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"Fehler der Weltgeschichte":
Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners

Von Ralf Sonnenberg

War Rudolf Steiner ein "völkischer Antisemit"? Kritische Kurzbibliografie und Resümee

Vor allem seit Mitte der neunziger Jahre äußern Autoren den Verdacht, die Anthroposophie transportiere antisemitische bzw. rassistische Inhalte und sei mitunter sogar Wegbereiterin des Nationalsozialismus gewesen. (82) Tatsächlich bediente sich ihr Urheber recht ungeniert aus dem Repertoire theosophischer und anderer Rassentheorien (83), auch wenn der Behandlung des Themas "Rassen" – sofern dieser Begriff somatische Varietäten und nicht bewusstseinsgeschichtliche Etappen im Sinne theosophischer Terminologie meint – in Steiners umfangreichen Werk eine marginale Stellung einnimmt. (84) Als rassistisch muss aus heutiger Sicht Steiners Versuch gewertet werden, biologische "Rassen" mit dem Grad der mentalen "Entwicklungsreife" ihrer Angehörigen zu korrelieren und somit eine Hierarchisierung von Menschengruppen spirituell zu begründen, deren unterste Sprossen den – aufgrund ihrer physischen "Degeneration" zum Aussterben verurteilten –  Indianern (85) sowie den von "Trieben" (86) und "Witterungen" (87) dominierten "Negern" vorbehalten bleiben. Die "arische" oder europäische hielt Steiner für die "zukünftige, da am Geiste schaffende Rasse". (88) Sie repräsentiert innerhalb seines Weltanschauungskosmos die "fünfte nachatlantische Kulturepoche", deren Anfang er auf den Beginn der frühen Neuzeit datierte. (89) Die rassistischen Implikationen dieses Stufenmodells hoffte Steiner durch eine eigentümliche esoterische Dialektik einzuholen, die er seinen rassenkundlichen Erörterungen vorschaltete: Die Reinkarnationsfolgen der menschlichen Individuen führten demnach durch die verschiedenen biologischen "Rassen" hindurch, so dass, "obgleich man uns entgegenhalten kann, dass der Europäer gegen die schwarze und die gelbe Rasse einen Vorsprung hat, doch keine eigentliche Benachteiligung" bestehe. (90)

Nach Auffassung des Politologen Helmut Zander ist Steiners Oeuvre "von einer nicht systematisierten oder hermeneutisch integrierten Ambivalenz gekennzeichnet", "in der Unvereinbares und Widersprechendes stehengeblieben" sei. Es hinge somit vor allem "von den Interessen der Leser ab, ob die Anthroposophie rassistisch interpretiert wird oder nicht." (91) Die völkische Tradition, unter welcher Zander recht allgemein "sozialdarwinistische" und "rassistische" Auffassungen versteht, ließe sich auch heute noch "neben und in den humanistischen Vorstellungen" der Anthroposophie auffinden. (92) Zander konzediert jedoch, dass Steiner kein "scharfmacherischer politischer Rassist oder Antisemit" gewesen sei, auch wenn er "zum intellektuellen Hintergrund und Überbau der deutschen Tragödie" gehöre. (93) Der Autor verortet die Entstehungsgeschichte der theosophisch-anthroposophischen Bewegung im Spektrum völkischer Sondergemeinschaften, wie sie sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum zu formieren und  in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zu konsolidieren begannen.

