für Sukhot Palmzweige aus Italien brauchte. Als der Kardinalsstaatssekretär daraufhin Pacelli tadelte, er „wisse doch, dass der Heilige Stuhl keine Beziehung zu Italien unterhält“ (was damals zutraf), verteidigte Pacelli sein Bemühen: „Ich hatte den Eindruck, dieser Bitte nachzugeben, würde bedeuten, den Juden besondere Hilfe zu leisten, und dies nicht auf dem Feld praktischer, rein bürgerlicher und natürlicher Rechte, wie sie allen Menschen zukommen, sondern sie in positiver und direkter Weise bei der Ausübung ihrer Religion zu unterstützen.“ Am Ende dankte ihm der Rabbi „warmherzig für alles“, was er „in seinem Interesse unternommen habe.“
    – Der Dirigent Bruno Walter schildert in seiner Autobiographie „Thema und Variationen“, wie Pacelli sofort half, den jüdischen Musiker Ossip Gabrilowitsch aus dem Gefängnis zu holen, der zu Unrecht der Spionage bezichtigt wurde. Zitat: „Der Nuntius hörte uns mit Teilnahme an, versprach uns seine Hilfe und am nächsten Tag war Ossip frei.“
    – 1926 unterstützte Pacelli das „Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palästina-Siedlung“ und ermunterte deutsche Politiker wie Konrad Adenauer und Ludwig Kaas zur Mitarbeit.
    – und schon am 4. April 1933, also unmittelbar nach den ersten Sabotagen der Nazis gegen jüdische Geschäfte, fragte er bei dem neuen Nuntius in Berlin, Cesare Orsenigo, an, ob „gegen die Gefahr antisemitischer Exzesse in Deutschland“ eine Intervention erfolgreich sein könnte.
    DAS ist der wahre Eugenio Pacelli!

    MH

  18. Lieber Herr Hesemann,

    nachdem Sie es offensichtlich vorziehen zu schweigen und auch die Erfüllung Ihres Versprechens, uns den italienischen Wortlaut des in Frage kommenden Schriftstücks zu übermitteln, schuldig blieben, habe ich selbst in dieser Richtung recherchiert und lege hier zwei Wortlaute vor.

    Der erste stammt von dem Londoner Publizisten und Journalisten John Cornwell (geb. 1940) und ist derjenige, auf den sich Daniel J. Goldhagen wohl bezieht. In Cornwells „Hitler’s Pope“, London 1999/2000, S.74f lesen wir:

    „The scene that presented itself at the palace was indescribable. The confusion totally chaotic, the filth completely nauseating: soldiers and armed workers coming and going; the building, once the home of a king, resounding with screams, vile language, profanities. Absolute hell. An army of employees were dashing to and fro, giving out orders, waving bits of paper, and in the midst of all this, a gang of young women, of dubious appearance, Jews like all the rest of them, hanging around in all offices with lecherous demeanour and suggestive smiles. The boss of this female rabble was Leviens mistress, a young Russian woman, a Jew and a divorcee, who was in charge. And it was to her that the nunciature was obliged to pay homage in order to proceed.
    This Levien is a young man, of about thirty or thirty-five, also Russian and a Jew. Pale, dirty, with drugged eyes, hoarse voice, vulgar, repulsive, with a face that is both intelligent and sly….“

    Cornwell weist darauf hin, dass das die persönlichen Eindrücke von Rechtsbeistand (uditore) Schioppa waren, und dass Pacelli an der Abfassung des Berichtes nach Rom (höchstwahrscheinlich doch federführend!) beteiligt war, wie dessen Unterschrift und handschriftliche Randnotizen auf dem Original heute noch belegen.

    Berechtigt hebt der britische Autor die in dieser kurzen Passage so auffällige Häufung der Attribute „Jude“ bzw. „Jüdin“ hervor.

    Die Mehrheit der deutschen (und wohl auch italienischen) Katholiken nach dem Ersten Weltkrieg war antijüdisch eingestellt oder hegte Juden gegenüber erhebliche Vorurteile. Die darauffolgende Generation, die „Kriegsgeneration“, war es nicht minder, auch noch nach Ende des NS – wie u.a. dem OMGUS-Report von kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem sich bekanntlich 98 % der Deutschen, darunter noch zahlreiche Angehörige der Generation Pacellis, eher mehr als weniger, als Antisemiten zu erkennen gaben, zu entnehmen ist.
    (Es ist bei einer derart hohen Gesamtprozentzahl vollkommen irrelevant, hier noch auf eine eventuell minimal voneinander abweichende Einstellung bei Protestanten bzw. Katholiken, gegenüber Juden, einzugehen.)

    Pacelli drückte sich also nicht anders aus, als es dem (antisemitischen) Grundkonsens seiner Zeit entsprach, er war ein Antisemit.

    Dies muss man auch dann annehmen, wenn man nicht die Cornwellsche Fassung des Schreibens vom April 1919 berücksichtigen will, sondern die zweite von mir hier wiedergegebene. Sie stammt vom katholischen Theologen und Publizisten Klaus Kühlwein.

    Kühlwein (geb. 1955) ist, und das lohnt hervorgehoben zu werden, einer der wenigen katholischen Autoren, deren Bücher sehr wohl davon ausgehen, dass der Papst (Pius XII.) geschwiegen hat.

    Kühlweins Buch trägt bereits den vielsagenden Titel „Warum der Papst schwieg – Pius XII. und der Holocaust“ (Düsseldorf 2008) und entsprechend offen geht er auch mit dem Thema um.

    Auf Seite 76f gibt er den Brief(ausschnitt) von Schioppa und Pacelli wie folgt wieder:

    „Das Schauspiel im besagten Palast ist unbeschreiblich. Das chaotische Durcheinander, der widerlichste Dreck, das ständige Kommen und gehen von bewaffneten Soldaten und Arbeitern, die Schreie, die unflätigen Worte, die Flüche, die dort widerhallten, machten jene bevorzugte Residenz der bayerischen Könige zu einem wahren Inferno. Ein Heer von Angestellten, die kommen und gehen, die Befehle weitergeben, die Nachrichten verbreiten, und unter ihnen eine Schar junger Frauen von wenig beruhigenden Aussehen, Jüdinnen wie die ersten, die in allen Büros in provokanter Weise und mit zweideutigem Lächeln herumstehen. An der Spitze dieser weiblichen Gruppe steht die Geliebte Levines: eine junge Russin, Jüdin, geschieden, die als Chefin kommandiert. Und dieser musste sich die Nuntiatur beugen für die Genehmigung freien Zutritts. Levine ist ein junger Mann, auch er Russe und Jude von circa dreißig oder fünfunddreißig Jahren. Bleich, dreckig, fahle Augen, mit heiserer, ordinärer Stimme: ein wahrlich abstoßender Typ, doch mit einer intelligenten und schlauen Physiognomie.“

    Kühlwein, der eine eigene PIUS-XII-Webseite betreibt, hält darauf auch eine Faksimile-Version des Originals für besonders Interessierte bereit.

    So, lieber Herr Hesemann, was sagen Sie nun? Wollen Sie uns immer noch erzählen Eugenio Pacelli sei ein „echter Freund der Juden“ gewesen und der Vorwurf Antisemitismus nichts als Verleumdung und Lüge gegenüber einem so „heiligen Mann“?
    Ich rufe Sie auf, kommen Sie wieder ans Tageslicht und stellen sie das ‚Gleichgewicht‘ wieder her,
    wenn Sie können!

    RS

  19. Zur allgemeinen Diskussion hier kann ich wenig beitragen (müßte mich erst einlesen), aber diese Bemerkung von Olaf zum Katholiken aus Braunau gefiel mir:
    „Wenn Hitler gekonnt hätte, hätte er wahrscheinlich auch noch das Papstamt übernommen und Tausende von Deutschen hätten ihm besoffen zugejubelt.“
    Auch dies kann ich nicht beurteilen, halte es aber für möglich. Witzig daran ist: es dauerte keine 50 Jahre und „Wir“ haben das Papstamt übernommen und Millionen von Deutsche gerieten ins Delirium („Wir sind Papst“; schulfrei beim Papstbesuch in Bayern etc.). Dem Papst wird zugejubelt wie den Popstars. Auch hier wird die Heiligsprechung kommen.
    Dass er von seinem unermesslichen Reichtum mal was Erkleckliches für die Armen abgibt (nicht nur als Durchlauferhitzer für Steuergelder), fällt dem Papst aber nicht ein. Da ist Bill Gates noch vorbildlicher.

  20. Lieber Herr Hesemann,

    ich sehe, es ist der Sache abträglich, zu viele Themen ‚in einem Aufwasch‘ zu diskutieren; Zuvieles geht dabei verloren; deshalb beschränke ich mich in dieser Replik nur auf unser Eingangsthema und behandele die übrigen Punkte später.

