Ignatz Bubis hat lange gegen die Ausgrenzung gekämpft
"...einen Weg für ein gemeinsames Erinnern finden''
Ignatz Bubis hat mehr erreicht, als er sich am Ende seines Lebens
zugestehen wollte: Er hat in einem Ausmaß wie wenige andere dazu
beigetragen, die von ihm so beklagte Ausgrenzung - hier Deutsche, dort Juden
- zu überwinden. Und doch, die Fremdheit ist nicht geschwunden.
Von Stefan Geiger
Was zunächst nur wie ein Vermächtnis klang, war ein Vermächtnis. Vor wenigen
Wochen, Ende Juli, zeigte sich Ignatz Bubis tief resigniert. Jüdische und
nicht-jüdische Deutsche seien einander fremd geblieben. Er sei inzwischen seinem
Vorgänger Heinz Galinski näher, "auch was das Verbittertsein anbetrifft''. Die
Verantwortung für Auschwitz sei im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert:
"Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für
Beethoven, aber keiner für Himmler.'' In den sieben Jahren als Präsident des
Zentralrats der Juden in Deutschland habe er "nichts oder fast nichts
erreicht''. Es sei ihm nicht gelungen "die Ausgrenzerei - hier Deutsche, dort
Juden'' zu beseitigen: "Die Mehrheit hat nicht einmal kapiert, worum es mir
ging.''
So bitter hatte Ignatz Bubis in all den Jahren zuvor nicht
gesprochen, auch in den ersten Jahren seiner Präsidentschaft nicht, als
Fremdenhass und Antisemitismus hoch schlugen, 1991 in Hoyerswerda, 1992 nach
dem Brandanschlag auf die "Jüdische Baracke'' des früheren
Konzentrationslagers Sachsenhausen. Und auch nicht in den Monaten danach,
als sich die Anschläge auf jüdische Friedhöfe und Gedenkstätten häuften.
Bubis hat stets und ohne zu eifern eine entschiedene Bestrafung der
rechtsextremen Täter gefordert. Viel mehr noch als die rechten Fanatiker
machten die Vielen Sorgen, die zu den Taten schwiegen, die sie im Stillen
billigten, die ihren Protest auf dem Stimmzettel dokumentierten. Die
unsäglichen Pamphlete, die er täglich erhielt, ertrug er - und zwar
leichter, so lange sie noch anonym waren. Betroffen war er darüber, dass der
bekennende Antisemitismus in den letzten Jahren wieder zunahm, die Zahl
derer, die ihren Namen unter die Hasstiraden setzten. Bubis hat, wo immer er
konnte für seine Sache, und das war die Sache der Juden in Deutschland,
geworben. Er hat wenige Interviews ausgeschlagen, war im Fernsehen präsent.
Seine Sprache war schlicht und klar. Nur selten verließ ihn die Geduld.
Im Jahr 1998 geschah dies allerdings einmal, als Martin Walser den
Begriff Auschwitz als "Moralkeule'' bezeichnet hatte. Bubis nannte den
Schriftsteller einen "geistigen Brandstifter''. Er nahm diesen Vorwurf
später in einem Gespräch mit Walser zurück, bescheinigte ihm "beste
Absichten'', warb dafür: "Wir müssen einen Weg finden für ein gemeinsames
Erinnern.'' Walser ist nicht im selben Umfang auf Bubis zugegangen, sagte
nur: "Wir haben die Weise des Erinnerns noch nicht gefunden.'' Die nur
scheinbar beendete Auseinandersetzung, die Bubis als symptomatisch empfunden
haben muss, hat wohl zu seiner Verbitterung beigetragen.
Zurückhaltend und äußerst differenziert hat sich Bubis zu der
aktuellen Diskussion um eine neue Entschädigung der NS-Opfer geäußert. Das
aggressive Vorgehen einzelner Anwälte, die jüdische Opfer vertreten, hat er
getadelt. Bubis' Vater ist im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden.
