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Juden in der Ukraine – Historischer Hintergrund

Im Gefolge des russischen Krieges findet seit mehreren Monaten ein erneuter Exodus der Juden aus der Ukraine statt; es liegt somit nahe, einmal an Ursprünge und Beschaffenheit jüdischen Lebens in der Ukraine und in deren Nachbarregionen zu erinnern. Ausgewählt wurde ein historischer Text aus dem Jahre 1925, der von dem angesehenen jüdisch-deutschen Pädagogen und Spezialisten für historische Sprachwissenschaften, Sigmund Feist, stammt.

Von Robert Schlickewitz

Durchaus bezeichnend erscheint, dass, wer sich rasch über Sigmund Feist informieren möchte, über gute Fremdsprachenkenntnisse verfügen muss. Denn der gebürtige Mainzer wurde noch (Stand Juli 2022) von keinem deutschsprachigen Wikipedia-Autor einer Würdigung für wert befunden.

Man muss schon des Ägyptisch-Arabischen mächtig sein (oder des Russischen, Italienischen oder Englischen), um bei der virtuellen Bürgerenzyklopädie zu erfahren, dass der am 12. Juni 1865 geborene Sigmund Samuel Feist von 1906 bis 1935 Direktor des Jüdischen Reichenheim-Waisenhauses zu Berlin war, dass er Autor zahlreicher, auch im Ausland gelesener, wissenschaftlicher wie populärwissenschaftlicher Abhandlungen war, dass es ihm gelang im Jahre 1939 nach Dänemark auszuwandern, schließlich, dass er am 23. März 1943 im Alter von 77 Jahren im erzwungenen Exil in Kopenhagen verstorben ist.

Der rührige Enthusiast und Erforscher der Sprachen sowie des Judentums, Sigmund Feist, verdient es, dass seiner hier auch noch durch die Nennung seiner Werke gedacht wird:

Einführung in das Gotische (1922)
Etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache (1923)
Vergleichendes Wörterbuch der Gotischen Sprache mit Einschluss des Krimgotischen und sonstiger zerstreuter Überreste des Gotischen (1923)
Indogermanen und Germanen (1924)
Germanen und Kelten in der antiken Überlieferung (1925)
Stammeskunde der Juden. Die jüdischen Stämme der Erde in alter und neuer Zeit. Historisch-anthropologische Skizzen. (1925)
Die Ethnographie der Juden (mit Koautor Lionel S. Reisz; 1926)
Rassenkunde des jüdischen Volkes (1930)
Ein Zeitgenosse Alexanders des Großen über die Juden (Datum nicht ermittelt)

Die Zeitschrift Muttersprache veröffentlichte zwei biographische Beiträge zu Feist, beide verfasst von Ruth Römer:

Sigmund Feist und die Gesellschaft für deutsche Philologie in Berlin in Heft 103 von 1993
Sigmund Feist: Deutscher – Germanist – Jude in Heft 91 von 1981.

Erwähnung findet Feist auch in: Maas, U.: Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933-1945, Band 1, Tübingen 2010.

Schließlich würdigt Sigmund Feist, anders als etwa der deutsche Brockhaus (z.B. in seiner 16. und 17. Aufl.), die Kroatische Enzyklopädie (Hrvatska enciklopedija), Autor Ladan D. Brozović, LZMK, 1999.

haGalil-Lesern bot sich bisher bereits mehrmals die Gelegenheit zur Lektüre der Erkenntnisse des Genannten. Seine Beiträge zu den Juden im Jemen, in Indien und in China hält das Archiv dieser Internetplattform bereit.

Der vorliegende Text von Sigmund Feist entstammt (ebenfalls) seiner Stammeskunde der Juden. Die jüdischen Stämme der Erde in alter und neuer Zeit. Historisch-anthropologische Skizzen von 1925. Dieses mit 38 Bildtafeln ausgestattete Werk, das zeitgleich im Verlag der Leipziger J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung wie auch bei Universiteits-Boekhandel J. Ginsberg im niederländischen Leiden erschien, enthält Kapitel zu den Juden in der Diaspora, in Palästina, in Vorderasien, in China, in Indien, im Jemen, in Abessinien und in Nordafrika sowie solche zu den spaniolischen und den aschkenasischen Juden, zu Krypto-Juden und zur Sprache der Juden.

Das hier relevante Kapitel Die aschkenasischen Juden, zugleich Kapitel XI des Buches von Sigmund Feist, erstreckt sich über die Seiten 127-138. Seine Wiedergabe erfolgt in der im Original angetroffenen Orthographie, jedoch wurden die Fußnoten durchnummeriert und an das Ende des Textes gesetzt.

Dem modernen, sensibilisierten, Leser werden im anthropologischen Abschnitt des Aschkenasim-Kapitels einige Begriffe und Komposita begegnen, die heute, nahezu ein Jahrhundert nach Veröffentlichung, als tabubehaftet gelten und in seriösen Publikationen nur noch zwischen Anführungszeichen verwendet werden.

Wenn Sigmund Feist etwa von rassenhafter Eigenart (S. 133), von Rasseeigentümlichkeiten (S. 134), von Rassetypen und rassenhaft (S. 136), von jüdischer Rasse (S. 138) bzw. von Negertypus, Negerblut und negroidem Element (S. 135) spricht, so tut er dies nicht in ideologisch-behaftet abwertender Weise, sondern in einer den seinerzeitigen Erkenntnissen und Ausdrucksweisen entsprechenden Art. Den als Beispielen aufgezählten Ausdrücken konnte man vor 1933 in anerkannten deutschsprachigen Enzyklopädien (Brockhaus, Meyer, Herder) ebenso wie in Fachbüchern zuhauf begegnen, ohne dass sie irgendetwas mit, zum Beispiel, der Ideologie der Nationalsozialisten zu tun gehabt hätten. Freilich wurden sie auch von Antisemiten und Rassisten in bewusst herabwürdigender Absicht oder in Zusammenhang mit menschenfeindlichen Theorien geäußert.

