Die intellektuellen „Neuen Rechten“ und ihre unbehelligte Verwurzelung in der Wissenschaft

Das Buch „Die Evolution der Kohäsion“ des Politikwissenschaftlers und Werner-Patzelt-Schülers Christoph Meißelbach ist im Rahmen der von Gerald Hartung herausgegebenen Reihe von Studien zur Interdisziplinären Anthropologie erschienen. Darin versucht Meißelbach, die Gräben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu überwinden, und zwar als naturwissenschaftliche, evolutionär-anthropologische Fundierung der soziologischen Sozialkapitaltheorie.

Von Bernd Ehlert

Praktisches Ziel ist es dem Buch nach, allgemein soziale Kooperationen, die Homogenität oder eben gemäß dem Titel die „Kohäsion“ in einer Gesellschaft zu stärken und konkret „zerfallende Staatlichkeit, fehlschlagende Demokratisierung, die Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen sowie soziale Konflikte und Protestbewegungen, die von der Legitimitätskrise moderner Demokratien künden“ (Meißelbach 2019, S. 534) zu lösen. Das mag sich vordergründig gut anhören, weswegen die dem Buch zugrundeliegende Dissertation wohl von der Universität Dresden mit dem Georg-Helm-Preis ausgezeichnet wurde. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich, was hier unter „fehlschlagende[r] Demokratisierung“ verstanden wird und welchen „Protestbewegungen“ statt den „moderne[n] Demokratien“ eine wissenschaftliche Legitimität verschafft werden soll.

Evolutionsbiologisch begründete Emotionalität als „Legitimitätskrise moderner Demokratien“

Das zentrale, evolutionstheoretische Argument von Meißelbach zur Erreichung des Ziels der Kohäsion ist, dass sich „ein Gemeinwesen nicht auf rationale Vernunft allein gründen lässt“ (Meißelbach 2019, S. 446). Eine wichtige Grundbedingung dafür, nachhaltig stabile soziale Ordnung hervorzubringen, sei „die evolvierte Natur des Kultur- und Normenwesens Homo sapiens“ (Meißelbach 2019, S. 470), die die Geistes- und Sozialwissenschaften bisher interdisziplinär nicht berücksichtigen. Menschen beurteilen die Angemessenheit von Regeln und Verfahren in einer Gesellschaft „niemals nur bewusst-rational, sondern stets auch auf der Grundlage von evolutionär teils recht alten Emotionen und Intuitionen“ (Meißelbach 2019, S. 504 f). „So lässt sich das evolvierte Gerechtigkeitsempfinden bis zu seinen Wurzeln bei gemeinsamen Vorfahren mit anderen Säugetieren wie Primaten, Hunden und sogar Ratten zurückverfolgen.“ (Meißelbach 2019, S. 504) Es geht daher also nicht nur wie bisher um die (demokratische) „vernunftmäßige Einsicht in den Sinn von Verfahren und Ordnung“ (Meißelbach 2019, S. 449), sondern es braucht gemäß Meißelbach darüber hinaus „eine emotional empfundene Identifikation, die Raum für plurale Gruppenidentitäten lässt, jene aber gleichwohl integrierend überwölbt.“ (Meißelbach 2019, S. 449).

„Es braucht, anders gewendet, ein Mindestmaß an Homogenität in der Heterogenität“ (Meißelbach 2019, S. 449) in einer Gesellschaft. Das begründet Meißelbach mit einem demokratiefeindlichen Denker der Weimarer Republik: „Drastisch auf den Punkt gebracht hat diesen Zielkonflikt Carl Schmitt mit seinem Diktum, dass zur Demokratie [.] notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“ (Meißelbach 2019, Fußnote 634, S. 449) gehört. Das birgt, wie es weiter in Meißelbachs Fußnote treffend heißt, „die Gefahr des Totalitarismus schon in sich. Deshalb soll in freiheitlichen Gesellschaften dieser Konsens ‚minimal’ sein. Er bleibt gleichwohl eine notwendige Bedingung des Funktionierens von demokratischem Pluralismus“ (Meißelbach 2019, Fußnote 634, S. 449).

