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Meistersinger in Hitlers Kongresshalle

Nürnberger Oper zieht in Nazibau

Eine Polemik von Jim G. Tobias

Das marode Opernhaus der ehemaligen „Stadt der Reichsparteitage“ muss dringend renoviert werden und kann lange Zeit nicht bespielt werden – möglicherweise bis zu zehn Jahre! Da der fränkischen Schickeria ein so langer Verzicht auf den Rosenkavalier, die Zauberflöte oder den Fliegenden Holländer gepaart mit Perlwein und Schnittchen nicht zuzumuten ist, zieht die Oper in den Torso der NS-Kongresshalle. Das hat der Stadtrat am 20. Juli (!) mit großer Mehrheit beschlossen. Vermutlich wird die Nürnberger Opernsaison dort zukünftig mit Hitlers Lieblingssingspiel „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner starten. Die authentische Spielstätte wurde seinerzeit vom Nazi-Architekt Albert Speer projektiert. Die Grundsteinlegung fand 1935 statt, in dem Jahr, als auf dem NSDAP „Reichsparteitag der Freiheit“ die Nürnberger Rassengesetze verkündet wurden.

Seit rund 20 Jahren ist in einem Teil der Kongresshalle auch das Doku-Zentrum Reichsparteitagsgelände untergebracht. Ein international anerkannter Lernort, der jährlich von über 200.000 Menschen aus dem In-und Ausland besucht wird. Im Studienforum bieten Pädagogen und Historiker zahlreiche Bildungsangebote an und informieren über die Historie des Ortes. Für die Mitarbeiter des Doku-Zentrum war und ist das Vorhaben, die Kongresshalle als Opernhaus-Standort zu nutzen, ein „fundamentaler Eingriff in ein Denkmal“, der dem Versuch einer Entsorgung der NS-Geschichte gleichkommt. Doch den Historikern ist ein Maulkorb verpasst worden. Nur die städtische Pressestelle oder das federführende Kulturreferat beantwortet Fragen. Kritik ist unerwünscht!

Im doch sehr eigenwilligen Umgang mit dem Nazi-Erbe will sich die Stadt nicht reinreden lassen. Auch bei der Renovierung der „Führer-Tribüne“, die sich unweit der Kongresshalle befindet, war man strikt argumentationsresistent. Gegen die Auffassung renommierter Fachleute wird die ehemalige Weihestätte des Nationalsozialismus in den nächsten Jahren für rund 100 Millionen rekonstruiert. Der Umzug des Opernhauses in die Kongresshalle soll rund 200 Millionen kosten. Geld, das die hoch verschuldete Stadt nicht hat. Deshalb soll der Freistaat Bayern die Finanzierung zu hundert Prozent übernehmen, so die Forderung der Nürnberger Verwaltung.

Für den Gründungsdirektor Hans-Christian Täubrich, der das Doku-Zentrum von 2001 bis 2014 leitete, grenzt das Vorhaben, ein Opernhaus in Hitlers Hallen zu installieren, an ein Tabu: „Wäre die Kongresshalle (1935) schon fertig gewesen, hätte man die sogenannten Nürnberger Rassengesetze sicherlich genau dort verlesen, von der Führerempore aus“, sagte er in einem SZ-Interview. „Das wird in der Debatte erstaunlich oft vergessen.“ Sarkastisch schlug er vor, dass die Stadt eine Trigger-Warnung in Form einer großen Tafel „womöglich aus Flossenbürger Granit, im Speerschen Ausmaß mindestens sieben Meter hoch“ anbringen könne.

Dann könnten alle Irritationen ausgeräumt werden und niemand würde in seiner kulturellen Sektlaune gestört!

Bild oben: Nach den Plänen sollten bis zu 50.000 Menschen in der Kongresshalle der NS-Führung zujubeln. Der Bau wurde nicht fertiggestellt und diente seit Jahrzehnten als Lagerraum. Heute steht er zum größten Teil leer. Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (Museen der Stadt Nürnberg)

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