Die kapitelweise ebenso wie die vollständige Lektüre der Ausführungen von Sigmund Feist belegt eindeutig, dass er nicht zu den Vertretern dieser Kreise gehört hat.

Die aschkenasischen Juden

Die Ausbreitung der Juden erfolgte teils über die Nachbargebiete Asiens (Syrien, Babylonien, Persien), teils an den Küsten des Mittelmeers entlang über Nordafrika, andererseits über Griechenland, Italien und Spanien. Schon vor der Zerstörung des zweiten Tempels sind größere oder kleinere Kolonien von ihnen in allen diesen Ländern nachzuweisen. Auch mögen sie bereits in den Küstenstädten der Provence wie Massilia (Marseille) ansässig gewesen sein. Weiter nach Norden sind sie indes erst vorgedrungen, als die Römer ihre Herrschaft über Gallien und bis zum Rhein und zur Donau ausgedehnt hatten. Vermutlich ist der jüdische Kaufmann bald, nachdem die römischen Legionen von den genannten Ländern Besitz ergriffen und die römische Herrschaft dort aufgerichtet hatten, mit römischen Händlern dorthin gelangt. Auch als Dolmetscher mögen sprachkundige Juden im Gefolge römischer Feldherren und Kaiser nach Gallien und Germanien gelangt sein. Vor dem Sturz der römischen Herrschaft hatten sich Juden schon dauernd in Gallien niedergelassen, wo sie lange mit der einheimischen Bevölkerung in gutem Einvernehmen lebten und Beamten- sowie Kommandostellen innehatten. Ob auch im Rheinland oder in Rätien damals schon jüdische Gemeinden bestanden, wissen wir nicht, da uns keine Urkunden über solche berichten (1). Nur für eine rheinische Stadt steht es fest, dass sie schon im ersten Viertel des 4. Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde hatte, nämlich für Köln. Den Mitgliedern dieser Gemeinde gewährte Kaiser Konstantin im Jahre 321, wie im Codex Theodosianus XVI, 8, 3 überliefert wird, das Recht zu Mitgliedern der Kurien berufen zu werden, und im Jahre 331 wurden abermals kaiserliche Gesetze für die Kölner Juden erlassen.

Aber für das Bestehen der drei „heiligen“ Gemeinden Mainz, Worms und Speyer haben wir urkundliche Beweise erst aus weit späterer Zeit. Ein vor 906 abgehaltenes Mainzer Konzil bestimmt, daß derjenige, der einen Juden tötet, wie ein Mörder zu büßen habe. Im 10. Jahrhundert verpflanzt angeblich Kaiser Karl der Kahle die Familie Kalonymos aus Lucca in Oberitalien nach Mainz (2), wo ihre gelehrten Sprossen Generationen hindurch die jüdische Wissenschaft und Dichtkunst pflegten und lehrten. Die Juden waren sowohl Großkaufleute wie auch Handwerker, Weinbauern und Landwirte. Indes scheinen sich ihre Ansiedlungen lange Zeit hindurch nur auf das Rheintal und die Frankreich zunächst liegenden Gegenden beschränkt zu haben. Frankreich war überhaupt der Ausgangspunkt wie der Rückhalt der deutschen Juden, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß auf Veranlassung eines der ersten talmudischen Autoritäten Frankreichs, Gerschom ben Jehuda (960-1040), der aus Metz stammte und später in Mainz lebte, eine große Rabbinerversammlung dahin einberufen wurde, um die Vielweiberei abzuschaffen. Auf ihr wurde der Beschluss gefasst, daß nur unter dringenden Umständen diese Bestimmung durch eine Versammlung von hundert Mitgliedern aus den Ländern Avignon (Burgund), Normandie und Frankreich und den drei Städten Mainz, Worms und Speyer gelöst werden könnte. Von andern Gemeinden am Rhein oder Süddeutschland ist nicht die Rede. Bekannt sind auch die Beziehungen des Bibel-Kommentators Raschi, der 1039 in Troyes in der Champagne geboren wurde und dort nach Beendigung seiner Wanderungen ein Lehrhaus errichtete, zu den deutschen Gemeinden Mainz, Speyer und besonders Worms (3). Er starb 1105 in seiner Vaterstadt. Vom Rhein aus dehnten sich die Juden nach Mitteldeutschland (Erfurt 932; Magdeburg 965; Meißen 1156 usw.), Süddeutschland (Regensburg 965; Nürnberg 1120; Würzburg 1119; Passau 1210) und bis nach Böhmen hin aus (4). Zur Zeit der Kreuzzüge, also am Ende des 11. Jahrhunderts war auch schon eine ansehnliche jüdische Gemeinde in Prag.

Die jüdischen Namen in den Märtyrerlisten aus der Zeit der Verfolgungen von 1096 bis 1349 zeigen uns neben biblischen und deutschen Namen auch eine ganze Anzahl französischer Namen unter den rheinischen Juden, besonders unter ihren Frauen. So finden wir in Worms die Namen Bela, Belette, Beline (von französisch belle „schön“) neben dem deutschen Namen „Schönchen“.

In Würzburg eine Frau Bela und ihre Tochter Richenza, eine Frau Dolce zum Jahre 1298. In Worms findet sich im Jahre 1096 ein Märtyrer Durand zugleich mit einer Frau Gentil; eine Jüdin Joie (=französisch joie „Freude“) ist aus Worms, Bonn und Würzburg, ein Juif (französisch=“Jude“) aus Rockenhausen im 13. Jahrhundert belegt. Eine Reina (französisch reine „Königin“) ist häufig anzutreffen und lebt bei Juden bis heute in dem Verkleinerungswort „Reinchen“ auch „Ranchen“ fort (5).

