Über Hass und Hetze im Internet

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Der Schwerpunkt im Israelitischen Wochenblatt
vom 04. August 2000 / 04. Aw 5760

Über Hass und Hetze im Internet
... und was dagegen getan werden kann - und getan wird

Die größte jüdische Gemeinschaft Europas findet man nicht in Frankreich oder England, sondern im Internet. Das iw hat die Macher von «haGalil onLine» in München besucht.

Von Schlomoh Gysin

München, in der dunkelsten Zeit seiner Existenz, «Hauptstadt der Bewegung», beherbergt heute in seinen Toren zwei scheinbar unermüdliche Idealisten, die sich mit einer deutschsprachigen Website im Internet um jüdische Belange bemühen. Eva Ehrlich und David Gall betreiben im Süden der bayerischen Landeshauptstadt seit einigen Jahren den umfangreichsten Internetdienst Europas in Sachen Jüdischkeit.

Idealistisch waren und sind die Motive der beiden Herausgeber von «haGalil onLine». Anstoß für den Einstieg ins Internet war eine traurige Zäsur in der jungen Geschichte des Staates Israel – die Ermordung Yitzchak Rabins am 4. November 1995. Was sich anschließend an kreativer Kraft entwickelte, war eine «private kleine Friedensinitiative», die sich in den vergangenen fünf Jahren mit jetzt monatlich annähernd 120.000 Besuchern zu einer einflussreichen Adresse im deutschsprachigen Internet gemausert hat.

Um diese Zahl etwas zugänglicher zu machen, lohnt sich ein Vergleich. Die renommierte Wochenzeitung «Die Zeit» registriert auf ihrer Website monatlich etwa 400.000 Besucher, während bei der Tageszeitung «Frankfurter Rundschau» etwa 90.000 Interessenten reinschauen.

Die hebräische Zeitschrift «Mussaf Israel» beschrieb «haGalil onLine» als ein «offenes Buch», bei dem man die Seiten per Mausklick aufschlägt. Lässt man sich auf das Surfen bei «haGalil onLine» ein, kann dieser Eindruck nur bestätigt werden.
Ein reichhaltiges Angebot, so lebendig wie das Judentum in Deutschland - was nach der Absicht der Herausgeber nicht allein zu beweisen war, sondern auch zu behaupten ist: zu beweisen unter anderem den amerikanischen Juden, die sich eingedenk der Schoah nur schwer vorstellen können, wie man als Jude in Deutschland leben kann; zu behaupten im Austausch untereinander und im Gespräch mit jenen, die nicht in Gemeinden organisiert sind, aber auch gegenüber einem Staat, einer Industrie, Bürokratie und Gesellschaft, die nicht zuletzt wegen ihrer Schuldkomplexe auf Jüdisches vor allem mit Beklommenheit reagiert, so Gall gegenüber «Mussaf Israel». Tatsächlich erleben Eva und David bei der Akquisition von Werbeflächen für ihr aufwendiges Internetmagazin immer wieder erstaunt zögernde Kunden und die Frage «Juden – gibt es hier so was noch?».

Keine Fördermittel 
für «jüdischen» Online-Dienst

Vor zwei Jahren stand das Experiment «haGalil» kurz vor dem wirtschaftlichen Aus. Die Herausgeber bemühten sich um Fördergelder, sei es bei öffentlichen und privaten Stiftungen, aber auch bei jüdischen Institutionen. Sie reichten unzählige Gesuche um Fördermittel ein und erhielten durchs Band weg nur «warme Worte» und ablehnende Bescheide, sofern die Angeschriebenen überhaupt geantwortet haben. Ein Förderverein soll inzwischen helfen, den Dienst durch private Spenden am Leben zu erhalten. Aber haGalil hat aus der Not eine Tugend gemacht und bietet seine Dienste im Bereich Webdesign an, um «haGalil onLine» über Wasser zu halten.

