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Sex, Tod, Hitler

Ein erster Aufschlag

Bei aller berechtigten und auch von mir in drei hier nachlesbaren Folgen forcierten Empörung über Putin und die ihm verfallenen (Pro-) Russen (neueste Zeichen: „Borodjanka“ und „Kramatorsk“): Es stünde meiner Meinung nach insbesondere nicht-jüdischen Deutschen und Österreichern anti-rechten und anti-antisemitischen Zuschnitts gut an (also mir!, was jetzt meint, dass ich Sie allein lasse mit der Rätselfrage, ob ich wohlmöglich Österreicher bin und von meinen Freunden Wurzel-Sepp geheißen werde), sich nun nicht billig entlasten zu wollen, deutlicher: Allein Auschwitz wegen scheint mir Hitler eine, in seiner eigenen menschenverachtenden Terminologie geredet, „Sonderbehandlung“ zu verdienen, ist er ohne Frage Führer, auch im Segment der übelsten Verbrecher*innen aller Zeiten im Staatsamt, meinetwegen vor Stalin und vor Putin.

Hilfreich, sich dessen zu erinnern, des Gleichen: des schrecklichen Gefolges im Segment der willigen Helfer Hitlers innezuwerden, ist vielleicht der folgende Auszug aus dem Schlusskapitel eines Buches, an dem ich gegenwärtig arbeite und das Ende Juni 2022 unter dem oben verwendeten Titel erscheinen wird. Wichtig vielleicht noch zum Verständnis des Folgenden: Das Buch handelt, gleichsam als Follow up zu meinem Buch „Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Eine Spurensuche“ (Karl Alber: Freiburg/München 2020), von der „Syphilis aller“. Wie ein Freund von mir witzelte. Nun, um etwas ehrlicher zu sein (Schleichwerbung ist mir an sich eher unangenehm und macht mich nervös): Mein neues Buch trägt den Untertitel: „Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen sowie deutschsprachigen Literatur (= Beiträge zur Literaturtheorie und Wissenspoetik“ (Universitätsverlag Winter GmbH: Heidelberg 2022). Mein Geheimtipp dabei, aber bitte keinem weitersagen: Alphonse Daudet, Arthur Schnitzler,  vor allem aber Honoré de Balzac, nebst Nietzsche natürlich.

Mit dem im Folgenden dargebotenen Auszug aus meinem neuen Buch sind wir ungefähr auf S. 320. Allein deswegen kann nicht alles auf Anhieb klar sein. Abgesehen von dem einen: Der Buchauszug, aus alter Sitte ist nicht-kursiviert und ohne Literaturhinweise.