Bedeutenden Zuwachs erhielten die rheinischen Juden, als die Verfolgungen in Frankreich begannen. Während die Juden in Frankreich im 11. und 12. Jahrhundert in günstiger materieller Lage waren und sich ihren geistigen Bestrebungen ruhig hingeben konnten, änderten sich die Verhältnisse vor dem Schluss des 12. Jahrhunderts. 1181 fand unter Philipp August die erste Austreibung der Juden statt, und die Verbannungen wiederholten sich mit kurzen Ruhepausen während des ganzen 13. Jahrhunderts bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, wo der in ganz Europa wütende schwarze Tod auch in Frankreich wieder zu einer Judenvertreibung Veranlassung gab. Im Jahre 1394 endlich erließ Karl VI. ein „unwiderrufliches“ Gesetz, das keinem Juden künftighin den Aufenthalt in Frankreich mehr gestattete. Nur in der Provence und im Languedoc, die nicht direkt der französischen Krone unterstanden, durften sie noch in geringer Zahl bleiben. Die Vertriebenen wandten sich zumeist nach Deutschland.

Allerdings war auch das Schicksal der deutschen Juden während derselben Zeit ein sehr trauriges gewesen. Die Verfolgungen begannen durch den Fanatismus der Kreuzfahrer im Jahre 1096, die zuerst die Ungläubigen in der Heimat vernichten wollten, weil ihnen dafür Vergebung ihrer Sünden zugesichert worden war. In der Rheingegend allein sollen damals gegen 12 000 Juden als Märtyrer gefallen sein (6). Auch beim zweiten Kreuzzug (1146) wurden wie in Frankreich auch in Deutschland die Juden wieder verfolgt. Dann trat allerdings eine Ruhepause für die Juden ein, da sie unter kaiserlichen Schutz gestellt wurden.

Sie wurden des römischen Reichs Kammerknechte („Servi Camerae“ in einer Urkunde Friedrichs II. aus dem Jahre 1236). In den rheinischen Städten wird im 13. Jahrhundert ihre Lage nicht allzu ungünstig gewesen sein, wie sich z.B. aus den Sammlungen von Ratsverordnungen der Stadt Worms aus dem 13. und 14. Jahrhundert ergibt, in denen öfter von Juden die Rede ist. Sie können als Zeugen auftreten, ihr Eigentum und ihr Pfandrecht wird ihnen geschützt, genau wie bei ihren christlichen Mitbürgern (7).

Doch diese freundlichen Zeiten sollten nicht allzu lange dauern. Im 13. Jahrhundert kam von Frankreich her die Anschuldigung des Ritualmordes, die auch in Deutschland Gläubige fand und, wie bekannt ist, bis auf den heutigen Tag in manchen Gegenden noch findet. Dazu kam die Anklage der Hostienschändung, die zuerst in Bayern auftauchte und sich von da aus nach Österreich verbreitete. Endlich wurde gegen die Juden die schlimmste Anklage erhoben, als der schwarze Tod von Asien her ganz Europa überzog: sie hätten die Brunnen vergiftet. Im Jahre 1349 wurden in ganz Süddeutschland aber auch in Schlesien und Mitteldeutschland die jüdischen Gemeinden vernichtet. Das Gemetzel erstreckte sich bis nach Belgien. Viele jüdische Gemeinden in Deutschland waren so gut wie ausgerottet; was von ihnen übrig geblieben war, fristete ein kümmerliches Dasein.

Die jüdischen Gemeinden konnten sich jahrhundertelang von diesem Schlag nicht erholen und ihr geistiges Leben war vollständig erloschen. Ihr Verbleiben in einer Stadt oder in einem Dorf war ganz von dem Belieben der lokalen Behörden abhängig, da der Kaiser, der weit weg war, seinen „Kammerknechten“ keinen wirksamen Schutz gewähren konnte oder ihn meist erst zu spät gewährte. Die Juden waren ein unstetes Volk geworden, das von einem Ort zum anderen getrieben wurde. Damals begann die Verbindung von Juden und Landstreichern, von der die deutsche Gaunersprache beredtes Zeugnis ablegt. Freilich waren die Verhältnisse für die Juden nicht in allen Orten gleich schlimm. Während die rheinischen Städte mehrfach von Verfolgungen heimgesucht wurden, blieben benachbarte Gemeinden wie Frankfurt teilweise unberührt davon. Nach dem Blutbad vom 24. Juli 1349, wo die Juden sich in ihren Häusern verbrannten, bis zum sogenannten Fettmilchaufstand (1616), der auch nur zu einer kurzfristigen (einjährigen) Ausschließung der Juden aus der Stadt führte, ist die Ansässigkeit der Juden im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit nie unterbrochen worden. So kommt es, wie jüngst ein Forscher nachgewiesen hat (8), dass die Frankfurter Judenfamilien zum großen Teil auf ein hohes Alter zurückblicken dürfen. Während von den alteingesessenen nichtjüdischen Frankfurter Familien nur etwa zwanzig ihre Ansässigkeit bis zur Zeit Luthers nachweisen können, ist dies bei mindestens ebenso vielen und vielleicht noch mehr jüdischen Familien der Fall. Es sind daher in der jüdischen Gemeinde Frankfurt verhältnismäßig weit mehr alteingesessene Familien vorhanden als bei der christlichen Bevölkerung.

Es kann also keine Rede davon sein, daß etwa alle Juden aus Mitteldeutschland durch die Verfolgungen des Mittelalters vertrieben worden seien. Im Gegenteil! Schon im Jahre 1382 erteilt König Wenzel dem Markgrafen Bernhard I. von Baden einen Lehnsbrief, in dem ihm ausdrücklich das Recht zugestanden wird, Juden unter seinem Schutz zu halten und ihnen die Ansässigmachung in seinem Land zu gestatten (9). Kaiser Sigismund beauftragt ihn dann, von den Juden Mittel zur Ausrottung der hussitischen Ketzerei einzutreiben. Also kann ihre Zahl nicht gar zu unbeträchtlich gewesen sein.