    Der junge Nuntius Eugenio Pacelli befindet sich also in München und er erlebt die Wirren der Revolution in Bayern aus nächster Nähe mit. Nach Rom berichtet er in dem, von Ihnen, Herr Hesemann, auszugsweise und in verharmlosender Weise nur unter Heranziehung der weniger sensiblen Stellen zitierten, Brief vom 13. April 1919. Darin heißt es gemäß Daniel Jonah Goldhagen (Die kath. Kirche und der Holocaust, S.63):

    „… in der Mitte all dessen lungerte eine Bande von jungen Frauen von zweifelhaftem Aussehen, Juden, wie sie alle, mit provokativem Benehmen und zweideutigem Grinsen in den Büros herum. Die Chefin dieses weiblichen Abschaums war Leviens Gefährtin: eine junge Russin, Jüdin und geschieden, die für alles verantwortlich war…
    Dieser Levien ist ein junger Mann von etwa 30 oder 35 Jahren, ebenfalls Russe und Jude. Blass, schmutzig, mit von Drogenmissbrauch gezeichneten Augen, rauer Stimme, vulgär, abstoßend, mit einem Gesicht, das gleichzeitig intelligent und verschlagen wirkt.“

    Selbst wenn die von Ihnen, Herr Hesemann, in der Neuherübersetzung genannten Adjektive nun weniger despektierlich klingen mögen, bleibt doch der starke Eindruck, dass der Autor dieser Zeilen Juden und Russen, aber auch Frauen gegenüber gewisse erhebliche Abneigungen, oder sogar Abscheu entgegenbringt. Vor allem das Attribut „Jude“ wird hier in einem sehr negativen Zusammenhang benutzt, man könnte sogar sagen – in ganz offen antisemitischer Weise. Oder sehen Sie das anders, Herr Hesemann?

    Wäre es Ihnen wohl möglich, die oben von mir wiedergegebenen Zeilen aus Goldhagens Buch in Ihrer Antwort in der italienischen Originalfassung zu zitieren? Das wäre sehr hilfreich.

    Bitte vermeiden Sie darüberhinaus noch in Ihrer Antwort jedwede persönliche Herabwürdigung von Daniel Jonah Goldhagen, selbst wenn Ihnen danach sein sollte, danke.

    RS

  21. Die ganze Diskussion hat sehr befremdliche Züge angenommen, auch für mich als Nichtchristen. Eine Seligsprechung dient doch auch dazu, die Vedienste eines Menschen herauszustellen und aus christlicher Sicht zu würdigen. Auch für mich als Nichtchristen, sollte von einem Seliggesprochenen eine gewisse Vorbildfunktion erkennbar sein, oder? Wenn nun aber ein Kandidat sehr umstritten scheint und die Dokumente seines Wirkens noch der Geheimhaltung unterliegen, so gibt es doch nur zwei Lösungen: etweder man stellt die Steligsprechung hinten an und wartet bis zur Freigabe der Dokumente oder man geht die Sache offensiv an, macht alle Dokumente zugänglich und lässt diese von einer internationalen Historikertruppe bewerten. Dies wäre die Lösung der Vernunft.

    Nun ist es aus heutiger Sicht sehr leicht den moralischen Zeigefinger zu erheben. Wir wissen jetzt, wie die Geschichte ausgegangen ist. Aber versetzen wir uns mal in die ersten Amtsjahre (1939-1942) von Papst Pius XII. Hitler rannte militärisch von Erfolg zu Erfolg. Einzig England war im westlichen Europa nicht genommen. Der Vatikan vom faschistischen Italien umgeben. Der Libanon, als Nachbar Palästinas, eine franz. Kolonie des Vichy-Regimes von deutschen Gnaden. Bis Mitte 1942 konnten sich die Deutschen in Nordafrika noch gut halten. Es ging Richtung Kaukasus, Richtung Erdölfelder. Britische Kolonien wurden destabilisiert (Aktion „Freies Indien“). Anfang 1941 kommt die Lechi-Gruppe auf abwegige Ideen. 1941 erklärt Deutschland den USA den Krieg, bis Ende 42 zunächst weitestgehend folgenlos. Und wir trieben sogar mit unserem Kriegsgegner USA weiter Handel, nur jetzt über Spanien.
    Es war zm damaligen Zeitpunkt noch nicht erkennbar, dass sich das Blatt wenden würde. Und so kommt es eben zu einem Balanceakt zwischen Akzeptanz der Situation, dem Überleben der Kirche, dem Eintreten für Verfolgte.

    Wenn man die Akten öffnet, kommt wahrscheinlich Pius XII nicht allzu schlecht weg, aber am Vatikan als Kirchenstaat bleibt viel Schmutz kleben.

    Wenn Hitler gekonnt hätte, hätte er wahrscheinlich auch noch das Papstamt übernommen und Tausende von Deutschen hätten ihm besoffen zugejubelt.

  22. Sehr geehrter Herr Schlickewitz,

    zu behaupten, jedes Dokument, das Ihre Vorurteile widerlegt, sei vom Vatikan gefälscht, ist natürlich eine äußerst bequeme Methode. Wer aber sagt Ihnen, dass die von Cornwell produzierte Übersetzung des besagten Dokumentes korrekt ist? Wer sagt Ihnen, dass das fragliche Dokument überhaupt existiert? Es existiert halt nur im Vatikanarchiv und nur in der von mir zitierten Version – es gibt keine andere. Ich kann Ihnen sogar eine Fotokopie zukommen lassen. Ich zeige dieses Original bei meinen Vorträgen. Aber natürlich, gegen Verschwörungstheorien bin ich machtlos…

    Aber, noch einmal: Was garantiert, dass Ihre „Beweise“ existieren und echt sind?

    Im Vatikanarchiv gilt, wie bei den meisten Regierungsarchiven, die Regel, dass Archivmaterial erst mind. 50 Jahre nach Ende eines Pontifikats zur Freigabe vorbereitet werden. Auf Anweisung des Papstes geschah dies im Fall von Pius XII. fünf Jahre früher, aber es wird trotzdem noch 2-4 Jahre dauern, da wir es einfach mit einer Unmenge von Dokumenten – 8 Millionen! – zu tun haben, die zunächst einmal katalogisiert werden müssen, damit Historiker mit ihnen arbeiten können. Wenn die besagten Kommissionsmitglieder das nicht verstehen, so ist das bedauerlich, es geht aber darum, die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen zu wahren. Wer will denn heute etwa damit „erwischt“ werden, dass er 1938 einen bitterbösen Brief nach Rom schrieb und sich über die Anti-Nazi-Enzyklika „Mit brennender Sorge“ beschwerte (solche Dokumente wurden in den letzten Jahren freigegeben, ich hielt sie in den Händen). Da geht Datenschutz vor!

    Wenn Sie Hudals Autobiografie gelesen haben, dann wissen Sie, dass es nicht nur Hudal ALLEINE war, der führenden Nazis zur Flucht verhalf, sondern dass ihn dies auch zur persona non grata im Vatikan machte und ihn seinen Posten in der Anima kostete. Er wurde sogar höchstpersönlich bei einer Audienz „rausgeworfen“. Eichmann dagegen gelangte über einen Rotkreuz-Pass (unter falschem Namen) nach Südamerika.

    Wie kommen Sie auf die geradezu absurde Behauptung, Pius XII. hätte Israel gehasst? Im Gegenteil, er war schon in den 1920er Jahren ein Unterstützer der Zionisten und in engem Kontakt mit Nahum Sokolow, dem er sogar zu einer Papstaudienz verhalf und für den er später ein Empefhlungsschreiben verfasste. Haben Sie nicht gelesen, wie etwa Golda Meir über ihn schrieb? Allenfalls befremdete ihn die sozialistische Tendenz EINIGER Kibbuzim, er hätte sich wohl ein weniger säkularisiertes Israel gewünscht. Eine diplomatische Anerkennung bedeutet allerdings viel mehr als Sympathie oder Antipathie, es musste auch über den Status kirchlicher Besitztümer im Heiligen Land verhandelt werden etc. Aber warum, glauben Sie, ist das Israel Symphony Orchestra 1955 nach Rom gereist, um für Pius XII. in einem Privatkonzert Beethoven zu spielen?

    Der Vatikan unterstützte ja 1930/31 jene Bischöfe (u.a. Mainz), die Nazis automatisch exkommunizieren wollten. Aber andere Bischöfe fürchteten, damit viele Gläubige zu vergraulen, die aus opportunistischen Gründen der NSDAP beitraten. Wir erleben heute doch eine ähnliche Situation – romtreue Bischöfe auf der einen, Kompromissler auf der anderen Seite!