Die von Helmut Zander nahegelegte Subsumierung der Anthroposophie unter die völkischen Lehren der Kaiserzeit und Weimarer Republik wäre jedoch nur dann sinnvoll, wenn sich der Nachweis erbringen ließe, dass nationalistische, sozialdarwinistische, pangermanische und antisemitische Begründungsmuster einen zentralen Stellenwert innerhalb anthroposophischer Lehren einnähmen und deren kosmopolitischen und humanistischen Gehalt überlagerten bzw. marginalisierten. Programmatische Inhalte völkischer Agitation wie die Forderung nach Segregation der Juden, nach Bildung einer "artgerechten" Religion, nach eugenischer Selektion und Ausmerze oder nach Errichtung eines imperialen Rassenstaates müssten demnach das ideologische Bindeglied für die unterschiedlichen anthroposophischen Ideen und Aktivitäten abgeben und das Selbstverständnis ihrer Protagonisten entscheidend prägen. (94) Aus der partikularen Konvergenz von rassistischen Argumentationssträngen und Ideologemen, wie sie im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts den gesellschaftsübergreifenden Diskurs dominierten und somit kein Spezifikum völkischer Ideologiebildungen darstellten, eine strukturelle Koinzidenz von völkischer und anthroposophischer Lehre extrapolieren zu wollen, hieße jedoch den Begriff "völkisch" auf eine Weise zu inflationieren, die diesen als Instrument der geschichtswissenschaftlichen Analyse gänzlich untauglich machte. Historiker wie George L. Mosse (95), Jörn Rüsen (96), Uwe Puschner (97) oder jüngst Michael Rißmann (98) haben daher zu Recht Vorbehalte gegenüber dem Versuch angemeldet, Steiner unter die völkischen "Systembauer" und Aktivisten einzureihen: "Von den völkischen Theorien über die Geschichte des Judentums unterscheidet sich dieser Entwurf (der Steinersche, Anm. R.S.) erheblich. Bereits die Annahme, die Existenz des Judentums habe überhaupt einen Sinn gehabt, hätten Vertreter des völkisch-nationalsozialistischen Spektrums widersprochen, die im Judentum eher einen ›Menschheitsverderber‹ vom Beginn der Geschichte an sahen. Das von Steiner geforderte ›Aufgehen‹ des Judentums in der Menschheit darf … keinesfalls mit jenem ›Erlösungsantisemitismus‹ der Nationalsozialisten verwechselt werden, der im Genozid seine konsequente Vollendung fand." (99)

Wirft schon die Konnotation des Adjektivs "völkisch" mit dem Substantiv "Religion" Probleme auf, da fragwürdig ist, ob im Hinblick auf den Eklektizismus völkischer Sinntstifungsversuche überhaupt von Religion im herkömmlichen Sinne gesprochen werden kann, so erweist sich der Ausdruck "›arteigenes‹ Glaubenssystem", wie er im Titel eines Sammelbandes auftaucht (100), in Bezug auf eine Charakterisierung des anthroposophischen Selbstverständnisses gleich in zweifacher Hinsicht als irreführend: Steiner begriff die Anthroposophie nicht als Religion, sondern als "Weg meditativer Schulung", welcher dem esoterischen Verständnis der Weltreligionen, vor allem aber des Christentums und (antiken) Judentums, diene. Die Schaffung einer "arteigenen Religion" lehnte er, der sich als Erneuerer der christlichen Esoterik sah, ausdrücklich ab: "Der Christus ist kein Volksgott, ist kein Rassengott, der Christus ist überhaupt nicht der Gott irgendeiner Menschengruppe, sondern der Christus ist der Gott des einzelnen Menschen, insofern dieser einzelne Mensch nur ein Angehöriger der gesamten Menschheit ist". (101)

Anders als Theodor Fritsch, Alfred Rosenberg oder Max Bewer, die einen "arischen Christus" propagierten, sah Steiner in Jesus von Nazareth einen hochstehenden jüdischen "Eingeweihten", der während der Jordan-Taufe den Christus-Geist in sich aufgenommen habe.(102) Im Unterschied zur Argumentationsweise der Rassenantisemiten, die einen manichäischen Antagonismus von "arischer" und "jüdischer" Rasse" konstruierten, erblickte Steiner zudem gerade in den "Ursemiten" die Begründer der "arischen Wurzelrasse", deren Angehörige vor allem die "Denkkraft" entwickelt hätten.(103) Steiner deutete die Weltgeschichte auch nicht wie Arthur Comte de Gobineau als Arena von  "Rassenkämpfen" oder wie Alfred Ploetz als Laboratorium eugenischer Zuchtexperimente, sondern sah in ihr einen Prozess allmählicher Emanzipation von "Gattungsmerkmalen" wie Rasse, Vererbung oder Geschlecht. Dem Selbstverständnis ihres Urhebers nach bildete die Anthroposophie somit einen Gegenentwurf zur zeitgenössischen naturalistischen Anthropologie, welche die vermeintliche genetische Determination des Menschen zur Richtschnur ihres Denkens und Handelns bestimmte und in letzterem oft ein Zielobjekt rassenhygienischer  Manipulation und Selektion erblickte.(104) Es werde dahin kommen, so prognostizierte Rudolf Steiner bereits 1907, "dass alle Rassen- und Stammeszusammenhänge wirklich aufhören. Der Mensch wird vom Menschen immer verschiedener werden. Die Zusammengehörigkeit wird nicht mehr durch das gemeinsame Blut vorhanden sein, sondern durch das, was Seele an Seele bindet. Das ist der Gang der Menschheitsentwicklung".(105)