Freilich war ein großer Teil der dem Blutbad und den Verfolgungen entgangenen Juden nach dem Osten gewandert, wo die Flüchtlinge im Königreich Polen eine Zuflucht fanden und neu aufleben konnten. Zwar wurden auch hier, als der schwarze Tod über Polen kam, die Juden als Veranlasser des Unglücks betrachtet und vielfach hingeschlachtet. Doch dauerte die Verfolgung nicht sehr lange und konnte der jüdischen Bevölkerung keine sehr tiefen Wunden schlagen, da sie schon damals sehr zahlreich war. Sie besaßen z.B., wie aus gleichzeitigen Chroniken hervorgeht, fast sämtliche Herbergen.

Die Ansiedlung der Juden in Polen ist sehr alt; die ersten Einwanderungen mögen unter Boleslaw I. Chrobi (sic!) zu Anfang des 11. Jahrhunderts stattgefunden haben (10). Am Ende desselben Jahrhunderts (1080) machte sich Judith, die Mutter Boleslaws III. dadurch verdient, wie eine Chronik berichtet, daß sie christliche Sklaven aus jüdischem Besitz loskaufte. Ein Jahrhundert später machte sich Mieczilaw III. (sic!) durch Begünstigung des Juden bei dem Adel und Klerus ganz besonders verhaßt. Herzog Boleslaw V. von Kalisch erließ 1264 ein Edikt, das die Juden von dem allgemeinen Gerichtsstand befreite und sie unter den Schutz und die Gerichtsbarkeit des Woiwoden stellte. So war die Lage der polnischen Juden, als ihre Glaubensgenossen in Deutschland entrechtet wurden und den Judenfleck tragen mußten, eine verhältnismäßig günstige. Die beste Zeit für sie war unter Kasimir dem Großen (1333-1370). In den Städten bildeten sie eigne Gemeinden unter besonderen Vorstehern, die Privatstreitsachen nach jüdischem Recht schlichteten. In diese schon alten Gemeinden sickerten nun nach und nach, im Verhältnis wie in Deutschland ihre Stellung immer schwieriger und schließlich unhaltbar wurde, die aus dem Westen flüchtenden Juden ein.

Sie kamen als die kulturell Überlegenen; sie kamen außerdem als Träger der deutschen Sprache, der die polnische Sprache ohnehin soviel Kulturgut entlehnt hatte und noch immer entlieh. So kann es nicht wundernehmen, daß die Neuangekommenen die Altansässigen sich sprachlich assimilierten, ganz wie die sephardischen Juden im Orient die dort eingesessenen Juden. Die später Zuwandernden fanden sich infolgedessen in ihrer neuen Heimat sofort heimisch.

Wahrscheinlich geht auch die rechtliche Lage der polnischen Juden seit ältester Zeit auf das Vorbild ihrer deutschen Glaubensbrüder zurück. Auch in Polen standen die Juden unter dem unmittelbaren Schutz des Königs, dem sie dafür ansehnliche Steuern entrichten mußten. Wie die älteren deutschen Rechtsbestimmungen den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen (siehe oben…), so ist es auch mit dem Generalprivilegium, das ihnen Boleslaw I. erteilte. Unter den Jagellonen (1370-1572) trat eine Trennung der Gerichtsbarkeit über die Juden ein, indem der Adel dieselbe über die auf seinen Besitztümern wohnenden Juden erhielt (11).

Die Juden waren vornehmlich Händler, viele auch Landwirte; doch das Handwerk war ihnen verschlossen. Sehr reiche Juden widmeten sich – wie auch anderwärts – der Zollpacht.

Jahrhundertelang blieb die Lage der Juden in Polen eine verhältnismäßig gesicherte, da sie bei dem gänzlichen Fehlen eines Bürgerstandes dem Adel und den Herrschern unentbehrlich waren. Sie erhielten Privilegien und hatten eigne Gerichtsbefugnis. So war die eigentümliche Situation entstanden, daß Westeuropa, das früher große und ansehnliche jüdische Gemeinden hatte, nur wenige Juden zählte, während sich im Osten Europas von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer wie auch in der Türkei ein neuer und sich immer mehr verdichtender jüdischer Ansiedlungsbezirk herausbildete.

Übrigens dauerte die Einwanderung der Juden nach Polen bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, als auf Veranlassung des Kosakenhäuptlings Chmelnicki die Juden aus der Ukraine und Klein-Rußland vertrieben wurden, und auch in Polen und Litauen forderte seine Grausamkeit entsetzliche Blutopfer unter den Juden (1648 bis 1658).

Von Polen aus erfolgte dann, als im 15. Jahrhundert und besonders seit dem Ende des 30 jährigen Krieges (1648), in Westeuropa mildere Zeiten für die Juden gekommen waren, ihr Zurückfluten, besonders nach dem Rheinland, wo kleine Reste von Judengemeinden fortbestanden hatten und einen Stützpunkt für die neu Zugewanderten bildeten. So bildeten sich neue jüdische Zentren, allerdings jetzt mehr auf dem Lande und in kleineren Städten, die ihre Eigenheiten (besonderen Dialekt) bis ins 19. Jahrhundert, teilweise (z. B. im Elsaß) bis auf unsere Zeit bewahrt haben.

Vom Elsaß und den Rheinlanden erfolgte zur Zeit der französischen Revolution und unter dem Kaiserreich der Rückstrom von Juden nach Frankreich, wo im Norden die jüdische Bevölkerung überwiegend aschkenasischen Ursprungs ist, neuerdings mit einem immer mehr anwachsenden Einschlag von ostjüdischen Elementen.

Auch nach Norddeutschland und Holland strömten mehr und mehr im Laufe des 17. und 18., ganz besonders aber im 19. Jahrhundert, Juden aus Polen (12).

