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Der Preis bleibt heiß

Explodierenden Immobilienpreise und Mieten sorgen dafür, dass immer mehr Israelis Probleme haben, den Alltag zu meistern. Aber auch die Lebensmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs werden für manche langsam unerschwinglich.

Von Ralf Balke

Carrefour und SPAR sollen es nun richten. Was die Politik bis dato nicht geschafft hat, könnte ausgerecht zwei Supermarktgiganten aus Frankreich und den Niederlanden gelingen und zwar die Senkung der Mondpreise im israelischen Einzelhandel. Beide planen den Einstieg in den israelischen Markt, wollen überall im Land Filialen errichten. So hatte im März Electra Consumer Products, Betreiber mehrerer Ladenketten bekannt gegeben, dass das Unternehmen eine Absichtserklärung mit Carrefour unterzeichnet habe, um 150 Filialen als Ersatz für die Yeinot-Bitan-Filialen zu eröffnen. Electra hatte die Supermarktkette im vergangenen Jahr übernommen. Unter dem Namen Carrefour sollen sie Ende des Jahres neu eröffnet werden. Der Franchisevertrag hat eine Laufzeit von 20 Jahren, mit einer Option für die Verlängerung um weitere 20 Jahre. Und vor wenigen Tagen gab auch der niederländische Supermarktbetreiber SPAR bekannt, ebenfalls nach dem Franchise-Prinzip Läden in Israel eröffnen zu wollen.

Die Politik reagierte begeistert. So sagte Yair Lapid unmittelbar nach Bekanntgebung dieser Entscheidung der Niederländer auf der Kabinettssitzung, dass man nun mit „enormen Preissenkungen“ bei Artikeln des täglichen Bedarfs rechnen dürfe. „Wir erwarten, dass weitere großen Unternehmen diesem Beispiel folgen werden“, so der Ministerpräsident. „Es kann nicht sein, dass es in einem so reichen Land wie Israel Menschen gibt, die finanziell nicht über die Runden kommen.“ Zugleich betonte er, dass die Regierung den Wettbewerb unterstützen werde, und warnte „alle bisherigen Akteure auf dem Markt“ davor, dass „diejenigen, die die Preise in unverantwortlicher Weise erhöhen, eines Morgens aufwachen werden und sich einer unerwarteten Konkurrenz gegenübersehen könnten“.

So weit, so gut. Was Lapid und die meisten anderen Verantwortlichen damit eingestanden hatten: Ihnen war es nicht gelungen, die seit Jahren völlig aus dem Ruder gelaufenen Preise im Einzelhandel in den Griff zu kriegen, kurzum: Sie scheiterten. Jetzt soll es der Markt regeln. Die Big Player aus dem Ausland, so die Rechnung der Politik, würden dafür sorgen, dass es zu mehr Wettbewerb kommt und deshalb die Preisen sinken. Ob das alles auch so funktioniert, wird die Zukunft zeigen. Die Gründe dafür, warum Mosche-Normalverbraucher für banale Produkte wie Nudeln, Schoko-Riegel oder Hüttenkäse, besonders tief in die Tasche greifen müssen – laut einer aktuellen Studie von money.co.uk gibt es nur fünf andere Länder auf der Welt, wo das Einkaufen im Supermarkt noch teurer ist – sind sattsam bekannt. Einheimische Produzenten von Milchprodukten oder Getränken sind vor Wettbewerb aus dem Ausland durch viele Sonderregeln geschützt und treffen untereinander Absprachen. Und die israelischen Kartellbehörden sind wahre Papiertiger, die in der Vergangenheit kaum etwas dagegen unternehmen konnten.

Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass auch die Importeure quasi wie Monopolisten agieren können. Sie beziehen bestimmte Produkte und verkaufen diese exklusiv an die Supermarktketten weiter. Wer beispielsweise Nutella ins Land bringt, kann jeden Preis dafür verlangen, weil er die alleinigen Rechte für die Einfuhr besitzt. Gleiches gilt für so gut wie alle Produkte aus dem Ausland. Und obwohl Euro und Dollar seit Jahren im Vergleich zum Schekel immer mehr an Wert verlieren, was Importwaren eigentlich verbilligen müsste, kennen die Preise im israelischen Einzelhandel nur eine Richtung, und zwar nach oben.

Die Hoffnung der Politik: Wenn Carrefour, SPAR und vielleicht noch weitere Giganten der Branche in Israel aktiv sind, werden sie wie auf anderen Auslandsmärkten auch, Waren selbst importieren. Auf diese Weise wären die Zwischenhändler außen vor, was sich auf die Preise auswirken könnte. Von rund 20 Prozent ist die Rede, die Produkte aus dem Ausland dann günstiger sein würden. Zudem will sich Israel in Zukunft stärker an europäische oder amerikanische Standards orientieren und eigene, nationale Regelungen über Bord werfen. Im Januar bereits hatte man beschlossen, dass Produktzertifikate der EU oder der USA nun problemlos anerkannt würden. Dies bezog sich auf Elektroartikel, Sportgeräte oder Spielwaren und Brillen. „Fahrräder, die gut genug für Amsterdam sind, sollten auch gut genug für Tel Aviv sein“, erklärte damals Wirtschaftsminister Avigdor Lieberman. Doch bei Lebensmitteln wird das Ganze etwas schwieriger, einer der Gründe dafür sind die Kaschrutregeln. Viele Israelis konsumieren nur Pasta oder Milchprodukte, wenn sie von einem Rabbinat ein Koscher-Zertifikat erhalten haben. Und auch diese kosten Geld und zählen mit zu den Faktoren, warum Lebensmittel in Israel unverhältnismäßig teuer sind. Und im Februar präsentierte der damalige Ministerpräsident Naftali Bennett ein Wirtschaftspaket im Wert von 4,4 Milliarden Schekel, umgerechnet knapp 1,3  Milliarden Euro, mit dem man die Krise der Lebenshaltungskosten in Israel bekämpfen möchte und versprach, „einen neuen Vertrag zwischen den arbeitenden Familien und dem Staat“. Nur spürt man von all dem reichlich wenig.