    Wahr ist, dass er nach dem 2. Weltkrieg und nach dem Fall des Nationalsozialismus im Kommunismus die nächste große Gefahr für Europa erkannte – und dass er in Italien eine rigorose Politik praktizierte, die mit den deutschen Bischöfen 1931 nicht durchsetzbar war. Dass die Mehrheit der deutschen Bischöfe damals zu sehr auf „appeasement“ setzten, ähnlich wie die westlichen Demokratien bis zum 1. September 1939, ist tatsächlich ein bedauerliches Versäumnis und ein historischer Fehler. Nur wenige sahen Hitler damals schon so klar wie Pacelli, der ihn (im gespräch mit dem uS-Konsul in Köln, ich zitiere einen US-Bericht an das State Dept. vom 3.3.39) „an untrustworthy scoundrel (and) a fundamentally wicked person“ nannte – einen nicht vertrauenswürdigen Halunken und einen abgrundtief schlechten Menschen!

    Hitlers Vater war übrigens kein gläubiger Katholik, sondern ein „Freidenker“; schon als Junge wandte er sich neoromantischen, neopaganen Schwärmereien zu, in Wien geriet er komplett in die „ariosophische“ Esoterikszene. Sie können ihm also wirklich keine „rein katholische Sozialisierung“ andichten. Die Mehrheit bekam die NSDAP bis 1933 übrigens nicht in den katholischen, sondern in den protestantischen Regionen Deutschlands! Eine katholische Sozialisierung hat also eher GESCHÜTZT vor dem neuheidnischen Rassenwahn, denn der Katholizismus lehrt die Einheit des Menschengeschlechts!

  23. Noch ein Nachtrag:

    Sie schreiben, Herr Hesemann:

    „Im Gegenteil – 1930/31 wurde bei den deutschen Bischöfen diskutiert, Nazis kollektiv zu exkommunizieren.“

    Das ist es doch gerade eben, man hat sie nicht exkommuniziert, nicht vorher, nicht während und auch nicht danach.

    Der ‚einfache‘ deutsche Mann, der Mitläufer, der spätere Mittäter hatte auf diese Weise auch nie den Eindruck, es handele sich bei den Nazis um zu verabscheuende Unmenschen, denen man lieber nicht traut, denen man besser nicht nachläuft, bei denen man lieber nicht sein ‚Heil‘ suchen sollte.

    Wenn die Kirche sie schon scheinbar akzeptierte, konnte nichts derart Übles ihnen anhaften, konnte man sich ihnen ruhig anschließen, so der offensichtliche Gedankengang des Durchschnittsbürgers in Deutschland.

    Die Kirche hat sich mit diesem billigenden Dulden des Unrechtsregimes zum Mittäter gemacht. Sie wurde schuldig, weil sie nichts tat! Wird Ihnen denn das nicht klar?

    Das war doch gerade das Kardinalversagen der deutschen Katholiken im 20. Jahrhundert!

    RS

  24. Lieber Herr Hesemann,

    es ist erfreulich, dass ein Fachmann Ihres Kalibers sich die Mühe macht, auf meine Argumente einzugehen.

    Leider jedoch sind Sie auf eines meiner Hauptargument, die geradezu kriminelle Bereitschaft der Kirche, Dokumente zu fälschen, nicht eingegangen.

    Wie wir beide wissen, geht es um viel, um Geld und um Einfluss und um den Ruf der Kirche, vor allem angesichts der so zahlreichen unschönen Kleinebubengeschichten, die nicht abreißen wollen.
    Es geht aber auch um den dringenden Wunsch Ihres hochverehrten Herrn Papstes, noch zu seinen Lebzeiten die Heiligsprechung Pius‘ XII. vorzunehmen. Gründe, die die Kirche dazu veranlassen, mit höchstem Einsatz vorzugehen.

    Kurzum, ich zweifle die Echtheit der von Ihnen genannten Dokumente an. Und solange, diesen Brief noch kein neutraler Sachverständiger in Händen (und unter dem Mikroskop) hatte, kann ja eine ganze Menge in ihm stehen.

    Wenn es, lieber Herr Hesemann, nur dieses eine Dokument gewesen wäre, dann könnte man tatsächlich sagen – in dubio pro reo – Schwamm drüber.

    Aber wie soll ich mir zum Beispiel die Tatsache, dass die gemeinsame Kommission aus vatikanischen und jüdischen Spezialisten, die das Verhalten Pacellis in braunen Zeiten untersuchen sollte, die doch auch eine Zeitlang echte Fortschritte machte, plötzlich ihre Arbeit einstellte.
    Ihre Arbeit einstellte, weil der Vatikan sich weigerte Dokumente, die sich in seinem Besitz befinden müssen, vorzulegen. Um dieser Angelegenheit dann noch das ‚Sahnehäubchen‘ aufzusetzen, beschuldigte die Kirche die ‚bösen Juden‘ auch noch, wahrheitswidrig, dafür verantwortlich zu sein, dass die Gespräche hatten beendet werden müssen.

    Ferner wird von katholischen Pacelliapologeten geradezu gebetsmühlenartig behauptet dieser Papst sei ein „Freund der Juden“ gewesen. Wenn das tatsächlich der Fall war, warum hasste Pacelli dann den Staat Israel so pathologisch?
    (Dass Israel ein Staat der Juden bei seiner Gründung war, und noch ist, und dass der Papst dies wusste, will ich mal voraussetzen)
    Und warum tat er noch eine Menge anderer Dinge, die diese angebliche „Freundschaft“ als ein Hirngespinst katholischer Fanatiker erscheinen lassen müssen?

    Wie wollen Sie uns etwa erklären,

    dass der Papst Pius XII. unter standhafter Beteiligung seines späteren Nachfolgers Montini (Paul VI.) die Rattenlinien (ratlines) einrichtete und mit gutem, vatikanischen Geld ‚polsterte'(?); Bischof Hudal schreibt in seinem aufschlussreichen Buch, wie das vor sich ging. Mengele, Eichmann und wie sie alle hießen, konnten so ihrer gerechten Strafe unter wohlwollender Billigung des Papstes entgehen (Eichmann erfreulicherweise nicht allzu lange),

    dass ferner der Vatikan 1948 sich standhaft weigerte Israel bei seiner Staatsgründung diplomatisch anzuerkennen (der „Osservatore Romano“ behauptete damals sogar kurioserweise das moderne Israel sei „nicht das wahre Erbe des biblischen Israel“ – wer denn sonst?),

    dass Pius XII. 1949 zwar Kommunisten exkommunizierte, nicht so jedoch die Katholiken Hitler, Himmler, Goebbels, Göring und all die anderen Lumpen, die Menschen gequält und ermordet hatten,

    dass der ‚überzeugte‘ Kommunistenhasser Pacelli 1956 die Beziehungen zur UdSSR aus eigenem Antrieb auf eine neue, freundliche Basis stellte, den Judenstaat jedoch weiterhin wie einen Paria, wie einen Aussätzigen, wie einen Schurkenstaat behandelte, ihn weiterhin durch Nichtanerkennung strafte,

    dass dieser Papst auch noch bis zu seinem Ableben im Jahre 1958 keine Notwendigkeit erkannte, von sich aus Gespräche, von Versöhnung oder Ähnlichem ganz zu schweigen, mit dem Judenstaat aufzunehmen, im Gegenteil, bis zum Schluss seine reserviert-feindliche Einstellung beibehielt.

    Sind das nicht alles schwerwiegende Gesichtspunkte, die dem anständigen Katholiken schwer zu schlucken geben sollten, oder was meinen Sie, Herr Hesemann?

    Sie sprechen oben, in Ihrem letzten Abschnitt, den NS- und Faschismusprotagonisten deren Katholizität ab.
    Woraus gingen denn diese sog. „Neuheiden“ hervor?
    – Aus katholischen Elternhäusern, aus einer rein katholischen Sozialisierung, aus einer katholischen Umgebung, die sie und ihr Handeln, Denken und Fühlen prägte. Selbst wenn sich diese ‚Herrschaften‘ von ihrem (christlichen) Glauben losgesagt haben sollten, blieben sie Kinder des sie geformt habenden und sie weiterhin umgebenden ‚Geistes‘. Dieser ‚Geist‘ war christlich und er blieb es.
    Wenn Sie meine Artikel hier auf haGalil gelesen haben, dann werden Sie wissen, wenn Sie es sich nicht selbst schon längst woanders angelesen haben, dass der christliche Judenhass (und der Hass auf andere Minderheiten) ‚uralt‘ ist und von der Kirche gehegt und gepflegt wurde, dass die Kirchen erst seit dem 20. Jh. beginnen ihr ‚Herz‘ auch für Minderheiten zu entdecken. (Ganz besonders menschenverachtend ist die katholische Haltung noch bis vor kurzem gegenüber Sinti und Roma gewesen; denken Sie z.B. an Bayern, zu Beginn der 1980er Jahre, Gedenkstätte KZ Dachau!)
    Dieser ‚Geist‘, oder besser Ungeist, also, umgab die führenden Persönlichkeiten des „Dritten Reiches“ ebenso, wie die Mehrheit der deutschen ‚Untertanen‘.
    1939, also im Jahre des Kriegsbeginns, hat eine Umfrage ergeben, dass 95 % aller Deutschen, Nazis inklusive, Angehörige der katholischen oder evangelischen Kirche waren. Keine größere Ansammlung von Heiden also auf weiter Flur erkennbar.