Je weiter sich die Juden örtlich von ihren Ansiedlungszentren in Osteuropa entfernten und je länger die Zeit ihrer Ansiedlung in Westeuropa dauerte, umso mehr streiften sie ihre kulturellen und typischen Sonderheiten ab, die sich in der Abgeschlossenheit ganz besonders intensiv herausgebildet und entwickelt hatten. Die Einschließung in besondere Straßen (Ghetti) der Städte in allen europäischen Ländern im späteren Mittelalter, ihre Zusammendrängung auf bestimmte Ansiedlungsbezirke in Osteuropa, wo sie in dichten Mengen ein von der übrigen Bevölkerung abgeschlossenes Leben führten, begünstigte die Entstehung bzw. Erhaltung eines eigenartigen jüdischen Typus. Mit der Entwicklung ihrer eigenartigen Kultur und einer besonderen Sprache (Jiddisch) ging Hand in Hand ein verstärktes Hervortreten ihrer ererbten rassenhaften Eigenart. Der jüdische Typus, wie wir ihn heute kennen, hat sich auf dem genannten Nährboden herausgebildet.

Altererbte Rasseeigentümlichkeiten kamen durch die Abgeschlossenheit der Juden von der übrigen Welt zur erneuten scharfen Ausprägung. Daneben aber entwickelte sich ein neuer Typus des osteuropäischen Juden, dessen Ursprung bis heute noch nicht voll aufgeklärt ist (13). 

Denn neben schwarzhaarigen und dunkeläugigen Vertretern der semitischen Rasse, die nicht selten als geradezu typisch angesehen werden können, findet sich ein hellfarbiger Menschenschlag mit blonden oder roten Haaren und blauen oder grauen Augen, dessen Züge nicht so fein ausgeprägt sind wie bei dem erstgenannten Typus, der sich vielfach dem Typus der Sephardim nähert. Der Schädel ist kurz, das Gesicht rund und breit, die Backenknochen stehen häufig vor, die Nase ist groß und breit, nicht selten mit eingedrückter Wurzel. Der Mund ist groß mit dicken Lippen, das Kinn breit und schwer. Viele dieser hellfarbigen Juden Osteuropas haben ausgeprägt slavischen Typus, so daß sie von den einheimischen Bewohnern Polens oder Weißrußlands nicht zu unterscheiden sind. Auch in Galizien findet sich dieser Typus außerordentlich häufig. Neben den Individuen mit slavischem Gesichtsausdruck finden wir solche mit tatarischen Zügen. Sie haben ein kurzes, fast viereckiges Gesicht, weit hervortretende Backenknochen und eingefallene Wangen. Die Nase ist klein und dick, an der Wurzel oft tief eingebogen, im übrigen gerade und nicht selten aufgestülpt. Dieser Typus, der unter den slavisch sprechenden Bewohnern Südrußlands ebenfalls zu finden ist, wird von vielen Forschern darauf zurückgeführt, daß den südrussischen Juden eine starke Beimischung tatarischen Blutes durch den Übertritt der Chazaren zum Judentum zugeflossen ist (vgl. die Abbildungen 77 und 78).

Dr. S. Weißenberg hat die südrussischen Juden einer eingehenden anthropologischen Untersuchung unterworfen (14). Er hat mehrere Typen herausgefunden: 1. den groben jüdischen Typus; 2. den feineren jüdischen Typus; 3. den slavischen Typus; 4. den südeuropäischen Typus; 5. den nordeuropäischen Typus; 6. den allgemein kaukasischen Typus des Europäers ohne besondere Kennzeichen; 7. den mongoloïden Typus (ziemlich häufig; 23 % der Untersuchten hatten vorstehende Wangenbeine, 13 % schiefe Augenspalten, 16 % eine Oberlidfalte). Nach dem heutigen Stande der anthropologischen Wissenschaft sei aber Typenmehrheit in einem Volke nur auf stattgefundene Mischung zurückzuführen. Wir müssen deshalb zugeben, daß die osteuropäischen Juden nicht rein, sondern stark gemischt sind. Einen Typus aber sehen wir hervortreten, der die übrigen beherrscht und der die ganze osteuropäische Judenschaft als eine im Gesamten anthropologisch mehr oder weniger einheitliche Masse erscheinen läßt: die südrussischen Juden (wie die osteuropäischen überhaupt) sind, nach dem unter ihnen vorherrschenden Typus beurteilt, von mittlerer Größe und brünettem Farbenton; das Gesicht ist von ovaler, nach unten zu sich etwas verjüngender Form. Sie haben eine gerade, flache Stirn, relativ häufig vorstehende Wangenbeine und gerade Kiefer. Die Richtung des Auges ist eine wagerechte (sic!); die Nase ist oben schmaler als unten, im ganzen etwas groß und ziemlich prominent; ihre Form ist eine überwiegend gerade. Die Lippen sind regelmäßig; der Mund verhältnismäßig breit; die Ohren mittelgroß.

Auch Dr. Weißenberg glaubt die Umwandlung des Typus der osteuropäischen Juden in der Wanderung des Judentums über den Kaukasus und die südrussische Steppe suchen zu dürfen. Diese schon im Altertum begonnene Mischung fand eine Verstärkung durch den Übertritt eines Teils der Chazaren zum Judentum, auch durch die späteren Einbrüche tatarischer Völkerschaften. Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß neben dem slavischen auch ein tatarischer Typus unter den osteuropäischen Juden vertreten ist. Als dritter Typus tritt unter ihnen ein mongoloïder auf, der sich besonders bei Frauen und Kindern bemerkbar macht. Er ist erkennbar an dem schräggestellten mongolischen Auge, das im äußeren Winkel höher ist als im inneren und eine engere Öffnung hat als die Augen anderer Typen. Das Haar ist schwarz, sehr dick und glatt, das Gesicht zumeist viereckig, die Nase klein, in der oberen Hälfte etwas eingedrückt, unten dagegen breit. Dieser mongolische Typus ist übrigens nicht nur in Südrußland, sondern auch bei den ungarischen Juden besonders häufig. Der mongolische Typus ist übrigens auch unter den Ostslaven sehr verbreitet und es ist möglich, daß er durch ihre Vermittlung zu den Juden gekommen ist.

