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Spott-Light: Sehr geehrte Frau Dr. Amann…

… heute, am Tag der Deutschen Einheit, der ja nach Alt-Bundespräsident Joachim Gauck lehren sollte, den Krieg der Deutschen um Worte aller Art zum Zweck der Besinnung auf den eigentlichen Gegner (Putin) zu beenden, möchte ich Ihnen allererst bekennen, welche Frage mir gestern, im Kino, beim Betrachten des genialen Films von „Bully“ Herbig über den Fall Relotius (danken sollten Sie übrigens, falls noch nicht geschehen, Ihrer Frau Stelter, dass Sie auch diesen meinen diesbezüglichen Leserbrief[1] zu einer selten dämlichen Frage Ihres Herrn Kuzmany an den Filmemacher nach Sitte Ihres Hauses entsorgt hat) durch den Kopf ging: Was wird Sie wohl denken beim Öffnen dieser Mail?

Eine Frage von Christian Niemeyer

Zu Hause angekommen, studierte ich erst einmal, meinem im Kino, also im Kopf-Kino, aufgestellten Plan folgend, Ihre gestern im Spiegel (Nr. 40, S. 6) kundgetane Sorge über die konsequente Heim-ins-Reich-Politik Putins sowie Ihre geradezu sensationellen, allerdings elegant decouvrierten („Viel wurde Olaf Scholz für sein Schwanken und Zögern in der Frage von Waffenlieferungen gescholten“) Zweifel ob Ihrer eigenen Strategie – und las sie als Zeichen an Ihre, wie ich’s mal nennen will ‚Parteimitglieder‘ Beyer, Knobbe, Hammerstein, Klusmann & Co., die vor sechs Monaten gestartete pro-bellizistische Anti-Scholz- und Pro-Strack-Zimmermann-Kampagne einzustellen. Mit der Begründung, Scholz sei nicht kriegerischer geworden, dafür aber die AfD friedlicher, so dass sie aktuell nur noch drei Prozent von der Kanzlerpartei trennt, sich also unter ihrem Rettungsschirm inzwischen statt 10% Wahlinteressierte 15% sammeln, zumeist vom Spiegel und ihrem Koalitionspartner, Robin Alexander (Die Welt), Verängstigte und auch des baldigen Winters wegen mit den Zähnen Klappernde. Damit mache, so trug ein ganz Schlauer in Ihrer Redaktionskonferenz nach, Friedrich Merz‘ (CDU) neuerdings vom offenbar unvermeidlichen Boris Palmer (Tübingen) gestütztes Wort vom ukrainischen „Sozialtourismus“ als auch Andrea Lindholz‘ (CSU) Forderung: „Solche gemeingefährlichen Straftäter gehören sofort aus dem Verkehr gezogen“ zum von der BamS am 18.9. inszenierten Skandal um den Asylbewerber Goffi K. plötzlich Sinn.[2] Und zwar als durch das Strauß-Axiom „Keine Mehrheit rechts von der Union!“ geheiligte Strategie, die AfD bis Weihnachten unter 5% zu drücken, mit der CDU als neuer Friedenspartei der Mitte. Derlei Abstrusität, so konnte ich an Ihren Augen ablesen, habe man nicht gewollt. Lassen wir dies erst einmal so stehen.

Nicht minder auffällig an diesem, wie ich’s mal ebenso altmodisch wie mysteriös nennen will, Video aus der Überwachungskamera: Selbst der Versuch der Kollegin vom „Außenministerium“ im „Schattenkabinett Dr. Amann“ (interne Bezeichnungen; es kann sich aber auch um Hörfehler bei den Mitschnitten der Redaktionskonferenzen handeln; Gantenbein), Susanne Beyer vom 7. Mai (Der Spiegel Nr. 19, S. 9), das auf den 8. Mai 1945 bezügliche Post-WK-II-Friedensgebot der AfD zum Fraße vorzuwerfen, habe nicht gefruchtet. Niemand der lieben Kolleg*innen vom Hauptstadtbüro sei offenbar in der Lage gewesen zu erkennen, dass der böse Wolf, laute er nun auf den Namen Gauland oder Höcke, gerade mit Kreidefressen beschäftigt war, um auf diese Weise, also etwa mittels des Slogans „Wir-sind-die-Friedenspartei!“, zu kaschieren, dass die 5. Kolonne Moskaus ohnehin zu keinem Zeitpunkt vorhatte, des Juden in Kiew wegen das Hauptgeschäft in Moskau anzugreifen.

Desaster also um Desaster und damit ein Inkompetenzerweis von Super-Gau-Relotius-Format! Aber auch unabhängig davon: Wie, liebe Frau Amann, würde man in der wirklichen Politik wohl handeln gegen Ende des Versuchs, Journalismus nicht mehr als Aufdecken von Skandalen, auch Medienskandalen wie jene von mir qua Bundespresserats-Beschwerde mehrfach öffentlich gemachten Skandale um BamS, also im Hause ihres Koalitionspartners Alexander, zu betreiben, sondern als aktive Politikgestaltung? Nun, ich denke, es würde Rücktritte hageln, und zwar einige. Dies nur, um deutlich zu machen, dass ich für die von Ihnen neulich bei Markus Lanz im Kampf gegen Precht/Welzer gegebene Rolle das Kannitverstan durchaus Verständnis habe, in Maaßen.

Die nächste, finale Sendung (meinerseits) dürfen Sie übrigens am 7. Oktober erwarten,

mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Christian Niemeyer

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin. Wichtige Veröffentlichung zum Thema, im Text angeführt: Schwarzbuch Neue/Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon. Beltz Juventa: Weinheim Basel 2021. Im nämlichen Verlag erscheint demnächst: Schwarzbuch AfD 2021/22 (Arbeitstitel).

 

[1] Erläuterung: Stefan Kuzmany vom Spiegel fragte am 24. September 2022 Michael „Bully“ Herbig im Blick auf Sinn und Zweck von Herbigs Mediensatire Tausend Zeilen (2022): „Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass ein solcher Film Wasser auf die Mühlen jener sein könnte, die die Medien pauschal für Lügenpresse halten?“ (Spiegel Nr. 39/24.9.2022) Herbig, ein sehr höflicher Mensch, hielt sich hier zurück – ein Fall für mich: „Werter Herr Kuzmany, haben Sie eigentlich mal nachgedacht, dass es wenig fein ist, den Boten der schlechten Nachricht zu erschlagen und den Verantwortlichen für selbige, den Spiegel nämlich, dessen Brot Sie essen, unbehelligt zu lassen?“ So der Unterzeichnende am 26. September 2022 in einem Leserbrief an den Spiegel – der aber (bis heute) nicht abgedruckt wurde.

[2] Hier erschienen und nachlesbar unter: www.hagalil.com/2022/09/spott-light/