In der Zusammenschau dieses Diktums des Staatsrechtlers und lebenslangen NSDAP-Bekenners Schmitt mit dem evolutionären Bezug stellt Meißelbach fest: „So bitter sich diese Einsicht für manchen Demokratietheoretiker ausnehmen mag: Einen nur von rationaler Vernunft getragenen Gesellschaftsvertrag kann es nicht geben, denn Menschen sind keine reinen Vernunftwesen. Kollektivierung – und geschehe sie, wie in freien Gesellschaften, nur zu dem Ziel der Herstellung und Absicherung von individuellen Freiheitsgraden – muss auch getragen sein von emotionaler Rückbindung, von dem Gefühl, etwas gemeinsam zu haben und zu sein“ (Meißelbach 2019, S. 445). Daher gilt für Meißelbach: „Vielfalt und ideologische Diversität werden innerhalb eines auf Dauer funktionierenden Gemeinwesens ihre Grenzen finden müssen“ (Meißelbach 2019, S. 450) und es geht so „nicht in erster Linie um ‚making democracy work‘, sondern um ‚making society work‘“ (Meißelbach 2019, S. 519).

Zu diesen eine Gesellschaft stabilisierenden emotionalen Werten müssen die Menschen nicht (nur) „topdown“ von oben „durch soziale Institutionen erzogen oder gezwungen werden. Sie ‚wissen’ um die moralischen Implikationen ihres Verhaltens“ (Meißelbach 2019, S. 467 und vgl. Fußnote 597, S. 433) als „tief verwurzelte Selbstschutzmechanismen, die den Organismus vor den Folgekosten unangemessenem (Sozial-)Verhaltens bewahren sollen“ (Meißelbach 2019, S. 464). Denn das ist angeboren und gehört Hirnarealen an, „die evolutionär älter sind als jene Bereiche, welche für die höheren Hirnfunktionen zuständig sind“ (Meißelbach 2019, S. 464). Daher werden diese Werte nötigenfalls „bottom-up“ auf kulturelle Regeln durchschlagen, (Meißelbach 2019, vgl. S. 467) also von unten her durch „Protestbewegungen“. Leider unterlässt es Meißelbach, die „Protestbewegungen“, die er meint, konkret zu benennen. Aber im Zusammenhang mit seinen evolutionär idealisierten Emotionen, die Meißelbach in Verbindung zu Schmitts „Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“ bringt, wird klar, wie und durch wen „bottom-up“ das Buchtitel-Ziel der wachsenden Kohäsion der Gesellschaft erreicht werden soll: durch „Protestbewegungen“ wie besonders die von PEGIDA (als deren Sympathisant Meißelbachs Lehrer Patzelt gilt, siehe Wikipedia über Patzelt) und AFD.

Homogene und kohärente Gruppen, die durch evolutionär entstandene, tief in unserer Hirnstruktur verwurzelte emotionale Werte zusammengehalten werden, können gemäß Meißelbach viel erfolgreicher agieren und sich durchsetzen, (Meißelbach 2019, vgl. S. 455) und „Ressourcen besser als andere verteidigen oder erobern“ (Meißelbach 2019, S. 442) als Gesellschaften, die nur durch das Einhalten bloßer „Regeln und Verfahren“ (Meißelbach 2019, S. 504) wie in einer herkömmlichen Demokratie funktionieren. Daher ist „eine politische Ordnung und die mit ihr einhergehende Vorstellung von Gesellschaft [.] gerade so praktikabel wie die in ihrem Kern liegende Anthropologie – so wie jede normative Handlungsanweisung eben gerade so gut ist wie die dahinterstehende empirische Theorie.“ (Meißelbach 2019, S. 447) Wenn eine Gesellschaft von daher gemäß Meißelbach erfolgreich agieren will, „ist der Preis dafür eine Abschottung gegenüber fremdartigen kulturellen Markern und den sie tragenden Menschen“ (Meißelbach 2019, S. 461). „Für Gesellschaften, in denen Weltoffenheit und Toleranz – also: Heterophilie – wichtige Leitwerte sind, bedeutet es [dagegen] ein inhärentes, weil tief in der menschlichen Sozialität wurzelndes und deshalb nicht ohne weiteres zu lösendes Problem“ (Meißelbach 2019, S. 461). Die Abschottung gegenüber kulturell Fremdartigem ermöglicht für Meißelbach erst die im Titel angestrebte (emotionale) Kohäsion der Gesellschaft und ihre kollektive Handlungsfähigkeit, muss dazu aber (als Apartheid?) „notwendigerweise mit moralischen Doppelstandards im Hinblick auf Eigen- und Fremdgruppen einhergehen. Die Quellen des Gemeinsinns sind psychologisch also eng mit den Quellen der Freund-Feind-Unterscheidung [von Schmitt] verknüpft.“ (Meißelbach 2019, S. 524)

Ist Meißelbach mit seinen Thesen den intellektuellen „Neuen Rechten“ zuzuordnen?