Endlich haben wir noch des negroïden Typus unter den osteuropäischen Juden zu gedenken. Nicht selten trifft man unter ihnen Individuen mit sehr dunkler Haut, schwarzen krausen Haaren, langen Köpfen mit hervortretendem Hinterhaupt. Der Mund steht weit vor, die Lippen sind groß und dick, die Nase breit und flach, das Kinn vorstehend. Die Entstehung dieses Negertypus unter den osteuropäischen Juden ist ein anthropologisches Rätsel, da diese seit undenklichen Zeiten nicht mit Negern in Berührung gekommen sein können. Unter den Juden Nordafrikas ist die Beimischung von Negerblut wie bei der eingeborenen Bevölkerung, den Berbern und Arabern, durch den Verkehr mit den Negern des Sudan leicht erklärlich. Aber wie soll das Negerblut zu den osteuropäischen Juden gekommen sein? Eher dürfte man seine Spuren bei den sephardischen Juden erwarten, die doch durch Mischehen mit Mauren leichter Gelegenheit hatten sich mit Negerblut zu infizieren; aber hier fehlen solche Spuren vollkommen.

Also auch über diesen Umweg kann das negroïde Element nicht zu den Ostjuden gekommen sein. Die Spaniolen widerlegen auch die Behauptung, daß es aus der Urzeit des Judentums (Aufenthalt in Ägypten) stammen könne. Die Frage muß bis auf weiteres ungelöst bleiben.

Es versteht sich von selbst, daß sich bei den so viel umhergeworfenen und aus so vielerlei Gegenden zusammengewürfelten aschkenasischen Juden die verschiedensten Rassetypen mischen mußten (15). Jeder längere Aufenthalt in einem Lande mußte in der rassenhaften Zusammensetzung seine Spuren hinterlassen. Die aschkenasischen Juden sind daher kein so gleichartiges Ganze(s) wie die sephardischen Juden, bei deren einzelnen Gruppen die verbindenden Eigenarten die trennenden weit überwiegen. Bei den aschkenasischen Juden finden wir die größten körperlichen wie geistigen Gegensätze. Man braucht nicht einmal einen seit vielen Generationen in Westeuropa ansässigen und nicht nur geistig, sondern vielfach auch äußerlich den Landesbewohnern ganz angeglichenen Juden mit einem osteuropäischen Juden zu vergleichen, um einen gewaltigen Unterschied festzustellen. Man findet ihn ebenso gut zwischen den Juden der verschiedenen osteuropäischen Länder wie innerhalb der Gruppen in den einzelnen Gegenden. Vielfach hängt die körperliche Entwicklung von den äußeren Lebensumständen ab. Während in Polen und Galizien, speziell in den großen Städten, wo ein jüdisches Proletariat unter den erschwerendsten Umständen in den überfüllten Ghettos sein Leben fristen muß, die Körperentwicklung bei den Juden dürftig bleibt, findet man bei den Juden auf dem Lande und auch in Städten, wo sie in auskömmlichen Verhältnissen leben, gut entwickelte Erscheinungen. Auch in Litauen, Südrußland und besonders in der Bukowina zeichnet sich die jüdische Bevölkerung durch ihre Körpergröße aus.

Die aschkenasischen Juden, die heute an Zahl bei weitem die größte jüdische Gruppe bilden, haben sich von ihrem zusammenhängenden Siedlungsgebiet in Rußland, Polen, Ungarn und Rumänien, wo ihre Zahl vor dem [Ersten Welt-] Krieg etwa 9 Millionen betrug (16), nach dem Einsetzen der Verfolgungen durch die Russen, Polen, Rumänen in immer stärker anschwellender Zahl auf die Wanderschaft begeben, die sie zum geringeren Teil nach Deutschland, Frankreich und in die nordischen Länder, zum weitaus größten Teil aber nach England und Nordamerika führte. In den beiden letzteren Ländern haben sich in London und New York infolge der Einwanderung osteuropäischer Juden die größten jüdischen Zentren gebildet, die es augenblicklich auf der Erde gibt. In New York allein wird die Zahl der Juden auf 1 ½ Millionen, in den Vereinigten Staaten auf 3,6 Mill. geschätzt.

Wie bereits erwähnt, vereinen die aschkenasischen Juden mehrere Rassentypen in sich. Auffällig ist die Zahl der hellfarbigen Elemente unter ihnen. Unter den südrussischen Juden z.B., die Dr. Weißenberg (17) in anthropologischer Hinsicht genauer untersucht hat, finden sich neben überwiegend schwarzem oder dunkelbraunem Haar doch über 10 % blonder Männer und 5 % blonder Frauen. Der Kopfform nach sind die russischen Juden neben einem beträchtlichen Prozentsatz von Mittelköpfen überwiegend Brachykephalen (Kurzköpfe); Langköpfigkeit ist nur als Seltenheit unter ihnen vertreten. Die polnischen Juden hat A. Elkind (18) anthropologisch untersucht. Nach seiner Ansicht haben sie die Rasseeigentümlichkeit der jüdischen Nation infolge ihrer Abgeschlossenheit von der übrigen Bevölkerung besonders gut erhalten. Doch hat er die zu dieser Behauptung in Widerspruch stehende Beobachtung gemacht, daß die Zahl der dunklen Typen von Süden nach Norden stetig abnimmt. Während bei den polnischen Juden 58 % dem dunklen Typus, 41 % einem gemischten Typus und nur ½ % dem ausgesprochen hellen Typus angehört, finden sich in Litauen bereits 1 ½ % Blonde und in Riga gar 12 %. Auffällig ist die Verbreitung des hellen Typus in Galizien, wo er je nach der Gegend 14 % bis 23 % beträgt. In der Ukraine finden sich 19 % blonde Typen neben 4,3 % Individuen mit roten Haaren. Die eigentlichen polnischen Juden scheinen also, was den dunklen Typus betrifft, eine Art Enklave inmitten zahlreicher hellerer Typen zu bilden. Der Körpergröße nach sind die polnischen Juden die kleinsten aller Ostjuden, da ihre durchschnittliche Körperhöhe nur 161 cm beträgt, während in Odessa die durchschnittliche Körperhöhe 165,6 cm beträgt. Was die Kopfform betrifft, so sind sie zumeist extrem kurzköpfig (Hyperbrachykephalen); nur 1 % Langköpfe finden sich unter den polnischen Juden.

