Mauschel

Mit dem Artikel „Mauschel“, der am 15. Oktober 1897 im zionistischen Organ „Die Welt“ unter Herzls Pseudonym „Benjamin Seff“ erschien, brach Herzl ein Tabu. Er benutzte nicht nur einen antisemitischen Terminus für jene assimilierten Juden, die den Zionismus strikt ablehnten und bekämpften, sondern stellte auch bewusst eine innerjüdische Diskussion in der breiten Öffentlichkeit dar.

Mauschel

Von Theodor Herzl
(15. Oktober 1897)

Mauschel ist Antizionist. Wir kennen ihn schon lange, und es hat uns auch immer der Ekel gehoben, wenn wir ihn ansahen, wenn uns das Leben in seine Nähe oder gar in Berührung mit ihm brachte. Aber zu dem Ekel, den wir vor ihm empfanden, gesellte sich bisher immer Mitleid; wir suchten nach milden, historischen Erklärungen dafür, daß er ein so verkrümmter, verdrückter und schäbiger Geselle sei. Und dann: er ist doch unser Volksgenosse — wenn auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt, uns etwas auf seine Genossenschaft einzubilden. Wir sagten uns, daß wir ihn ertragen müßten, ja daß es unsere hohe Aufgabe sei, ihn zu veredeln, daß wir alle an dieser Aufgabe wachsen würden, und mit einer Art von romantischer Zärtlichkeit oder Schwäche nahmen wir uns seiner an, weil er ein Lump war. Wenn Mauschel eine Gemeinheit beging, trachteten wir sie zu vertuschen. Wenn Mauschel recht niedrig war, erinnerten wir die Welt an die Großen unseres Volkes. Wenn Mauschel uns alle kompromittierte, schämten wir uns oder schäumten insgeheim — jedoch wir schwiegen. Da hat Mauschel endlich etwas getan, was Lob verdient, was uns zur Ehre gereicht und wodurch er uns für manches entschädigt, das wir seinetwegen erdulden mussten. Er hat sich von uns losgesagt. Mauschel, das ist ein schöner Zug!

Aber wir sprechen von Mauschel, ohne ihn noch gebührend vorgestellt zu haben. Wer ist denn dieser Mauschel? Ein Typus, meine lieben Freunde, eine Gestalt, die in den Zeiten immer wiederkehrt, der fürchterliche Begleiter des Juden, und vom Juden so unzertrennlich, daß man beide miteinander stets verwechselt hat. Der Jude ist ein Mensch wie andere, nicht besser, nicht schlechter, höchstens verschüchtert und verbittert durch die Verfolgungen, und von einer großen Standhaftigkeit im Leiden. Mauschel hingegen ist die Verzerrung des menschlichen Charakters, etwas unsagbar Niedriges und Widerwärtiges. Wo der Jude Schmerz oder Stolz empfindet, hat Mauschel nur elende Angst oder höhnisches Grinsen im Gesicht. In den harten Zeiten richtet sich der Jude auf, Mauschel dagegen verkrümmt sich nur noch schmählicher. Werden die Zeiten besser, so ist es für den Juden eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeine Wohlfahrt; Mauschel aber wird frech und hochmütig. Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur; Mauschel betreibt hinter dem Fortschritt wie hinter der Reaktion nur seine eigenen schmutzigen Geschäfte. Der Jude erträgt die Armut mit Würde und Gottvertrauen, im Reichtum öffnet sich sein Herz weit für die Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Wohlergehen durch große Gaben. Mauschel ist in der Armut ein erbärmlicher Schnorrer, im Reichtum ein noch erbärmlicherer Protz. Der Jude liebt die Kunst und gelehrte Übungen; diese waren oft und lange sein ganzer Trost in der Abgeschlossenheit, die ihm eine feindselige Gesellschaft aufzwang. Von Mauschel werden selbst Kunst und Wissenschaft um des gemeinen Vorteils willen betrieben. So konnte man in unserem Volke zu allen Zeiten sogar Kaufleute und Handwerker von tiefer, schamhaft verschwiegener Bildung sehen — in solchen Gestalten trat der Jude auf. Einmal hieß er Baruch Spinoza, schliff Brillen und betrachtete die Welt sub specie aeterni. Und so konnte und kann man hinwieder Rabbiner, Schriftsteller, Advokaten, Ärzte sehen, die nur verschmitzte Gewinnsucher sind — in solchen Gestalten tritt Mauschel auf. Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Überzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten, oder sich offen als ihr Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht behagt, oder er flüchtet sich unter den Polizeischutz und tut Angeberdienste, wenn ihm vor dem Umsturz bange wird. Darum hat der Jude den Mauschel immer verachtet — und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres Wesens allezeit geschieden waren, wurden stets miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Missverständnis?

Als wäre in irgendeinem dunklen Augenblick unserer Geschichte eine niedrigere Volksmasse in unsere unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden, so nehmen sich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter unseres Volkscharakters nicht den Juden, sondern Mauschel genommen. Starke Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechtesten. Die Deutschen sind ein Volk von Dichtern und Denkern, weil sie Goethe, Schiller, Kant hervorgebracht haben. Die Franzosen sind die Tapferen und Geistreichen, weil sie Bayard und Duguesclin, Montaigne, Voltaire und Rousseau aufstehen ließen. Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter denen man uns anfiel. Mauschel ist der Fluch des Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt, und es mag oft vorgekommen sein, daß gute Juden vom Volk und vom Glauben der Väter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach innen und außen geschwächt.