    Ich kann summa summarum nur eine Ablenkungsabsicht in Ihrer Argumentation erkennen. Schade, man hätte sich von einem Historiker Ihrer Bekanntheit mehr erwartet.

    RS

  25. Lieber Herr Schlickewitz,

    Ihr Fanatismus in Ehren, doch Sie sollten zumindest der Wahrheit treu bleiben. Dabei ist es natürlich am einfachsten, Fakten,die nicht zu Ihrer vorgefertigten Meinung passen, einfach zu ignorieren – oder sie zu „Fälschungen des Vatikans“ zu erklären. Genauso, wie Sie linken Journalisten und drittklassigen Dramatikern lieber Glauben schenken als einem Historiker, der in Archiven recherchiert hat – und damit für Sie gleich zum „Berufsapologeten“ wird.

    Also, behandeln wir mal Ihre Argumente.

    Sie behaupten, es gäbe „eindeutige schriftliche Belege dafür, dass Pacelli sich bereits in seiner Münchner Zeit … voller Judenhass geäußert hat.“
    Wahrscheinlich meinen Sie damit den Bericht über die kommunistische Räteregierung in München, den Nuntius Pacelli am 13.4.1919 an das päpstliche Staatssekretariat weiterleitete.
    Nun gebe ich Ihnen recht, dass man einen solchen Eindruck haben könnte, wenn man die „Übersetzung“ dieses Berichtes (der übrigens auf Pacellis Uditore Schioppa zurückgeht, also garnicht von ihm stammt!) liest, wie sie von Autoren wie Cornwell (und infolgedessen Goldhagen) offeriert wird. Da wird diese rote Räteregierung unter Leitung von Max Levien, Eugen Leviné und Towia Axelrod mit so unschönen Begriffen wie „eine Bande junger Frauen“, „weiblicher Abschaum“, „mit zweideutigem Grinsen“ (was die weiblichen Revolutionäre betrifft) beschrieben. Levien selbst werden „von Drogenmißbrauch gezeichnete Augen“ und ein „Gesicht, das gleichzeitig intelligent und verschlagen wirkt“ bescheinigt.

    Nun lohnt es sich manchmal doch, dem Prinzip des Historikers zu folgen, Sekundärliteratur zu meiden und „ad fontes“ zu recherchieren.

    So schaute ich mir den Originalbericht im Vatikanischen Geheimarchiv an. Und dort stehen im italienischen Original ganz andere Dinge. Da wird aus der „Bande“ eine „Schar junger Frauen“ (ital.: una schiera di giovani donne), aus dem „weiblichen Abschaum“ eine „weibliche Gruppe“ (gruppo femminile) und aus dem „zweideutigen Grinsen“ ein „vielsagendes Lächeln“ (sorrisi equivoci). Es brauchte also keine der Damen beleidigt zu sein. Auch Levien kommt viel besser Weg. Aus seinen „vom Drogenmißbrauch gezeichneten Augen“ werden im Original „gelangweilte Augen“ (occhi scialbi), schlimmstenfalls ein „leerer Blick“, was durchaus als Folge von Ermüdung durchgehen kann. Und er erhält sogarein Kompliment. Obwohl er ungepflegt auftrat, sei er „doch von intelligentem und schlauem Aussehen“ (eppure con una fisionomia intelligente e furba) und nicht etwa „verschlagen“.

    Sorry, Herr Schlickewitz, dass sind die Fakten. Cornwell hat bewusst manipulativ und falsch übersetzt, Goldhagen hat leider gutgläubig bei ihm abgeschrieben. Aber die Seifenblase, Pacelli habe sich im Stürmer-Stil geäußert, zerplatzt angesichts des Originaltextes.

    Es ist übrigens eine ziemlich verquere Logik, Verbrecher wie Hitler, Himmler, Göring, Goebbels und Mussolini, die eindeutig einer antichristlichen und neuheidnischen Ideologie folgten, der katholischen Kirche anzulasten. Dabei haben sie sich alle schon früh in ihrer Laufbahn von der Kirche abgewandt und sie ihr Leben lang bekämpft. Im Gegenteil – 1930/31 wurde bei den deutschen Bischöfen diskutiert, Nazis kollektiv zu exkommunizieren. Kein Regime der Geschichte wurde je so heftig von einem Papst verdammt wie die Nazis in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“, deren Autoren nun mal Kardinal Faulhaber und Pacelli waren!

  26. Bei allem Verständnis Herr Schlickewitz, ist dem Judentum Blasphemie, wie die Äußerung, „Er straft“, völlig fremd. Wir wissen es alle nicht. Und ich denke, sich gegen alle Katholiken oder gegenüber dem Katholizismus so drastisch zu äußern, dafür steht weder Hagalil noch wir Juden.

  27. Bekanntlich steht in den alten Schriften, dass der Gerechte es verabscheut, wenn wir Menschen Götzenbilder verehren, Tänze ums ‚goldene Kalb‘ veranstalten, den Monotheismus mit Füssen treten.
    Ausgerechnet unseren Brüdern, den Katholiken, indes, fällt es sakrisch schwer die Finger von ihren alten heidnischen (germanischen?) Kulten um die vielen, vielen Nebengötter zu lassen. Kein Wunder also, wenn ‚Er‘ die Geduld verliert und straft:
    http://www.youtube.com/watch?v=5ekxf58gpmY
     

  28.  
     
    Ein Papst, der schweigt und eine Kirche die verschweigt. Was wird wohl dieser ‚einsame Rufer in der Wüste‘, Rektor Mertes, unter solchen Umständen bewirken können?
     
    Man sollte ihm auf jeden Fall die größtmögliche Aufmerksamkeit schenken und über das Thema möglichst ausführlich diskutieren, ferner so lange keine Ruhe geben, bis die feinen Herren Kardinäle, Prälaten, Bischöfe und  Popetownchief Ratzinger Stellung nehmen und Wiedergutmachung in angemessener Höhe zusagen; Wiedergutmachung nicht nur diesen missbrauchten Schülern, sondern auch Sinti und Roma, Juden und Frauen, die unter den Verbrechen der Kirche litten und noch leiden!
     
     

    Rektor des Canisius-Kollegs greift katholische Kirche an

    Sonntag, 31. Januar, 09:31 Uhr

    Nach den bekanntgewordenen sexuellen Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg hat der Rektor der katholischen Privatschule, Pater Klaus Mertes, seine Kirche scharf kritisiert. Die Kirche leide an Homophobie, Homosexualität werde verschwiegen, sagte Mertes dem „Tagesspiegel am Sonntag“. Kleriker mit homosexueller Neigung seien unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert würden.Diesen Artikel weiter lesen
    Mertes bemängelte zudem, dass sich die kirchlichen Lehren zur Sexualität derart weit vom realen Alltag und den Fragestellungen junger Menschen entfernt hätten, dass zwischen der Kirche und der jungen Generation Sprachlosigkeit herrsche. Obwohl die bekannt gewordenen Missbräuche weit zurückliegen, sei die Gefahr erneuter Übergriffe niemals auszuschließen, sagte Mertes. Deshalb müsse jetzt an den katholischen Privatschulen vorbehaltlos geprüft werden, welche Unzulänglichkeiten Übergriffe begünstigen könnten. Dazu gehörten Mängel der kirchlichen Sexualpädagogik, unzureichende Beschwerdemöglichkeiten für die Schüler oder ein „zu autoritäres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern“.
    Der Beauftragte der Bischofskonferenz bei der Bundesregierung, Prälat Karl Jüsten, lobte Mertes im „Tagesspiegel“ ausdrücklich dafür, dass er sich offensiv um Aufklärung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bemühe und „sogar riskiert, den Ruf des Gymnasiums zu beschädigen“.
    Der Rektor hatte in einem vergangene Woche bekannt gewordenen Brief an 500 ehemalige Schüler geschrieben, dass mindestens zwei katholische Pater in den 70er und 80er Jahren Schüler missbraucht hätten. Bis Freitag meldeten sich laut „Spiegel“ rund 20 ehemalige Schüler, die von sexuellen Übergriffen berichteten. Einer der beschuldigten Pater gestand die Vorwürfe inzwischen ein. Das Berliner Landeskriminalamt nahm Ermittlungen auf, allerdings sind die Straftaten wohl verjährt.