Überblickt man die osteuropäischen Juden in ihrer Gesamtheit, so findet man ganz bedeutende Schwankungen in ihrem anthropologischen Verhalten.

Der helle Typus, der sich bei den benachbarten kaukasischen Juden z.B. so gut wie gar nicht findet, ist bei ihnen im Durchschnitt mit 18,5 % vertreten. Die Körpergröße schwankt außerordentlich. Neben hochgewachsenen stattlichen Menschen, die auch für europäische Verhältnisse als groß bezeichnet werden können, finden wir verkümmerte, armselige Gestalten.

So bieten die aschkenasischen Juden, heutigen Tages die Hauptvertreter der jüdischen Rasse auf Erden, also im kleinen dasselbe Bild, das die Gesamtjudenheit in größerem Umfang bietet: eine Mischung verschiedenartigster Menschenarten, die durch eine gemeinsame Kultur und übereinstimmende Lebensbedingungen zu einem Typus verschmolzen sind, der äußerlich eine gewisse Gleichmäßigkeit zeigt, in der die grundlegenden Verschiedenheiten seiner einzelnen Komponenten für den oberflächlichen Betrachter verwischt werden.

Besonders auffällig ist unter den verschiedenen bei den aschkenasischen Juden anzutreffenden Typen der slavische Typus (Abb. 75). Er ist mitunter so ausgeprägt, daß viele Juden von den eingeborenen Slaven nicht zu unterscheiden sind, wenn sie sich wie diese kleiden. Ganz besonders trifft dies auf die Jüdinnen Polens und Weißrußlands zu. Für diese Tatsache gibt es nur eine einzige Erklärung: der Zustrom slavischen Blutes zu den Ostjuden. Auch mag die Umgebung, in der sie seit Jahrhunderten leben, einen gewissen Einfluß auf die Gesichtsgestaltung ausgeübt haben. Doch ist dies gerade bei der Abgeschlossenheit der in Polen lebenden Juden weniger wahrscheinlich. Denjenigen Forschern, die von dem Einfluß fremder Blutmischung auf die Juden nichts wissen wollen und alle ihre verschiedenen Typen aus uralten Komponenten der jüdischen Rasse zu erklären versuchen, wird das Auftreten eines ausgeprägt slavischen Typus bei den Ostjuden nicht gerade zur Stärkung ihrer Position dienen. Mögen auch die Beispiele für die Vertretung des einheimischen Typus bei den Juden nicht gerade übermäßig häufig sein; ihr Vorhandensein allein genügt als Beweis für die Behauptung, daß die jüdische Rasse immer wieder durch fremde Blutzumischung beeinflußt worden ist.