In dem völkischen Konstrukt einer "Volksgemeinschaft" erblickte er einen gefährlichen Rückfall in atavistische Bewusstseinsformen, dem er seit 1917 seine politische Utopie einer "Dreigliederung des sozialen Organismus" entgegensetzte, die er als Beitrag zur Fortbildung der parlamentarischen Demokratie verstand. Das so genannte Dreigliederungskonzept sah eine Entmachtung des ethnisch definierten Nationalstaates durch die Entflechtung der Bereiche Staat, Bildungswesen und Wirtschaft vor.(106) "Ein Mensch", so urteilte Steiner 1917 im Hinblick auf die Ursachen des Ersten Weltkrieges, "der heute von dem Ideal der Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit.  Und wenn er in diesen so genannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit. Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen."(107) Stattdessen sei es notwendig, dass die anthroposophische Bewegung " … gerade im Grundcharakter dieses Abstreifen des Rassencharakters aufnimmt, dass sie nämlich zu vereinigen sucht Menschen aus allen Rassen, aus allen Nationen, und auf diese Weise überbrückt diese Differenzierung, diese Unterschiede, diese Abgründe, die zwischen den einzelnen Menschengruppen vorhanden sind."(108)

Mit diesen Worten ist ein weiteres Unterscheidungskriterium von anthroposophischen und völkischen Lehren benannt, soweit diese sich in institutionalisierten Formen Ausdruck verschafften. Denn während in völkischen Vereinen oder Organisationen der so genannte Arier-Paragraph über die Homogenität der Gemeinschaft wachte, stand die Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft Juden offen. Zu den Mitarbeitern und Anhängern Steiners jüdischer Abstammung zählten der Philologe Ernst Müller (1880-1954), der Philosoph und Zionist Hugo Bergmann (1883-1974)(109), der Fabrikant Carl Unger (1878-1929)(110), der in Auschwitz ermordete Komponist Viktor Ullmann (1898-1944)(111), aber auch Berta Fanta (1865-1918), die vor dem Ersten Weltkieg in Prag einen einflussreichen philosophisch-literarischen Salon unterhielt.(112)  Nicht zuletzt der Umstand, dass in der Anthroposophischen Gesellschaft Juden "überrepräsentiert" waren und darüber hinaus Schlüsselpositionen innehatten, brachte ihrem Begründer die Feindschaft völkischer Kreise bis hin zu einem Attentatsversuch ein.(113)

Als Ausdruck der umfassenden Sinn- und Wertekrise in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg partizipierten Steiners esoterische Lehren an dem rassentheoretischen Diskurs jener Zeit, indem er diesem einzelne Elemente entnahm, welche er den theosophischen Ideen der Genese von Rassen und Kulturen anverwandelte. Im Gegenzug adaptierten völkische Theoretiker wie etwa die "Ariosophen" Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) und Guido von List (1848-1919) Versatzstücke theosophischer Rassentheorien, ohne jedoch deren Einbindung in den universalistischen und kosmopolitischen Horizont der Blavatskyschen Theosophie zu berücksichtigen. (114) Steiners peripheren Auseinandersetzungen mit dem zeitgenössischen Judentum bewegten sich im Spannungsfeld zwischen einem aufgeklärten, die Assimilation bedingungslos einfordernden Antijuduaismus  und der kirchenchristlichen Tradition soteriologisch untermauerter Judenfeindschaft, ohne dass dessen Anschauungen über jüdische Kultur und Religion bereits restlos in dieser ideengeschichtlichen Schnittmenge aufgingen. Es ist jedoch gewiss kein Zufall, dass Steiner wesentliche Anstöße bezüglich der Genese seines philosophisch-anthroposophischen Werkes den Schriften Kants, Fichtes, Hegels und Herders verdankte, die stellvertretend für die Mehrheit der christlichen Aufklärer an der Überzeugung von der Obsoletheit des Judentums festhielten und ein geschichtsevolutives Stufenmodell favorisierten. (115) Im Subkontext transportierten seine Forderungen nach Assimilation der jüdischen Minderheit sowie seine stereotypen Miniaturen jüdischen Daseins Elemente eines "antisemitischen Codes" rechtsbürgerlicher sowie linksliberaler Kreise in den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Als manifesten (Rassen-) Antisemiten könnte man Rudolf Steiner freilich nur dann apostrophieren, wenn sich herausstellte, dass seine wiederholten Distanzierungen vom judenfeindlichen, nationalistischen und rassistischen Diskurs damaliger Zeit nicht ernst gemeint waren und somit lediglich als Vorwand dienten,  um unter der Hand eine politische Agitation zu betreiben, die auf eine  gesellschaftliche Ausgrenzung bzw. Benachteiligung von Juden abzielte. Eine solche Deutung erscheint jedoch angesichts der Fülle an gegenteiligen Belegen und Zeugnissen als wenig überzeugend.

