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„Die ganze Aktion war antisemitisch“ – Ehemalige äußern sich auch zu Entebbe

Ein neuer Band mit Interviews ehemaliger „Revolutionäre Zellen“-Protagonisten greift auch Themen auf, welche für die Einschätzung der Judenfeindschaft im bundesdeutschen Linksterrorismus relevant sind. Die Befragten geben sich hier relativ selbstkritisch. Ein Abgleich mit früheren Deutungen ist daher von Interesse.

Von Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismus war bis „Entebbe“ im bundesdeutschen Linksextremismus ein Tabu-Thema. Die angedeutete Änderung hing mit Ereignisse an dem genannten Ort zusammen: 1976 wurde ein Air-France-Flugzeug von deutsche Linksterroristen und palästinensischen Terroristen entführt, um die Freilassung von anderen politischen Gewalttätern in unterschiedlichen Ländern zu bewirken. Das Flugzeug landete in der genannten Stadt in Uganda. Dort entschlossen sich die Entführer, einige Geisel frei zu lassen, während andere Geisel weiter festgehalten wurden. Die Auswahl der Betroffenen sollte später zu unterschiedlichen Deutungen führen: Waren es Israelis, dann sollte es sich um eine antiimperialistische, waren es Juden, dann würde es sich um eine antisemitische Tat handeln. Da zu den Geiseln auch ehemalige Konzentrationslagerhäftlinge gehörten, welche den deutschen Entführern ihre eintätowierte Häftlingsnummer zeigten, wurde auch die letztgenannte Zuordnung vertreten. Ihr gegenüber gibt es Ablehnung wie Zustimmung.

Eher verhalten, aber doch deutlich äußerten sich drei ehemalige Akteure, welche wie die damaligen Entführer den „Revolutionären Zellen“ (RZ) angehörten, in einem Gesprächsband mit ihnen nahezustehenden Interviewpartnern. Der Band erschien, herausgeben von „Einige Unsichtbare“ als „Herzschläge. Gespräch mit Ex-Militanten der Revolutionären Zellen“ (Berlin: Assoziation A, 2022). Flugzeugentführungen werden darin von einem „Fritz“ generell abgelehnt, hinsichtlich des „Antisemitismus der Linken“ seien er und andere RZler „wirklich entsetzt“ (S. 48) gewesen. Weiter äußerte er: „Aber unsere Genoss*innen haben Israel als einzigen Staat genommen, den sie bekämpften, und da kommen Antizionismus und Antisemitismus zusammen.“ (S. 59). Und ein „Paul“ bemerkte: „Wenn du als Deutscher eine Maschine mit jüdischen Passagieren entführst, dann weißt du, was du tust und dann musst dir den Vorwurf des Antisemitismus schlicht und einfach gefallen lassen … Die ganze Aktion war antisemitisch, unabhängig von der Frage der Geiselnahme …“ (sic!) (S. 60).

Die letzte Aussage spielt auf die Erkenntnisse zur Geiselauswahl an, also: Wurden israelische oder jüdische Geisel gefangen gehalten? Auf diese Frage selbst soll später noch eingegangen werden. Antworten auf sie wollten Freia Anders und Alexander Sedlmaier, beides Historiker, in einer gesonderten Veröffentlichung geben. Ihr Aufsatz „‘Unternehmen Entebbe‘ 1976. Quellenkritische Perspektiven auf eine Flugzeugentführung“ erschien im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ (hrsg., von Stefanie Schüler-Springorum, Nr. 22, Berlin 2013, S. 267-289). Beide Autoren gehen davon aus, dass die Ereignisse anders als allgemein angenommen verlaufen seien. Dies sage aber für sich nichts „über die Existenz von oder den Mangel an antisemitischen Motivationen bei Angehörigen der Revolutionären Zellen“ aus. Und als entscheidendes Ergebnis wird festgehalten: „Quellenlage und –befund bleiben uneindeutig.“ Die weiteren Ausführungen lauten dann „Es ist möglich …“ und „es ist wahrscheinlich“ (S. 288f.), womit die erwähnte Frage unbeantwortet bleibt.