Wie sind diese Thesen von Meißelbach in der Verbindung von Natur- und Sozialwissenschaften zu verstehen? Die „Abschottung gegenüber fremdartigen kulturellen Markern und den sie tragenden Menschen“ macht es gerade in Verbindung mit dem Schmitt-Zitat notwendig, dieses Buch von Meißelbach in Hinblick auf die intellektuelle „Neue Rechte“ hin abzuklopfen, wie sie im Verfassungsschutzbericht 2006 (dort S. 355) Erwähnung findet. Armin Pfahl-Traughber, Professor an der Fachhochschule des Bundes, definiert in seinem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de) „Was die ‚Neue Rechte’ ist – und was nicht“ (by-nc-nd/3.0/): „’Neue Rechte’ steht für eine Intellektuellengruppe, die sich hauptsächlich auf das Gedankengut der Konservativen Revolution der Weimarer Republik stützt, eher ein Netzwerk ohne feste Organisationsstrukturen darstellt und mit einer ‚Kulturrevolution von rechts’ einen grundlegenden politischen Wandel vorantreiben will.“

Die „Neuen Rechten“ sind in diesem Sinne also gerade nicht neue Nazis. Genauer geht das aus den „Analysekriterien zur Erfassung der Neuen Rechten“ von Pfahl-Traughber hervor, die u.a. lauten:

– „Man beruft sich auf antirepublikanische Denker der Weimarer Republik wie etwa den Staatsrechtler Carl Schmitt.“

– „Dabei wird ein homogenes Demokratieverständnis gegen ein pluralistisches Demokratieverständnis gestellt.“

– „Das individuelle Menschenrechtsverständnis soll durch ein kollektivistisches Menschenrechtsverständnis ersetzt werden (Menschenrechte nicht für Einzelne, sondern für Völker).

– Bemerkenswert ist bei all dem, dass die genauen Konturen des propagierten Politikverständnisses nicht präziser gezeichnet werden. Auch skizzieren die gemeinten Intellektuellen die von ihnen eingeforderte Alternative nicht näher als politisches System.“

– „Die gemeinten Intellektuellen bekennen sich durchaus zur Demokratie, deuten das Gemeinte aber in ihrem Sinne um. Dabei gehen sie von einer auch ethnischen, aber insbesondere politischen Homogenität des Volkes aus. Es soll eine Einheit von Regierenden und zu Regierenden geben, was letztendlich eine Opposition ebenso wie den Pluralismus ausschließt. […] Eine Diktatur wäre dann so verstanden demokratischer als der Parlamentarismus, sofern sie sich auf eine wie auch immer bestimmbare Massenakzeptanz stützen würde.“

– Der „Ethnopluralismus“ der Neuen Rechten: „Es geht dabei um folgendes: Eine Abwertung anderer Kulturen und Völker wird offiziell abgelehnt, komme doch allen Kulturen und Völkern gleiche Wertigkeit zu. Deren Angehörigen wäre aber die Identitätswahrung am besten in den jeweiligen Heimatländern möglich, was in ihrem angeblich eigenen Interesse eine entsprechende Rückkehr nötig mache. Diese Auffassung läuft somit in der Konsequenz auf eine ‚Ausländer raus’-Politik hinaus oder würde in der Bildung von Apartheid-Strukturen in den jeweiligen Gesellschaften münden.“

– Die Unterschiede zu den Nationalsozialisten bestanden darin, dass die Konservative Revolution sich eher auf den Staat als wie bei den Nationalsozialisten auf die Rasse bezog. „Ähnlich verhält es sich in der Gegenwart, wo die Neue Reche mit den Neonazis allein schon wegen des Niveauunterschieds und Sozialverhaltens wenig zu tun haben will.“

– „Angesichts der Berufung auf die Konservative Revolution, die für ein ‚antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik’ (Kurt Sontheimer) steht, kann die Neue Rechte mit dieser Orientierung als rechtsextremistisch gelten. Dagegen spricht weder, dass sie auf Gewalt verzichtet, noch, dass sie sich vom Nationalsozialismus distanziert. Extremismus meint die Ablehnung der Grundlagen moderner Demokratie und offener Gesellschaft, die eben in den Bezügen auf die genannte ideengeschichtliche Strömung deutlich wird.“

Wohin will die „Neue Rechte“?

