Juedische Feier- und Gedenktage: Der 9.Aw

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Zum 50.Geburtstag des Staates Israel freuen wir uns, Ihnen die online-Veröffentlichung des Buches ''...mit Ausnahme Deutschlands'' von Avi Primor, Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland, ankündigen zu können. Dieser, bislang in Deutschland einmalige Service, wurde ermöglicht durch eine innovative und großzügige Geste des Ullstein Verlags, Berlin. Vielen Dank an Michaela Beck

Überblick über die jüdische und israelische Geschichte

Die Geschichte unseres Volkes lernen wir zunächst aus der Bibel. Die Bibel wird in allen Schulen in Israel behandelt, auch in säkulären Schulen, wo sie vor allem als Geschichtsbuch unseres Volkes betrachtet wird. Die Bibel erzählt uns die Geschichte Abrahams, des Stammvaters des Volkes und in gewissem Maße auch des Staates, der Wanderung nach Ägypten und der Rückkehr unter Moses in das Gelobte Land. Sie berichtet von der Gründung eines Staates, zunächst als einer sehr lockeren Föderation, etwa wie das Heilige Römische Reich, in dem jeder Stamm fast immer unabhängig war, bis zur allmählichen Gründung eines zentralisierten Königreichs, dessen erster König Saul war, der zweite der große, glorreiche Eroberer David und der dritte, ebenso glorreich, aber in einem pazifistischen Sinne, dessen Sohn Salomon, der Erbauer des Reiches. All dies geschah im Laufe des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, also vor knapp 4000 Jahren.

Später, im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, hat sich das Königreich in zwei Teile gespalten, wegen der Verschiedenheiten zwischen den Stämmen, die trotz der Zentralisierung des Reichs nicht völlig verschwunden waren. Es entstanden zwei Königreiche, eines im Norden des Landes, das sich weiterhin Israel nannte, das zweite im Süden, das sich Judäa nannte und das bedeutendere der beiden Länder war, unter anderem auch deshalb, weil sich die Hauptstadt des ehemaligen vereinten Königreichs Jerusalem dort befand. Im Laufe der Zeit wurde das nördliche Königreich Israel mit der Hauptstadt Samaria von Invasoren zerstört, und am Ende des Jahrtausends blieb, wenn auch mit Unterbrechungen, allein das Königreich Judäa übrig, in dem übrigens auch viele Flüchtlinge aus dem zerstörten Königreich Israel Asyl gefunden hatten.

Das Königreich Judäa erhielt seinen Namen von dem wichtigsten Stamm des Reichs, dem Stamm Juda. Um sich von seinem Bruderstaat abzugrenzen, nannten sich seine Bürger Judäer oder Juden. Nach dem Verschwinden des Königreichs Israel gab es politisch nur noch Juden. Als wir 1948 unsere Unabhängigkeit wieder erlangt hatten, nannten wir unseren Staat Israel und nicht Judäa. Wir wollten damit betonen, daß es die Spaltung unseres Volkes, die vor 2700 Jahren durch die Zerstörung des Königreichs Israel beendet worden war, nie wieder geben sollte, und deshalb bevorzugten wir den Namen Israel, der der ursprüngliche gemeinsame Name war.

Heute heißen die Staatsbürger des Staates Israel Israelis, während die Juden, die im Ausland, oder wie wir sagen, in der Galluth (Diaspora) geblieben sind, sich weiterhin Juden nennen. Deshalb ist der Begriff »Israel« ein politischer Begriff geworden, die Bezeichnung eines Staates, einer Staatsbürgerschaft, während der Begriff »Juden« eher die Bezeichnung einer religiösen oder kulturellen Gemeinschaft geblieben sind.

