„Wir reiten in den Untergang“?

0
156
Das Backstage-Gelände, Foto: Lothur / CC0

Das Linke Bündnis gegen Antisemitismus München (LBGA) veröffentlichte einen umfangreichen Artikel über die Band Frei.Wild und ihren Sänger Philipp Burger. Anlass ist ein Statement des Konzertveranstalters Backstage, in dem ein Konzert Burgers für den 30. September angekündigt und angesichts seiner rechtsextremen Vergangenheit gerechtfertigt wird. Der Einschätzung des Backstage, dass Burger seine rechte Vergangenheit glaubwürdig und vorbildlich aufgearbeitet hätte, teilt das LBGA ausdrücklich nicht. Vielmehr werden antisemitische und shoarelativierende Songtexte und Aussagen Burgers beanstandet.

Burger war um 2000 Skinhead und Sänger der Neonazi-Band Kaiserjäger, die für rassistische Texte und Aufnahmen von zu Hitlergrüßen erhobenen Armen bekannt war. Zwar distanziert sich Burger von seiner rechtsextremen Vergangenheit, behauptet aber, die Band hätte sich nur mit Liebe, Freundschaft und Alkohol befasst. Auch das Engagement Burgers in der Partei „Die Freiheitlichen“, die der FPÖ nahesteht, wird mittlerweile von ihm schlicht geleugnet. Das LBGA bezeichnet diesen Umgang als unaufrichtig und attestiert Burger, innerhalb der rechten Szene lediglich die Strömung gewechselt zu haben; er sei vielleicht kein Skinhead mehr, aber als nationalkonservativer Vertreter der Neuen Rechten einzuordnen.

Vor diesem Hintergrund interpretiert das LBGA auch verschiedene Äußerungen und Songtexte Burgers als antisemitisch und geschichtsrevisionistisch, z. B. den Titel „Wir reiten in den Untergang“, der bis heute live gespielt wird. In einem Interview mit dem Focus verteidigte Burger die Gleichsetzung der öffentlichen Kritik an seiner Band mit der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Zudem unterstellt er bisweilen Jüdinnen*Juden implizit, vom Gedenken an die Shoa finanziell zu profitieren. Daran ändert auch der vergangenen Oktober veröffentlichte israelsolidarische Song „Nie wieder“ nichts. Der Antisemitismus der politischen Gegner*innen wird angeprangert, der eigene aber nicht weiter thematisiert oder reflektiert, schlussfolgert das LBGA.

Gezielt wendet sich das LBGA gegen den Versuch des Backstage, Burger vor dem Hintergrund als geläuterten Ex-Nazi und vorbildliche Aussteiger zu inszenieren. Das sei eine Verhöhnung für jede Person, die sich tatsächlich aus rechten Strukturen emanzipiert hat, wie es im Artikel des LBGA heißt. Von Bedrohungen durch ehemalige Kamerad*innen oder von Schwierigkeiten bei der Resozialisierung, wie sie tatsächliche Nazi-Aussteiger erlebten, könne keine Rede sein. Stattdessen könnten Burger und Frei.Wild bis heute auf breiten Zuspruch in der rechten Szene bauen und zugleich erfolgreich Karriere machen.

Bereits am 28. November 2022 veröffentlichte das LBGA gemeinsam mit dem Verband Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) einen offenen Brief an die Münchner Bürgermeister*innen aufgrund eines anstehenden Frei.Wild-Konzertes in der Olympiahalle, über den auch die Presse berichtet hat. Trotz der Kritik am Song „Wir reiten in den Untergang“, die auch der Band zu Ohren kam, spielte diese ihn schließlich demonstrativ als Opener in München. Die Süddeutsche Zeitung attestierte der Band in einem anschließend veröffentlichten Konzertbericht, neu-rechte Narrative zu bedienen.

Das LBGA schließt seinen Artikel mit der Überlegung, das Backstage als neurechte[n] Ort im Herzen Münchens, als ein Scharnier zwischen der extremen Rechten und der sogenannten Mitte der Gesellschaft, mit der Absicht, shoarelativierende und andere reaktionäre Vorstellungen mehrheitsfähig und akzeptabel zu machen, einzuschätzen. Die Münchner Bevölkerung wird aufgefordert, das Backstage in Zukunft zu meiden, und die Landeshauptstadt München, ihr jegliche finanzielle Unterstützung entziehen.

Der ganze Artikel des LBGA ist hier einsehbar.

Das Linke Bündnis gegen Antisemitismus München ist ein Zusammenschluss der Grünen Jugend München, der linksjugend [’solid] München, der SJD – Die Falken München und der Israelsolidarischen Antifa München.