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Ein Denkmal aus Papier

Holocaust-Tagebücher jüdischer Kinder und Jugendlicher

„Der Morgen ist ganz ereignislos. Heute wird die Kommission des Roten Kreuzes erwartet. Alles ist in einem Picobello-Zustand. Wir werden angewiesen, dass wir deutsche Lieder singen, Wir lernen ,O Tannenbaum‘ und einige andere. Es ist wirklich eine Komödie“, notiert der damals 12-jährige Pavel Weiner am 16. Juni 1944. Wenige Tage später wird im Ghetto Theresienstadt eine Kommission des Roten Kreuzes erwartet. Die „Verschönerungsaktionen“ laufen auf Hochtouren. Am Tage des Besuches ist jeder Tisch mit einem Blumentopf geschmückt, es gibt reichlich Mittag- und Abendessen, die Kapelle spielt ohne Unterlass. „Im Heim ist alles makellos“, schreibt Pavel sarkastisch. Theresienstadt erscheint als eine normale jüdische Gemeinde mit Selbstverwaltung, guter Verpflegung, Kultur und Sporteinrichtungen. Der Coup der Nationalsozialisten war erfolgreich, die Weltöffentlichkeit getäuscht: Das Bild vom privilegierten „Altersghetto“ hält sich bis heute leider in vielen Köpfen. Doch es war anders. Auch Theresienstadt war in das Projekt der „Endlösung“ eingebunden. Hunger, Kälte und Elend bestimmten den Alltag bis zur endgültigen Vernichtung in den Todesfabriken des Ostens. Über 140.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden nach Theresienstadt verschleppt, nur rund 23.000 von ihnen überlebten, darunter befand sich Pavel Weiner. Mit seinem Tagebuch im Gepäck emigrierte er Ende der 1940er Jahre in die USA; doch erst nach seinem Tod im Jahr 2010 wurden die Aufzeichnungen in einer kommentierten englischsprachigen Ausgabe veröffentlicht.[1]

Die Notizen von Pavel Weiner befinden sich in dem Sammelband „Der papierene Freund“, in dem 30 Erinnerungen von jüdischen Kindern und Jugendlichen aus 13 europäischen Ländern erstmals auf Deutsch publiziert werden. Zusammengetragen, kommentiert und viele Texte auch übersetzt hat Wolf Kaiser, Historiker und langjähriger Leiter der Bildungsabteilung im Haus der Wannsee-Konferenz. Kaiser hatte vor zwei Jahren auch das Tagebuch des vierzehnjährigen Yitskhok Rudashevski aus dem Ghetto Wilna ins Deutsche übertragen, ein unverfälschtes Zeugnis, das eindrücklich den Alltag der Todgeweihten aus Sicht eines Jugendlichen dokumentiert.

Auch in dem nun vorliegenden Sammelband schildern Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen elf und 24 Jahren die alltägliche existenzielle Bedrohung, ihre Hoffnungen, ihr Leid und das unfassbare Grauen im Lager, Ghetto oder im Versteck. Viele der Autoren, 20 weibliche und zehn männliche, verfügten über eine erstaunliche Reife, Abgeklärtheit und Reflexionsfähigkeit. „Aktion! 1.500 Kinder und Alte werden deportiert“, notiert Tamara Lazerson am 27. März 1944 im litauischen Ghetto Kaunas sachlich. „Es gab mehrere heroische Mütter, die ihre Kinder mit ihren eigenen Händen erdrosselt haben! Die darauf bestanden, zuerst getötet zu werden, sodass ihre Kinder erst genommen wurden, als sie tot waren. Ewige Ehre diesen Müttern!“  Tamara überlebte. „Bin ich glücklich?“, fragt sie sich in einer ihren letzten Tagebucheinträge. „Ich fühle mich nicht glücklich … materiell überlebe ich, aber moralisch. Ach wenn es doch keine Moral gäbe!“