Die Geschichte des Königreichs Judäa endet im Jahre 70 unserer Zeitrechnung, das heißt, vor rund zweitausend Jahren. In dem Königreich, das von den Römern erobert worden war, begann im Jahre 65 ein Aufstand gegen Rom. Eine Zeitlang waren die Juden militärisch erfolgreich, aber allmählich unterwarf die gigantische Weltmacht Rom das Land und verwüstete es zum größten Teil. Die Hauptstadt Jerusalem wehrte sich jedoch erbittert und wurde drei Jahre lang eingekesselt und belagert, bis es den Römern in ihrer Wut über diesen für sie so schmerzhaften Widerstand im Jahre 70 gelang, die Stadt völlig zu zerstören. Die Juden wurden aus Jerusalem vertrieben, und um jede Erinnerung an die Stadt auszulöschen, gingen die Römer sogar so weit, den Namen »Jerusalem« durch »Aelia Capitolina« zu ersetzen. Aelia Capitolina kennt heute niemand mehr, aber »Jerusalem« verschwand nicht aus der Geschichte. Auch dem Land gaben die Römer einen neuen Namen, sie nannten es »Palästina« nach dem griechischen Stamm, der tausend Jahre vorher in einem kleinen Teil des Landes, ungefähr im heutigen Gaza, gelebt hatte, der aber damals schon längst verschwunden war. Diese Umbenennung war erfolgreicher als jene zur Aelia Capitolina.

Der »Große Aufstand«, wie er in unserer Geschichte genannt wird, hatte noch eine berühmte Fortsetzung in der Wüstenfestung Masada. Dort verschanzten sich die Kämpfer, die aus Jerusalem entkommen waren , mit ihren Familien noch drei Jahre lang. Als ihnen klargeworden war, daß der Kampf endgültig aussichtslos war, begingen alle, Kämpfer, Frauen und Kinder, insgesamt zweitausend Menschen, Selbstmord, um nicht in die Hände der Belagerer zu fallen. Dies wurde für uns zu einem historischen Symbol, das uns bis heute tief bewegt. Trotzdem ist es nicht unumstritten. Es war ohne Zweifel ein heroischer Kampf, es war auch heldenhaft, eher zu sterben als von den Römern als Sklaven verkauft zu werden, aber es ist umstritten, ob man diesen hoffnungslosen Kampf nach einem verlorenen Krieg überhaupt hätte aufnehmen sollen. Die Niederlage und Zerstörung des Landes wurden von massiven Vertreibungen begleitet, und die Besiegten wurden im Römischen Reich verstreut.

Während das Land allmählich zur Wüste wurde, begann das Volk in seiner großen Mehrheit eine neue Existenz in den verstreuten Gemeinden im Ausland. Rom war nicht nur eine Weltmacht, sondern auch die Besatzungsmacht des größten Teiles der damals bekannten Welt. Völkervertreibung, Völkerwanderung, waren im Römischen Reich üblich. Normalerweise haben sich die vertriebenen Völker in ihre neue Heimat integriert und sind als nationale Einheit, als kulturelle Identität durch Integration allmählich verschwunden.

Die Juden waren und sind in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Als Nation, als politische Einheit haben sie damals ihre Existenz verloren, aber sie hielten an ihrer Kultur und Religion fest, und sind deshalb eine eigenständige Gemeinschaft innerhalb des Volkes, in dem sie lebten, geblieben. In dieser Epoche, in der die Juden aus ihrem Land vertrieben wurden, beteten die Völker überwiegend Götzen an. Es gibt keinen Zweifel daran, daß man keine Brücken schlagen konnte zwischen Gottesdienst und Götzendienst. Aber gerade zu der Zeit begann sich eine neue Religion zu entwickeln, das Christentum. Das Christentum ist eine Abzweigung des Judentums. Jesus war natürlich Jude, im Lande Israel, im Königreich Judäa geboren, und ebenso waren es seine Anhänger, die zukünftigen Apostel. Die Menschen, die er überzeugen wollte, waren Juden, die er kannte, das Volk, in dem er lebte.

Für uns war das Christentum eine neue Entwicklung der Religion im Sinne einer Reform. Die Juden haben Jesus zu seiner Zeit als Religionsreformator betrachtet und haben deshalb ihm gegenüber eine Haltung eingenommen, die der des Heiligen Stuhl glich zu der Zeit, da Luther seine Reformen verkündete. Eine Reform in der Religion ist stets problematisch. Reformatoren haben ihre Reformen immer nur dann vorgeschlagen, wenn die Grundlage dafür reif und der Boden fruchtbar war. Das bedeutet jedoch nicht, daß alle dem Reformator folgen. Es gibt Menschen, die dies tun, und andere, die in seiner Tätigkeit eher ein Sakrileg sehen, sich an ihre ursprüngliche Religion halten und ihn mit allen Mitteln bekämpfen, wie man einen Verräter bekämpft. Ich denke da an Martin Luther, an Calvin usw.