  29. Alles unbestritten, wie Du Dir denken kannst, Schlicke. Trotz allem ist es deren Angelegenheit, drin zu bleiben oder auch nicht, denk zumindest ich und trotz meiner persönlichen Sicht auf die Kirche, kann ich in solcher Richtung keinem was anempfehlen oder gar abverlangen, es geht mich schlicht nix an, es sei denn, der beginnt zu missionieren – dann allerdings, wirds kritisch. 😉
     
    Nebenbei hat das Christentum auch noch ne eschatologische Tangente, und wenn nun jemand da dran glaubt, ist das zu akzeptieren. Er muss dann aber auch, für sich, den richtigen Weg finden, mit den negativen Seiten des Christentums umgehen zu können.
     
    Denk zumindest ich.

  30. Es ist mir, jim, die Dickfelligkeit mancher Zeitgenossen ein Dorn im Auge.

    Wie kann man nur weiter gedankenlos einem Glauben angehören, der Leute hervorbrachte wie Hitler, Himmler, Göring, Goebbels, Mussolini, Franco, Salazar, Pinochet, sogar Kommunisten wie Castro und Josip Broz Tito etc.?

    Keine andere Religion als das Christentum, keine andere christliche Konfession als der Katholizismus hat einer derart hohen Anzahl an Verbrechern, Lumpen und Kretins den geistigen und geistlichen Nährboden ihrer so blutigen Karrieren bereiten können.
    Hinzu kommt noch das Versagen einer Kirche beim Eingestehen der von ihr verschuldeten Verbrechen zweier Jahrtausende.

    Ich begreife es schier nicht, wie man 2010 noch überzeugter Katholik sein kann.

    Und ist man kein überzeugter Katholik, was hält einen dann noch in diesem Glaubenssumpf?

    Sind es ‚Tradition‘, Rücksicht auf Familienmitglieder (die Erbtante vielleicht?), oder berufsbedingte Vorsicht (man will es sich mit niemanden ‚verderben‘), oder nur Uninformiertheit (Dummheit)?

    Ach ja, da wäre ja noch das alte Vorurteil: Die katholische Kirche habe „soviel Gutes getan“.

    Hat sie, zweifellos, für sich und ihre Oberen. Diese, Päpste, Bischöfe und Priester, leben seit 2000 Jahren in Saus und Braus, mit Konkubine(n) und Schweinebraten, ohne Sorgen und Nöte.

    RS

  31. Es sind dies eben nicht nur “bedauerliche Einzelfälle”, es ist die katholische Realität weltweit!

    Leute, Katholiken, ‘habt Ihr noch alle Tassen im Schrank’ ?
    Falls ja, so tretet aus, eher heute, denn morgen!

    Hallo Schlicke,

    ich teile Deine Empörung. Nur Eines, man sollte es je jedem selbst überlassen, seine Verantwortung zu erkennen, seine, wie auch immer, eigenen Entscheidungen zu treffen. Will sagen, wir sollten hier nicht zu irgendwelchen Austritten aufrufen, wenn Du verstehst was ich meine, …

  32. Wie lange noch müssen wir (wir = anständige Menschen dieser Welt) uns so etwas gefallen lassen!

    Und das Alles nur, weil einige katholische Herrschaften sich vorgenommen haben, ein vorbildlich ‚keusches‘, gleichzeitig jedoch höchst unnatürliches Leben zu führen.

    Wie kann man bei einer derartigen Häufung solcher Fälle noch guten Gewissens Katholik bleiben?

    Es sind dies eben nicht nur „bedauerliche Einzelfälle“, es ist die katholische Realität weltweit!

    Leute, Katholiken, ‚habt Ihr noch alle Tassen im Schrank‘ ?
    Falls ja, so tretet aus, eher heute, denn morgen!

    SCHANDE SCHANDE SCHANDE SCHANDE SCHANDE SCHANDE SCHANDE SCHANDE !

    Jahrelanger sexueller Missbrauch an Berliner Jesuitenschule
    Donnerstag, 28. Januar, 11:08 Uhr

    An einem als Eliteschule geltenden katholischen Berliner Gymnasium hat offenbar jahrelang systematischen sexuellen Missbrauch von Schülern durch Priester gegeben. Der Rektor des von Jesuiten betriebenen Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, schrieb laut einem Bericht der Berliner „Morgenpost“ in einem Brief an 600 ehemalige Schüler, dass mindestens zwei Padres in den 70er und 80er Jahren die Straftaten begangen hätten. Diesen Artikel weiter lesen

    „Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen“, schrieb Pater Mertes an die früheren Schüler. Die beiden unter Verdacht stehenden Padres haben die Schule und auch den Jesuiten-Orden laut Rektor Mertes in den 80er Jahren verlassen und seien seitdem nicht mehr an einer Schule tätig gewesen. Unter welchen Umständen sie das Kolleg verlassen hätten, sei unklar und soll untersucht werden.

    Mertes wollte der „Morgenpost“ nicht die genauen Opferzahlen nennen. „Die Wucht der Vorfälle hat mich aber erschlagen“, sagte er. Er habe den Opfern volle Diskretion zugesagt. Es stehe den Opfern frei, sich an die Polizei oder Öffentlichkeit zu wenden.

    Wie eine Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft auf Anfrage sagte, sind der Behörde gegenwärtig keine Anzeigen zu sexuellem Missbrauch am Canisius-Kolleg bekannt. Die in den 70er Jahren verübten Taten dürften zumindest weitgehend strafrechtlich verjährt sein, je nach Tatzeitpunkt könnten aber die Taten aus den 80er Jahren durchaus noch zu einer juristischen Verfolgung führen.

    Die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch beträgt zwar 20 Jahre, womit das Jahr 1990 das letzte in Frage kommende Tatjahr wäre. Allerdings setzt die Verjährung bei sexuellem Missbrauch von Kindern erst mit dem Vollenden des 18. Lebensjahrs des Opfers ein, sagte die Sprecherin.

    Mertes räumte ein, dass bereits in den vergangenen Jahren vereinzelt Missbrauchsfälle bekannt geworden seien. Die Betroffenen hätten sich aber nicht offenbaren wollen. Nach einer schulinternen Veröffentlichung seien zum Jahreswechsel mehrere ehemalige Schüler auf ihn zugegangen. Deren Berichte hätten ihn überzeugt, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern einen systematischen und jahrzehntelangen Missbrauch handle.

  33. Danke, jim, für diesen traurigen Link.

    Polen ist ein bedauerlicher ‚katholischer Sonderfall‘, aber kein Einzelfall.

    Ich fahre ständig hin und sehe mir die dortige Presse genau durch, rede mit Leuten und bemühe mich viel Verständnis für Polen aufzubringen.
    Erfreulicherweise stehen die jungen Leute dem antisemitischen ‚Fundikatholizismus‘ ihrer Eltern und Großeltern immer distanzierter gegenüber und Austritte, die in Polen auf höchst seltsame Weise (vor einem Priester und mit Zeugen, wie bei einem mittelalterlichen Gericht!)vollzogen werden, nehmen zu, auch in der Provinz. Jedoch gehört der Katholizismus gleichzeitig so sehr in Polen zur nationalen Identität, wofür wir Deutschen einen beträchtlichen Teil Mitverantwortung tragen, dass es illusorisch wäre, eine rasche, breite Mentalitätsänderung zu erwarten.

    Für Antisemitismus und Antiziganismus darf es absolut kein Pardon geben, da sind wir uns einig. Lediglich bitte ich zugunsten der Polen zu bedenken, dass sie im Sozialismus gar nicht und danach auch nur in Elitemedien die Belehrung und Aufklärung erfahren konnten, die für uns Deutsche seit Anfang der 1970er Jahre so ’normal‘ wurde.

    Ein wenig möchte ich die häufig angetroffene antisemitische polnische Haltung mit der der ebenfalls fast ‚flächendeckend‘ katholischen Österreicher vergleichen. Man ’schießt‘ sich in beiden Ländern gerne auf die Deutschen ‚ein‘, überträgt ihnen die ganze Schuld für Völkermord und weitere Untaten, um sich selbst ‚freizusprechen‘. (Wobei keiner bestreiten wird, der noch bei Verstand ist, dass ohne uns Deutsche, diese österreichische und polnische Schuld wesentlich geringer ausgefallen wäre.)

    Der Katholizismus mit seiner extrem ausgeprägten Neigung zu Lüge, Heuchelei, Verschweigen, Gesundbeten, Schönschreiben verstärkt und begünstigt beträchtlich dieses, uns so unwürdig erscheinende, Verhalten noch zusätzlich.

    Abhilfe kann in beiden Fällen nur eine vollständige und kompromisslose Aufklärung über den eigenen, österreichischen wie polnischen, Anteil am Holocaust sowie eine schonungslos offene Historiografie in Bezug auf die jeweilige Geschichte der Minderheiten bis zurück ins Mittelalter bringen.

