"Fehler der Weltgeschichte":
Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht
Rudolf SteinersVon Ralf Sonnenberg
"Die Bedeutung des semitischen Impulses in der Welt"
Die Tatsache, dass Steiner aus dem
Arsenal anitjüdischer Begründungsmuster und Motive schöpfte,
bedeutete nicht, dass er sich die Argumentationsweise der
Antisemiten vollständig zu Eigen gemacht hätte. In diesen Kontext
gehören seine überaus zahlreichen Würdigungen der israelitischen
Religion, welche den "esoterischen Keim" für die Entstehung des
Christentums gebildet habe. (72)
Affirmative Bewertungen des "monotheistischen Fermentes" (73)
finden sich jedoch keinesfalls nur in Ausführungen, welche die
vorchristlichen Erscheinungsweisen des Judentums behandelten.
Steiner sah (1910) in dem Festhalten der Aschkenasen und Sepharden
an einer monotheistischen Gotteslehre ein spirituell erforderliches
Gegengewicht zum Trinitätsgedanken des Christentums. Es müsse nicht
eigens betont werden, dass "sogar einzelne Volkssplitter, die da und
dort in die großen Volksmassen zerstreut sind, ihre Bedeutung haben
in der Gesamtharmonie der Menschheitsevolution." (74)
Dem jüdischen Volk falle die Aufgabe zu, "abzusehen von aller
Vielheit und synthetisch sich der Einheit hinzugeben, daher die
Kraft der Spekulation, die Kraft des synthetischen Denkens, zum
Beispiel in der Kabbalistik, gerade aus diesem Impuls heraus die
denkbar größte ist. Was aus der Einheit durch das synthetische, das
zusammenfassende Wirken des Ich jemals herausgesponnen werden
konnte, ist im Laufe der Jahrtausende durch den semitischen Geist
herausgesponnen worden. Das ist die große Polarität zwischen
Pluralismus und Monismus, und das ist die Bedeutung des semitischen
Impulses in der Welt. Monismus ist nicht ohne Pluralismus, und
dieser nicht ohne jenen möglich." (75)
Steiners explizite Bezugnahme auf das orthodoxe rabbinische Judentum
und die im Hochmittelalter entstandene Lehre der Kabbala belegen,
dass der Vortragende mit der Unverzichtbarkeit des "jüdischen
Fermentes" in der kulturellen Entwicklung des Okzidents rechnete.
Diese Deutung deckt sich mit späteren Einschätzungen, welche dem
Stellenwert des jüdischen Monotheismus Rechnung tragen. Eine
wichtige Aufgabe der jüdischen Religion des Mittelalters habe
demzufolge darin bestanden, ein Gegengewicht zu den
Profanisierungstendenzen des Christentums und dessen Neigung zur
Adaption heidnisch-polytheistischer Vorstellungselemente zu
schaffen. Die aus dem Orient stammenden Juden hätten überdies zur
Vervollkommnung der arabischen Wissenschaften beigetragen und somit
die Entwicklung der modernen naturalistischen Medizin
entscheidend vorangetrieben, was in diesem Zusammenhang durchaus
positiv gemeint war. (76)
Die "Bedeutung des semitischen
Impulses in der Welt" erstreckte sich Steiner zufolge aber auch auf
das Gebiet der Ethik. Schon in seiner 1894 erschienenen "Philosophie
der Freiheit", die sich epistemologisch von Kants Postulat der
unüberwindbaren Erkenntnisgrenzen distanzierte, forderte der
Autor nicht die Außerkraftsetzung der normativen Ethiken, sondern
deren schrittweise "Verwandlung" bzw. "Individualisierung" durch die
Hervorbringung gedanklicher Intuitionen. (77)
Mit der Inspiration des Dekalogs, so führte Steiner 1911 aus, sei
dem "Menschheitsgewissen" ein Werte- und Verhaltenskodex einverleibt
worden, dessen Inhalte auch in der Gegenwart nicht an Gültigkeit
verlören. Die spirituelle "Mission" des Judentums, die in der
allmählichen Emanzipation des Individual- vom Universalgeistigen
bestanden habe, hielt er im Wesentlichen jedoch für abgeschlossen,
auch wenn der von Moses eingeleitete mentale Paradigmenwechsel der
gesamten Menschheit zugute gekommen sei: "Was die spätere Menschheit
dem Moses verdankt, ist die Kraft, Vernunft und Intellekt zu
entfalten, aus dem Ich-Bewusstsein heraus im vollen Wachzustande
über die Welt zu denken, über die Welt sich intellektuell
aufzuklären." (78) Für die nahe Zukunft
prognostizierte Steiner die Wiederkehr eines "abrahamitischen