Von Christian Niemeyer

Warum nicht gegen Ende eines Buches, das so sehr wie dieses der Absicht huldigt, Geschichte mittels Geschichten zu erklären, eine solche als Einführung zur Aufführung bringen, vielleicht zwei, zuerst diese hier, basierend auf einer andernorts (vgl. Niemeyer 2021a: 89, 91, 105) nachlesbaren Darstellung: Am 27. Mai 1940 sitzt der Pfarrer Josef Zilliken (1872-1942)[1] zusammen mit seinem gleichsinnigen Konfrater Johannes Schulz (1884-1942) auf der Terrasse des Gasthauses Waldfrieden bei Maria Laach, als Hermann Göring mit Gefolge die Terrasse betritt. Am gleichen Tag noch werden beide aufgrund von Görings Zorn über Respektlosigkeit – sie hatten ihn, ins Gespräch vertieft, ignoriert – ins KZ Buchenwald verbracht, später ins KZ Sachsenhausen sowie ins KZ Dachau, Pfarrerblock. Dort mussten sie mit erhobenem Arm an einer Figur vorbeigehen, die Göring symbolisieren sollte, und auf eine Schiefertafel hatten sie zu schreiben: „Jeder Deutsche ist verpflichtet, den Reichsmarschall zu grüßen.“ Zilliken, der noch als 70-jähriger Zwangsarbeit verrichten musste, ließ sich, nur noch Haut und Knochen, auf die Krankenstation bringen; von dort kam am 3. Oktober 1942 die Nachricht von seinem Tod mit der Diagnose: „Herz-Kreislauf-Versagen in Verbindung mit einer Lungentuberkulose.“ Zur gleichen Zeit verhungerte Schulz. Zillikens Urne wurde im November 1942 in seiner Heimatgemeinde bestattet, zuvor, im Oktober, geriet ein von 60 Geistlichen besuchtes Requiem unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in die Nähe eines NS-kritischen Ereignisses. Die katholische Kirche hat Zilliken als auch Schulz nach 1945 in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. (vgl. Ost 2005) Göring hingegen hatte sich im Juni 1940 gegenüber Hitler schenkelklopfend mit dieser Geschichte gebrüstet. Nachlesbar ist sie in Das Buch Hitler (vgl. Eberle / Uhl 2005: 123), ein erstmals 2005 veröffentlichtes Geheimdossier des NKWD für Stalin von 1948/49, basierend auf den Verhörprotokollen von Hitlers Kammerdiener Heinz Linge sowie seinem persönlichen Adjutanten Otto Günsche. Es gibt unverstellte Einblicke in Interna, darunter mehrfach beglaubigte Anekdoten, auch jene vom Sturmbannführer Kurt Meyer, der, um seinen von einem Splitter tödlich verletzten Hund zu rächen, „über 30 friedliche Bewohner zusammentreiben ließ, die er eigenhändig erschoss.“ (ebd.: 153)

Noch einmal, in Zeitlupe, konzentriert auf den Täter: Hermann Göring (1893-1946), aus Rosenheim. Kadett, Leutnant, 1918 Jagdflieger, 1920 Zivilpilot, Bekanntschaft mit Hitler, 1922 NSDAP, Hitler-Putsch 1923, verwundet, Flucht nach Österreich, Medikamentenabhängigkeit, Flucht nach Schweden, Aufenthalt in der Psychiatrie, Aufhebung Haftbefehl 1926, Wiedereintritt NSDAP 1928, MdR ab 1928, Reichstagspräsident ab 1932, Reichsminister für Luftfahrt ab 1933, Reichsmarschall 1940, 1.9.1939 Ernennung zum Hitler-Stellvertreter, in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt, gab nichts zu, hatte aber immerhin den Mut, aus Feigheit Suizid zu begehen. (vgl. Eberle/Uhl 2005: 557 f., 643; Knopp 2006) Ein junger Neu-Rechtsideologe namens Nils Wegner – und damit zum versprochenen zeitgenössischen Bezug dieser Geschichte – hatte 2017 ungeachtet von (Vor-) Geschichten wie dieser die von Gewissenlosigkeit, Dummheit wie Lesefaulheit umnebelte Frechheit, einer zentralen Göring-Ikone aus der NS-Zeit (vgl. Gengler 1934), dem WK-I-Jagdfliegerass und nachmaligen Freikorpskämpfer und Kapp-Putsch-Anhänger Rudolf Berthold, im AfD-nahen, vom Ex-Volker-Gerhardt-Schüler Erik Lehnert herausgegebenen Bd. 5 des Staatspolitischen Handbuchs aus dem rechtsradikalen Institut für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda einen Kranz zu flechten vom Typ unsung heroes (vgl. Wegner 2017: 155 f.), als habe es Bertholds Nähe zum Rathenau-Attentäter Ernst von Salomon nicht gegeben und damit auch nicht die daraus entspringende Nähe zu den Motiven im Fall des Mordes am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) am 1. Juni 2019 (vgl. hierzu Niemeyer 2021: 407 ff.)

