Fritz oder Frida? Trans egal!

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Vor einhundert Jahren erschien in einer queeren Zeitschrift eine trans Geschichte, die sich aufgrund einer Referenz auf die jüdische Bibelauslegung in die Geschichte queer-jüdischen Lebens einbetten lässt.

Von Thomas Tews

Vor einem Jahrhundert, im Jahre 1925, veröffentlichte Toni Brand in der queeren Zeitschrift „Das Freundschaftsblatt“, die wöchentlich zwischen 1924 und 1933 erschien und damit eine der langlebigsten queeren Zeitschriften der Weimarer Republik war, unter dem Titel „Frida geht aus!“ eine Erzählung, die im Folgenden in gekürzter Fassung wiedergegeben wird:

„Fritz hatte heute ‚seinen Tag‘, den Tag, an dem er unbedingt als Frau ausgehen mußte. Schnell das lila Kleid, den lila Hut und die blonde Perücke hervorgesucht – so, der Fritz hatte sich in eine Frida verwandelt.

[…] Der Jüngling, der sich als Fritz Kramer vorstellte, lud Frida noch zu einer Tasse Kaffee ein. Ach Gott, dachte Frida, auch ein Fritz! Wenn er wüßte, dachte ich tatsächlich … Ihr Herz schlug höher. […] Der Fremde ahnte nichts. Sie spielte ihre Rolle auch sehr gut, flüsterte in den höchsten Tönen, kicherte und kokettierte – wie eine richtige Dame.

Man unterhielt sich ausgezeichnet und war in frohester Laune. Plötzlich tat Fritz etwas, was er nachher tief bedauerte und was auch wirklich besser unterblieben wäre: Er zog die falsche Frida zu sich heran und versuchte sie zu küssen. Frida war nun keineswegs empört darüber, denn der Jüngling wurde ihr mit jedem Augenblick sympathischer. Aber wie sie sich jetzt ganz dicht an ihn anschmiegte, wurde sie kreideweiß. Was war denn das … der junge Mann hatte ja … einen – Busen!

Aber damit nicht genug, auch Fritz sah Frida entsetzt an. Ihr war nämlich vor Schreck – die Perücke verrutscht! Einen Augenblick waren beide fassungslos, dann lachten sie laut auf. Ja, wie war denn so etwas möglich – wie konnten sie sich denn so täuschen lassen …? Dann erzählten sie sich gegenseitig die Geschichte ihrer Veranlagung und aus der Frida wurde wieder ein Fritz und aus dem Fritz eine Frida. So eine verzwickte Sache; – so ein verrücktes Erlebnis!

Sie blieben noch lange zusammen und unterhielten sich fabelhaft. Nicht ausgeschlossen ist, daß sie sich später einmal heiraten werden.

Natürlich nur eine Vernunftehe, Heirat vor der Welt.

Ja, ja, der alte Ben Akiba hat doch gelogen!“[1]

Mit Ben Akiba ist höchstwahrscheinlich der bedeutende Rabbiner Akiba ben Josef (ca. 50/55 – 135 n. u. Z.), meist nur Rabbi Akiba genannt, gemeint. Ihm wird der Spruch „Alles schon dagewesen“ zugeschrieben, der sich möglicherweise auf die ihm eigene Hermeneutik der Auslegung der hebräischen Bibel bezieht und bedeuten könnte, dass alles auf der Welt Seiende von G*tt schon beschrieben worden sei. Diese Annahme griff die 1923 erschienene Filmkomödie „Ben Akiba hat gelogen“ von und mit Buster Keaton, der gemeinsam mit Edwart F. Cline Regie geführt hatte, auf. Der Film kam Ende 1924 in die deutschen Kinos, wobei seine Vorführung im Kino „Marmorhaus“ in der Berliner Zeitschrift „Kinematograph“ mit folgendem Text beworben wurde:

„Hand aufs Herz: Sie wissen nicht, wer Ben Akiba war! Aber Sie kennen schon seinen berühmten Satz: ‚Alles schon dagewesen.‘ Buster Keaton aber sagt: Ben Akiba hat gelogen. Er beweist es Ihnen am Montag, 7. September im Marmorhaus.“[2]

Aufgrund der Referenz auf Rabbi Akiba und seine Bibelauslegung wurde Toni Brands Erzählung „Frida geht aus!“ von Janin Afken und Liesa Hellmann in ihre 2024 im jüdischen Verlag „Hentrich & Hentrich“ erschienene Anthologie „Queere jüdische Gedichte und Geschichten in homosexuellen Zeitschriften zwischen 1900 und 1932“ aufgenommen. Dabei weisen die Herausgeber*innen auf das allgemein bestehende Desiderat an trans Literatur, die im Korpus der queeren Zeitschriftenliteratur aus dem Kaiserreich und der Weimarer Republik deutlich unterrepräsentiert ist, hin. In der einzigen trans Zeitschrift der Zeit, „Das 3. Geschlecht“, konnten sie keine jüdischen Spuren ausmachen. Toni Brands Erzählung „Frida geht aus!“, die als trans Literatur gelesen werden kann, erschien in der Zeitschrift „Das Freundschaftsblatt“ bezeichnenderweise in der lesbischen Rubrik „Die Freundin“.[3]

Zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Toni Brands Erzählung „Frida geht aus!“, am 16. März 1923, hielt der jüdische Arzt, Aktivist und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld im Hygienischen Institut der Universität Berlin einen Vortrag, den er anschließend in erweiterter Form in dem von ihm herausgegebenen „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ publizierte. Darin betont er:

„Es kann nicht oft genug wiederholt werden, […] daß, wenn ein Satz zu Recht besteht, es dieser ist, daß der Mensch nicht Mann oder Weib sondern Mann und Weib ist.“[4]

Diese Wahrheit illustrieren beispielhaft die in der bis zum 9. November dieses Jahres im Günter-Grass-Haus in Lübeck gezeigten Ausstellung „Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin“ zu sehen gewesenen historischen Aufnahmen der aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammenden expressionistischen Avantgardekünstlerin, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zunächst in die Schweiz und später nach Jerusalem emigrierte, wo sie 1945 verarmt und vereinsamt verstarb. Diese Fotografien zeigen Else Lasker-Schüler verkleidet als jungen Adeligen – ihr Alter Ego „Prinz Jussuf von Theben“. Die Ausstellungskuratorin Paula Vosse beschreibt diese performative Kunst als eine Art früher Drag King wie folgt:

„Auf der Bühne war sie dann ein Mann. Sie hat sich, bevor das überhaupt modern wurde, die Haare abgeschnitten, kurz unterm Kinn. Dann ist sie auf die Bühne gegangen und hat sich als junger Prinz aus Nahost verkauft.“[5]

Die besondere historische Position jüdisch-queerer Existenzen, Identitäten und Perspektiven sowie die Spuren, die sie hinterlassen haben, umreißt Noam Sienna im Vorwort seiner*ihrer 2019 veröffentlichten Anthologie „A Rainbow Thread. An Anthology of Queer Jewish Texts from the First Century to 1969“, die Ausschnitte aus literarischen und nicht-literarischen Texten aus fast zwei Jahrtausenden queer-jüdischer Geschichte aus verschiedenen Weltregionen versammelt, folgendermaßen:

„Geschichte ist für jede*n wichtig, aber sie erhält eine besondere Bedeutung, wenn Beweise für die eigene Existenz manipuliert und zensiert, vergessen, begraben und zerstört wurden. Dies gilt insbesondere für queere Jüd*innen und andere mit doppelt und mehrfach marginalisierten Identitäten, die so oft an vielen Fronten um Anerkennung und ihre Daseinsberechtigung kämpfen müssen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der verschiedenen Gemeinschaften, denen sie angehören. Leider sind diese Auslöschungsversuche häufig erfolgreich.“[6]

Gegen diese Auslöschungsversuche möchte der vorliegende Text einen kleinen Beitrag zur Erinnerung an vergangenes queer-jüdisches Leben leisten.

–> Janin Afken / Liesa Hellmann (Hg.): Queere jüdische Gedichte und Geschichten in homosexuellen Zeitschriften zwischen 1900 und 1932, Hentrich & Hentrich 2024.

Anmerkungen:

[1] Toni Brand, Frida geht aus! In: Das Freundschaftsblatt 5 (1925), Nr. 25, o. S. (Rubrik „Die Freundin“). Zitiert nach: Janin Afken/Liesa Hellmann (Hrsg.), Queere jüdische Gedichte und Geschichten in homosexuellen Zeitschriften zwischen 1900 und 1932. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2024, S. 102 f.
[2] Kinematograph 19 (1925), Nr. 968 (6. September), S. 2. Zitiert nach: Afken/Hellmann (Anm. 1), S. 104.
[3] Afken/Hellmann (Anm. 1), S. 31.
[4] Magnus Hirschfeld, Die intersexuelle Konstitution. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 23 (1923), S. 3 ff. Zitiert nach: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen. Auswahl aus den Jahrgängen 1899–1923. Neu ediert von Wolfgang Johann Schmidt. Mit einem Nachwort von Peter Gorsen. Bd. 2. Qumran, Frankfurt am Main/Paris 1984, S. 9–26, hier S. 23.
[5] Zitiert nach: Sonya Winterberg, Drag und Poesie. In: L-MAG. Das Magazin für Lesben 5/2025 (September/Oktober 2025), S. 12.
[6] „History is important for everyone, but it takes on a special importance when evidence of one’s existence has been manipulated and censored, forgotten, buried, and destroyed. This is particularly true for queer Jews and others with doubly and multiply-marginalized identities who so often must fight for recognition and legitimacy on many fronts, both inside and outside the various communities to which they belong. Unfortunately, these efforts at erasure are frequently successful.“ (Noam Sienna, A Rainbow Thread. An Anthology of Queer Jewish Texts from the First Century to 1969. Print-O-Craft Press, Philadelphia 2019, S. 3 [Übersetzung zitiert nach: Afken/Hellmann (Anm. 1), S. 32]).