Diese Erkenntnis ist hier im Kontext bedeutsam, weil gegenteilige Deutungen in einem Sammelband vertreten wurden. Gemeint ist „Legenden um Entebbe. Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion“ (Münster 2016), der von Markus Mohr herausgeben wurde. Im Autorenverzeichnis über ihn heißt es, er habe „die besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstrasse wie ein kleiner Satan“ (S. 389) verteidigt. Irgendwelche Angaben zu einer wissenschaftlichen Qualifikation finden sich dort nicht. In seinem Buch, so heißt es bei dem Herausgeber, wolle er zeigen, „dass die als Tatsache erhobene Behauptung, es sei auf dem Flughafen von Entebbe zu einer Selektion zwischen Juden und Nichtjuden gekommen, Unfug ist“ (S. 12). Als behaupteten Beleg dazu folgt ein Nachdruck der vorgenannten Veröffentlichung. Indessen haben Anders und Sedlmaier sich so gar nicht geäußert und eben von „uneindeutig“ gesprochen. Sie erklärten es aber als gesichert, dass „auch Juden … festgehalten und mit dem Tode bedroht wurden“ (S. 289 bzw. S. 49).

Bereits hier offenbart sich bei Mohr ein falscher Umgang mit anderen Zuordnungen. Gleichwohl könnte er seine eigene Auffassung durch eigene Darstellungen auf  breiter Quellenbasis veranschaulichen, was dann aber bereits angesichts des Blicks ins Inhaltsverzeichnis gar nicht mehr geschieht. Darin finden sich Beschreibungen zur innerlinken Rezeption des „Selektionsnarrativs“, womit die Deutung einer auf die Geisel bezogenen jüdisch bzw. nicht-jüdisch gemeinten Unterscheidung gemeint ist. Der Autor und seine Mit-Autoren gehen hier auf unterschiedliche Themen ein. So werden etwa Hendryk M. Broder, Joschka Fischer oder Hans Joachim Klein meist im hämischen Tonfall kritisiert. Auch Darstellungen in deutsch- und spanischsprachigen Instantbooks sind ein Thema. Doch gerade die entscheidende Frage, ob es Antisemitismus bei den RZ-Akteuren gab und ihre „Entebbe“-Handlungen einen judenfeindlichen Hintergrund hatten, sind kein breiteres Untersuchungsfeld. So verfehlte Mohr sein eigentliches Thema.

Beachtenswert ist darüber hinaus, dass „Entebbe“ durchaus von RZ-Angehörigen als antisemitische Tat wahrgenommen wurde. Indessen geschah dies erst Jahre später, wofür die Erklärung „Gerd Albartus ist tot“ vom Dezember 1991 steht. (Der Text findet sich unter: www.freilassung.de.) Darin finden sich Ausführungen wie die folgenden Sätze: „Das Kommando hatte Geiseln genommen, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, daß sie Juden waren, soziale Merkmale wie Herkunft oder Funktion, die Frage der gesellschaftlichen Stellung oder der persönlichen Verantwortung, also Kriterien, die wir eigentlich unserer Praxis zugrunde legten, spielten in diesem Fall keine Rolle. Die Selektion erfolgte entlang völkischer Linie. Daß die einzige Geisel, die die Flugzeugentführung nicht überlebte, ausgerechnet eine ehemalige KZ-Inhaftierte war, ging zwar nicht unmittelbar zu Lasten des Kommandos, lag aber nichtsdestoweniger in der Logik der Aktion.“ Demnach gab es in dieser Frage auch unterschiedliche Positionen innerhalb der RZ.

Auch diese Erklärung macht Mohr zu seinem Thema, wobei er die Rahmensituation beschreibt und ironisierend das „Selektionsnarrativ“ kommentiert. Gleichwohl setzt er sich nicht mit dem inhaltlichen Kern auseinander, wonach es in Entebbe zu einer zwischen Juden und Nicht-Juden erfolgten „Selektion“ gekommen sei. Er konstatierte selbst: „Dass am Flughafen in Entebbe durch die Luftpiraten eine Separation von Flugzeugpassagieren unter Todesdrohung vollzogen worden ist, ist evident, das Merkmal der Grausamkeit erfüllt.“ Dann heißt es weiter: „Damit ist noch nichts darüber ausgesagt, ob dieser Akt antisemitisch war oder eben nicht“ (S. 16). Indessen wird gerade dieser Aspekt von Mohr nicht weiter erörtert. Er beschränkte sich meist darauf, die in der deutschen Linken auszumachende Rezeption der Tat zu thematisieren. Hierbei gab es eine Auslassung bestimmter Gesichtspunkte und eine Ignoranz gegenüber anderslautenden Sachverhalten. Deutlich wird erneut, dass ein politischer Aktivist mit Botschaft und kein seriöser Forscher mit Wissenschaftsanspruch wirkt.