Die zuerst von Julia Iwersen (116) verbreitete, dann von Helmut Zander (117) und Micha Brumlik (118) reproduzierte Kolportage, Steiner habe "die Juden" für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich gemacht und sei somit als Multiplikator antisemitischer Verschwörungsmythen in Erscheinung getreten, zeigt immerhin, wie ausgeprägt  selbst  unter seriösen Wissenschaftlern die Bereitschaft ist, sich im Umgang mit devianten Strängen der jüngeren Religions- und Ideengeschichte eher auf Vorurteile zu verlassen denn auf ein sorgfältiges Studium einschlägiger Quellen: Den Kontext der betreffenden Aussage bildete eben nicht die von Iwersen postulierte Schuldzuweisung an Juden, sondern eine Kritik an dem europäischen Nationalismus, der zum Ersten Weltkrieg geführt habe. Den Zionismus nahm Steiner von dieser Kritik nicht aus, sofern dessen politische Programme mit dem europäischen Nationalismus konvergierten. (119)

Die  "Protokolle der Weisen von Zion", in denen sich der judeophobe Verschwörungsmythos idealtypisch verdichtete, wies Steiner ausdrücklich als "Fälschung" politisch reaktionärer Kreise zurück. (120) In der Verbreitung der so genannten Dolchstoß-Legende erblickte er den Versuch deutscher Militärs, die Verantwortung für die Niederlage im Ersten Weltkrieg auf politisch missliebige Gruppen abzuwälzen, zu denen vor allem Juden und Kommunisten gehörten. (121) Eine unfreiwillige Pointe liegt freilich darin, dass der frühe Apostat des katholischen Kirchenchristentums und spätere Neognostiker Steiner den antisemitischen Verschwörungsmythos seiner Zeit zu entkräften suchte, indem er bei einem anderen – damals nicht minder populären – Konspirationsglauben Zuflucht nahm: Die "Protokolle" werden nicht den Juden, sondern den Machinationen fortschritts- und demokratiefeindlicher Jesuiten angelastet.