    Kontakte zu intellektuellen Polen und Österreichern gilt es zu nutzen, um bei den jeweiligen Bevölkerungen und Regierungen ein baldiges Umdenken zu erreichen. Plattformen wie haGalil sind geeignete ‚Basen‘ für die Verbreitung solcher Botschaften des guten Willens und des Anstands in einem Europa des 21. Jahrhunderts.

    Also pack’mas an.

    Sie als Österreicher, jim, bei sich und ich bei ‚meinen‘ Polen.

    RS

  34. …, scheinbar so überzeugenden “Fakten” werden früher oder später fast alle widerlegt werden können.

    Der Vatikan verweigert nach wie vor Einsicht in die entsprechenden Archive.

    Festzustellen ist und bleibt: Die wiederholte Behauptung, Schweigen und Wegschauen wäre das geeignetste Mittel, gegen die ultimative Menschheitskatastrophe anzukämpfen, ist einmalig in der Menschheitsgeschichte.

  35. Danke für das Stichwort, jim!

    Genau das ist es nämlich, die katholische Kirche kann zwar tatsächlich belegen, dass unter Pius XII. auch einige Juden gerettet wurden, sie kann es jedoch nicht im Falle der Sinti und Roma!

    Man hat sich zwar auch im päpstlichen Rom nach Überwindung allerschwerster Bedenken dazu durchgerungen „Zigeuner“ als Menschen zu betrachten und anzuerkennen, dass die Angehörigen dieser Minderheit ebenfalls ein Recht darauf haben, als Menschen behandelt zu werden.

    Keinesfalls war dies jedoch bereits unter dem menschlich und moralisch höchst zweifelhaften Eugenio Pacelli der Fall. Nicht ein einziges Mal hat er direkt, oder wie bei Juden, angeblich, indirekt, zu ihrem Schicksal unter den deutschen Barbaren bzw. zu ihrer Verfolgung Stellung bezogen oder gar sich für sie eingesetzt.

    Dieser echte, sittliche Charaktermangel jenes Papstes, der doch bald „heilig“ gesprochen werden soll, wird katholische Berufsapologeten wie Hesemann nicht ruhen lassen, auch hier demnächst geeignetes Material zu präsentieren, das jedoch nicht etwa aus einem ‚vergessenen‘ Archiv, sondern direkt aus den Fälscherwerkstätten des Vatikan stammen wird.

    Der Theologe und Historiker J. J. Ignaz von Döllinger hat die katholische Kirche bereits im 19. Jh. mehrfach der Fälschung bedeutender Schriftstücke überführt, und er war nicht der einzige, der dies überzeugend tat.
    Heute, gibt’s für die ‚Vatikanier‘ noch wesentlich mehr zu verlieren als damals, an Geld wie an Einfluss, somit machen sich Investitionen in die Herstellung einschlägiger „Dokumente“ bezahlt.

    Und unser boarischer Benedikt (XVI.) möchte doch noch so gern vor seinem Ableben sein große Vorbild, seinen Übervater, sein Idol ‚vergolden‘ lassen. Diesen Ruhm beansprucht er seit seiner Papstwahl. Oder auf bayerisch gesagt: Dös hod a se eibujt!(„Das hat er sich eingebildet/vorgenommen“)

    Anständige Menschen der Welt, ich rufe Euch auf, verhindert diesen absoluten Unfug!

    RS

  36. Ein Beispiel für die Macht des Klerus als potentieller Gegenspieler des Regimes: die eindeutig ablehnende, offizielle Stellungnahme des Vatikan an die Fuldaer Bischofskonferenz 1940 zur Haltung der katholischen Kirche zur Euthanasie, sowie das energische Auftreten van Galens gegen die Tötung „unwerten Lebens“.

    Einschätzung des christlichen Widerstands gegen die NS-Euthanasie

    Der von Bischöfen, Priestern, Ordensfrauen, katholischen und evangelischen Laien getragene christliche Widerstand konnte die NS-Euthanasie zwar nicht verhindern oder vollständig beenden, zumal die Kindereuthanasie weiterging und später dezentrale Anstaltsmorde durchgeführt wurden, aber er hat die Mordaktion unterbrochen, die Pläne der NS-Rassenhygieniker durchkreuzt und somit Sand in das Getriebe der mörderischen Diktatur gestreut. Der Bischof von Münster und andere protestierende hohe Würdenträger blieben unangetastet, Anna Bertha Königsegg und andere Euthanasiegegner wurden zeitweise inhaftiert; der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg kam auf dem Transport in das KZ Dachau um; der unbotmäßige Amtsrichter Lothar Kreyssig wurde zwangspensioniert. Die Nationalsozialisten, insbesondere Hitler selbst, wagten es in diesen Fällen nicht, mit dem sonst üblichen brutalen Terror gegen Regimegegner vorzugehen, weil sie negative Reaktionen in der Bevölkerung fürchteten, die sie zu diesem Zeitpunkt, nach dem am 22. Juni 1941 begonnenen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, nicht brauchen konnten. So mutig, wichtig und erfolgreich der kirchliche Widerstand gegen die NS-Euthanasie war, so wird damit freilich auch die Frage aufgeworfen, warum die Kirchen nicht mit der gleichen Konsequenz gegen den Holocaust an Juden und Roma aufgetreten sind.

  37. Herr Wenger,

    freuen Sie sich nicht zu früh!

    Es gibt eindeutige schriftliche Belege dafür, dass Pacelli sich bereits in seiner Münchner Zeit, jener Zeit als sich der Nationalsozialismus in der bayerischen Landeshauptstadt allmählich herausbildete und bereits gewalttätig antisemitisch auftrat, voller Judenhass geäußert hat.

    Und die hier von einem unverbesserlichen Pius12apologeten aufgezählten, scheinbar so überzeugenden „Fakten“ werden früher oder später fast alle widerlegt werden können.

    Gedulden Sie sich noch ein wenig, Sie katholischer Fanatiker!

    RS

  38. Es ist zu hoffen, dass Herr Gessler (wie auch die Redaktoren dieser Website!) die von Michael Hesemann hier dargestellten Fakten nicht nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen, sondern sich in ihrer verantwortungsvollen Medienarbeit auch entsprechend äussern und verhalten. Ganz besonders seien ihnen allen die verschiedenen jüdischen Dankesstimmen unmittelbar nach dem Krieg zur gewissenhaften Lektüre empfohlen! Es zeugt nicht eben von journalistischer Gründlichkeit und Ethik, einen befangenen, drittklassigen Autor wie Rolf Hochhut zum Massstab weltgeschichtlicher Einsicht zu machen.
    Mit besten Grüssen
    Robert Wenger
    CH-Zürich

  39. Ein Aspekt wird bei der Diskussion über das „Schweigen“ des Papstes übersehen:
    In welche Zerreißprobe hätte eine Verurteilung des Naziregimes wegen der Judenpolitik und ihres Vernichtungszieles in den nichtkatholischen, anderen christlichen Kirchen und Glaubensgemeinschaften geführt, durch ein Wort des römischen Papstes, der in der protestantischen Welt eher als „Antichrist“ galt und dem „antirömischen Affekt“ voll ausgeliefert war. Es ist wohl nicht denkbar, daß die „Deutschen Christen“ und Teile der evangelischen Landeskirchen einem Papst gefolgt wären, zu einem Zeitpunkt als evangeliche Landeskirchen, getaufte Juden formell aus der Kirche ausschlossen, so geschehen z. B. im Februar 1942 durch Erlass der schleswig- holsteinischen Landeskirche. Und dies nach massiver Unterstützung durch Aufarbeitung der Kirchenbücher und deren teilweise Umfunktionierung zur Einrichtung von „Sippenämter“, zur Identifizierung „fremdrassischer“ Deutscher und Christen jüdischer „Rasse“. Wir hätten heute eine ganz anders geartete Diskussion, wenn  der Papst gesprochen hätte. Die Gewissensnöte der Katholiken, vor die Wahl gestellt: „Für den Papst oder für den Führer“ und die Frage, wie sich die Protestanten in dieser Fragestellung entschieden hätten, wäre heute der Stoff der Diskussion. Das „Kiegsziel“ der Nazis und Hitlers: „Die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ wäre – Gott sei es geklagt – nicht aufgegeben worden, sondern ins noch Gigantischer gesteigert worden durch Einbeziehung der Deutschen, der sich offen an die Seite des „jüdich- bolschewistischen Weltfeindes“ gestellt hätte.

  40. „Diese Ausstellung ist ein Skandal“, kommentiert Philipp Gessler in der TAZ vom 23. Januar 2009 die Pius XII.-Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg. Dabei ist der wahre Skandal ein ganz anderer: Dass eine deutsche Tageszeitung sich erlaubt, die Ergebnisse der letzten vier Jahrzehnte zeitgeschichtlicher Forschung so konsequent zu ignorieren, dass sie auch 20 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ einen Text veröffentlicht, den man allenfalls dem „Neuen Deutschland“ zugetraut hätte: An ideologischer Verbohrtheit und Ignoranz kaum zu übertreffen!
     