Trotz ansonsten ausschweifender Erklärungen und Wiederholungen wird Meißelbach in den entscheidenden Punkten seiner Argumentation wie den „fremdartigen kulturellen Markern“ nicht „präziser“ (nach Pfahl-Traughber). Bezieht sich so die „Feinderkennung“ wie bei Schmitt auch auf (innen)politische Gegner, so dass Homogenisierung und Kohäsion in der Gesellschaft damit ihr Maximum erreichen, darin jedoch nichts anderes als eine »Gleichschaltung« ergeben? Wie genau bei Meißelbach „Vielfalt und ideologische Diversität“ als „eines auf Dauer funktionierenden Gemeinwesens ihre Grenzen finden müssen“, bleibt gänzlich offen. Wenn „die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen“ (des Schmitt-Zitats) im Streben nach emotionaler Homogenität und Kohäsion wegen der Totalitarismusgefahr tatsächlich nur wie bei Meißelbach erwähnt „minimal“ sein soll, müsste es darin klar und präzise bestimmt, von Schmitt abgegrenzt und als neue politikwissenschaftliche Aussage zusammen mit den oben zitierten Stellen seines Buches ausgiebigst diskutiert werden – doch genau das unterlässt der Politikwissenschaftler Meißelbach trotz des ansonsten großen Umfangs seines Buches völlig.

Dass Meißelbach seine neuen, interdisziplinären Thesen nur andeutet, aber nicht präziser bestimmt, nicht diskutiert und schon gar nicht als ein politisches System ausgibt, das hat, genau wie bei den anderen intellektuellen „Neuen Rechten“, natürlich seinen konkreten Grund, der Pfahl-Traughber sogar als Analysekriterium dient. Dieser Grund liegt darin, dass die Ziele der intellektuellen „Neuen Rechten“ wie von Pfahl-Traughber festgestellt, nicht mit den Grundlagen moderner Demokratie und offener Gesellschaft vereinbar sind. Diese Ziele sind damit, trotzdem sich die intellektuellen Neuen Rechten von Gewalt und vom Nationalsozialismus distanzieren, wie es Pfahl-Traughber klar sagt, rechtsextremistisch. Daher werden diese Ziele natürlich besonders bei den im öffentlichen Dienst stehenden Neuen Rechten nur angedeutet, so dass Eingeweihte wissen, was gemeint ist, dass aber gegenüber Kritikern jederzeit dieser gemeinte Bezug abgestritten werden kann (bis sich einmal die politischen Verhältnisse genügend geändert haben).

Mit seinem Buch und den darin nur angedeuteten politischen Zielen gibt Meißelbach den von ihm genannten „Protestbewegungen“ und den Emotionen, von denen diese Protestbewegungen getragen werden, nicht nur eine wissenschaftliche Legitimation, sondern er stellt diese „evolutionär teils recht alten Emotionen und Intuitionen“ über das „Bewusst-Rationale“, von dem die heutigen demokratischen Gesellschaften bestimmt werden. Denn die „emotional empfundene Identifikation“, von der Meißelbach spricht und die er evolutionär als „tief verwurzelte Selbstschutzmechanismen, die den Organismus vor den Folgekosten unangemessenem (Sozial-)Verhaltens bewahren sollen“ und „evoltierte[s] Gerechtigkeitsempfinden“ bestimmt, stellt Meißelbach als „bittere“ Einsicht für so „manchen Demokratietheoretiker“ über den demokratischen, „von rationaler Vernunft getragenen Gesellschaftsvertrag“. Zusammenfassend gesagt argumentiert Meißelbach mit seiner evolutionären Begründung dafür, dass die heutigen, allein von rationaler Vernunft bestimmten Politiker („bottom-up“) auf die Emotionen der Protestbewegungen hören sollen, um unsere Gesellschaft von fremdartigen kulturellen Markern und den sie tragenden Menschen abzuschotten und somit die Gesellschaft vor den Folgekosten unangemessenem (Sozial-)Verhaltens zu bewahren und als Gesellschaft mit einer emotional tief gegründeten Identität wieder fähig dazu wird, „Ressourcen besser als andere verteidigen oder erobern“. Es geht dabei letztlich nicht um eine gleichberechtigte, faire und konstruktive Zusammenarbeit mit anderen Völkern, Staaten und Gesellschaften, sondern um das altbekannte Grundgesetz der Evolutionsbiologie als „survival of the fittest“. Die Emotionen, auf die Meißelbach sein neues Politikverständnis gründet, sind nicht zufällig mit Trumps „Make America Great Again“ verwandt.