Es entstand eine Rivalität zwischen der ursprünglichen Religion, die sich an das Alte Testament hielt, und dem Christentum, das zwar das Alte Testament nicht ablehnte, aber das Neue Testament zur Grundlage seiner Religion gemacht hatte. Die Juden hielten sich an das Alte Testament und wollten das Neue nicht anerkennen. Das Neue, das war die Reform.

So lange sich diese Diskussion auf Israel beschränkte, sah es eher wie ein Kulturkampf innerhalb eines Volkes aus. Aber als das Christentum das ganze Römische Reich eroberte und nur auf einen Widerstand stieß, nämlich den der mittlerweile überall im Römischen Reich entstandenen jüdischen Gemeinden, entwickelte sich der Kulturkampf zu einem sogenannten Rassenkampf. Es liegt in der menschlichen Natur, Menschen, die anders sind, die nicht mit dem Strom schwimmen, nicht zu dulden. Sobald das Christentum für alle Völker im Römischen Reich und später auch anderswo uniform geworden war, gab es keine Duldung mehr für Gemeinden, die, auf einer anderen Religion, auf anderen Sitten, auf anderen Lebensgewohnheiten, beharrten. Verschiedenheit löst Verdacht aus, Verdacht löst Angst aus, Angst löst Haß aus. Und so entstand der Antisemitismus, das heißt, der Widerstand gegen die Semiten, die Menschen, die aus dem Nahen Osten kamen. In diesem Zusammenhang sollte man erwähnen, daß es ein Widerspruch ist, wenn man vom arabischen Antisemitismus spricht, da die Araber selbst Semiten sind. Man sollte eigentlich Antijudaismus sagen, aber irgendwie entstand der Begriff »Antisemitismus«, weil man damals die Araber noch nicht kannte. Der Antisemitismus wurde sehr oft von der Kirche geschürt, denn die Kirche hatte doch den Ehrgeiz, alle Menschen zum Christentum zu bekehren. Die beharrliche Ablehnung der Juden hat dazu geführt, daß man immer stärkere Argumente in der Diskussion brauchte. Daher kam es unter anderem auch dazu, daß man die Juden der Erbsünde beschuldigte, obwohl es die Römer waren, die Jesus als Rebellen gekreuzigt haben. Seine Verurteilung erfolgte durch ein römisches Gericht, den römischen Gesetzen entsprechend.

Nun mußten die Juden in jeder Generation die Schuld an diesem Mord tragen. Jedes jüdische Kind trug schon von Geburt an das Kainszeichen.

Mit der Zeit stärkte sich der Druck auf die Juden und nahm verschiedene Formen an. Ab und zu wurden sie aus Städten vertrieben, ab und zu ermordet, ihre Bürgerrechte wurden eingeschränkt, sie mußten besondere Kleidung tragen, um identifiziert werden zu können, merkwürdige Hüte, oder, ja, das gab es schon im Mittelalter, den gelben Judenstern tragen. Wenn sie nicht aus den Städten vertrieben wurden, mußten sie in gekennzeichneten und abgeschlossenen Vierteln ausschließlich für sich leben. Diese Viertel waren unter der Bezeichnung »Ghetto« bekannt. Einschneidend war besonders die Beschränkung ihrer beruflichen Rechte. Juden durften immer weniger Berufe ausüben; zuerst wurde ihnen die Landwirtschaft verboten, dann fast jedes Handwerk, sie durften nur den damals sehr anrüchigen Beruf des Händlers ausüben, später wurde auch das verboten, und Juden hatten manchmal keinen anderen Beruf als Geld zu verleihen, das kann man, wenn man freundlich ist, als Bankier bezeichnen, und wenn man weniger großzügig ist, Wucherer nennen. Das alles hat natürlich den Teufelskreis von Mißverständnis, Verdacht, Angst und schließlich Haß verstärkt und vertieft.