Die Nachfrage bestätigt hingegen die Notwendigkeit dieses facettenreichen Online-Dienstes. Ruft man die Startseite von «haGalil» auf, öffnet sich einem auf rund 10.000 Seiten beinahe unerschöpflich Wissenswertes zum Stichwort «Judentum».

Das Zitat des jüdischen Intellektuellen Hans Erler: «Wenn das ehemals große deutsche Judentum noch heute einen Sinn für die deutsche Umwelt hat, so vielleicht den, dass darüber nachgedacht wird, ob nicht auch heutige Deutsche das benötigen, was die besten dieser Ermordeten oder Vertriebenen einte: Ein kritisches Bewusstsein und der Wille zu Solidarität und Menschlichkeit», heute vielleicht aktueller denn je, ist sicher so etwas wie ein Motto bei «haGalil».

Man ist denn auch gut beraten, sich für seinen ersten Besuch in der jüdischen «Cyberwelt» etwas Zeit zu lassen. Ein Mausklick führt zu den neuesten Nachrichtenmeldungen, die immer aktuell aufgeschaltet werden. Spätestens beim Blick auf die Auswahl der Meldungen erkennt man, dass David der Entwicklungen im Nahen Osten oberste Priorität einräumt. Als Bürger des Staates Israel ist ihm die Vermittlung der engen Verbundenheit zwischen jüdischem Staat und Golah nicht nur Anliegen sondern auch Verpflichtung.

Auf Entdeckungsreise
in der «Cyberwelt»

Viele der aktuellen Meldungen werden von einem Team freier Mitarbeiter verfasst, man findet hier aber auch eine Auswahl aus den großen Tages- und Wochenzeitungen. Videos und Radioübertragungen runden dabei die aktuelle Berichterstattung ab.

Nebst gesamteuropäischen Themen sind spezielle Länderseiten für sämtliche deutschsprachigen Staaten und der Tschechischen Republik eingerichtet worden. Am Beispiel Schweiz lässt sich die Vielfalt dieses Informationsmediums am besten illustrieren. Nebst Informationen und Verweisen auf einige Dutzend «Schweizerseiten», erfährt der Interessierte hier – wie übrigens auf allen «haGalil»-Seiten – viel fundiertes Wissen über das Judentum des betreffenden Landes. Aber auch Jiddisch/Iwrit, Sprachkurse und Büchertipps, spezielle Seiten zu Reisen in Israel, koscheres Leben, Musik, Diskussionsforen, Kinderseiten, religiöse Betrachtungen, kurz, die Vielfalt jüdischer Existenz eben – locken zur spannenden Entdeckungsreise. Eine umfangreiche Rubrik erinnert uns eindrucksvoll an die Opfer der Schoah.

Man kann bei «haGalil» aber nicht nur lesen, sondern auch aktiv mitgestalten und teilnehmen. Eine Informationsbörse in Chatform vermittelt Zimmer in Israel, bietet Iwritkurse an, offeriert ein lange gesuchtes Buch und hie und da soll auch schon ein «Schidduch» zustande gekommen sein, Mazel Tov! Dank «haGalil» gelangte die «Jeckische Gemeinde» von Buenos Aires in Argentinien zu einer Fracht «Seforim». Viel wertvoller noch ist aber das Gefühl von «Hier gehöre ich dazu, wir sind gar nicht so wenige», wenn man bei «haGalil» zu «Hause» ist. Das liegt sicher daran, dass wirklich für alle etwas geboten wird. Das erfahren die Macher auch hinter den Kulissen, wo sie täglich Dutzende von Anfragen von am Judentum interessierten Mitmenschen beantworten. Damit leistet «haGalil onLine» einen wichtigen Beitrag als Vermittler zur Kontaktaufnahme. Man versucht innerjüdisch eine Kommunikationsebene anzubieten, eine Möglichkeit zur Entdeckung des Verbindenden, in der Hoffnung der wachsenden Sprachlosigkeit zwischen den verschiedenen Anschauungen entgegenzuwirken. Die breite Fächerung des Inhalts trägt auf jeden Fall der Vielfalt des Judentums Rechnung. Und wem das immer noch nicht genügt, der kann sich immer noch der «haGalil» internen Suchmaschine bedienen, die einem das Auffinden von weiterführenden Informationskanälen erleichtert. Abbildungen, Audiodateien zu Gebeten und der jüdische Festkalender ergänzen die virtuelle «haGalil»-Menükarte – das Dessert sozusagen.

