Vom Wandervogel zur Hitlerjugend – ein falsch gestelltes Thema?

Vorabdruck aus dem Buch von Christian Niemeyer: Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend, Teil 2

Von Christian Niemeyer

Auffassungen wie die genannten, weit verbreitet in der NS-Zeit, verweisen auf Diskontinuität und Unvereinbarkeit zwischen Jugendbewegung und Hitlerjugend. Eduard Spranger schien mithin in der unmittelbaren Nachkriegszeit gute Gründe zu haben für seine Bestimmung, wonach das um 1900 anhebende Streben der Jugend nach Autonomie ins Zentrum des ‚Eigentlichen‘ der Jugendbewegung gehöre und alles davon Abweichende als ‚uneigentlich‘ auszugrenzen sei, womit auch die „Jahre nach 1933“ nicht für eine „sinngemäße, geradlinige Weiterführung der Jugendbewegung“ Zeugnis gäben, sondern für einen „Bruch“. Im Übrigen stellte es Spranger der – in der Meißnerformel kulminierenden – Programmlosigkeit der Jugendbewegung in Rechnung, „daß man dadurch schwach wurde gegenüber dem entschiedenen Willen, der 1933 die ganze Jugendbewegung mit ihrer Unentschiedenheit hinwegfegte.“ Dem assistierte Werner Kindt mit seinem Beitrag zum 50. Jubiläum des Wandervogel (1951), in welchem er – so die Kritik von Stefan Krolle – „die ‚gewaltsame Auflösung‘ oder ‚freiwillige Auflösung‘ und die ‚erbitterte‘ Bekämpfung von Bünden […] skizziert, die Karriere einiger aus der Bündischen Jugend in dem nationalsozialistischen Staat aber verschweigt.“

Mit dem letztgenannten Hinweis ist schon die Problematik deutlich gemacht worden, die uns auch im Vorhergehenden immer wieder beschäftigt hat: Es gab nicht nur Diskontinuität, es gab auch Gemeinsamkeiten in Zielsetzung und Programm. Neue Dynamik gewann dieses Thema im Zuge der von Kindt vorangetriebenen Kampagne gegen Pross (und Laqueur), in welcher, wie gesehen, auch Theodor Wilhelm – seinerseits schwer belastet durch die NS-Zeit – eine gewisse Rolle zugedacht war, insofern er den Einleitungsbeitrag für Bd. I der Kindt-Edition zu übernehmen hatte und hierbei auch ein Kapitel unter die Überschrift Jugendbewegung und Nationalsozialismus rückte. Wilhelm erledigte diesen Auftrag mehr schlecht als recht: Einerseits schien ihm ausgemacht – und dies ging zwischen den Zeilen gegen Pross –, dass zumindest eine objektive Geschichtsschreibung  nicht befugt sei, „die deutsche Jugendbewegung […] mit der politisch manipulierten Staats- und Parteijugend Hitlers in einen Topf zu werfen.“ Andererseits war Wilhelms erläuternder Zusatz, dass „sich der bündische Ruf zur Tat immer noch deutlich genug“ unterschied „vom nationalsozialistischen Kult der Tat“, eigentümlich blass. Kein Wunder in Anbetracht des von Wilhelm gesichteten ‚Materials’, das selbst ihn, einen arrivierten Nazi, mitunter die Contenance verlieren ließ:

Es wäre töricht […] zu verschweigen, daß manche Äußerungen insbesondere auf dem völkischen Flügel der Bünde beim Leser heute eine ähnliche Betretenheit hervorrufen, wie die Lektüre der nationalsozialistischen Glaubenschriften. Wir lesen von der Volksgemeinschaft, von Rasse und Blut,  von der Überwucherung durch das Fremde, vom deutschen Wesen. Wir hören, daß Gott ‚seine Deutschen nicht verlassen’ werde und dass der zukünftige Politiker ‚Held und Gelehrter’ zugleich sein müsse. Wir vernehmen die Lehre von der ‚Überwindung der Parteien’ und werden zu der Frage aufgefordert: ‚Was würde ich tun, wenn ich Diktator wäre?‘

„Indessen“ – so Wilhelms unmittelbare Fortsetzung – „diese Sätze werden nur dort peinlich, wo sie angeschlagen sind, um ein politisches Aktionsprogramm einzuleiten“, davon aber seien diese „als gedankliche Fortsetzungen und Übersteigerungen des bündischen Gemeinschaftslebens“ zu begreifenden „politischen Phantasmagorien“ weit entfernt.

Dies klingt harmlos, war aber wirkungsvoll: Wilhelm hatte damit ein Leitmotiv angedeutet, das Jahre später (1968) auch Wilhelm Flitner bei seiner Einleitung zu Bd. II der Kindt-Edition wieder aufnahm, ebenso wie im nämlichen Jahr Werner Kindt, der im Blick auf Ferdinand Avenarius Kunstwart, Hermann Poperts und Hans Paasches Vortrupp, Wilhelm Schwaners Volkserzieher, Ernst Hunkels Blätter vom Neuen Leben, die Veröffentlichungen von Theodor Fritsch‘ Hammerbund und die des Alldeutschen Verbandes unter Einschluss des Anfang sowie Gustav Wynekens Die freie Schulgemeinde vortrug:

Wen sollte es wundern, wenn die jungen Menschen in ihrer Unerfahrenheit und mangels jeder Leitung und Belehrung hier und da auch aus trüben Quellen schöpften und gar nicht merkten, wie die aus dem Willen zur Erweiterung ihres Blickfeldes unterschiedslos aufgenommene Lektüre sie auch innerlich beeinflußte und bisweilen zu Meinungen verführte, die dem eigentlichen Wollen fremd waren.

