„Bei uns war alles ganz normal“

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Corona verordnete Ruth Frenk eine Zwangspause. Die niederländisch-jüdische Sängerin nutze sie, um ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Ein Glück für ihre Leser, die so am Leben dieser außergewöhnlichen Frau teilhaben können.

Ruth Frenk wurde 1946 in Rotterdam geboren, „ein Kind der Hoffnung“. Ihre Eltern waren im Jahr zuvor in Bergen Belsen befreit worden. Mutter Lieselotte stammte aus Frankfurt, war 1928 nach Rotterdam gezogen, wo sie den Vater Salomon kennenlernte. Ruth beschreibt ihre Mutter als treibende Kraft hinter dem Vater. Sie überlebte die Deportation, das Durchgangslager Westerbork und Bergen Belsen und starb 1962. Die Erlebnisse im Lager verdrängte sie. Der Vater begann erst spät, im Alter von 80 Jahren, davon zu sprechen. „Plötzlich rief er mich jeden Sonntagmorgen an und erzählte mir am Telefon eine Stunde lang über Bergen-Belsen“. Zuvor noch wunderte er sich über Ruths Besuch bei einem Seminar für die zweite Generation. „Bei uns war alles ganz normal!“

Offenheit ist eine der beeindruckenden Stärken von Ruth Frenk. In ihren Erinnerungen erzählt sie nicht nur von privaten Auf und Abs, sondern auch von der Suche nach den Ursachen für die eigenen Ängsten und Unsicherheiten, die sich in ihrer Identität als Angehörige der zweiten Generation begründen.

Ruth Frenk erzählt von Kindheit und Jugend in Rotterdam, die sie als einziges jüdisches Kind in ihrer Klasse erlebte, von ihrem ersten Besuch in Israel 1962 als 16Jährige, der ihr „innerlich Versöhnung und Heimat“ brachte, von den Jahren in Amsterdam, wo sie zunächst Soziologie und Volkswirtschaft studierte, aber auch Gesangsunterricht nahm. Nach drei Jahren in Genf, wo Ruth Frenk Gesang studierte, zog sie nach New York und wurde an der Manhattan School of Music aufgenommen. Von dort folgte sie 1974 ihrer Lehrerin Else Seyfert-Grünwald nach Konstanz, wo Ruth Frenk auch heute lebt, eine „Holländerin, die so gerne in Deutschland lebt – 100 Meter von der Schweizer Grenze!“

In Konstanz begann Ruth Frenk, mit jüdischen Liedern aufzutreten, später nahm sie auch Lieder aus Theresienstadt in ihr Repertoire auf. Sie ist außerdem als Gesangslehrerin fest etabliert und gefragt. Die Arbeit mit der Singstimme und ihren Schülerinnen und Schülern sei das „Einzige, womit ich mich im Leben immer gern beschäftigt habe, was mich nie langweilt und ganz befriedigt“.

Seit 1992 leitet Ruth Frenk die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Bodensee-Region, was Konstanz und Umgebung ein vielfältiges Vortrags- und Kulturprogramm zu Israel beschert. Ihre Liebe zu dem Land erhielt spät noch einmal einen ganz persönlichen Twist, als sie im Alter von 73 Jahren ihren alten Studienfreund Paul Spier heiratete, der in Tel Aviv lebte. 2016 zog er nach Konstanz, das Glück währte jedoch nicht lang. Paul starb am 1. Januar 2021. Der Kontakt mit den vier Kindern Pauls aus erster Ehe ist herzlich. „Plötzlich habe ich vier Kinder und neun Enkel (…). Mit 75 Jahren habe ich die erste Baby-Windel gewechselt!“

Ruth Frenk sei ein „Musterbeispiel für Engagement und Öffentlichkeitswirksamkeit der Zweiten Generation von Schoah-Überlebenden“, schreibt Erhard Roy Wiehn in seinem Nachwort. Es scheint mir eher, dass sie ein Original ist, ein ganz besonders. Ihre Erinnerungen zeugen davon.

Übrigens, Ruth Frenk steht gern für Veranstaltungen – auch in Schulen – zur Verfügung. (al)

Ruth Frenk, Bei uns war alles ganz normal. Memoiren einer niederländisch-jüdischen Sängerin in Deutschland, Hartung-Gorre Verlag 2022, 188 S., Euro 24,80, Bestellen?

Mehr über Ruth Frenk unter www.ruthfrenk.com