Materialschlacht
gegen Nazis

Ein spezielles Augenmerk verdienen die Diskussionsforen, die in den letzten Monaten für viel Aufregung gesorgt haben. Die offenen Foren, in ihnen werden Fragen zum Judentum in all seinen Aspekten teilweise kontrovers diskutiert, sind in jüngster Zeit immer häufiger von Rechtsextremisten regelrecht «zugemüllt» worden. Unter großem materiellem und zeitlichem Aufwand gelang es immer wieder Einzelnen oder abgesprochenen Gruppen, Hass und Zwietracht unter die Diskutanten zu streuen. Übelste Beleidigungen, Verleumdungen und Beschimpfungen sind im Archiv nachzulesen. Fanatischer Hass führte schließlich dazu, dass man sich genötigt sah, das Konzept der «Offenen Foren» gänzlich aufzugeben.

Die Schließung der «Offenen Foren» führte zu einer ungeheuren Flut von Beleidigungen, direkt an die Herausgeber adressiert. Inzwischen haben sich die Hetzer neue Wirkungsfelder gesucht. Sie dominieren seit neuestem viele der Foren deutscher Tageszeitungen, wo sie auf wesentlich geringeren Widerstand als in den Foren von «haGalil» stoßen. In den neuen Foren bei «haGalil» kann man sich jetzt mittels vorher beantragtem Passwort wieder an Diskussionen beteiligen. Bisher erhielten an die 3000 Personen ein Passwort. David Gall versichert aber, dass fast dreiviertel der Anträge auf Passwort abgelehnt werden, weil befürchtet werden muss, dass sich dahinter Rechtsextremisten verbergen.

Häufigkeit von Schlüsselbegriffen
entscheidend

Der Kampf gegen die zunehmende rechte Verwilderung des Internets ist ein erklärtes Ziel von «haGalil». Eva Ehrlich erklärt das so: «Bis vor wenigen Jahren landete ein Schüler, der zum Thema «Judentum» im Internet Informationen sammelte, mit großer Wahrscheinlichkeit auf einer revisionistischen bzw. rechtsextremen Webseite, denn Suchmaschinen listen die gesuchten Internetseiten nach Häufigkeit des gesuchten Begriffes». Zudem werden Schlüsselbegriffe, wie beispielsweise: Juden, Tora, Schabath, aber auch Hitler, Himmler, etc. miteinander «verknüpft».

Naziseiten 
nehmen weiter zu

Auf einen kurzen Nenner gebracht heißt dies, dass die Häufigkeit des gesuchten Begriffes mit der Rangliste der Aufzählung zusammenhängt. Die Anzahl entsprechend relevant eingestufter Seiten, kombiniert mit diesen Begriffen, lässt eine Webseite in der Rangliste nach oben schnellen. David kann sich ein leises Lächeln nicht verkneifen, wenn er sich darüber freut, wenn diese Naziseiten im Cyberspace langsam nach unten rutschen: «Die Anzahl der Naziseiten nimmt zwar immer weiter zu, unvoreingenommene Jugendliche bekommen diese Seiten aber nicht mehr so oft zu Gesicht, da ihnen die Suchmaschinen bevorzugt die Seiten von «haGalil» anbieten». «haGalil onLine» hat hier ein Konzept entwickelt, welches gegen die immer bedrohlichere Besetzung des neuen Mediums durch deutschsprachige Rechtsradikale tatsächlich Wirkung zeigt.

Offizielle Stellen hingegen hoffen auf europa- oder weltweite Gesetzes-Initiativen. Deren Ausarbeitung wird Jahre dauern, wenn es überhaupt jemals zu solch einer weltweiten Regelung kommen wird. David denkt nicht, dass es bei der momentanen Dynamik der Entwicklung ausreicht, auf solche Einigungen zu warten. «Wenn ich solche Vorschläge höre, habe ich nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen in Europa begriffen haben, worum es geht.