Mit der Französischen Revolution begann in Europa eine neue Ära. Ein neuer Begriff wurde geprägt, die »Menschenrechte«, und bei den Franzosen waren Menschenrechte wirklich für alle gemeint, in Frankreich zuerst für die Protestanten und schließlich auch für die Juden. Napoleon hat das Prinzip der Menschenrechte in ganz Europa verbreitet, gelegentlich erzwungen. Nach der napoleonischen Ära konnte das Prinzip der Menschenrechte schon nicht mehr völlig abgeschafft werden und brach sich überall in Mitteleuropa und im Westen Bahn. Die Juden hatten endlich ihre sogenannte Emanzipation erhalten, konnten Gleichberechtigung und Staatsbürgerschaft erlangen, waren darüber sehr glücklich und dachten, daß sie damit ihre Erlösung gefunden hatten. So herrschte große Freude, als Napoleon sie zwangsweise zum Militärdienst einzog. Das war das Symbol der Gleichberechtigung: gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Übrigens waren auch in Deutschland die Juden während und nach dem Ersten Weltkrieg besonders stolz darauf, daß sie an der Front verhältnismäßig mehr Gefallene zu beklagen hatten als der Durchschnitt der allgemeinen deutschen Bevölkerung und auch mehr Eiserne Kreuze bekommen haben.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts sah es so aus, als wäre die Emanzipation der Juden unumkehrbar geworden. Aber obwohl die Religion an Bedeutung allmählich verloren hatte und man zur gleichen Zeit auch toleranter wurde, haben sich in anderen Kreisen und aus anderen Gründen neue Vorbehalte und Vorurteile gegen die Juden entwickelt. Das hat mit psychologischen Gründen zu tun, die ihre Wurzeln im Mittelalter haben.

Im Jahre 1893 brach in Frankreich die Dreyfus-Affäre aus. Dreyfus war ein jüdischer Offizier im französischen Generalstab, der der Spionage zugunsten Deutschlands beschuldigt wurde. Damals wußte man noch nicht, was erst später endgültig bewiesen wurde - daß Dreyfus unschuldig und der Spion ein anderer Offizier war, ein gewisser Major Esterhazy ungarischer Abstammung. Der Zorn eines großen Teils der Bevölkerung richtete sich nicht nur gegen den Menschen Dreyfus, sondern gegen die Juden im allgemeinen, die alle als Verräter beschuldigt wurden. Die schrecklichen antijüdischen Szenen, die sich in Paris abspielten, hat ein bekannter österreichischer Journalist beobachtet und verfolgt. Theodor Herzl war Korrespondent der größten österreichischen Zeitung »Die Presse«, selbst ein Jude, aus einer vollkommen assimilierten Familie, die wie so viele Juden im Westen durch die Emanzipation ihr jüdisches Bewußtsein und ihre jüdischen Wurzeln verloren hatte. Jetzt steht der Mann, der assimilierte, moderne westliche Jude im Lande der Emanzipation, im Lande der Revolution, die den Menschen Gleichberechtigung gebracht hatte, im Hof des Invalidendoms am Grab Napoleons, des Mannes, der die Emanzipation in ganz Europa bekannt gemacht hatte. Er beobachtet, wie Dreyfus öffentlich entehrt wird und wie der Mob antisemitische Parolen brüllt. Das hat er sein Leben lang nicht überwunden. Wie konnte das Volk der Revolution und der Emanzipation hundert Jahre später noch so oder wieder so antisemitisch sein, nach so vielen Jahren erfolgreicher Integration der Juden? Wenn das so ist, dann gibt es für die Juden wirklich keine Hoffnung in Europa mehr. Die einzige Hoffnung für die Juden kann nur die auf einen eigenen Staat sein. Nur dann, wenn die Juden, so wie die europäischen Völker, einen eigenen nationalen Staat errichten, werden sie endgültig ihre Würde wiederfinden.

Herzl gründete eine neue, die zionistische Bewegung. Zion ist der hebräische Name der Stadt Jerusalem und im Volksmund einer des ganzen Landes. Zionismus bedeutete für Theodor Herzl die Rückkehr nach Zion, nach Israel, nach Palästina, zum ursprünglichen Vaterland. Nicht alle Juden waren sofort von seiner Idee begeistert. Es gab Juden, die noch bis zur Nazizeit weiterhin an die Emanzipation, die Integration und die Gleichberechtigung glauben wollten, andere dachten Anfang des Jahrhunderts, daß vielleicht der Kommunismus eine Antwort auf ihre Probleme sein könnte, da er utopischerweise die vollkommene Gleichheit aller Menschen verkündet hatte. Die meisten hatten jedoch für Herzls Theorien große Sympathie. Aber nur eine Minderheit von ihnen war bereit, ihre komfortablen Häuser, ihre Positionen und Gewohnheiten aufzugeben, um ein neues Leben in einem Wüsten- und Sumpfland zu beginnen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts haben jedoch immer mehr Juden unter großen politischen und materiellen Schwierigkeiten diesen Schritt gewagt. Als die Engländer das Land am Ende des Ersten Weltkriegs von den Türken erobert hatten, bescherten sie den Juden die Anerkennung Palästinas als jüdisches Heimatland.

