Der 5. September 1972

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident meines Landes und Isaac Herzog, Staatspräsident des israelischen Staates begegnen sich in Berlin, erinnern an die furchtbare Tat, die am 5. September 1972 in München geschah, erinnern an das Attentat, das damals die Welt bewegt.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Günter Benisch, der Architekt aus Stuttgart, entwirft und baut für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München ein großartiges, modernes Olympiastadion. Eine moderne Sportstätte für Sportler aus der gesamten Welt soll sie werden. Olympische Spiele sind das Höchste, Größte und Wichtigste im Leben eines Sportlers. Stolz wird die Fahne eines jeden teilnehmenden Landes in das Stadion getragen. Israel hat vierzehn Sportler zu dieser Olympiade auf den Weg geschickt. Am 26. August 1972 beginnen die sportlichen Spiele in diesem neuerbauten, modernen Stadion.

Der 5. September 1972 ist wohl der schrecklichste Tag in der Geschichte der Olympischen Spiele überhaupt. Palästinensische Terroristen nehmen im Olympischen Dorf, unweit des Stadions, israelische Sportler als Geiseln, erpressen Israel und die Bundesrepublik Deutschland, stellen Forderungen, die der israelische Staat ablehnt. In diesen Tagen lesen und hören wir täglich Meinungen und Berichte über diesen besagten Tag in München. Auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr in Fürstenfeldbruck eskaliert die Geiselname spät abends, elf israelische Sportler, einige palästinensische Terroristen und ein Münchner Polizeiobermeister werden getötet. Hätte diese Tragödie verhindert werden können? Fragen über Fragen, selbst nach 50 Jahren.

Die beiden oben erwähnten Politiker haben sich nach fünf Jahrzehnten für eine finanzielle Einigung entschieden. Warum so spät?

Für mich beginnt ein wunderschöner Ferientag am 5. September 1972. Er beginnt im Burgenland am Neusiedler See in Rust. Kurzentschlossen reisen wir von Süddeutschland in die damals noch naturbelassene Gegend kurz vor der ungarischen Grenze. Einige Tage Ferien mit den beiden ältesten Kindern möchten wir in der Landschaft der klappernden Störche, und der unzähligen quakenden Frösche, die von Pfütze zu Pfütze springen, verbringen. Am 12. September 1972 soll unser ältestes Kind im Südwesten Deutschlands eingeschult werden. Doch heute, am 5. September 1972, werde ich meinem kleinen Mädchen Wien zeigen. Ehemann und unser kleiner Junge bleiben am See, werden Baden und mit dem Boot fahren. Wien gefällt dem sechsjährigen Kind, die Fiaker traben an ihm vorbei, die Sachertorte wächst im Schaufenster und Mozart läuft uns über den Weg, ist vergnügt, doch vergisst er zu grüßen.

Kurz vor dem Zurückfahren an den Neusiedler See entdecken wir an einer Straßenecke einen kleinen Milchladen. Käse und Milch für den Abend wollen wir mitnehmen. Die Steinstufen zum Milchladen gehen herunter. Erstarrte Menschen stehen vor und in dem Laden, hören aus einem keinen Radio, das auf der Ladentheke steht, das Unfassbare aus München, hören gerade vom Töten der Israelischen Sportler*. Hören eine  Geschichte, die kaum zu begreifen ist, hören diese  schreckliche Geschichte, die während einer der schönsten sportlichen Ereignisse, den Olympischen Spielen 1972 in München, gerade passiert. Völlig verstört fahre ich in unsere Ruster Herberge ins Burgenland zurück, wo noch niemand von dem unfassbaren Ereignis weiß.

*) es wurde über die ersten Tötungen in München gesprochen, das nächtliche Geschehen in Fürstenfeldbruck gebe ich hinzu. Es bewegt mich bis heute

Foto: Die Gedenktafel an der Connollystraße 31 im Olympischen Dorf in München im Juni 2012, (c) High Contrast / CC BY 3.0 de

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