Denn die neuesten Zahlen aus Israel sprechen eine deutliche Sprache. Sowohl Inflation als auch Immobilienpreise schossen im Monat Juli so schnell wie seit vielen Jahren nicht mehr in die Höhe, was sich durchaus als ein besorgniserregender Trend für die Wirtschaft interpretieren lässt. So stieg der israelische Verbraucherpreisindex (CPI) allein in diesem Monat um 1,1 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum waren es 5,2 Prozent – der höchste Wert seit 14 Jahren, hieß es im jüngsten Bericht der Statistikbehörde. Damit liegt die Inflationsrate weit über dem von der Bank von Israel prognostizierten oberen Bereich von 3 Prozent. Erfasst werden in dem Verbraucherpreisindex die durchschnittlichen Kosten für Artikel des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Kleidung sowie Transport. Ausgenommen sind die Wohnungspreise, die separat erfasst werden. Und da sieht es noch heftiger aus. Denn laut des jüngsten Immobilienbericht der Statistikbehörde legten diese in diesem Jahr um bereits 17,8 Prozent zu – so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Anders als erwartet sorgten die Zinserhöhungen nicht für eine Entspannung. Eher das Gegenteil ist der Fall. Allein im Mai und Juni ging es um jeweils zwei Prozent nach oben, und zwar im Vergleich zum Monat April. Obwohl die Inflationsrate in Israel niedriger ist als in den Vereinigten Staaten, wo im Juli 8,5 Prozent registriert wurden, könnte diese Kombination aus heftigen Preissteigerungen, erhöhten Zinsen sowie die Unsicherheiten im Technologiesektor und stagnierende Löhne eine ernsthafte Gefahr für die konjunkturelle Entwicklung der nächsten Monate werden.

Zudem werden die explodierenden Lebenshaltungskosten in Israel starken Einfluss auf die Wahlen zur nächsten Knesset am 1. November haben. Das jedenfalls besagt eine aktuelle Umfrage des Israel Democracy Institute (IDI). Demnach gaben 44 Prozent der Befragten an, dass die Pläne der einzelnen Parteien, dieses Problem in den Griff zu bekommen, eine wichtige Rolle in der Entscheidung spielen, wem man seine Stimme geben wird. Dieser Punkt scheint ihnen wichtiger zu sein als die Frage, wer eine führende Rolle innerhalb einer Partei spielt (24 Prozent), die Positionen einer Partei zum Verhältnis zwischen Staat und Religion (14 Prozent), geschweige der Klimawandel (zwei Prozent). Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass nur elf Prozent der 750 im Juli befragten Personen angaben, dass das Programm einer Partei zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen für ihre Entscheidung relevant ist. Das darf keinesfalls so gedeutet werden, als ob das Thema Sicherheit nicht mehr relevant für die Israelis sei. Die Tatsache, dass die allermeisten Parteien sehr ähnliche Ansätze in diesen Fragen haben, dürfte eine Erklärung für diese Zahl sein.

Das Israel Democracy Institute fand ferner heraus, dass 85 Prozent der Israelis der Überzeugung sind, die Lebenshaltungskosten in Israel seien im Vergleich zu den meisten anderen westlichen Ländern einfach zu hoch. Sie selbst gaben einen Anstieg ihrer Haushaltsausgaben um 8,5 Prozent an. Und während 55 Prozent der Befragten erklärten, dass sich ihr Einkommen im vergangenen Jahr kaum verändert habe, sagte immerhin ein Viertel, ihr Einkommen wäre gesunken Nur 15 Prozent konnten von einem Anstieg berichteten. Lebensmittel (26 Prozent) und Wohnen (25 Prozent) wurden als die größten finanziellen Belastungen genannt, gefolgt von Energie (15,5 Prozent), Steuern (13 Prozent), Kinderbetreuung (sechs Prozent) sowie medizinischen Leistungen (vier Prozent), Studiengebühren (drei Prozent) und Verkehr (drei Prozent).

Das IDI spricht davon, dass die Lebenshaltungskosten in Israel die siebthöchsten der Welt sind und man selbst vor teuren Ländern wie Singapur, Luxemburg und Hongkong rangiere. Nur die Bermudas, die Schweiz, Norwegen, Island sowie Barbados und Jersey wären teurer. Dabei beruft man sich auf die Angaben der globalen Datenbank Numbeo.com, die 139 Länder und Gebiete erfasst. Bei den Mietpreisen für Wohnungen rangiert Israel jedoch auf Platz 21. Wenn diese in die Berechnung mit einbezogen werden, liegt Israel bei den Lebenshaltungskosten weltweit auf Platz 10. Bei den Preisen für Lebensmittel und andere Grundnahrungsmittel rangiert Israel auf Platz 13 und bei Restaurantpreisen ist man das sechstteuerste Land der Welt. Was erschwerend hinzu kommt, sind die israelischen Gehälter, die im Durchschnitt deutlich unter dem Mittelwert der 38 Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) liegen. Oder anders formuliert: Die Israelis verdienen ungefähr so viel wie die Spanier, müssen aber im Supermarkt Preise wie in der Schweiz bezahlen. Und es herrscht wenig Hoffnung, dass sich daran bald etwas ändern wird.

Bild oben: Im Sommer 2011 protestierten die Israelis noch im großen Stil gegen die steigenden Lebenshaltungskosten, u.a. in Zelten auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv, (c) Itzuvit / CC BY-SA 3.0