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Der Kampf um Rückkehr

Im linken Kontext hat man selten Probleme damit, weiße europäische oder amerikanische Neonazis beim Wort zu nehmen und eine radikal-nationalistische sowie antisemitische Kultur der Ehre und Schande als Motivation ihrer Taten zu konstatieren. Gegenüber ebensolchen Motiven bei arabischen bzw. muslimischen Terroristen, politischen Regimen oder Bewegungen praktizieren weite Teile des postkolonialen Soziologismus an den Universitäten, im Politikbetrieb und in den Medien hingegen eine paternalistische Ignoranz.

Von Ingo Elbe

Man betrachtet die genannten Akteure lediglich als auf westliche Unterdrückung Reagierende oder erklärt ihre ideologischen Motive zur bloßen ‚Rhetorik‘, hinter der legitime politische und ökonomische Ansprüche stünden. Eine spezielle Ausformung dieser Attitüde und ihres „liberal cognitive egocentrism“ (Richard Landes) untersuchen der israelische Journalist Adi Schwartz und die ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf in ihrem Buch Der Kampf um Rückkehr.

Schwartz und Wilf schreiben eine kurze, aber mit vielen informativen Details aufwartende Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts anhand der Leitthematik des palästinensischen Flüchtlingsproblems des Jahres 1948 und seiner politischen Ausschlachtung und revanchistischen Umdeutung in arabisch-palästinensischen Kreisen. Die Flüchtlingsthematik ist für Schwartz/Wilf insofern Kernproblem eines ausbleibenden Friedens, weil sie so, wie sie von der palästinensischen Propaganda und ihren westlichen Sympathisanten präsentiert werde, belege, dass es im Konflikt keineswegs um Fragen der Besatzung des Westjordanlands, jüdischer Siedlungen oder staatsbürgerlicher Rechte der israelischen Araber gehe. Die palästinensische Seite versuche vielmehr immer noch, die kollektiv-narzisstische Kränkung ihrer Niederlage im antijüdischen Angriffskrieg 1948 rückgängig zu machen. Der ethnozentrische und islamische Suprematie-Anspruch, seine Verletzung durch die Niederlagen 1948 sowie 1967, ein darauf aufbauender kollektiver Opferkult und die Idee einer gewaltsamen nationalen Wiedergeburt prägen den beiden Autoren zufolge seit langem das Bewusstsein der palästinensischen Öffentlichkeit, das auch in den UNRWA-Camps und deren von der UNO finanziertem Bildungssystem geschmiedet worden sei (134ff., 153-160). Die Schulen der UNRWA hätten „eine zentrale Rolle in den frühen Stadien der Entwicklung einer nationalen palästinensischen Identität“ gespielt (150), wobei die dort betriebene Indoktrinierung mit revanchistischem, antijüdischem Hass bereits im Jahr 1969 von einer UNO-Kommission festgestellt und seitdem immer wieder folgenlos thematisiert worden sei. (157ff.)

Schwartz/Wilf zeigen, wie die arabische Seite von Anfang an nicht den gescheiterten Angriffskrieg, sondern den UN-Teilungsplan für die Situation der Palästinenser verantwortlich machte (104) und zwecks Vernichtung des jüdischen Staates die ausschließlich für Palästinenser zuständige Flüchtlingsorganisation UNRWA im Laufe der Jahre eine singuläre Flüchtlingsdefinition entwickelte (225-234), die zum stetigen Ansteigen der Flüchtlingszahlen von ca. 700000 auf 5,5 Millionen geführt hat. Dabei wird die zum Teil drastische Diskriminierung der Flüchtlinge und ihrer Nachkommen in umliegenden arabischen Staaten (141f., 249-254) und deren Einfluss auf die Erfindung der palästinensischen Nation untersucht. Es wird allerdings auch auf die Entstehung eines „einzigartige[n] Flüchtling[s]“ hingewiesen, „der in erster Linie auf dem Papier existierte“ (146), gleichberechtigter Staatsbürger eines Aufnahmelandes werden konnte oder als im Vergleich zu den arabischen Nachbarn überdurchschnittlich gut ausgebildeter Wanderarbeiter in den Golfstaaten einen wirtschaftlichen Aufstieg erlebte.