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Anmerkungen:
(82) Die Arbeiten solcher Autoren bieten in der Regel interessantes Quellenmaterial, das jedoch häufig mit stark polemischer Einfärbung präsentiert wird. Die einseitige Auswahl der Quellen, deren absichtliche oder auch unabsichtliche Verstümmelung und Missdeutung spiegelt zudem die oft beträchtlichen Aversionen und auch Vorurteile der Interpreten wider. Bezeichnend hierfür sind die Erträge folgender Schriften: Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Hamburg 1999; Oliver Geden: Rechte Ökologie. Umweltschutz zwischen Emanzipation und Faschismus, 2. Aufl., Berlin 1999;  Guido und Michael Grandt: Schwarzbuch Anthroposophie. Rudolf Steiners okkult-rassistische Weltanschauung, Wien 1997; Georg Otto Schmid: Die Anthroposophie und die Rassenlehre Rudolf Steiners zwischen Universalismus, Eurozentrik und Germanophilie, in: Joachim Müller (Hg.): Anthroposophie und Christentum. Eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung,  Freiburg 1995,  S. 138-194; Christian Schüller/ Petrus van der Lett: Rasse Mensch. Jeder Mensch ein Mischling, Aschaffenburg 1999, S. 112-160;  Volkmar Wölk: Natur und Mythos, Duisburg 1992.
Um eine ausgewogenere Darstellung und Interpretation bemüht sich hingegen Helmut Zander in zwei quellengesättigten Beiträgen: Helmut Zander: Sozialdarwinistische Rassentheorien aus dem okkulten Untergrund des Kaiserreiches, in: Uwe Puschner/ Walter Schmitz/ Justus H. Ulbricht (Hg.): Handbuch zur "Völkischen Bewegung" 1871-1918, München 1999, S. 224-251 sowie ders.: Anthroposophische Rassentheorie. Mit der wechselvollen Geschichte anthroposophischer Einrichtungen während des "Dritten Reichs" und der NS-Verfolgung einzelner Mitglieder der 1935 verbotenen Anthroposophischen Gesellschaft beschäftigt sich eine materialreiche Studie, deren Autor jedoch die Frage, inwieweit antisemitische Überzeugungen unter damaligen Anthroposophen verbreitet waren,  vollkommen ausspart. Siehe Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999. Eine kritische Auseinandersetzung mit anthroposophischen Rassenlehren verspricht der Bericht einer von niederländischen Anthroposophen eingesetzten Untersuchungskommission: Anthroposophie und die Frage der Rassen. Zwischenbericht der niederländischen Untersuchungskommission "Anthroposophie und die Frage der Rassen", Frankfurt a.M. 1998. Eine Studie der Autoren Jürgen Bader und  Lorenzo Ravagli  arbeitet entsprechendes Quellenmaterial fundiert, aber in deutlich apologetischer Absicht auf: Jürgen Bader/ Lorenzo Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit. Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf, Stuttgart 2002.
Zum Antisemitismus-Verdacht erschienen desweiteren folgende Arbeiten: Julia Iwersen: Rudolf Steiner: Anthroposophie und Antisemitismus. Zu einer wenig bekannten Spielart des christlichen Antisemitismus, in: Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart, Nr. 16-17, Oktober 1996, S. 153-163; Ekkehard W. Stegemann:  Antijüdische Stereotypen in der anthroposophischen Tradition? Im Internet aufrufbar unter http://www.akdh.ch/ps/ps_60Ref-Stegemann.html und Bader / Leist/ Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit. Anthroposophie und der Antisemitismusvorwurf.
(83) Ideengeber Steiners in puncto Rassenlehren waren neben H.P. Blavatsky und Ernst Haeckel (1834-1919) vermutlich auch Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), Carl Gustav Carus (1789-1869) und Hegel. Vgl. Zander: Anthroposophische Rassentheorie, S. 302 f.
(84) Zur semantischen Aufschlüsselung  in der Anthroposophie gebräuchlicher Periodisierungen wie "Wurzelrasse",  "Unterrasse" oder "Kulturepoche" siehe Bader / Ravagli: Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit. Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf. Zur Einordnung des Komplexes "biologische Rassen" im Steinerschen Oeuvre vgl. Anthroposophie und die Frage der Rassen, S. 15-32.
(85) Etwa Steiner: Die Mission,  S. 79 und S. 118.
(86) Rudolf Steiner.: Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums (GA 349), Vortrag vom 3. März 1923, Dornach 1980, S. 53.
(87) Rudolf Steiner: Über Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre (GA 348), Vortrag vom 16. Dezember 1922, Dornach 1959, S. 105 f.
(88) Steiner: Die Mission, S. 67.
(89) Vgl. Jens Heisterkamp: Weltgeschichte als Menschenkunde. Untersuchungen zur Geschichtsauffassung Rudolf Steiners, Diss., Dornach 1989. S. 129 ff.
(90) Steiner: Die Mission, S. 78.
(91) Zander: Sozialdarwinistische Rassentheorien, S.  246.
(92) Ebd., S. 248.
(93) Zander: Anthroposophische Rassentheorie, S. 325.