Der eigentliche Sumpf und Nährboden rechtsextremen Denkens in der Wissenschaft

Jetzt stellt sich natürlich vor allem die Frage, ob Meißelbach mit seinem evolutionären Bezug, mit dem er die von bestimmten Emotionen getragenen Protestbewegungen PEGIDA und AFD wissenschaftlich legitimiert, richtig liegt, ob dieser Bezug wissenschaftlich zulässig ist. Dazu ist zu berücksichtigen, dass die Dissertation, die diesem Buch von Meißelbach zugrundeliegt, nicht nur von dem Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt betreut wurde, sondern auch von dem Soziobiologen Eckart Voland, dessen Buch „Soziobiologie – Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz“ (2013) geradezu als Standardwerk der aktuellen Evolutionsbiologie gilt. Von daher kann zunächst nur festgestellt und bestätigt werden: Ja, der evolutionäre Bezug von Meißelbach zur wissenschaftlichen Legitimation von Protestbewegungen wie PEGIDA und AFD befindet sich in völliger Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen Paradigma der Soziobiologie.

Aber – die von Edward O. Wilson mit seinem 1975 erschienenen Buch „Sociobiology – The New Synthesis“ etablierte Soziobiologie ist nicht unumstritten. Die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen um dieses neue Paradigma der Evolutionsbiologie sind in dem Buch „Defenders of the truth – The battle for science in the sociobiology debate and beyond“ von Ullica Segerstrale dokumentiert worden, wobei diese Auseinandersetzungen im Vorwort von Segerstrale gar als „Wissenschafts-Kriege“ („Science Wars”) bezeichnet werden. Dieser Ausdruck ist deswegen zutreffend, weil es um das geht, was heute im Zusammenhang mit der Soziobiologie oft gänzlich in Vergessenheit geraten ist, nämlich dass die Soziobiologie mit ihrem Kern der Verwandtenselektion im Verständnis der damaligen Kritiker wesenhaft rassistisch ist.

Das Neue an diesem soziobiologischen Paradigma ist die altruistische Hilfe zwischen genetisch Verwandten, die darin nicht nur die genetische Fitness neben der altbekannten Darwin-Fitness verbessern soll, sondern mit der in der Soziobiologie die Entstehung von größeren Gemeinschaften bis hin zu den Staaten erklärt wird. Im Gegensatz zur christlichen völkerübergreifenden Nächstenliebe ist der Altruismus der Soziobiologie jedoch gesetzmäßig an den genetischen Verwandtschaftsgrad gebunden. Dieser genetische Verwandtschaftsgrad ist natürlich in der eigenen Familie am höchsten, nimmt aber parallel zur räumlichen und zeitlichen Trennung von Menschengruppen immer mehr ab – bzw. schlägt dann gemäß dem Untertitel des Soziobiologie-Buches von Voland von Kooperation in Konkurrenz oder sogar in Aggression und Feindseligkeit um. Altruismus gegenüber einem genetisch Fremden verbessert nicht die eigene genetische Fitness, sondern die eines genetisch Konkurrierenden, d.h. in diesem Fall ist die altruistische Hilfe kontraproduktiv und gefährdet letztlich das eigene Überleben im weiterhin geltenden „survival of the fittest“ (Voland 2013, S. 7).