Aber es kam die Zeit, unsere Zeit, wo auch die Flucht aus der Religion den Juden nicht mehr von der Solidarität mit Mauschel befreien kann. Die Rasse! Als ob Jude und Mauschel von derselben Rasse wären. Der Gegenbeweis war freilich schwer zu erbringen, und vor dem Antisemitismus schienen Jude und Mauschel für immer, unauflöslich, rettungslos verbunden. In solchen Zeiten pflegt wohl mancher Mauschel vom Judentum abzufallen, ein Jude sicher nicht. Da trat der Zionismus auf — Jude und Mauschel mussten zu dieser Frage Stellung nehmen. Und jetzt, jetzt zum ersten Male hat Mauschel dem Juden einen moralischen Dienst von unverhoffter Größe erwiesen. Mauschel sagt sich von der Gemeinschaft los, Mauschel ist Antizionist!

Man möge uns nicht missverstehen. Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie man uns gerne darstellen möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt sehr hohe, sehr respektable Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Person nicht teilnehmen kann oder will; aber darum braucht er sie noch nicht zu verdächtigen und zu bekämpfen. Die Haltung eines Juden, der nicht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt sich eigentlich von selbst: er stellt sich abseits. Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimiliert, daß ihn die Geschicke der Juden nichts mehr angehen. Er hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz das äußere Band nicht zerrissen. Er kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, daß auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judentum schon abgekommen ist, um so achtungsvoller wird er die Regungen dieses ihm fremden Volksbewußtseins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, daß seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluß an ein anderes, dem er sich verwandter fühlt, ohne beschämende Konzession. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antizionist. Er bleibt neutral, kühl, fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er als Fremder die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen und unterstützen, wie es unsere christlichen Freunde tun, die den verschiedensten Völkern angehören.

Mauschel hingegen ist Antizionist, und zwar in lärmender, belästigender Weise. Mauschel höhnt, schimpft, verleumdet und denunziert. Denn Mauschel spürt, daß es ihm jetzt endlich an den Kragen geht. Er hat das sofort, noch bevor der Zionismus alle Batterien demaskierte, auf eine beinahe geniale Weise erraten. Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlagwort gegen die Zionisten ausgegeben: sie seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die uns ohne Rücksicht auf unsere erworbene Stellung und unser Vorwärtskommen vor aller Welt als Semiten bekennen, die Pflege unseres alten Volkstums hochhalten, zu unseren armen Brüdern stehen. Aber er hatte blitzschnell heraus, was wir sind. Mauschelfeinde sind wir.

Mauschel hatte sich mit dem Antisemitismus schon so gut wie abgefunden. In den Kulturländern geht es ja den Juden nur an die Ehre. Mauschel zuckt die Achseln: was heißt Ehre? Wozu braucht man die Ehre? Wenn die Geschäfte gehen und man gesund ist, läßt sich das übrige ertragen.

Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgendeinem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation unterschlüpfen könnte. Dort angelangt, spielt er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind, wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen. So kommt es, daß wir manchmal von ernsten Freunden unserer Sache die Bemerkung hören müssen: „Die Juden selbst wollen ja vom Zionismus nichts wissen.“ Die Juden? Nicht doch. Nur Mauschel nicht! Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es.

Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei. Das ist eine der ersten, eine der wohltätigsten Folgen unserer Bewegung. Wir werden erleichtert aufatmen, wenn wir diese Leute, die wir mit heimlicher Scham als Volksgenossen behandeln mussten, ganz und gar los sind. Sie gehören nicht zu uns — aber wir auch nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmählich, welch eine gesunde Volksbewegung unser Zionismus ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den schmachvollen Elementen zu säubern? Weg mit der faulen Duldung. Wir brauchen über Mauschels Streiche nicht mehr zu erröten, wir brauchen sie nicht zu verschweigen, nicht empfindsam zu verteidigen. Ah, wir sind Narren? Nun, so verrückt sind wir nicht, noch länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen. Mehr noch: der Feind soll wie ein Feind behandelt werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die du als Protestrabbiner missbrauchst! Wir wollen erst wieder in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus, Mauschel, aus allen Vertretungen des jüdischen Volkes, das du nicht zu kennen behauptest. Und ist es wahr, daß nur die Gedrückten, nicht die Mächtigen am Zionismus hängen, dann soll die versammelte Kraft der Unglücklichen aufgeboten werden. Wir wollen sehen, wie sich die Dinge gestalten, wenn wir den Boykott auf allen Gebieten gegen Mauschel ausgeben.

Wenn wir alle die förmlich von uns absondern, die sich gegen unsere Volksgenossenschaft verwahren, wird man in diesen Ausgeschiedenen eine seltsam gemischte Gesellschaft, zu sehen bekommen. Da ist der Finanzier, der so viel Butter auf dem Kopfe hat, daß er sich vor einem ebenso verdächtigen Mauschel, vor dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die sich an den Grenzen der Paragraphen aufhält. Da ist der rotgeschminkte Politiker, der jetzt den Sozialismus betreibt, ausnutzt und entwertet. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter…

Mauschel, nimm dich in acht! Da ist eine Bewegung, von der selbst die Judenfeinde gestehen, daß sie nicht verächtlich ist. Es soll ein Abfluss unglücklicher, wirtschaftlich und politisch schwer bedrohter Menschen nach einer dauernden Heimstätte, unter rechtlichen Sicherheiten eingeleitet werden. Dagegen sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Perfidien verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vorteil für dich siehst? Was hast denn du jemals für deine „Brüder“ getan? Entehrt hast du sie, geschadet hast du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen, fällst du ihnen in den Arm. Mauschel, nimm dich in acht! Der Zionismus könnte es halten, wie Tell in der Sage. Wenn sich Tell anschickt, den Apfel vom Haupte seines Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauschels Brust bestimmt!