    Außer Rolf Hochhuths tendenziösem Trauerspiel „Der Stellvertreter“, das für ihn offenbar lehramtlichen Charakter hat, hat Gessler offenbar keine Literatur konsultiert, als er über Pius XII. schrieb. So ist sein Artikel zwangsweise auf dem Stand der Diskussion, der vielleicht in gewissen Kreisen vor 45 Jahren aktuell war. Aus der Perspektive von 2009 wirkt er wie ein geradezu blamabler Anachronismus.
     
    Natürlich, und jeder seriöse Historiker weiß das, waren die beiden auf der Ausstellung unter dem Motto „Sie hören das Schweigen des Papstes“ präsentierten Pius-O-Töne  keineswegs die einzigen Beweise dafür, dass der Weltkriegspontifex zum Holocaust ganz und gar nicht geschwiegen hat. Er hat vielmehr
     

    Zwischen März 1942 und April 1944 durch vier Protestnoten an die Regierung der Slowakei Deportationen von Juden verurteilt und teilweise erfolgreich gestoppt.
    Im September 1942 bei der Vichy-Regierung gegen die Deportation der Juden aus dem von Deutschland nicht besetzten Teil Frankreichs protestiert.
    1942 die Auslieferung der rumänischen Juden an Deutschland gestoppt; stattdessen wurden sie „nur“ nach Transnistrien verbannt. Der Papst schickte hohe Geldbeträge, um ihre Lage dort zu verbessern.
    Im Juni 1943 seinen Nuntius Orsenigo zu Hitler auf den „Berghof“ geschickt; als die Sprache auf die Juden kam, beendete der Diktator das Gespräch durch einen Wutausbruch.
    Im Oktober 1943 den Abbruch der Verschleppung der 8000 Juden Roms bewirkt; ca. 7000 Juden wurden dadurch gerettet.
    Am 25. Juni 1944 mit einem persönlichen Telegramm an Staatschef Admiral Horthy interveniert, als die Deportation der ungarischen Juden beginnen sollte.

     
    Insgesamt konnten, schätzte der israelische Diplomat und Historiker Pinchas Lapide, durch die vom Papst initiierten Interventionen und Hilfsaktionen zwischen 700.000 und 860.000 Juden vor den Gaskammern der Nazis gerettet werden.
     
    Schon diese Zahl belegt, dass Pius XII. offenbar doch nicht alles falsch gemacht haben kann. Er hat es vielleicht vermieden, den Völkermord laut und deutlich anzuprangern, doch er hat stattdessen äußerst effizient Menschenleben gerettet. Da drängt sich die Frage auf, ob er dazu auch in der Lage gewesen wäre, wenn er Hitler offen angeklagt hätte – oder ob ein solcher Schritt vielleicht mutig, aber letztendlich dumm da kontraproduktiv gewesen wäre. Sicher ist: Die Chancen, so viele Unschuldige wie möglich zu retten, hätten sich dadurch nicht vergrößert – mit aller Wahrscheinlichkeit aber dramatisch verkleinert.
     
    So bleibt die Frage, was für ein Papst die bessere Wahl für diese schwere Zeit gewesen wäre – ein Mann der großen Worte oder ein Mann der großen Taten; letzterer war Pius XII.
     
    Pius XII. hat nicht geschwiegen. Er hat einmal ganz klar und deutlich und vor größtmöglicher Öffentlichkeit den Völkermord beim Namen genannt, nämlich in seiner Weihnachtsansprache 1942. Wer diese heute für unzureichend hält, entreißt sie ihrem historischen Kontext. Nur eine Woche zuvor, am 17.12.1942, hatten die Alliierten ihre Erklärung „German Policy of Extermination of the Jewish Race“ („Deutsche Politik der Vernichtung der jüdischen Rasse“) veröffentlicht, in der es hieß: „Die führenden deutschen Stellen setzen jetzt Hitlers oft wiederholte Absicht in die Tat um, das jüdische Volk in Europa auszurotten. Aus allen besetzten Ländern werden Juden unter entsetzlichen, brutalen Bedingungen nach Osteuropa transportiert. (…) Von keinem, der weggeschafft wurde, hat man je wieder etwas gehört. Die Arbeitsfähigen müssen sich in den Arbeitslagern langsam zu Tode schuften. Die Schwachen und Kranken lässt man erfrieren und verhungern, oder sie werden in Massen ermordet.“ Zwar wurde der Papst von den Alliierten gebeten, sich dieser Erklärung anzuschließen, doch das konnte er nicht; die Lateranverträge verpflichteten den Vatikan zumindest nach außen hin zur Neutralität. Stattdessen kommentierte (und bestätigte) er diese Meldung in seiner Weihnachtsansprache nur eine Woche später, als er erklärte: „Dieses Gelöbnis (den Frieden zu schaffen) schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die ohne eigene Schuld, manchmal nur wegen ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung, dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.“
     
    Zum damaligen Zeitpunkt wusste jeder, wer „wegen seiner Volkszugehörigkeit oder Abstammung dem Tode geweiht“ war – und dass der Papst damit nicht, wie Gessler behauptet, auch die Bombenopfer in den deutschen Städten gemeint haben könnte.
     
    Man verstand die Worte des Papstes jedenfalls beim SS-Sicherheitsdienst (SD), wo es in einem Bericht vom selben Tag heißt: „Hier spricht er deutlich zugunsten der Juden … und macht sich zum Sprecher der jüdischen Kriegsverbrecher.“ Man verstand sie auch im Auswärtigen Amt in Berlin, wo Außenminister von Ribbentrop seinem Vatikanbotschafter von Bergen befahl, dem Papst als Reaktion auf die Weihnachtsansprache mit Vergeltungsmaßnahmen zu drohen. Und man verstand sie in den USA, wo die „New York Times“ kommentierte: „In dieser Weihnacht ist er mehr denn je die einsame aufbegehrende Stimme im Schweigen eines Kontinents … Papst Pius drückt sich so leidenschaftlich aus wie jeder Regierende an unserer Seite…“
     
    Doch warum wählte er keine direkteren Worte?
     
    Die Gegenfrage muss lauten: Qui bono: Wem hätte es genützt. Den verfolgten Juden ganz bestimmt nicht.
     
    Es ist geradezu naiv, zu glauben, der Papst hätte auf die Nazis einwirken, etwa Hitler umstimmen können. Pius XII. hatte schon als Apostolischer Nuntius in Deutschland 1917-1929 den Aufstieg Hitlers verfolgen können und machte sich keine Illusionen. Selbst den amerikanischen Diplomaten A.W.Klieforth überraschte der damalige Kardinal Eugenio Pacelli mit seiner Direktheit, als er ihm 1937 erklärte, er glaube nicht, dass Hitler zu einer Mäßigung in Lage sei: „Er betrachtete Hitler nicht nur als nicht vertrauenswürdigen Halunken, sondern als von Grund auf schlechten Menschen.“ So war ihm von Anfang an klar (und sein einziger direkter diplomatischer Vorstoß, der Besuch des päpstlichen Nuntius Orsenigo beim „Führer“ auf dem Berghof, bewies ihm, dass er richtig lag), dass es nur eine Möglichkeit gab, das Morden zu beenden: Hitler musste beseitigt, der Krieg beendet werden. Schon als Kardinalstaatssekretär hatte er US-Präsident Roosevelt vor der „deutschen Gefahr“ gewarnt. Im Krieg segnete er sogar die Zusammenarbeit der Westalliierten mit Stalin ab, obwohl er im Kommunismus gleich nach dem Nationalsozialismus die zweitgrößte Bedrohung der christlichen Welt sah. In diesem Fall, so ließ er den USA übermitteln, ginge es aber um die Freiheit des russischen Volkes, das von Hitler angegriffen worden war, und so sei ein Bündnis legitim. Und das, obwohl sein Vorgänger Pius XI. eigens in einer Enzyklika jedes Zusammengehen mit Kommunisten auf das heftigste verurteilt hatte.
     