Kampf um Rückkehr belegt detailliert, dass die in antizionistischen Kreisen – von Judith Butler über Peter Beinart bis hin zu Amnesty International – kolportierte Behauptung, es gebe ein palästinensisches ‚Recht auf Rückkehr‘, eine Legende ist (76-80, 220), deren Propagierung das zentrale Friedenshindernis im palästinensisch-israelischen Konflikt darstellt. Schwartz und Wilf demonstrieren anhand der Auswertung etlicher Dokumente und Aussagen palästinensischer Offizieller der letzten Jahrzehnte in eindrucksvoller Weise, dass die PLO seit dem Jahr 2000 mehrfach die Chance der Gründung eines palästinensischen Staates dem Dogma eines unbegrenzten Rückkehrrechts der ‚Flüchtlinge‘ geopfert hat. Sie argumentieren, dass es sich bei der Vorstellung, Israel habe nicht genug getan, um Frieden im Nahen Osten zu ermöglichen, der Abzug aus dem ‚Westjordanland‘ würde den Konflikt beenden und man müsse lediglich empathischer auf die Palästinenser und ihren Nakba-Kult eingehen, um ein gefährliches Märchen handle. Dieses Märchen glaube in Israel zwar kaum noch jemand, es werde im Westen aber immer noch erzählt und gern gehört. Auch in Deutschland bedient man sich zu diesem Zweck am liebsten (selbst unter dortigen Linken) randständiger israelischer Stimmen: Eine dieser Stimmen, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, behauptet zum Beispiel in einem Artikel für den Tagesspiegel, „[i]n der Forderung nach Rückkehr“ stecke „auch die Aussicht auf symbolische Anerkennung und Kompensation, nicht unbedingt die Einwanderung nach Israel.“

Dagegen zeigen Schwartz/Wilf, dass es vor allem das Pochen auf ein keineswegs symbolisches, sondern „persönliches“, nicht verhandelbares und „unveräußerliches“ Rückkehrrecht (199f.) eines jeden ‚Flüchtlings‘ war, das von palästinensischer Seite zum Abbruch des Friedensprozesses geführt hat. (191-211) Selbst wenn Israel und die PLO sich also auf eine symbolische Anzahl von Rückkehrern geeinigt hätten, so die Autoren, wäre die Frage der Rückkehr damit für die PLO nicht abgeschlossen gewesen – diese sehe sich in der Angelegenheit gar nicht in der Lage, für jeden Palästinenser zu sprechen. (199) Dahinter stecke die Idee einer kaum verhüllten ‚Zwei arabische Staaten-Lösung‘. (206) Denn „die palästinensische Rückkehr ist kein Verhandlungsinstrument im Dienste eines größeren Ziels der Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit.“ Sie sei – als arabisch-islamische Reconquista – das eigentliche „Ziel schlechthin“. (214) Diese Tatsache und ihre ideologischen Grundlagen würden aber von europäischen und amerikanischen Diplomaten, Aktivisten und Akademikern ignoriert. In ihrem „‘Westplaining‘“ komme „eine paternalistische und sogar neokoloniale Haltung“ zum Ausdruck, „die sich weigert, die Palästinenser beim Wort zu nehmen. Westplaining versagt darin, die Palästinenser als aktive Handlungsträger mit einem genauen Bewusstsein für die Ziele ihres Kampfes zu behandeln.“ (215)

Im Gegensatz zur wahnhaften Behauptung, israelische oder zionistische Eliten und Lobbys kontrollierten in Deutschland als „Hohepriester“ die Wahrnehmung des israelisch-arabischen Konflikts, des Holocaust und des Antisemitismus, sind Übersetzungen zionistischer Autoren in Deutschland rar gesät und werden auch dann kaum wahrgenommen. Daher ist die Übersetzung des Buches von Schwartz und Wilf durch den Hentrich & Hentrich-Verlag ein Glücksfall, dem aber angesichts der sich von der Mbembe-Debatte bis zur documenta auch in Deutschland immer aggressiver gebärdenden israelfeindlichen Akteure in Medien und NGOs, im akademischen und künstlerischen Betrieb wohl kein relevanter Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein beschieden sein wird: Die Gemeinschaft der Aufrechten und Guten in ihrem humanistisch verbrämten Kampf für die „Demontage des jüdischen Staates“ (Mahmood Mamdani) wird ihr Weltbild durch Fakten kaum erschüttern lassen.

Adi Schwartz/Einat Wilf, Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2022, 24,90 Euro, Bestellen?