Menschenbrüder im Tode

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Einige Überlegungen zu Albert Cohens Erzählung „Oh, ihr Menschenbrüder“

Von Karl-Josef Müller

An seinem zehnten Geburtstag, wir schreiben den 16. August 1905 in Marseille, möchte Albert Cohen seiner Mutter eine Freude bereiten. Er sieht das Ende aller Flecken nahen. Ein Straßenhändler preist seinen Universalfleckenreiniger an. Der Zehnjährige hört ihm gerne zu, spricht der Händler doch „die wunderbare französische Sprache“, die er selbst, „der mit fünf Jahren von seiner griechischen Insel gekommen war“, immer noch nur unzureichend beherrscht.

Und so tritt er schließlich aus dem Kreis der Zuschauer vor, um dieses Wundermittel der Sauberkeit zu erwerben. Doch anstatt es beglückt ausgehändigt zu bekommen, muss Albert eine Suade grenzenlosen Hasses über sich ergehen lassen. Der Fleck, der ihm in den Augen des Straßenhändlers anhaftet, lässt sich mit keinem Mittel der Welt entfernen: Albert Cohen ist Jude. Und wie Alfred Dreyfus kann er, wie alle Juden, nur ein „Verräter“ sein.

In quälender Ausführlichkeit schildert Cohen anschließend die tiefe Verzweiflung des Kindes, das er damals war; eine Verzweiflung, die den nunmehr deutlich über siebzigjährigen Autor immer noch nicht verlassen hat.

Doch Cohen belässt es nicht dabei, das kindliche Trauma in Erinnerung zu rufen als Zeichen und Vorahnung der „Rauchfahnen, die zum Himmel stiegen mit einem Gestank, den Gott nicht roch, düsterer Weihrauch eines großen Volkes, des treuesten und am meisten leidenden, getöteten und am meisten gehassten Volkes (…).“

Naiv sei er immer noch, so naiv wie der Zehnjährige, bevor der Hass ihn in den Abgrund zu stoßen drohte; so naiv zu hoffen, dass die „Menschenbrüder“ seine Botschaft nicht abweisen können:

Aber ich muss ihnen sagen, was ich weiß, verrückt wie ich bin, komme, was da wolle. Oh, ihr Menschenbrüder, lernt die Freude kennen, nicht zu hassen.

Dies sagt er „an der Schwelle meines Todes.“

Der Tod macht uns alle gleich, dem Tod entgeht keiner von uns; und für den, der wie Cohen keinen Trost in Gott zu finden weiß, bleibt der Tod ein sinnloses Ende als „Kadaver“. Und dann entwirft Cohen die Vision von unser aller Todeskampf, unser aller sinnlosem Festhalten am Leben; noch einmal atmen, noch einmal hebt sich die Brust, doch es gibt keinerlei Rettung. Der Rauch der Krematorien vermischt sich mit dem Rauch, der Andreas Gryphius bereits im 17. Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges zum eindrucksvollen Symbol der Vergänglichkeit wurde. Menschliches Elende lautet der Titel eines Gedichtes, in welchem, im Gegensatz zu vielen anderen Gedichten von Gryphius, keinerlei Verweis auf einen den Tod transzendierenden Gott zu finden ist. Wir zitieren die letzte Strophe:

        Was itzund Athem holt / muß mit der Lufft entflihn /
        Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nach zihn
        Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starken Winden. 

Dieser Rauch, der von Cohen in Erinnerung gerufene der Krematorien wie der von Gryphius aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, scheint unbarmherziger in den Himmel aufzusteigen als Celans Rauch der Todesfuge:

        Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
        er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
        dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Noch bevor das zehnjährige Kind in den Abgrund des Hasses gestoßen wird, nennt der Erzähler den Händler einen „Zauberer“, dem er „mit der Gläubigkeit eines kleinen Hundes“ zuhört. Wir wissen nicht, ob Albert Cohen Thomas Manns Novelle Mario und der Zauberer gekannt hat; die faschistoide Atmosphäre im Italien des Jahres 1930, die Thomas Mann so eindringlich zu schildern weiß, verweist in vielerlei Hinsicht zurück auf das Jahr 1905 in Frankreich und voraus auf das Jahr 1972, dem Jahr, in dem die Erinnerungen von Albert Cohen aus dem Jahr 1905 als Buch zuerst erschienen sind.

Nein, der Tod erscheint in dieser Erzählung von Albert Cohen nicht – nur – als „ein Meister aus Deutschland“ wie bei Paul Celan; und dass dem so ist, dass Cohen seine ganze verzweifelte Hoffnung darauf setzt, die Erinnerung an unser aller Tod und Sterben könne die Mörder der Shoa zur nachträglichen Einsicht über die Ungeheuerlichkeit ihres Handelns bewegen, dieser gewagte Gedanke hat einen fast skandalösen Charakter. Und dieser Gedanke lässt uns, lässt zumindest mich, sprachlos zurück.

Denn Cohen fordert noch mehr. Er fordert von den Opfern „Mitleid mit allen euren Brüdern im Tode, Mitleid mit den bösen Menschen, die euch Leid zugefügt haben, denn sie werden das Tal der Schrecken des Todes kennenlernen“. Wie eine Litanei wiederholt er diese Bitte in beschwörender Eindringlichket und mit nur geringen Abwandlungen.

Wo aber ist Hoffnung zu finden? Albert Cohen gibt keine Antwort. Indirekt könnte man sagen: Hoffnung besteht immer dann, wenn, angesichts der eigenen Sterblichkeit, der Verzicht auf den Hass die Stelle einer unglaubwürdigen Nächstenliebe einnimmt. Dann erst würde ein zehnjähriges Kind, dessen Tod aus seiner Sicht noch in weiter Ferne liegt, nicht vorzeitig in den Abgrund der Verzweiflung fallen.

Albert Cohen: Oh, ihr Menschenbrüder. Erzählung, ça-ira-Verlag; 1. Edition (8. Mai 2024) Freiburg/Wien 2024, 121 Seiten, 19 €, Bestellen?