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Antisemitische Übergriffe nehmen zu und werden bagatellisiert

Viele Österreicher nehmen den Antisemitismus nur wahr, wenn es zu extremer Gewalt kommt. Doch dieser beginnt nicht so.

Von Karl Pfeifer

Erich Frey beendet seinen im aktuellen NU veröffentlichten Artikel „Wächst der Antisemitismus wirklich?“ so: „So gesehen ist es für die Spitzen der IKG genauso wie für jede Bundes- und Landesregierung und unzählige Vertreter zivilgesellschaftlicher Einrichtungen von Vorteil, am Schreckgespenst des wachsenden Antisemitismus festzuhalten und sich dem Kampf dagegen zu widmen. Die einzigen, denen es schadet, sind jene Jüdinnen und Juden, die in Österreich und Europa ihre Heimat sehen und sich weder als Verfolgte noch als Opfer fühlen wollen. Jeder Antisemitismus-Bericht, jede Sonntagsrede mit eindringlichen Warnungen enthält die unausgesprochene Botschaft: Glaubt nicht daran, dass alles so bleibt, seid besorgt. Die Geschichte kehrt wieder. Dass diese Kassandra-Rufer unrecht haben, lässt sich niemals beweisen. Aber eines sollte klar sein: Die tatsächliche Zahl und Art der gemeldeten antisemitischen Vorfälle bieten keinen Grund, das Schlimmste zu befürchten.“(1)

Viele Österreicher nehmen den Antisemitismus nur wahr, wenn es zu extremer Gewalt kommt. Doch dieser beginnt nicht so. Man sollte die Realität nicht verkennen. Nicht für jede Bundesregierung war es von Vorteil den Antisemitismus zu bekämpfen. Es gab von SPÖ Politikern wie z.B. von Bruno Kreisky geführte Regierungen, die immer wieder betonten, es gäbe keinen Antisemitismus oder diesen, wie Frey, verharmlosten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit beschuldigten sie sogar die Kommunisten und Zionisten, dies zu verbreiten, um Österreich zu schaden.

Verklausuliert will uns Frey nahebringen, dass die jetzige ÖVP-GRÜNE Bundesregierung aus Jux und Tollerei den Kampf gegen den Antisemitismus im Regierungsprogramm festgeschrieben hat, (oder gar, um Wähler zu maximieren?) Frey scheut sich nicht, auf das Offensichtliche hinzuweisen, dass wir das Schlimmste, einen zweiten Holocaust oder was unmittelbar davor war, nicht zu befürchten haben. Als ob es nicht schon schlimm genug ist, dass Bundespräsident Heinz Fischer 2014 im Standard, üble antisemitische Stereotypen wie „Der alttestamentarische Grundsatz Auge um Auge ist überholt und gefällt mir nicht“, von sich geben konnte, ohne von der angeblich antisemitismusfreien Zivilgesellschaft (und von Erich Frey) deswegen kritisiert zu werden.(2)

Österreich muss ein Interesse haben, dass es nicht so wie vor 41 Jahren, zum Angriff auf Synagogen und andere jüdische Institutionen kommt. Als Ende August 1981 in der AZ die Erklärung von Bundeskanzler Kreisky zu lesen war, dass die „unnachgiebige Politik Israels schuld an Exzessen“ sei, gab die Zivilgesellschaft keinen Mucks von sich. Das gleiche geschah als in Wien vor ein paar Jahren eine Aktion der IDF gegen aus Gaza kommende Raketen, von einer wild gewordenen Meute zum Anlass genommen wurde, um mit von Judenhass strotzenden deutsch und arabischsprachige Parolen durch Wien zu ziehen, auch damals konnte man keinen lauten Protest dieser Zivilgesellschaft vernehmen.

Frey bedient sich billiger Demagogie, um den real existierenden Antisemitismus zu verharmlosen: „In einem Land von neun Millionen, das angeblich vor antijüdischen Vorurteilen strotzt, sind knapp tausend gemeldete Vorfälle noch keine wirklich erschreckende Zahl“. Wenn man aber diese Zahl in Verbindung mit den hier lebenden paar Tausend Juden sieht, insbesondere mit den Juden, die als solche erkennbar sind, dann ist die Zahl sehr hoch und nicht alle Vorfälle werden gemeldet. Man vergleiche diese Zahl mit dem Rassismusreport, den die Beratungsstelle »ZARA – Zivilcourage und Antirassismusarbeit« jedes Jahr herausgibt. 2021 wurden 1.977 Fälle von Rassismus bei der Beratungsstelle gemeldet. Aufreizend ist auch die Frage „Ist Österreich heute tatsächlich antisemitischer als in den 1960er Jahren, als die NS-Propaganda noch das Denken vieler Menschen prägte“. Damit unterstellt Frey etwas, was kein ernst zu nehmender Mensch behauptet. Eine beliebte Methode von Wahrheitsverdrehern.

Der Prozentsatz der Menschen mit antisemitischen Vorurteilen in Österreich gehört laut regulären Meinungsumfragen zu den höchsten in Europa. Schon deswegen ist der Kampf gegen den Antisemitismus wichtig für die Gesellschaft und sollte nicht lächerlich gemacht werden.

© Karl Pfeifer

(1) https://nunu.at/artikel/waechst-der-antisemitismus-wirklich/
(2) https://www.mena-watch.com/wochenbericht-1-9-bis-7-9-2014/#WB-8Sep14-3