Ist es aber wirklich so einfach? Ist die hiermit angedeutete Inkaufnahme eines begrenzten Pathologieverdachts als Preis für Exkulpation in Fragen des Politischen nicht zu hoch? Und: Wer lässt sich schon gerne – außer vielleicht Nietzsche – nachsagen, er denke nicht selbst, sondern es denke in ihm? Und schließlich: Ist hiermit nicht eine willfährige Schleuse geöffnet in Richtung bedenkenloser Exkulpation?

Zu denken gibt hier der 1965 angestellte Versuch von Jakob Müller, im Rahmen seiner Dissertation auch Dankwart Gerlach (1890-1979) zu befragen. Gerlach nämlich, der in maßgeblicher Hinsicht die Wandervogelführerzeitung gestaltet und sich dabei keinerlei Hemmungen auferlegt hatte, was antisemitische und völkische Parolen angeht, zeigte sich in diesem Gespräch „fassungslos“ gegenüber dem, „was unter den Machthabern des Dritten Reiches völkische und rassische Politik geworden war.“ Dieses von Müller offenbar aufgrund unzureichender Kenntnis der Vorgeschichte Gerlachs nicht weiter hinterfragte Statement steht im merkwürdigen Kontrast zu dem zynischen Bemühen Gerlachs im nämlichen Gespräch, viele seiner damaligen Positionen, auch den Antisemitismus, ‚philosophisch‘ rechtfertigen zu wollen. Dies klingt nach klugem Ausnutzen jener Exkulpationsperspektive, der Wilhelm Flitner 1968 Vorschub leistete und Ulrich Herrmann 1991 nachsann, als er, sicherlich etwas zu fahrlässig, meinte, dass viele Jugendbewegungsvertreter damals „mehr oder weniger fahrlässig so redeten” und „kaum ahnen [konnten], was daraus in Wirklichkeit werden sollte, als sich die nationalsozialistische Bewegung dieses Vokabular […] aneignete.“

Fast will es scheinen, als könne Herrmanns Satz auch als Paraphrase des auf die NS-Zeit bezogenen Extrakts der Gespräche jener ominösen Tafelrunde gelten, zu der sich Ende der 1950er Jahre auf Einladung Werner Helwigs (1905-1985) Ernst Berghäuser, Walter Hammer (s.u.) sowie sechs weitere Wandervögel trafen. Dass und warum die letzteren auf Anonymität beharrten und nur als H.E., L.W., I.G., W.E., R.N. und E.R. in Erscheinung traten, mag hier auf sich beruhen. Wichtiger scheint das Protokoll dieser halb-fiktiven Gespräche, das sich in dem Buch Die blaue Blume des Wandervogels (1960) des 1933 nach Griechenland emigrierten Ex-Wandervogels und Schriftstellers Helwig findet. Hier nämlich heißt es an entscheidender Stelle:

Wenn heute Schnüffler in jugendbewegten Schriften oder Büchern nach nazibedingten Indizien stöbern und dabei auf gewisse Kennworte stoßen, die später das Dritte Reich mit soviel glücklicher Verzweiflung aufgriff, aufmöbelte und in den Propagandaverkehr brachte, dann darf das für uns kein Anlaß sein, beklommen zu kapitulieren […] und uns schuldbewußt der sündigen Lektüre von Langbehns ‚Rembrandt als Erzieher‘, Poperts ‚Harringa‘, Burtes ‚Wiltfeber‘ zu erinnern. Die Braven hätten für sich selbst Scheiterhaufen beantragt, wenn sie vorausgesehen hätten, zu welchen Mißverständnissen sie Anlaß gaben.

Wer so argumentiert, ist an Verklärung interessiert, nicht an Aufklärung.

Ähnliches gilt für jene lebenslauforientierten Gespräche, die drei ehemalige sächsische Wandervogelführer in den späten 1970er Jahren führten und wenig später unter dem Titel Vom Geheimnis Bündischer Führung der Nachwelt überlieferten. Denn diese drei älteren Herren – unter ihnen Rudolf Kneip (Jg. 1899-1986) – kamen in der hier in Rede stehenden Hauptsache darin überein, daß sich „die entscheidenden Eigenschaften dieses [nationalsozialistischen; d. Verf.] Systems und der das System beherrschenden Männer in voller Deutlichkeit erst nach Jahren [zeigten].“ Dass andere – Juden etwa oder Kommunisten und Sozialdemokraten – diese ‚entscheidenden Eigenschaften‘ keineswegs erst nach Jahren, sondern sofort zu spüren bekamen, ist dem Bewusstsein dieser Zeitzeugen offenbar entfallen. Was entsprechend bleibt, ist eine Art Stammtisch der Ewiggestrigen, den Rudolf Kneip einige Jahre später komplettierte, als er ein Buch vorlegte, das zwar von seinem Titel her einen Wandervogel ohne Legende verspricht, aber schon in seiner Darlegung des Ausschlusses eines jüdischen Mädchens durch den Zittauer Wandervogel nichts anderes als Legendenbildung betreibt, sprich: „den Fall völlig verharmlost und als Sensationsmache der ‚jüdischen Presse‘ darstellt“ – ein Vorgang, der an Ulrich Herrmanns Darlegungen zu diesem Problemkomplex aus dem Jahre 2006 erinnert.

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer Professor (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden. Letze wichtige Veröffentlichung: Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Heidelberg 2022.

Text: Der Abdruck des 7. Kapitels in insgesamt vier Folgen aus meinem Buch Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend. 2., durchgesehene Auflage München 2022, © 2022 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch den UVK Verlag (ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG). Der Text ist unverändert bis auf die Fußnoten mit Literaturhinweisen, die in der Printversion nachgeschlagen werden können.

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