    Ohne zu zögern, in einer Direktheit, die jeden Historiker erstaunen muss, war Pius XII. auch sofort bereit, mit dem deutschen Widerstand zusammen zu arbeiten, als dieser ihn im Herbst 1939 durch einen Mittelsmann kontaktierte. Die selbe Gruppe, zu der später auch Stauffenberg stieß, die Generäle Bekh und Oster sowie Admiral Canaris von der Abwehr, waren damals über den Münchener Rechtsanwalt Dr. Joseph Müller – einen überzeugten Katholiken mit guten Kontakten zum Vatikan – an ihn herangetreten. Pius XII. sollte mit den Briten einen Waffenstillstand vereinbaren, wenn sie gegen Hitler putschten. Wie der amerikanische Diplomat Harold Tittmann 1945 nach einem Gespräch mit Dr. Müller in einem Memorandum festhielt, war auch der deutsche Widerstand darauf bedacht, dass Pius XII. nach außen hin seine Neutralität wahrte. So hatte Müller ihm dringend geraten, „sich jeder öffentlichen Stellungnahme zu enthalten, in der die Nazis beim Namen genannt und verurteilt würden. Stattdessen hatte er empfohlen, dass sich die Bemerkungen des Papstes auf allgemeine Äußerungen beschränken. Dr. Müller sagte weiter, er sei verpflichtet gewesen, diesen Rat weiterzugeben, denn wenn der Papst konkret geworden wäre, hätten die Deutschen ihn beschuldigt, das Sprachrohr der Fremdmächte zu sein. Dadurch wären die Katholiken in Deutschland noch stärker verdächtigt und in ihren Möglichkeiten beschränkt worden, den Nazis Widerstand zu leisten, als sie es ohnehin schon waren … Dr. Müller erklärte, der Papst habe diesen Rat den ganzen Krieg über befolgt.“
     
    Dieses Szenario ist plausibel, denn tatsächlich musste Pius XII. immer wieder feststellen, wie wenig öffentliche Proteste bewirken und wie viel Schaden sie anrichten konnten:
     

    Nach der deutschen Invasion in Polen  prangerte Pius XII. in seiner ersten Enzyklika „Summi pontificatus“ die Nazi-Gräueltaten an der Zivilbevölkerung an. Radio Vatikan berichtete von den Massakern – bis die polnischen Bischöfe baten, die Berichterstattung zu beenden; auf jede Ausstrahlung folgten Vergeltungsmaßnahmen der Nazis. So weigerte sich Erzbischof Sapieha aus Krakau sogar, ein päpstliches Trostwort an die polnischen Katholiken verlesen zu lassen, da dieses unweigerlich „als Vorwand für weitere Verfolgungen dienen“ würde.
    Als in Holland die Deportationen der Juden begannen, sollten zuerst die Konvertiten verschont werden. Erst als der Erzbischof von Utrecht gegen die Deportationen protestierte, wurden auch die Konvertiten verhaftet und verschleppt – darunter die Ordensfrau Edith Stein. Pius XII. hatte zu diesem Zeitpunkt einen eigenen Protest gegen die Judenverfolgung formuliert; als er von den Vorgängen in Holland erfuhr, verbrannte er ihn.
    Selbst der Oberrabbiner von Rom, Israel Zolli, flehte den Papst an, nicht öffentlich die Deportationen anzuprangern: Das würde „unsere Lage nur verschlimmern“.
    Auch Nuntius Orsenigo meldete aus Berlin: „Die Lage der Juden ist von jeglicher gutgemeinter Intervention ausgeschlossen“. Ein Protest hätte nichts genutzt aber vieles gefährdet.

     
    Wie schwer ihm diese Selbstbeschränkung aus Vorsicht fiel, geht aus mehreren Briefen und Erklärungen Pius XII. hervor.
     
    Deutlich wird aus diesen Äußerungen, dass es dem Papst weder um sein eigenes Leben oder den Vatikan und noch nicht einmal in erster Linie um die ihm anvertrauten „Schäflein“, die deutschen Katholiken, ging. Natürlich musste er befürchten, dass eine Aufkündigung des Konkordats, ein Vorgehen der Nazis gegen die kirchliche Hierarchie und eine Aufspaltung der deutschen Katholiken in einen romtreuen und einen nationalistischen Flügel, möglicherweise gefolgt von einer Verfolgung der Papsttreuen, die Folgen wären. Doch an aller erster Stelle stand bei ihm die Sorge um die Juden selbst; ihnen effizient zu helfen war nur eine zumindest weitgehendst unbehelligte Kirche in der Lage.
     

    So erklärte der Papst im Oktober 1942, als ihn der italienische Feldgeistliche Pirro Scavizzi über das Morden in den besetzten Gebieten informierte: „Nachdem ich viele Tränen vergossen und viel gebetet habe, hielt ich dafür, dass ein Protest meinerseits nicht nur keinem geholfen hätte, sondern vielmehr rasenden Zorn gegen die Juden heraufbeschworen und die Gräueltaten nur noch um ein Vielfaches vermehrt hätte, da diese wehrlos ausgeliefert wären. Vielleicht hätte ich mir durch meinen Protest ein Lob der zivilisierten Welt eingehandelt, aber den armen Juden hätte es nur eine noch unerbittliche Verfolgung gebracht als jene, die sie sowieso schon zu erdulden haben.“ 
    Diese Begründung wiederholte er am 2. Juni 1943 vor dem Kardinalskollegium: „Jedes Wort, das darüber von Uns an die zuständigen Behörden gerichtet wird, jede öffentliche Anspielung, muss mit allergrößtem Ernst erwogen und gewichtet werden, im eigenen Interesse derjenigen, die leiden, damit ihre Lage nicht noch schwerer und unerträglicher gemacht wird als vorher, auch nicht durch Unachtsamkeit, ohne es zu wollen.“

     
    Wie richtig er mit dieser Sorge lag, bestätigte der Vertreter der USA beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Robert Kempner: „Jeder Propagandaversuch der katholischen Kirche gegen Hitlers Reich wäre nicht nur provozierter Selbstmord gewesen, sondern hätte die Ermordung einer großen Zahl von Juden und Priestern ausgelöst.“ Und auch der US-Diplomat Harold Tittmann, der eigentlich im Auftrag Präsident Roosevelt den Papst zu einer Stellungnahme gegen die Nazis bewegen sollte, räumte in seinem Tagebuch ein: „Ganz persönlich kann ich nicht anders als mir einzugestehen, dass der Heilige Vater den besseren Weg gewählt hat, als er sich entschied, nicht offen zu sprechen und dadurch viele Leben zu retten.“ 
     
    Das war vor Hochhuth auch der Konsens im Westen – speziell in jüdischen Kreisen.
     

    Schon 1943 schrieb Chaim Weizmann, der Israels erster Präsident werden sollte: „Der Heilige Stuhl bietet seine mächtige Hilfe überall an, wo es ihm möglich ist, das Los meiner verfolgten Religionsgenossen zu lindern.“

    ·        1944 erklärte der Israelische Oberrabbiner Isaak Herzog: „Das Volk von Israel wird nie vergessen, was Seine Heiligkeit für unsere unglücklichen Brüder und Schwestern in dieser höchst tragischen Stunde unserer Geschichte tut. Das ist ein lebendiges Zeugnis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt.“

    Am 21. September 1945 dankte der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Dr. Leon Kubowitzky, dem Papst für „die Rettung von Juden vor faschistischer und nationalsozialistischer Verfolgung … (und) das, was sich die Kirche zu tun bemüht und tatsächlich für unser verfolgtes Volk getan hat“ und überreichte eine Spende in Höhe von 20.000 Dollar. 
    Nach dem Ende des Krieges, wurde Mosche Scharett – der spätere zweite Ministerpräsident Israels – von Papst Pius XII. empfangen. Scharett: „Ich sagte ihm, dass es im Namen der jüdischen Öffentlichkeit meine erste Pflicht sei, ihm und durch ihn der katholischen Kirche für alles zu danken, was sie in den verschiedenen Ländern getan hat, um die Juden zu retten.“
    Auch Dr. Raffael Cantoni, Präsident der „Union Jüdischer Gemeinden in Italien“, stellte fest: „Sechs Millionen meiner Religionsgenossen wurden von den Nazis ermordet, doch es hätte noch viel mehr Opfer gegeben ohne die wirksamen Interventionen Pius XII.“ Den 17. April 1955 erklärten Italiens Juden zum „Tag der Dankbarkeit“ für die Hilfe des Papstes.
    Am 26. Mai 1955 kam eigens das „Israelische Philharmonieorchester“ in den Apostolischen Palast, um für den Papst Beethoven zu spielen – als Zeichen der Dankbarkeit des Staates Israel für all das, was Pius XII. für die Juden getan hatte.
    „Als unser Volk im Jahrzehnt des Naziterrors ein fürchterliches Martyrium erlitt, hat sich die Stimme des Papstes erhoben, um die Henker zu verurteilen und um Mitgefühl für die Opfer zum Ausdruck zu bringen. Unsere Epoche ist durch diese Stimme bereichert worden, die sich im Namen der großen sittlichen Werte über dem Tumult und den täglichen Konflikten erhob“, erklärte Israels Außenministerin und spätere Premierministerin Golda Meir 1958.

     
    Mussten sie sich alle erst von Hochhuth erklären lassen, wie es „wirklich“ war?
     
     
    * Michael Hesemann ist Autor des Buches „Der Papst, der Hitler trotzte. Die Wahrheit über Pius XII.“ (Augsburg 2008)

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