«haGalil» wirkt 
wie eine Mauer

Der Begriff InterNet kommt vom Wort international, d.h. die ganze Welt betreffend. Hetzer werden also immer irgendwo eine Möglichkeit finden, von wo aus sie ihre Botschaft senden können. Was zum Beispiel, wenn Server (d.h. Computer die Internetangebote senden) mit antijüdischen Parolen in Libyen stehen? Meiner Meinung nach ist die effektivste, zugegebenermaßen sehr aufwendige Möglichkeit: die Entgegnung mit positiven Inhalten. Dies ist unsere Arbeit, wenn nun die entsprechenden Behörden wenigstens das bereits gültige Gesetz anwenden würden, dann stünden wir heute vielleicht nicht so erschrocken vor den Resultaten aus Lüge, Hass, Hetze und Gewalt». Der Online-Dienst wirkt heute wie eine Mauer, an der die Nazis nur schwer vorbei kommen, wenn sie ihre Propaganda an unwissende Jugendliche weitergeben wollen.

Hass entlädt sich 
auf die Verantwortlichen

Dass David und Eva durch ihre Arbeit Stress mit der Naziszene haben ist nicht verwunderlich. In vielen Publikationen der neuen Rechten wird gegen die Herausgeber von «haGalil onLine» gewettert. Einmal werden sie als «kleine Bankrotteure», dann wieder als «Großindustrielle der Holocaust-Industrie» verunglimpft, um nur die harmloseren Beispiele zu nennen. Außerdem erreichen die beiden tagtäglich E-Mails, in denen teilweise nicht wiederzugebende Drohungen und Verwünschungen ausgestoßen werden.

Der ganze Hass dieser nicht nur anonymen, dumpfen Masse entlädt sich ungeschützt über die zwei mutigen und fantasievollen Menschen.

In einschlägigen Kreisen hat es sich herumgesprochen, dass einige engagierte Anwälte, aus dem «haGalil»-Unterstützerkreis antisemitische Hetze unermüdlich bearbeiten. Viele der Anzeigen, selbst gegen namentlich bekannte Übeltäter, verstauben leider in den Amtsstuben der deutschen Strafverfolgungsbehörden.

Aufgeben kommt für die beiden und ihr Team aber nicht in Frage, weil es doch auch die vielen positiven Erfahrungen gibt, aus denen man Kraft schöpfen kann. Es sind die «kleinen» Simches, welche Evas Augen leuchten lassen. Da sind ehemalige Freunde, die sich wiedergefunden haben, die Frau die ihre lang gesuchte Stiefschwester wieder in die Arme schließen durfte, oder etwa Andrea und Itaj, die Kinder der beiden, die immer neue Ideen für «haGalil» bereit haben und stolz auf ihr Judentum sind.

«…es geht 
um die reelle Welt»

«Es geht letztlich nicht um die virtuelle Welt, es geht um die reelle Welt», resümiert David Gall. Die «Süddeutsche Zeitung» brachte es auf den Punkt: «Eva Ehrlich und David Gall betreiben keine Gedenkstätte und kein Museum und erst recht kein Reservat für jüdische Nostalgiker. Vielmehr geht es um ein Stück lebendiger deutsch-jüdischer Gegenwart, und es ist zu hoffen, dass es «haGalil» nicht ergeht wie der Klezmer-Musik, die erst geliebt wurde, als es sie nicht mehr gab.» «haGalil onLine» ist im Internet zu finden unter: http://www.hagalil.com.

Weitere Schwerpunkte im iw Nr. 31 vom 4. August 2000

  • Im Brennpunkt: 
    «Düsseldorf»: Sturmzeichen von rechts
  • Israel: 
    Präsidentenwahl: Sieger und Verlierer
  • Basel: Rabbinerwahl: 
    Der neue Kandidat

Diskussion [ Terror von Rechts]

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