Gleichwohl soll es hier nicht um den Autor, sondern um die Darstellung gehen. Die erwähnte Aussage ignoriert zunächst, dass die gefangen gehaltenen Geiseln nicht nur Israelis, sondern eben auch Juden waren. Insofern waren die Betroffenen sehr wohl auch als Juden davon betroffen. Die Argumentation von Mohr ist von einer künstlichen und wirklichkeitsfremden Trennung geprägt. Es handelte sich darüber hinaus auch nicht um israelische Militärangehörige, sondern um Zivilpersonen. Und wenn man dann der Darstellung der Ereignisse folgt, wie sie von Anders und Sedlmaier vorgetragen wurde, so legen diese Schilderungen keineswegs die bevorzugte Version nahe. Dass von den Geiseln einzelne Juden gleichwohl freikamen, spricht nicht notwendigerweise gegen die postulierte Unterscheidung. Denn sie müssen nicht zwingend direkt als solche erkennbar gewesen sein. Darüber hinaus wurden anhand ihrer Bekleidung wahrnehmbare orthodoxe Juden ohne israelische Staatsbürgerschaft sehr wohl angegriffen und herabgewürdigt.

In der Gesamtschau streitet Mohr somit die „Selektion“ selbst gar nicht ab. Sie sei aber gegen die Israels, nicht gegen die Juden gerichtet. Anders formuliert: Nicht Antisemitismus, sondern Antizionismus wäre das Motiv gewesen. Indessen lässt sich eine solche Differenzierung hier wie in anderen Fällen gar nicht vornehmen. Auch in der auf den Antisemitismus bezogenen allgemeinen historischen Rückschau zeigt sich, dass Juden häufig in Kombination mit einem anderen Merkmal unterdrückt wurden. Folgt man etwa der Argumentationsweise von Mohr, so wären die Ausschreitungen gegen jüdische Bankhäuser eben nur Kapitalismuskritik. Denn die Gegner einer selbstkritischen Position innerhalb der RZ vertraten schon Sichtweisen, wonach sie jüdische Interessenvertreter für Israels Politik mit verantwortlich machten. So habe etwa Heinz Galinski eine wichtige Rolle gespielt „für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels“ (RZ, Die Hunde bellen, in: ID-Archiv (Hrsg.), Früchte des Zorns, Berlin 1993, Bd. 1, S. 193-195, hier S. 195).

Beachtung soll hier abschließend noch ein anderer Fall finden, worauf in dem einleitend erwähnten Interviewband mit früheren RZlern kurz eingegangen wird (vgl. S. 121): 1981 wurde Heinz-Herbert Karry, der damalige hessische Wirtschaftsminister, mit tödlicher Wirkung angeschossen. Ein Bekennerschreiben der RZ ging zwei Wochen später ein. Danach habe man Karry nur schwer verletzten, aber nicht töten wollen. Die Aktion sei, so die weitere Erläuterung, gegen sein Engagement im Kontext der Startbahn West und seine Wirtschaftspolitik gerichtet gewesen. In dem Interviewband bemerkt ein „Willi“ dazu: „Was damals aber überhaupt nicht bekannt war: Karry war Jude. Er hatte als junger Mann bei einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation gearbeitet und soziale Unterstützung von Jüdinnen und Juden, die nach Frankfurt zurück kamen, geleistet. Ein Angriff auf ihn, war auch deswegen fragwürdig“ (sic!) (S. 121). Indessen wusste man angesichts des bekannten Engagements für jüdische Gemeinden öffentlich sehr wohl um Karrys jüdische Religionszugehörigkeit.

Er war der erste bundesdeutsche Minister, der an den Folgen einer terroristischen Tat starb. Zunächst gingen die Ermittlungsbehörden übrigens davon aus, dass Neonazis möglicherweise die Verantwortlichen dafür gewesen seien. Warum sich die Attentäter nun ausgerechnet einen Juden als Opfer gesucht hatten, diese Frage ist bis in die Gegenwart hinein unbeantwortet geblieben. Karry taucht übrigens in Mohrs Namensverzeichnis nicht auf. Ansonsten ist hier noch von Bedeutung, dass in dem erwähnten Band die Interviewer selbstkritische Positionierungen zu antisemitischen Zusammenhängen gern verdrängen. Ein „Andy“ betont hier, Karry sei als Wirtschaftsminister angegriffen worden. Den Antisemitismus, den er für Entebbe sah, sieht er hier nicht. Da der Fall Karry bis heute nicht aufgeklärt ist, lassen sich hierzu nur Vermutungen anstellen. Dass aber ausgerechnet ein Jude der erste getötete Minister im Nachkriegsdeutschland war, ist doch eine Besonderheit und als solche Motivation für genauere Untersuchungen. Dies gilt auch für den Antisemitismus im Linksterrorismus.

Bild oben: Das alte Terminal des Flughafens Entebbe

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