Die damals 15-jährige Sheyna Gram aus der lettischen Kleinstadt Preili beschreibt, wie Anfang Juli 1941 deutsche Truppen einmarschieren. Jüdische Geschäfte werden geplündert, die Synagoge geschändet, die Bevölkerung zur Zwangsarbeit verpflichtet und drangsaliert. Am 27. Juli wird einem Teil der Bevölkerung befohlen, ihre Häuser zu verlassen. „Um 12 Uhr werden alle in die Synagoge getrieben. Eine Gruppe junger Juden wird weggeschickt, um hinter dem Friedhof Gruben auszuheben“, schreibt Sheyna. „Um halb vier früh treiben sie alle hinter den Friedhof. Dort werden 250 Juden erschossen, Männer, Frauen und Kinder.“ Zwei Tage später berichtet sie: „Mir erscheinen die Gesichter all der Erschossenen. Es kommt mir vor, als höre ich Weinen.“ Ihr letzter Eintrag stammt vom 8. August 1941 – ein Tag vor ihrer Ermordung.

Vielen Kindern und Jugendlichen war es offensichtlich ein Bedürfnis, ihre Gefühle und Erlebnis schriftlich festzuhalten. „Ich bin im letzten Monat siebzehn geworden. Dies ist mein dritter Geburtstag während des Krieges. Wie viele solche Geburtstage erwarten mich noch?“, fragt sich die im polnischen Radomsko geborene Miriam Chaszczewicka im November 1941. Vermutlich erlebte sie ihren 18. Geburtstag nicht mehr, da sich ihre Spuren im Herbst 1942 verlieren. Es war gefährlich, Zeugnis über die kaum vorstellbaren Verbrechen abzulegen. „Ich kann und darf ein solches Tagebuch nicht bei mir führen“, schreibt etwa der 19-jährige Niederländer Barend Spier. „Es ist nicht nur für mich gefährlich, sondern auch für viele andere.“ Er starb in Auschwitz-Monowitz, wo er Zwangsarbeit verrichten musste.

Nur wenige der Autorinnen und Autoren haben überlebt, von 30 in dem Band Versammelten waren es 19. Der Anteil derjenigen, die nicht überlebt haben, ist jedoch um ein Vielfaches höher. Die meisten ihrer Aufzeichnungen sind verloren gegangen, verbrannt in den Ghettos, mit ins Grab genommen bei den Massenerschießungen oder sie wurden von den Nationalsozialisten und ihren Helfershelfern vernichtet. Einige konnten durch glückliche Zufälle gefunden werden, weil sie etwa versteckt oder den Partisanen übergeben worden waren.

Auch wenn die Texte sehr unterschiedlich sind, hinsichtlich ihres sprachlichen, literarischen und historischen Gewichts, bereichern sie unser Wissen als direkte und authentische Belege der deutschen „Normalität“, eines einzigartigen Zivilisationsbruchs, dem rund eineinhalb Millionen jüdischer Jungen und Mädchen zum Opfer fielen. Wolf Kaisers Auswahl der Texte, die er mit Kompetenz und Empathie zusammenstellte, ist ein erschütterndes Dokument der Shoa, ein teilweise intimes und persönliches Zeugnis, aber auch eine wertvolle historische Quellensammlung. – (jgt)

Wolf Kaiser (Hg.), Der papierene Freund. Holocaust-Tagebücher jüdischer Kinder und Jugendlicher, 607 Seiten, Berlin 2022, 39 Euro, Bestellen?

Bild oben: Tagebuch von Zipora Gusta Ionai (1924–2009). Sie überlebte die Shoa und wanderte nach Israel aus. Repro: Aus dem besprochenen Band (Yad Vashem Archives)

Buchvorstellung und Lesung mit Dr. Wolf Kaiser, 25. August 2022, 18:00 Uhr, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56–58, 14109 Berlin, Telefon: (030) 80 50 01

Um Anmeldung unter: veranstaltungen[at]ghwk.de wird gebeten.

[1] Deborah Dwork (Ed.), A Boy in Terezin. The Privat Diary of Pavel Weiner, Evanston (Illinois) 2012.