Über seine Probleme, dafür eine Entschädigung anzunehmen, hat er sich 1998
geäußert. Auf die Frage, ob er Schuldgefühle hatte, Geld anzunehmen, sagte
er: "Möglicherweise.'' Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Wie kann ich
noch Geld dafür nehmen? Und wenn mir jemand eine Million bietet, soll ich
deshalb sagen: Damit ist es erledigt, dass mein Vater tot ist? Ich lass' mir
doch meinen Vater nicht bezahlen.'' Die Sätze sind öffentlich kaum
wahrgenommen worden.
Bubis, 1927 in Breslau geboren, war acht Jahre alt, als seine
Familie vor dem Naziterror in die polnische Kleinstadt Deblin floh. Er
überlebte Ghetto und Arbeitslager in einer Munitionsfabrik bei
Tschenstochau. Nur zufällig entging er dem Abtransport in ein
Vernichtungslager. Neben seinem Vater überlebten auch ein Bruder und eine
Schwester die Nazizeit nicht. Nach dem Krieg kehrte Ignatz Bubis nach
Deutschland zurück. In seinen Memoiren schrieb er selbst, er habe nach
Kriegsende zunächst jede Erinnerung verdrängt und sich dem Aufbau seiner
materiellen Existenz verschrieben. Erst 1989 habe er Treblinka aufsuchen
können.
Bubis betätigte sich seit 1949 im Edelmetallhandel, später handelte
er mit Immobilien und wurde dadurch wohlhabend. Ende der sechziger Jahre kam
er im Frankfurter Westend in Konflikt mit Hausbesetzern. Der Vorwurf, ein
"Spekulant'' zu sein, focht ihn nicht an. 1985 besetzte er die Frankfurter
Schaubühne, um die Aufführung des von ihm und von anderen als antisemitisch
empfundenen Faßbinder-Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod'' zu
verhindern.
1983 wurde Bubis zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in
Frankfurt gewählt. Bei seiner ersten Kandidatur für die Spitze der
Vertretung der Juden in Deutschland unterlag er 1991 dem damaligen
Vorsitzenden Heinz Galinski; nach dessen Tod 1992 kandidierte er erneut und
gewann. Politisch engagierte er sich in der FDP.
Ignatz Bubis hat nicht nur in Deutschland Menschen einander näher
gebracht. Er hat den Ruf Deutschlands draußen in der Welt verbessert. Dort,
wo dies andere Deutsche nie hätten leisten können.

Die schweigende Masse ließ Bubis keine Ruhe
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden galt in Deutschland als moralische
Instanz
Frankfurt am Main/Stuttgart - Ignatz Bubis galt in Deutschland viele Jahre
als moralische Instanz. Wann immer er sich zu politischen oder
gesellschaftlichen Themen äußerte, war ihm Aufmerksamkeit sicher.
Von LASZLO TRANKOVITS und JAN SELLNER
Als Sohn russischer Juden wurde Bubis 1927 in Breslau geboren.
Als er acht Jahre alt war, verließ die Familie wegen des beginnenden Naziterrors
Schlesien und ging nach Polen. Im polnischen Tschenstochau verbrachte er Jahre
im Arbeitslager und in der Munitionsfabrik. Der Einmarsch der Sowjets im Januar
1945 rettete ihm das Leben, fast seine gesamte Familie wurde jedoch von den
Nazis umgebracht. Sein Vater starb im Vernichtungslager Treblinka. Erst
Jahrzehnte später war Bubis in der Lage, darüber zu sprechen.
Nach dem Ende des Kriegs kehrte Bubis nach Deutschland zurück. Erst
zögerte er. Später sagte er: "Würden alle Juden Deutschland verlassen, gäbe
man Hitler nachträglich Recht.''