  Die zweite Geschichte, kaum wenig gruselig, führt uns direkt hinein in das Thema dieses Abschnitts, mittels eines ganz kurzen Vorspiels: Am 1. Oktober 1930 verfasst Theodor Fritsch das Vorwort zur 30. Auflage seines damit im 82. Tausend stehenden Handbuch der Judenfrage, das 1887 als Antisemiten-Katechismus gestartet worden war, damals noch befeuert von Fritsch‘ durch Nietzsches Schwager Bernhard Förster genährten Hoffnung, Nietzsche könne vielleicht als Autor gekeilt werden. Auf Sand gebaut, diese Hoffnung. Im Übrigen: Nietzsche ist längst tot, nicht aber die ihm den Tod bringende Geschlechtskrankheit. Fritsch‘ Beitrag zu diesem Thema: Unter der Headline Die Macher der öffentlichen Meinung. Presse wird der „Verseuchung des deutschen Volkes“ durch das Judentum gedacht und, „in diesem Zusammenhang“ (Fritsch 301931: 301), der jüdischen Archivleitungen, als erstes: des Archiv für Dermatologie und Syphilis, geleitet von Josef Jadassohn (1863-1936) – nicht mehr lange, wie ich mir zu ergänzen erlaube: 1933 emigrierte dieser damals weltberühmte Professor für Dermatologie und Syphilidologie in die Schweiz, zumal er in Deutschland nichts mehr verlegt bekommt; drei Jahre später stirbt Jadassohn in Zürich – ein symbolischer Tod, der das nach 1933 im Dritten Reich allmähliche Aussterben dieses Fachgebiets anzeigt, darin auch: das Wissen um weniger aufwändige Lösungen des in Rede stehenden Problems, wie das nun folgende Hauptspiel zeigen soll.

Es stammt, der Idee für das Drehbuch nach, von Ingo Harms (2020), kam zur Aufführung in der Zeitschrift für Sozialpädagogik, und handelt vom Oldenburger Reichsstatthalter und NS-Gauleiter Carl Röver (1889-1942), den der (vormalige) neu-rechte Chefideologe Karlheinz Weißmann – zusammen mit Erik Lehnert Mitherausgeber einiger der insgesamt fünf Bände umfassenden Staatspolitischen Handbuchs des IfS – noch recht unverzagt als den Chef der ersten „allein von der NSDAP gestellten Regierung“ (Weißmann 1998: 311) meinte vorstellen zu dürfen. Ein anderer Superlativ scheint mir weit aufschlussreicher: Röver, der sich seine Syphilis vermutlich in den Nuller Jahren des 20. Jahrhunderts als Kolonialkaufmann in Kamerun eingefangen hatte, war zugleich wohl der erste Nazi, der öffentlich komplett aus der Rolle fiel – und plötzlich bei einer NS-Versammlung als Zeichen für das tertiäre Stadium (progressive Paralyse) seiner Syphilis die Partei und den Führer beschimpfte. Ein Fall übrigens ganz nach (damaligem) Lehrbuch, wie Rövers Parteigenosse Bodo Spiethoff 1936 notiert hatte für Fälle von Syphilis, bei denen schließlich doch noch das Gehirn ergriffen werde. Spiethoff:

 

Nach Jahren und oft Jahrzehnten des Wohlbefindens können bei Patienten, die sich nicht richtig haben ausheilen lassen, noch die sogenannten Nachkrankheiten auftreten, d.h. Zerstörungen im Zentralnervensystem […]. Weit schlimmer und gefährlicher ist, wenn das Gehirn ergriffen wird. Auch hier gibt es dann durch die Zersetzungsarbeit der Spirochäten geradezu Vernichtung ganzer Teile des Gehirns. Diese Krankheit beginnt manchmal langsam und schleichend […]. Die Krankheit kann aber auch plötzlich mit den allerschwersten Erscheinungen einsetzen. Wie aus heiterem Himmel heraus werden die Kranken plötzlich gewalttätig, bekommen Tobsuchts- und Zerstörungsanfälle oder auch tiefe Depressionen mit Weinkrämpfen. Die Krankheit geht fast immer, wenn auch gelegentlich mit kurzen Unterbrechungen, in tiefe Geistesverblödung und völlige Umnachtung über. Sie dauert meistens nur drei bis fünf Jahre und führt zum Tode.“ (Spiethoff 1936: 347 f.)