 Fußnoten

  1. Einige von J. Oehler in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Bd. 53, S. 449f., zusammengestellte Inschriften mit griechischen Buchstaben auf einer Achatgemme und einem Goldplättchen, die jüdische Gottesnamen enthalten, vermögen die Beweislast für die Ansässigkeit von Juden an den Fundorten (Regensburg, Badenweiler) nicht zu tragen. Es kann sich hier um Inschriften zu magischen Zwecken handeln, die bekanntlich weit vom Entstehungsort und zu ganz fremden Völkern wandern können. Siehe die Zusammenstellung von S. Eppenstein, Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Bd. 63 (N.F. Bd. 27), S. 165ff.
  2. Nach Salomon Luria’s Genealogischem Responsum, Nr. 29.
  3. Näheres bei S. Salfeld, Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz. 1903.
  4. Die Zahlen stellen das Jahr des ersten urkundlichen Nachweises von Juden an den genannten Orten dar. Aber selbstverständlich haben lange vorher schon Niederlassungen von Juden an diesen Orten stattgefunden.
  5. S. Salfeld, Das Martyriologium des Nürnberger Memorbuchs, 1898. – Es wäre natürlich möglich, den Ursprung der französischen Namen auch auf eine bei den Juden herrschende Mode zurückzuführen; doch selbst eine solche würde auf Beziehungen zwischen ihnen und ihren französischen Glaubensgenossen weisen. Bei den Erfurter Juden finden sich zwar auch französische Namen (Bela, Fide, Fyal, Gente usw.), doch überwiegen hier neben den deutschen Namen bei weitem die Namen slavischen Ursprungs; siehe A. Süßmann, Das Erfurter Judenbuch 1915, Register.
  6. Gegen die wohl übertriebenen Zahlenangaben wendet sich Georg Liebe, Das Judentum in der deutschen Vergangenheit, 2. Aufl., S. 21.
  7. Siehe J. Kohler und C. Koehne, Wormser Recht. I. Älteres Wormser Recht, Halle a. S. 1915. – Auch für Speier ist die günstige Stellung der Juden sogar durch noch ältere Zeugnisse aus dem 11. Jahrhundert bezeugt (O. Stobbe, Die Juden in Deutschland während des Mittelalters, S. 9f.), wohin sich 1084 flüchtige Juden aus Mainz gewandt hatten und gute Aufnahme fanden, „weil er (der Bischof Rüdiger Huozman) den Ruhm des Ortes tausendfach erhöhen wollte“. Kaiser Heinrich IV. bestätigte 1090 dies Privileg. Die Mainzer Juden hatten wegen einer großen Feuersbrunst ihre Heimat nebst andern Einwohnern verlassen müssen.
  8. Dietz, Stammbuch der Frankfurter Juden 1924.
  9. Zehnter, Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Bd. 11, S. 344.
  10. Sie kamen zum Teil aus Ungarn und Böhmen, andere aus Südwestrussland und dem Küstengebiet des Schwarzen Meeres. In Kiew sind Juden schon im 10. Jahrhundert nachweisbar; in Kertsch bestand schon 80/81 v. Chr. eine jüdische Gemeinde, wie inschriftlich bezeugt ist.
  11. Siehe J. Meisl, Geschichte der Juden in Polen und Rußland, 2 Bde. 1921 bis 22. Dubnow, History of the Jews in Russia and Poland. Jewish Publication Society, Philadelphia 1921. Vgl. auch die Skizze von Wlad. W. Kaplan-Kogan, Die Juden in Polen. In den Süddeutschen Monatsheften, Februar 1916, S. 682 ff.
  12. Im Haag in den Niederlanden legt am 10. Dezember 1675 ein aus Posen zugezogener aschkenasischer Jude Suskind Pos, alias Alexander Polak den Bürgereid ab, und mehrere Juden folgten ihm im Laufe desselben Jahrhunderts. Sie waren die Begründer der deutsch-israelitischen Gemeinde im Haag (D. S. van Zuiden, De Hoogduitsche Joden in s-Gravenhage. 1913, S. 9).
  13. Fishberg, Probleme der Anthrologie der Juden. Zur Frage der Herkunft des blonden Elements im Judentum. Zeitschr. für Demographie und Statistik der Juden, Bd. 3 (1907), S. 7 ff., 25 ff. Dazu E. Auerbach, ebenda, S. 92 f.
  14. Archiv für Anthropologie, Bd. 23, S. 347 ff. und 531 ff.
  15. S. Weißenberg, Zur Anthropologie der deutschen Juden. Zeitschr. f. Ethnologie, Bd. 44 (1912), S. 269 ff., wo darauf hingewiesen wird, das die westdeutschen Juden sich von den südrussischen Juden in anthropologischer Hinsicht unterscheiden und sich in mancher Hinsicht mehr dem semitischen Typus nähern.
  16. Im europäischen und asiatischen Rußland wurden im Jahre 1905 4 ½ Millionen Juden gezählt; in Polen 1 ½ Mill.; in Österreich-Ungarn 1 Mill. 315 000; in Rumänien eine halbe Million. Heute wird die Zahl der Juden auf 2,8 Mill. in Polen; 4,8 Mill. in Rußland; 800 000 in Rumänien; ½ Million in Ungarn geschätzt.
  17. Archiv f. Anthropologie, Bd. 23, S. 347 ff. u. 531 ff.
  18. Anthropologische Untersuchungen über die russisch-polnischen Juden. Zeitschrift f. Demographie und Statistik der Juden, Bd. 2, S. 49 ff. Vgl. auch M. Fishberg, Materials for the physical Anthropology of the Eastern European Jews. New-York 1905.

Anmerkungen:

Wenn Feist von „Südrußland“ oder „Südwestrußland“ spricht, meint er mit großer Sicherheit das Territorium der Ukraine. Denn zum Zeitpunkt des Entstehens seines Buches, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution, war der Ländername Ukraine, bzw. „Ukrainische Sozialistische Sowjet Republik“ vielfach noch nicht bekannt bzw. nicht etabliert und man verwendete entweder die Bezeichnungen „Südwestrußland“ bzw. „Südrußland“ oder „Kleinrußland“.

Diese zeitbedingte, vorübergehende Unsicherheit im Ausdruck spiegelt sich u.a. darin, dass Feist an einer Stelle von Vertreibung der Juden „aus der Ukraine und Klein-Rußland“ spricht und ansonsten das Wort „Ukraine“ nur noch ein weiteres Mal, gegen Ende seines Kapitels, verwendet.

Andernorts geht Feist auf die Pogrome der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ein und nennt Russen, Polen sowie Rumänen als Ausführende. Mit „Russen“ meint er dabei ethnische Russen ebenso wie Weißrussen und Ukrainer, die, obgleich eigenständige Ethnien, vielfach noch bis heute aufgrund (westlicher) Ignoranz unter „Russen“ subsumiert werden.

Die Pogrome der Jahre nach 1918, die allein auf dem Boden der Ukraine und Polens mehr als 100 000 Menschen das Leben kosteten, behandelt in großem Zusammenhang und für das Territorium des ehemaligen Zarenreiches Orlando Figes in Die Tragödie eines Volkes, Berlin Verlag, Berlin 1998 (antiquarisch). Die Pogrome selbst bearbeitete u.a. Jeffrey Veidlinger in In the Midst of Civilized Europe. The Pogroms of 1918-1921 and the Onset of the Holocaust, Picador/Pan Macmillan, London 2021 (lieferbar).

Bei dem von Feist mehrfach zitierten Autor S. Weißenberg handelt es sich um Samuel Abramowitsch Weissenberg (1867-1928), einen russischen Mediziner und Anthropologen aus der ukrainischen Stadt Jelysavethrad, der für seine Forschungsarbeiten zu den Juden in Südrussland (veröffentlicht 1895) eine hohe Auszeichnung erhielt. Zu Weissenbergs Hauptwerken wird Wachstum des Menschen nach Alter, Geschlecht und Rasse von 1911 gezählt.

Wer die historischen Angaben Sigmund Feists mit modernen Erkenntnissen vergleichen möchte, kann dies für den Zeitraum ab der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel zum Beispiel anhand von: Simon Schama: „Belonging. The Story of the Jews 1492-1900“, erschienen bei Penguin/Randomhouse UK, London 2018 (lieferbar), und für den Zeitraum von davor anhand von „The Story of the Jews. Finding the words 1000 BCE – 1492 CE“ (antiquarisch) des gleichen Autors vornehmen.