Hier möchte ich noch ein Detail erwähnen, das die Entwicklung des Zionismus beleuchtet. Herzl verstand seine zionistische Bewegung und seine Ideale als etwas Pragmatisches. Unter anderem schlug er für den zukünftigen, unabhängigen Staat die deutsche Sprache als Nationalsprache vor, weil die meisten Juden, zu denen er Kontakt hatte, nämlich die Juden aus West- und Osteuropa, aus Nord- und Südeuropa, entweder deutschsprachig waren oder zumindest eine Verbindung zur deutschen Sprache hatten durch die jiddische Sprache, die ursprünglich ein mittelalterlicher deutscher Dialekt war. Er meinte, Deutsch wäre deshalb die Sprache, die am schnellsten und leichtesten die gemeinsame Sprache der Juden werden könnte. Es wäre natürlich auch eine praktische Sprache, da es schon eine Weltsprache und eine moderne Sprache der entwickelten Welt sei. Insofern hat sich Herzl eher als Technokrat denn als Politiker und Sozialwissenschaftler erwiesen. Die Menschen brauchen aber mehr als pragmatische Gründe, um eine Revolution zu veranlassen, und was Herzl von den Juden verlangte, war tatsächlich revolutionär. Eine Bewegung wie die zionistische Bewegung braucht auch historische, kulturelle und emotionale Motivationen, um Menschen zu bewegen. Religion spielte zu diesem Zeitpunkt in der zionistischen Bewegung fast keine Rolle, Herzl selbst, wie schon gesagt, hatte keine Bindung an die jüdische Religion. Unentbehrlich war eine gemeinsame Sprache. Die ursprüngliche historische jüdische Sprache Zions war die Sprache der Bibel, die aber seit zweitausend Jahren nur noch zum Beten diente. Sie in den Alltag zu bringen und durch ihre Modernisierung die Grundlage für eine verbindliche neue Kultur in einem neuen Land für ein erneuertes Volk zu schaffen, war das Verdienst von Herzls Anhängern und Nachfolgern. Daß heute ein Staat, ein Land, ein Volk als seine Nationalsprache Hebräisch hat, war bestimmt eine der unerläßlichen Voraussetzungen, den Staat Israel zu zementieren.

Am Ende des Ersten Weltkriegs befanden sich nach britischen Statistiken etwa 100.000 Juden und etwa 250.000 Araber in Palästina. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hat sich die jüdische Bevölkerung durch Einwanderung hauptsächlich aus Europa versechsfacht. Die Einwanderung nach Palästina war jedoch nicht auf Juden beschränkt. Die Juden, die nach Palästina gekommen sind, haben sich der Entwicklung des Landes, der Urbarmachung der Wüste und der Sümpfe gewidmet. Durch ihre Anstrengungen wurden neue Arbeitsmöglichkeiten im Lande geschaffen, und dies zog auch Arbeitslose aus arabischen Ländern nach Palästina.

Die Entstehung zweier Gemeinschaften im selben Land konnte nicht langfristig reibungslos bleiben. Reibungslos konnte auch nicht die Beziehung zu der Besatzungsmacht England bleiben. Es hat nicht lange gedauert, bis beide Völker ihre Unabhängigkeit forderten und jedes Volk seinen ausschließlichen Anspruch auf das Land erhob.