Nichts lässt darauf schließen, der Verfasser dieser Zeilen sei beim Schreiben auch nur von ferne von der Idee heimgesucht worden, er beschriebe hiermit Nietzsches Krankengeschichte bis hin zum Turiner Zusammenbruch vom Januar 1889 und dessen Folgen, vielleicht noch mit der Erläuterung, dass auch schon Fälle beobachtet worden seien, bei denen bis zum Tod noch elf Jahre vergingen. Der Grund für diese Scheuklappenmentalität liegt auf der Hand: Ein guter Nazi wie Spiethoff hielt sich selbstredend an das ungeschriebene und schließlich on Heinrich Härtle in einem NS-Schulungsbrief auf den Punkt gebrachte NS-Gesetz, unter keinen Umständen Zweifel aufkommen zu lassen an der geistigen Gesundheit des NS-Staatsphilosophen schlechthin, eben Nietzsche. So wie dies in besonders krasser Form zuvor, als Teil der insgesamt, via Theodor Fritsch (vgl. Niemeyer 2003), Nietzsche-skeptischen völkischen Bewegung, Karl Kynast (1925) getan hatte. Entsprechend verpönt war es, dieses Thema überhaupt anzusprechen – abzüglich von Nekrologen auf die zum Glück überwundene Zeit jüdisch motivierter ‚Seelenzerfaserung‘.

Wichtig des Weiteren, gleichsam zur anderen Seite hin: Hätte man Bodo Spiethoff damals darauf hingewiesen, seine eben gegebene Beschreibung eines Paralytikers werde vier Jahre später in Gestalt des NS-Gauleiters Carl Röver ein Paradefall zugeordnet, wäre ihm fraglos innegeworden, dass der NS-Syphiliskunde einer wichtigen Erwägung entbehre. Diese nämlich: Was macht man mit entsprechend erkrankten verdienten Parteigenossen? Das Procedere in der Charité vom Mai 1942 in diesem Fall offenbart: nichts, besser: kaum mehr als dasjenige in vergleichbaren Fällen, nur noch etwas zügiger und entschlossener. Soll sagen: Röver bekam, wie Ingo Harms überzeugend nachzeichnete, postwendend ‚Besuch‘ von Hitlers Leibarzt Karl Brandt (1904-1948) sowie dem Charité-Neurologen Maximiliane de Crinis (1889-1945). Beide zusammen, von Hitler mit einer Art Lizenz zum Töten ausgestattet, expedierten den randalierenden Syphilitiker Röver per Flugzeug und auf Führerbefehl in die Charité. Der Rest ist Schweigen nach Art der Nazis, wie schon anhand des Falles Zilliken aufgewiesen: Rövers Gattin erhielt einen Tag später, am 15. Mai 1942, ein Kondolenzschreiben des Inhalts, ihr Gatte sei leider einem Schlaganfall nach Lungenentzündung erlegen. Aus Gangstersprache übersetzt ins Hochdeutsche: Zu reden ist vom Mord in der Charité an Röver, ein Dutzendverbrechen im NS-System, und doch, nach humanen Maßstäben, ein Verbrechen sondergleichen, das mit Staatsbegräbnis und offiziell bekundeter Trauer des Führers ganz nach Art der Mafia verbrämt wurde.

