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(Kultur-)Rassismus ungarischer Art

Viel Kritik hat der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán Ende Juli mit seiner Rede bei der alljährlichen Sommerakademie Tusványos im rumänischen Băile Tușnad ausgelöst. Einst ein interkulturelles Fest zwischen der ungarischen Minderheit und RumänInnen, ist es heute zum Pilgerort der ungarischen rechten Intelligenzia geworden. 2014 hatte Orbán dort bereits sein Modell der „illiberalen Demokratie“ vorgestellt.

Von Benjamin Horvath
In gekürzter und redigierter Form erschienen in der Jungle World 2022/31

Am  23. Juli gab er zunächst eine kleine Holocaust-Anspielung zum Gasverbrauch der Deutschen zum Besten. Darauffolgend zitierte er Oswald Spengler und griff seine Idee vom Untergang des Abendlandes auf, den er durch die Migration außereuropäischer Völker kommen sieht: „Die zweite Herausforderung ist die Migration. Ich könnte auch sagen, dass der Westen sich gespalten hat. Die eine Hälfte ist eine solche Welt, in der europäische und außereuropäische Völker zusammen leben. Diese Länder sind nicht länger Nationen. Diese Länder sind nichts anderes als Volks-Konglomerate. Ich könnte auch sagen, dass das nicht mehr der Westen ist, sondern der Post-Westen. Und um 2050 ereignet sich – entsprechend mathematischer Gesetze – der finale demografische Wandel […]: In den großen Städten wird sich der Anteil der Menschen nicht-europäischer Herkunft auf über 50% erhöhen.“

Nach Meinung Orbáns werden die konservativeren Staaten Mitteleuropas (die östlichen Staaten der EU meinend) die aufklärerische Rolle „des Westens“ übernehmen: „Und hier ist die andere Hälfte Europas bzw. des Westens: Das ist Mitteleuropa – das sind wir. Ich könnte auch sagen – wenn es nicht etwas verwirrend wäre – dass der Westen, oder sagen wir der Westens im metaphysischen Sinne nach Mitteleuropa gezogen ist. Hier ist der Westen und dort ist nur noch der Post-Westen geblieben. Auch wenn mittlerweile weniger über Migration gesprochen wird, glauben sie mir, dass sich nichts geändert hat. Brüssel – mit Hilfe der Soros Truppen – wollen uns die Einwanderer einfach aufzwingen.“

Auch der gewohnt antisemitische Jargon von der judäo-kommunistischen Verschwörung war soweit leider nichts Neues: „Die internationalistische Linke hat eine List – eine ideologische listige Saat. Ihre Behauptung ist, dass in Europa schon immer gemischt-rassige Völker leben. Das ist geschichtliche und semantische Augenwischerei, weil es unterschiedliche Sachen vermischt.“

Bloß schwenkte Orbán nun vom bisher bekannten kulturalistischen zu einem deutlich biologistischen Rassismus um, als er ganz unverhohlen von verschiedenen sich mischenden Völkern und Rassen sprach: „Im Übrigen gibt es diese Welt in der sich die europäischen Völker mit den außereuropäischen Ankömmlingen vermischen: Na, das ist die gemischt-rassige Welt. Und dann gibt es uns, wo sich innerhalb Europas lebende Völker miteinander vermischen, sich bewegen, Arbeit annehmen und umziehen. Deswegen sind – beispielsweise wir im Karpatenbecken nicht gemischt-rassig, sondern schlicht und einfach das Gemisch der in Europa beheimateten Völker. Und wenn die Sterne verheißungsvoll stehen und der richtige Wind weht, dann verschmelzen diese Völker zu einer hungaro-pannonischen Sauce, die eine eigenständige europäische Kultur hervorbringt. Darum haben wir immer gekämpft. Miteinander sind wir bereit uns zu vermischen, aber wir wollen nicht Gemischt-rassig werden.“

Bereits seit den Fluchtbewegungen von 2015 zieht sich diese Rhetorik vom Untergang des Westens aufgrund ungehinderter Migration durch. Dort sei das Zusammenleben der „ethnisch-angestammten Bevölkerung mit Eingewanderten aus dem arabischen und afrikanischen Raum und deren Nachkommen konfliktreich und gewaltvoll, wie es immer wieder gerne im Staatsfernsehen dargestellt wird. Mit seiner migrationsfeindlichen Haltung werde Ungarn permanent von Georg Soros und seinen Leuten in der EU dazu genötigt ebenso seine kulturelle und ethnische Zusammensetzung zu ändern, was das „Ende der ungarischen Kultur” bedeuten solle.

Aufzuschlüsseln welches Volk, laut Orbán, nun welcher Rasse und welchem Kontinent angehören soll, wäre reine Zeitverschwendung, da die ungarische Regierung sich ihr ethnisches Narrativ ohnehin so zusammenbaut wie es ihr gerade passt:

Mal sind die Ungarn eine europäische Kulturnation, Mal betreibt das Forschungsinstitut für Hungarologie Genforschung an Gebeinen aus dem Karpatenbecken, um die ethnischen Ursprünge der Ungarn in Zentralasien aufzufinden. Aufgabe dieser, von Regierung und dem Ministerium für Humanressourcen unterstützten Einrichtung ist es daher auch „die Vergangenheit, die Sprache und die Herkunft der Ungarn zu erforschen“. Aufgrund solcher ethnischer Verbindungslinien trat Ungarn 2018 der Organisation der Turkstaaten als Beobachter bei, wo Orbán verlauten ließ: „Die Ungarn sehen sich selbst als späte Nachfahren Attilas des Hunnen, hunnisch-turkischen Ursprungs, und das Ungarische ist ein Verwandter der Turk-Sprachen.“ Diese Abstammungsidee entspringt dem wiedererstarkenden Turanismus des 19. Jahrhunderts, der an die Abstammung aus einer turanischen Urrasse glaubt und auch unter den faschistischen Pfeilkreuzlern verbreitet war, die eng mit Nazi-Deutschland kooperierten. Operiert wird mit Kategorien wie „Volk“ und „Rasse“, wobei dem „ungarischen Volk“ eine messianische Rolle für die Zukunft Europas zugeschrieben wird. Dass sich ein ungarisches Ur-Volk, auf dem Weg zur Besiedelung des Karpatenbeckens, mit diversen außereuropäischen Volksgruppen vermischt haben muss, wird dann nur hervor geholt, wenn es gerade ins Narrativ passt.

Orbáns „Tusványos“-Rede wurde insbesondere von jüdischen und Roma-Organisationen in Ungarn wie auch international scharf verurteilt. In der darauffolgenden Woche beim Staatsbesuch in Wien war Orbán daher bemüht wieder ein wenig zurück zu rudern: „Ungarn hat fantastische Erfolge im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus erzielt. Dazu hat besonders unsere Regierung beigetragen. In Ungarn herrscht Null-Toleranz. Solche Handlungen werden in Ungarn auch strafrechtlich verfolgt und dürfen auch in der politischen Umgangssprache nicht sein. […] Dass ich mich manchmal missverständlich ausdrücke, das kann passieren. […] In Ungarn darf es für politische Fragen überhaupt keine Annäherung auf Grundlage von Biologie geben. Was möglich ist die Annäherung auf Grundlage von Kultur.“

Somit wird der heraufbeschworene Kulturkampf, wie bisher, weiter mit einem »Rassismus ohne Rassen« fortgeführt.