Die Machtergreifung der Nazis in Deutschland hatte die Forderung der Juden nach Unabhängigkeit besonders dringlich gemacht. Nun waren es deutsche Juden und kurz danach Juden aus ganz Europa, die dringend Asyl brauchten. Kein Land in der Welt wollte die aus Nazideutschland entkommenen Juden aufnehmen, auch nicht ihr eigenes Land, das von den Briten besetzt und den Juden ab 1939 plötzlich verboten war. Unter dem Druck der arabischen Länder hatten die Engländer die arabische Bevölkerung Palästinas bevorzugt, und um ihnen die Mehrheit im Lande zu sichern, schlossen sie die jüdische Einwanderung aus. Wäre es nicht im Zweiten Weltkrieg gewesen, in dem alle Kräfte der Bekämpfung der Nazis gewidmet sein mußten, hätten die Juden schon damals Widerstand gegen England geleistet. Er wurde jedoch nur zeitweilig verschoben. Am Ende des Krieges versuchten die Flüchtlinge aus den Konzentrationslagern, die nach wie vor kein Asylland finden konnten, nach Palästina zu kommen. Damals wurden Ereignisse wie die Geschichte des Schiffes EXODUS in der ganzen Welt bekannt. Das waren kleine, alte und verrostete Schiffe, überfüllt mit Flüchtlingen aus den Konzentrationslagern, die versuchten, eine sogenannte illegale Einwanderung nach Palästina zu erzwingen. Die Engländer reagierten meist mit Gewalt. Dies gab dem Aufstand der Juden einen großen Ansporn. Der Kampf zwischen den Juden und den Engländern fand schließlich 1947 ein Ende vor den Vereinten Nationen, als die Vollversammlung beschloß, das britische Mandat in Palästina zu beenden und das Land aufzuteilen. Ein Teil wurde den arabischen Palästinensern als Heimat angeboten, der andere Teil den Juden.

Die Juden haben im Lauf von 2.700 Jahren den Glauben lebendig erhalten, daß das ganze Land ihnen gehöre, daß das ganze Land ihre ursprüngliche biblische Heimat sei. Darüber hinaus bestanden die Teile, die im UNO-Teilungsplan den arabischen Palästinensern zugesprochen wurden, aus dem Kernland des biblischen jüdischen Königreiches. Die Mehrheit der Juden war jedoch bereit, darauf zu verzichten, zwar mit Bedauern, aber doch bereit, zu verzichten, weil es ihr Ziel, ihr dringendes Hauptziel war, den Juden eine Heimat zu schaffen. Die Grenzen, die Ausweitung, das Territorium der Heimat war von geringerer Bedeutung als die Tatsache, endlich irgendein Stück Land zu haben, in dem Juden in Würde leben und jüdische Flüchtlinge, die kein Asyl fanden, aufnehmen konnten.

Die arabischen Palästinenser wie auch die arabischen Staaten im Nahen Osten hatten damals andere Prioritäten. Die Frage, eine Heimat für die Palästinenser zu finden, stand noch nicht, denn damals gab es den Begriff »Palästinenser« noch gar nicht. Die heutigen Palästinenser oder ihre Väter betrachteten sich als Araber, deren Ziel es war, eine arabische Vereinigung im ganzen Nahen Osten zu erreichen. Wie viele fortschrittliche Araber glaubten die Palästinenser damals noch eher an eine arabische Einheit, die die Souveränität über den gesamten arabischen Boden gewährleisten sollte. Arabischer Boden war für sie der ganze Nahe Osten, und auf arabischem Territorium sollte sich kein fremder Staat befinden. Deshalb versuchten sie, mit ihren Brüdern in den arabischen Nachbarstaaten durch Krieg und Invasion den Staat Israel im Keim zu ersticken. Das war der erste Krieg, den wir den Unabhängigkeitskrieg nennen, der spät im Jahre 1947 begann und bis Anfang 1949 dauerte. Die Palästinenser und unsere Nachbarstaaten haben damals ihr Ziel zwar nicht erreichen können, haben ihre Hoffnung auf die Beseitigung Israels aber nicht verloren.

Die Folge dieses ersten Krieges war zunächst das palästinensische Problem. Die Niederlage im Krieg gegen Israel und die Annektierung durch Nachbarstaaten von Teilen Palästinas, die ursprünglich den Palästinensern zugesprochen worden waren, nahmen ihnen jede Hoffnung auf Unabhängigkeit, eigene Identität oder sogar auf eine Heimat.