(94) Zur Definition völkischer Ideologien und Organisationen vgl. Uwe Puschner/ Walter Schmitz/ Justus H. Ulbricht: Vorwort, in: Handbuch zur "Völkischen Bewegung", S. IX-XXVII. Siehe auch Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich,  Darmstadt 2001, S. 10-25.
(95) George L. Mosse: Die Geschichte des Rassismus in Europa,  Frankfurt a.M. 1990, S. 119 f.
(96) Jörn Rüsen: Rassismus, Modernität und Anthroposophie, in: Info3,  Nr. 12, Dezember 1998, S. 11-15.
(97) Brief Uwe Puschners vom 11.11. 2002 an den Autor.
(98) Michael Rißmann: Nationalsozialismus, völkische Bewegung und Esoterik, in: Zeitschrift für Genozidforschung 2 (2003), S. 58-91, S. 61 ff.
(99) Ebd., S. 63 f.
(100) Schnurbein/ Ulbricht: Völkische Religion.
(101) Rudolf Steiner: Alte und neue Einweihungsmethoden (GA 210), Vortrag vom 7.1.1922,  Dornach 2001, S. 25.
(102) Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium (GA 148), Vortrag vom 6.1.1914, Dornach 1996, S. 155-160.
(103) Rudolf Steiner Aus der Akasha-Chronik (GA 11),  Dornach 1979, S. 30-33.
(104) Rudolf Steiner: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis (GA 177), Vortrag vom 7. Oktober 1917, Dornach 1999, S. 84-86.
(105) Steiner: Theosophie des Rosenkreuzers, Vortrag vom 4. Juni1907, S. 129.
(106) Vgl. Ted van Baarda: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Steiners Kritik einer folgenreichen Lehre, in: Jens Heisterkamp (Hg.):  Die Jahrhundertillusion. Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, Steiners Kritik und die Frage der nationalen Minderheiten heute, Frankfurt a.M. 2002, S. 11-52 sowie Albert Schmelzer: Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls,  Diss., Stuttgart 1991.
(107) Steiner: Die spirituellen Hintergründe,  S. 205.
(108) Rudolf Steiner: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien (GA 117),  Dornach 1986, S. 152.
(109) Siehe Sonnenberg:
Zionismus.
(110) Ronald Templeton: Carl Unger. Der Weg eines Geistesschülers, Dornach 1990.
(111) Verena Naegele: Viktor Ullmann. Komponieren in verlorener Zeit, Köln 2002.
(112) Georg Gimpl: Weil der Boden selbst hier brennt. Aus dem Prager Salon der Berta Fanta (1865-1918),  Furth im Wald 2002.
(113) Werner: Anthroposophen, S. 8.  Ravagli: Anthroposophie und völkisches Denken. Zur rechtsradikalen Gegnerschaft der Anthroposophen in der Weimarer Zeit vergl. Lorenzo Ravagli: Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie, Stuttgart 2004.
(114) Siehe Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus,  Stuttgart 1997, S. 36-109; ferner Ulrich Nanko: Das Spektrum völkisch-religiöser Organisationen von der Jahrhundertwende bis ins "Dritte Reich", in: Schnurbein/ Ulbricht: Völkische Religion, S. 208-226, hier 213-217 und Zander: Sozialdarwinistische Rassentheorien, S. 233 ff.
(115) Zur kontroversen Diskussion um antisemitische Positionen in den Werken herausragender Vertreter der Aufklärung, der Romantik und des philosophischen Idealismus siehe etwa folgende Literaturauswahl: Hans-Joachim Becker: Fichtes Idee der Nation und das Judentum,  Amsterdam 2000; Micha Brumlik: Deutscher Geist und Judenhass. Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum,  München 2000; Horst Gronke/ Thomas Meyer/ Barbara Neißer (Hg.): Antisemitismus bei Kant und anderen Denkern der Aufklärung,  Würzburg 2001; Gudrun Hentges:
Schattenseiten der Aufklärung.
(116) Iwersen: Rudolf Steiner, S. 155.
(117) Zander: Sozialdarwinistische Rassentheorien, S. 244.
(118) Micha Brumlik: Die Gnostiker. Der Traum von der Selbsterlösung des Menschen,  Berlin 2000, Vorwort.
(119) Steiner: Wesen des Judentums, S. 189.
(120) Rudolf Steiner Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen (GA 190), Vortrag vom 5. April 1919, Dornach 1971, S. 114 f. Einen Überblick über die Entstehungs- und frühe Rezeptionsgeschichte des antisemitisch-antifreimaurerischen Verschwörungsmythos‘ verschaffen folgende Studien:  Norman Cohn: "Die Protokolle der Weisen von Zion". Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Zürich 1997; Jeffrey L. Sammons: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar, Göttingen 1998 sowie Armin Pfahl-Traughber: Der antisemitisch-antifreimaurerische Verschwörungsmythos in der Weimarer Republik und im NS-Staat, Wien 1993.
(121) Siehe zum Beispiel Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen (GA 192), Dornach 1991, Vortrag vom 18. Mai 1919, S. 118.  Eine Orientierung über die umfangreiche Fachliteratur zur "Dolchstoßlegende" gibt Gerd Krumeich: Die Dolchstoß-Legende, in: Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1,  hg. von Etienne Francois und Hagen Schulze, München 2001, S. 585-599.

hagalil.com 07-07-2004

 


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