Die altruistische Hilfe nur genetisch Verwandten zu gewähren, keinesfalls aber genetisch so weit entfernten Menschen, bei denen die genetische Nicht-Verwandtschaft schon an der Hautfarbe zu sehen ist, das ist systematischer und gesetzmäßiger Rassismus, den in den „Wissenschafts-Kriegen“ um die Soziobiologie etwa der Anthropologe Sherwood L. Washburn folgendermaßen kritisierte:

The sociobiological calculus is necessarily racist because geographical distance was a major factor in determining the formation of races [here he quoted Barash, 1977, p. 311]. In general, the further that two populations were apart at the time when races were forming, the greater the genetic difference; hence the less ethical responsibility people should have for members of the other group. The contrary argument is that most genes are shared and that gene frequencies in which races differ are behaviorally unimportant (with some exceptions, such as sickle-cell disease) (Washburn, 1978b/1980, p. 276, italics added). (Segerstrale 2000, S. 149)

Der Anthropologe Vernon Reynolds schlägt in die gleiche Kerbe:

The genetic aspect indicates that as human groups become spatially further apart, as their gene pools become less closely related, so they will be less co-operative and more competitive. Hamilton makes this perfectly clear in his chapter… He postulated an evolutionary model of small hominid/human groups that will inevitably, because of kin selection and reciprocal altruism, tend to select for co-operation between neighbouring groups and correspondingly to select for aggression and hostility to more distant, unrelated individuals and groups. Xenophobia and racial hostility come as no surprise on this hypothesis: indeed, the rigid application of sociobiology genetics shows that logically they must occur (Reynolds, 1980, p. 39, italics added). (Segerstrale 2000, S. 149)

Gemäß Segerstrale beschrieb Washburn die Soziobiologie insgesamt als Fortsetzung einer Geschichte wissenschaftlicher Irrtümer. Wenn diese Theorie auf menschliches Verhalten angewendet wird, erneuert es Washburn nach die Fehler des Sozialdarwinismus, des frühen Evolutionismus, der Eugenik und der Rasseninterpretationen der Geschichte. (Vgl. Segerstrale 2000, S. 150).

Diese Auseinandersetzungen in den „Wissenschafts-Kriegen“ haben lediglich dazu geführt, dass die Soziobiologie heute politisch korrekt jeden Rassismus weit von sich weist. So ist auch in dem genannten Standardwerk von Voland keinerlei Anwendung der soziobiologischen Gesetzmäßigkeiten auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern oder Kulturen zu finden – dafür umso mehr auf die Beziehungen der sozialen Schichten innerhalb einer Gesellschaft. In dem gesamten Buch von Meißelbachs Betreuer Voland wird in keiner Weise hinterfragt davon ausgegangen, dass die höheren sozialen Schichten einer Gesellschaft dadurch definiert sind, dass sie die fitteren Gene besitzen, während die unteren Schichten durch ihre minderwertigeren Gene geprägt und determiniert sind. Um die hohe genetische Fitness (der dabei auch beim modernen Menschen weiterhin eine hohe Reproduktion zugeschrieben wird) zu erhalten, ist es natürlich strikt zu vermeiden, sich mit den Angehörigen der unteren Schichten zu paaren. Daher gilt bei Voland: „Elterliches Vermögen, Kinder sozial vorteilhaft und mit guten eigenen Reproduktionschancen versehen sozial zu platzieren, ist gerade auch unter den modernen Lebensbedingungen von ganz wesentlicher Bedeutung für die genetische Fitness“ (Voland 2013, S. 60). Man muss allerdings nur eins und eins zusammenzählen, um zu erkennen, dass das natürlich erst recht hinsichtlich Menschen anderer Völker gelten muss, die sich sozial, kulturell und damit als genetische Fitness noch weiter unten befinden. Dann wird umso mehr verständlich, warum wir uns gemäß Meißelbach „von fremdartigen kulturellen Markern und den sie tragenden Menschen abzuschotten“ haben, nämlich nicht nur um „die Gesellschaft vor den Folgekosten unangemessenem (Sozial-)Verhaltens zu bewahren“, sondern vor allem auch, um unsere angeblich so wichtige genetische Fitness nicht zu schädigen. Dabei versteht die Soziobiologie die Kultur des Menschen weiterhin wie schon seit Darwin als genetisch erworben und verankert, so dass der kulturell Erfolgreichere das seiner genetischen Fitness zu verdanken hat.