Fast vier Jahre lang, bis 1953, lebte Bubis in Stuttgart. Zuerst in
einer Dachbodenkammer in der Liststraße, später in der Breitscheidstraße.
1956 ging er nach Frankfurt, wo er rasch Erfolg im Immobilienhandel hatte
und Wurzeln schlug. Seine Geschäfte im Stadtteil Westend trugen ihm in den
sechziger und siebziger Jahren Konflikte mit der Hausbesetzerszene ein. 1985
verhinderte er mit anderen die Aufführung des als antisemitisch aufgefassten
Fassbinder-Stücks "Der Müll, die Stadt und der Tod'' am Städtischen Theater
in Frankfurt.
Seit den frühen achtziger Jahren spielte Bubis eine führende Rolle
in jüdischen Verbänden. In Frankfurt war er seit 1983 Vorsitzender der
jüdischen Gemeinde. An die Spitze des Zentralrats der Juden wurde Bubis 1992
als Nachfolger von Heinz Galinski gewählt. Seitdem war er höchster
Repräsentant der etwa 80000 Juden in Deutschland.
Angesichts der fremdenfeindlichen Ausschreitungen Anfang der
neunziger Jahre äußerte sich Bubis besorgt vor allem über die schweigende,
insgeheim zustimmende Masse. In der Diskussion um das geplante
Holocaust-Denkmal in Berlin bezog Bubis nicht eindeutig Stellung. Wichtiger
als Denkmäler seien Gedenkstätten an den Orten des Holocaust, meinte er. Mit
Nachdruck trat er für die Entschädigung der Nazi-Opfer ein - nicht nur der
jüdischen - und forderte eine Änderung der Haltung von Unternehmen und
Banken.
Politisch engagierte sich Bubis, der seine Frau und eine erwachsene
Tochter hinterlässt, seit 1969 in der FDP. Als Spitzenkandidat bei der
Kommunalwahl verhalf er den Liberalen im März 1997 nach 16 Jahren zur
Rückkehr ins Frankfurter Stadtparlament.
Ende Juli dieses Jahres zog Bubis eine bittere Bilanz seiner
Amtszeit an der Spitze des Zentralrats: Er habe fast nichts bewirkt,
jüdische und nicht-jüdische Deutsche seien einander fremd geblieben, sagte
er dem Nachrichtenmagazin "Stern'' - und erntete umgehend Widerspruch.
Der Schlüssel zum Verständnis seiner Depression waren die Reaktionen
in Deutschland auf die Friedenspreisrede des Schriftstellers Martin Walser
im Oktober 1998. Walsers missverständliche Rede über die angebliche
"Instrumentalisierung von Auschwitz'' und über das
Nicht-mehr-hinsehen-Können, wenn es um die Verbrechen der deutschen Nazis
gehe, hatten Bubis tief empört. Fast noch schlimmer empfand er die breite
Zustimmung auf Walsers Rede. Ein Großteil der Bevölkerung denke wie Walser,
sagte er. "Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für
Goethe und Beethoven, aber keiner für Himmler'', stellte er bitter fest.
Auf die Frage nach seiner Heimat antwortete Bubis meist "Frankfurt''
- nicht Deutschland. Er wolle auch nicht hier begraben werden, sondern in
Israel, "weil ich nicht will, dass mein Grab in die Luft gesprengt wird -
wie das von Heinz Galinski''.
Allerdings sagte er im Rückblick auf sein Leben auch: "Ich habe
Israel 1951 zum ersten Male besucht. Ich kam mir dort irgendwie fremd vor.
Ich kam zurück nach Berlin und Stuttgart - dort lebte ich damals - und war
zu Hause.'' Hier, in Stuttgart, erhielt er 1996 auch den Theodor-Heuss-Preis
für seinen Beitrag zur Annäherung im deutsch-jüdischen Verhältnis.
Bubis' letzter Wunsch wird erfüllt. Am Sonntag soll er in Israel
seine letzte Ruhestätte finden.