Zeitalters", das eine "Spiritualisierung" des menschlichen
Intellekts einleite und eine wachsende Anzahl von Menschen zur
mystischen Erfahrung der Wiederkunft Christi verhelfe. (79)
Die ursprünglich nur auf das "Hebräertum" beschränkte spirituelle
"Mission" werde damit zu einer Aufgabe, welche die gesamte
Menschheit beträfe. Infolgedessen habe das Judentum seine
eigentliche "Sendung" vollendet, denn, so behauptete Steiner 1924,
"es musste früher ein einzelnes Volk da sein, das einen gewissen
Monotheismus bewirkte. Heute muss es aber die geistige Erkenntnis
selber sein. Daher ist diese Mission erfüllt. Und daher ist diese
jüdische Mission als solche, als jüdische, nicht mehr notwendig in
der Entwicklung, sondern das einzig Richtige ist, wenn die Juden
durch Vermischung mit den anderen Völkern in den anderen Völkern
aufgehen." (80)
Dem die Unterscheidung von Altem
und Neuem Bund perpetuierenden Gedanken einer Obsoletwerdung der
Vaterreligion als Folge des Auftretens der Sohnesreligion
korrespondierte das theosophisch-anthroposophische Modell der sich
einander ablösenden "Kulturepochen" und "Völkermissionen". Bei allzu
schematischer oder gar operationaler Handhabung implizierte
letzteres immerhin die Frage, welche innere Haltung wohl denjenigen
Völkern, Kulturen oder Religionen gegenüber angebracht erschien,
deren Fortbestand in der Konsequenz eines teleologisch gedeuteten
Geschichtsablaufs eigentlich nicht vorgesehen war. Unter dem
Anhängern der Anthroposophie konnten die Antworten auf diese Frage
unterschiedlich ausfallen. (81) Steiner
selber suchte den prekären Determinismus seines
geschichtsevolutionistischen Modells zu durchbrechen, indem er sich
für eine Lesart der "Judenfrage" entschied, welche die Forderung
nach Assimilation mit einer esoterisch untermauerten
(Teil-)Wertschätzung des "semitischen Impulses in der Welt" verband.
War Rudolf Steiner ein "völkischer
Antisemit"? Kritische Kurzbibliografie und Resümee
Anmerkungen:
(72) Eine geraffte Werkorientierung gibt Lorenzo
Ravagli: Abrahamitische Kultur – Die Kultur von der alles Heutige
ausgegangen ist, in: ders.: Jahrbuch für anthroposophische
Kritik 2002, S. 146-178.
(73) Rudolf Steiner.: Die Mission einzelner
Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie
(GA 121), Dornach 1983, S. 127.
(74) Ebd., S. 87.
(75) Ebd., S. 127 f. Vergl. auch die S.
115, 125 ff. und 172.
(76) Steiner: Wesen des Judentums, S. 186
f.
(77) "Der Standpunkt der freien Sittlichkeit
behauptet also nicht, dass der freie Geist die einzige Gestalt ist,
in der ein Mensch existieren kann. Sie sieht in der freien
Geistigkeit nur das letzte Entwicklungsstadium des Menschen. Damit
ist nicht geleugnet, dass das Handeln nach Normen als
Entwicklungsstufe seine Berechtigung habe." Aus: Steiner:
Philosophie der Freiheit, S. 170.
(78) Rudolf Steiner: Antworten der
Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins (GA 60),
Vortrag vom 9. März 1911, Dornach 1983, S. 426.
(79) Rudolf Steiner: Das Ereignis der
Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt (GA 118),
Vortrag vom 6. März 1910, Dornach 1984, S. 112-131.
(80) Steiner: Wesen des Judentums, S. 190.
(81) Auf Beispiele einer antisemitischen
Instrumentalisierung von Aussagen Steiners zum Judentum vornehmlich
während der zwanziger und dreißiger Jahre verweist Helmut Zander.
Vgl. ders: Anthroposophische Rassentheorie. Der Geist auf dem Weg
durch die Rassengeschichte, in: von Schnurbein/ Ulbricht:
Völkische Religion, S. 292-341, hier S. 325-331. Unter jüdischen
Anhängern und Mitarbeitern Steiners war das Verhältnis zur
Anthroposophie oft ambivalent. Dies galt besonders für solche
Mitstreiter, die an einer genuin jüdischen Identität festhielten.
Dazu Ralf Sonnenberg: Zionismus, Dreigliederungsimpuls und die
Zukunft des Judentums. Jüdische Rezipienten der Anthroposophie vor
dem Holocaust, in: Die Drei – Zeitschrift für Anthroposophie,
Nr. 1, Januar 2001, S. 33-45.
hagalil.com
07-07-2004
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