Erwähnt werden muss in diesen ganzen Zusammenhängen ein besonderes Ereignis, nämlich dass zum Entsetzen der Soziobiologen kein Geringerer als Wilson selbst mit seinem Buch „Die soziale Eroberung der Erde“ (deutsch 2013) die von ihm selbst einst begründete Soziobiologie wieder falsifiziert hat, allerdings nicht wegen des Rassismus dieser Theorie, sondern aufgrund konkreter neuer empirisch begründeter Erkenntnisse aus dem Tierreich (vgl. Wilson 2013a, S. 207-222). Mit dieser Falsifizierung der Verwandtenselektion als Kern der Soziobiologie hat Wilson gleichzeitig einen neuen Ansatz der Evolution des Menschen geschaffen, der in revolutionärer Weise die Kultur des Menschen von den Genen entkoppelt. So sagt Wilson etwa in dem genannten Buch: „Der Aufstieg zur Zivilisation, von egalitären Verbänden und Siedlungen über Stammesfürstentum zum Staat, ging durch kulturelle Evolution vor sich, nicht auf Grund genetischer Veränderungen.“ (Wilson 2013, S. 125 f). Darin trifft er die seit Darwin existierende Wurzel des Rassismus, die in dem Irrtum besteht, dass auch Kultur genetisch erworben und verankert sein soll, so dass das geistig-kulturelle Leben und Sein der Menschen schon wie die Hautfarbe von Geburt an determiniert sein soll.

Geht mit dieser Falsifizierung des gegenwärtigen Paradigmas der Evolutionsbiologie und mit dem damit ermöglichten revolutionär neuen Ansatz zur Evolution des Menschen endlich die tiefgründige und nachhaltige Überwindung des Rassismus und des rassistischen Denkens in der Wissenschaft einher? Leider nein. Denn die Kollegen von Wilson lehnten dessen Falsifizierung und damit erst recht seinen revolutionär neuen Ansatz zur Evolution des Menschen von vornherein kategorisch ab, ohne jede Diskussion darum. In einem SPIEGEL-Gespräch wurde Wilson zu seiner Abkehr von der Verwandtenselektion befragt, die ihm „die erbitterte Feindschaft vieler Kollegen eingetragen [hat]“ (Wilson 2013b, S. 137). Beispielhaft für diese „Feindschaft“ (statt sachlicher wissenschaftlicher Konkurrenz) und dafür, wie die Soziobiologen mit der vernichtenden Kritik von Wilson umgehen, steht die emotionale Reaktion des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er wirft im Gegenzug seinem einstigen „lebenslangen Helden“ Wilson nun „schamlose Arroganz“ und „perverse Missverständnisse“ vor (vgl. Wilson 2013b, S. 135) und über das Buch von Wilson, in dem dieser die Verwandtenselektion öffentlichkeitswirksam falsifiziert, sagt Dawkins: „’Die soziale Eroberung der Erde’ sei ein Buch, das man ‚mit Wucht wegschleudern’ sollte“ (Wilson 2013b, S. 135). Die Verfemung des einst gefeierten Wilson war so konsequent und erfolgreich, dass in den Nachrufen auf ihn seine Falsifizierung des gegenwärtigen Paradigmas der Soziobiologie und sein revolutionär neuer Ansatz zur Evolution des Menschen nicht einmal mehr eine Erwähnung fand. Hier offenbart sich die ganze Dimension rassistischen Denkens in der Wissenschaft, bzw. die Evolutionsbiologie hat darin schon lange den Boden des modernen Wissenschaftsverständnisses verlassen.

So muss weiterhin festgestellt werden, dass die heutige Evolutionsbiologie zwar vordergründig und politisch korrekt jeden Rassismus weit und empört von sich weist, dass sie faktisch jedoch trotz aller Dementis dem Rassismus weiterhin eine wissenschaftliche Grundlage gibt, indem sie ganz bewusst und dogmatisch an einer Theorie festhält, in der Geist und Kultur des Menschen wesentlich als genetisch erworben und verankert gelten, also individuell ebensowenig veränderbar wie etwa die Hautfarbe. Die Vorgänge um Wilson belegen dabei, dass es sich bei dem rassistischen Paradigma der Soziobiologie nicht um einen bloßen Irrtum handelt, der bei entsprechender Kritik einsichtig behoben oder zumindest kritisch hinterfragt wird. Die Soziobiologie gleicht hier eher einem befangenen Richter, der alle klaren Beweise für die Schuld eines Angeklagten ignoriert und ihn aufgrund emotionaler Beziehungen freispricht.