Eine weitere Folge war, daß die Aggressoren zwar den Krieg verloren hatten, aber nie von ihrer Niederlage überzeugt waren und weiterhin die Beseitigung Israels aus dem Nahen Osten anstrebten. Solange die arabischen Staaten und die Palästinenser weiter daran glaubten, daß sie imstande seien, irgendwann ihr Ziel zu erreichen und einen rein arabischen Staat zu schaffen, konnten wir keinen Friedensprozeß im Nahen Osten haben.

Diese Weltanschauung unserer Nachbarn hat sich allmählich geändert, und der erste, der dies anders gesehen hat, war Präsident Sadat von Ägypten im Jahr 1977, der damals sogar nach Jerusalem kam, um uns die Hand zu reichen. Die anderen folgten oder sind auf dem Weg, ihm in diesen Jahren zu folgen.

Der Staat Israel wurde somit unter sehr schwierigen Umständen geboren, bekämpft, eingekesselt, jahrzehntelang belagert, er hat jedoch alles nur mögliche getan, um seine Raison d'etre zu rechtfertigen, nämlich trotz aller Schwierigkeiten Flüchtlinge in Not in Massen aufzunehmen, so daß sich die israelische Bevölkerung innerhalb von vier Jahren verdreifacht hat. Diese Einwanderung ist keineswegs ein Zufall.

Sobald die Juden ihre Unabhängigkeit verkündet hatten, erließ das erste provisorische Parlament ein Grundgesetz, das als die Daseinsberechtigung des Staates Israel gilt - das Gesetz der Rückkehr der Juden nach Israel. Es garantiert das uneingeschränkte Recht der Juden in aller Welt, wann immer sie wollen, in Israel Asyl zu finden.

Das bedeutet jedoch nicht, daß nur ein Jude Israeli sein kann. Heute hat Israel sechs Millionen Einwohner, davon sind 17 Prozent Nichtjuden. Für Israelis gibt es keinen Unterschied vom gesetzlichen Standpunkt zwischen Juden und Nichtjuden, sie alle sind selbstverständlich Israelis mit voller Gleichberechtigung. Für Nichtisraelis gibt es einen Unterschied, nämlich daß Juden immer das Recht haben, nach Israel zu kommen und automatisch die Staatsbürgerschaft erhalten, während Nichtjuden, die Israelis werden wollen, ein ähnliches Einbürgerungsverfahren, wie es im Westen üblich ist, bestehen müssen.

Seit 1948, dem Jahr der Unabhängigkeit, hat sich die israelische Bevölkerung schon verzehnfacht. Aber nicht nur demographisch hat sich Israel entwickelt, auch wirtschaftlich, wissenschaftlich und technologisch hat es sich revolutionär verändert. Aus einem Land, das kaum Landwirtschaft und noch weniger Industrie hatte, ist Israel ein Land der Hochtechnologie geworden. Aus einem Land mit einem ursprünglichen Bruttosozialprodukt von hundert Millionen US-Dollar hat es sich zu einem Land entwickelt, dessen Bruttosozialprodukt heute neunzig Milliarden US-Dollar beträgt.

Die ursprünglich feindlichen Nachbarstaaten Israels, deren Bevölkerung fast zwanzigmal so groß ist wie die Israels, besitzen insgesamt ein geringeres Bruttosozialprodukt als Israel. Diese Nachbarstaaten mußten irgendwann zu der Schlußfolgerung kommen, daß ihre Bekämpfung, Belagerung, ihr Bann und Boykott Israel in seiner Entwicklung nicht behindern kann. Daraus haben sie, so hoffen wir, die Konsequenzen gezogen und wissen, so glauben wir, daß Israel aus dem Nahen Osten nicht verschwindet. Die einzige Möglichkeit, ihre Wünsche bzw. Ansprüche zu erfüllen, besteht in Gesprächen mit Israel, in Frieden und Kooperation mit ihm. Daher der Friedensprozeß, der heute im Gange ist.

Für Israel wird der erhoffte Frieden, wenn er endlich erzielt sein wird, der Gipfel der Erfüllung seiner historischen Träume sein. Erst wenn der Frieden geschlossen sein wird, der echte, lebendige und dauerhafte Frieden, werden wir Israelis normale Menschen, die ihre endgültige Normalität, die vor zweitausend Jahren verlorengegangen ist, wiedergefunden haben. Das wird die vollendete Erfüllung des zionistischen Traumes sein.


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