Um von hier aus wieder zu Meißelbach zurückzukommen: Jetzt lässt sich der fatale Irrtum und »Demokratiefehler« von Meißelbach erklären. Meißelbach baut auf die „evolutionär teils recht alten Emotionen und Intuitionen“, will damit die Homogenität oder Kohäsion der Gesellschaft stärken und gibt das gemäß dem Titel seines Buches als Ziel und Ideal einer neuen Gesellschaft und der weiteren menschlichen Entwicklung oder eben Evolution aus. Wilson beschreibt im Kapitel „Stammessysteme als grundlegendes menschliches Merkmal“ seines Buches „Die soziale Eroberung der Erde“ ebenfalls genau diese evolutionär alte (Gruppen)Emotionen und Intuitionen – aber in der Dichotomisierung von Natur und Kultur ordnet Wilson sie als Instinkt und darin nicht als Ideal ein, sondern ganz im Gegenteil als potentielle Gefahr für die weitere geistig-kulturelle Evolution des Menschen! Mit der Idealisierung bestimmter emotionaler Werte unseres animalischen Erbes ist Meißelbachs Kultur- und Demokratieverständnis bzw. das der gesamten heutigen Evolutionsbiologie rückwärtsgewandt und eben wesenhaft animalisch, was sich schließlich als Rassismus, Antisemitismus, Trumpismus, usw. bemerkbar macht.

Doch es geht dabei zwischenzeitlich nicht mehr nur um Rassismus, sondern vor allem darum, dass die Evolutionsbiologie die gegenwärtige so rasant und geradezu explosiv verlaufende Evolution des Menschen mit all ihren Nebenwirkungen wie Klimawandel, Artensterben usw. nicht verstehen, ja nicht einmal mehr als weitergehende Evolution erkennen kann, da es keine genetische, sondern eine neuronale bzw. kulturelle Evolution ist. Um die Probleme der aktuellen Evolution des Menschen zu lösen bedarf es zuallererst einer objektiv wahren Theorie über dieses Geschehen, und das kann als Fortgang der Gesamtentwicklung des Lebens und darin der (dichotomen) Natur des Menschen mit dem einerseits genetisch verankerten, animalischen Erbe auch im Verhalten und den andererseits einzigartigen, neuronalen Fähigkeiten nur die wissenschaftliche Disziplin der Evolutionsbiologie liefern. Da sie jedoch kleingeistig-dogmatisch daran festhält, dass die weitere Evolution des Menschen nur eine genetische sein kann, blockiert sie das Verständnis, ja überhaupt das Erkennen der aktuellen rasanten Entwicklung des Menschen als weitergehende, jetzt kulturelle Evolution bzw. sie blockiert darin die geistig-kulturelle Evolution selbst – und damit auch die nachhaltigen Lösungen der großen Probleme in dieser kulturellen Evolution wie Klimawandel, Artensterben, gewalttätige Auseinandersetzungen jetzt mit Massenvernichtungswaffen usw.

Literatur:
Meißelbach, Christoph. 2019. Die Evolution der Kohäsion. Sozialkapital und die Natur des Menschen. Wiesbaden: Springer VS.
Segerstrale, Ullica. 2000. Defenders of the truth – The battle for science in the sociobiology debate and beyond. New York: Oxford University Press.
Voland, Eckart. 2013. Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz (1993). Berlin-Heidelberg: Springer Spektrum.
Wilson, Edward O. 1975. Sociobiology – The New Synthesis. New York: Harvard University Press.
Wilson, Edward O. 2013a. Die soziale Eroberung der Erde, München: C. H. Beck.
Wilson, Edward O. 2013b. Wir sind ein Schlamassel. SPIEGEL-Gespräch mit Edward O. Wilson. Zeitschrift DER SPIEGEL 8:134-137.

Kommentar verfassen