Die Moral dieser Geschichte ist eine doppelte, die eine basiert auf einer einfachen Rechenaufgabe: Gesetzt, Nietzsche wäre so alt wie Carl Röver gewesen und hätte seinen geistigen Zusammenbruch in Turin am 8. Januar 1942 erlitten, um zehn Tage später von der Mutter von Basel nach Jena transferiert zu werden, in die dortige Irrenanstalt; angenommen des Weiteren, er hätte dort wüste Flüche ausgestoßen auf die Nazis nach Art seiner Deutschenverachtung aus Ecce homo – dann, so darf man als gewiss annehmen, wäre auch ihm ein Todesengel nach Art des Karl Brandt erschienen. Derselbe übrigens ausgestattet mit einer Vita, die, wie jene Görings, Schlottern macht: NSDAP (1932), SA (1933), SS (1934), „ab 1934 Hitlers chirurgischer Begleitarzt, 1939 mit Philipp Bouhler (1899-1945) Hitlers Euthanasiebevollmächtigter, verantwortlich für den Massenmord an Kranken“, seit Juli 1942 „Hitler direkt unterstellt, zuständig für die Koordination sämtlicher medizinischer Maßnahmen, insbesondere Forschung und Menschenversuche“ (Klee 2003: 70 f.) – schlechter als mit diesem Todesengel hätte es Röver also im Mai 1942 kaum treffen können und, kurz zuvor, auch nicht Nietzsche. Okay, eine Fiktion, denn Nietzsche war ja nun einmal nicht so alt wie Röver, sondern er genoss gleichsam den Schutz seiner frühen Geburt – sowie jenen seiner Schwester: Sie war es, die 1908 vorsorglich jene deutschfeindlichen Aussagen aus Ecce homo entsorgt hatte, die, im paralytischen Rausch angestimmt, Nietzsche, so alt wie Röber gedacht, zum Verhängnis hätten werden können.

Die zweite Lektion ist eine moralische, und wir wollen in sie praktischerweise auch gleich Brandt, de Crinis sowie Bouhler hineinnehmen, gesetzt, man hielte es nicht für normal, dass sich Todesengel aus Jux und Dollerei als Götter in Weiß verkleiden: Fünf Psychopathen stehen nun bereit, drei von ihnen subalterne, zwei andere führend, einer von diesen Primus, deswegen, wohl, damit man ihn nicht mit dem andere verwechsele, ‚der Führer‘ geheißen[2]. Was von diesen Figuren will man heutzutage wissen, außer: dass sie die mir jedenfalls naheliegende Variante auf Nietzsches Spruch aus AC 51, es stünde niemandem frei, Christ zu sein, vielmehr müssen man sich als krank genug dazu erweisen, zu aktualisieren erlauben? Dadurch, dass man das Wort „Nazi“ dort setzt, wo Nietzsche noch „Christ“ sagte! Mir jedenfalls, obgleich Sozialpädagoge und damit angeblich zum Helfen und Verstehen verdammt und deswegen über die Dauer dieses Buches hinweg mit Neugier und Anteilnahme anhand literarischer Texte einer Sozialpädagogik avant la lettre nachspürend, reicht es jetzt, ad Göring und Hitler gesprochen: Mir genügt, sie „Nazis“ zu nennen und dies fortan als Schimpfwort zum Gebrauch freizugeben, heiße sich dasselbe, um jetzt nur noch von Hitler zu reden, im Einzelnen aus wissenschaftlicher Sicht, etwa jener Erich Fromms (1974: 35 ff.), „Nekrophilie“ als Variante bösartiger Aggression, die an Toten und am Töten ihre Freude hat. Oder, so Volker Elis Pilgrim (2017; 2018; 2019) über vierzig Jahre nach Fromm, dahingehend, dass Hitler ein „Sexopath“ war, dem es ein besonderes Vergnügen war, jene zu töten, die, wie für Syphilitiker wohl zu unterstellen, anders als er konnten und gerne wollten. Dies erklärt zwar noch nicht das Agieren von Hitlers zahllosen willigen Helfern gerade aus dem Reich jener, die den Eid des Hippokrates sich unterworfen hatten und gleichwohl selbigen mit Füßen traten, mehrheitlich aus, wie anzunehmen ist, karrierestrategischen Erwägungen.

Hitler bleibt, so betrachtet, ein Sonderfall, was zugleich meint, um diesen leichten Punkt noch zu machen: Der Irrsinn der meisten von Hitlers Reden und Taten steht außer Frage. Sie, Wort wie Tat, deuten auf gänzlich fehlendes Gewissen hin, erlauben aber keinen Rückschluss auf eine Geisteskrankheit, was ihn, Hitler, außer Verantwortung setzte. Alle Versuche dieser Art müssen als gescheitert betrachtet werden (vgl. Armbruster/Theiss-Abendroth 2018), einschließlich des Bemühens eines Schulpsychologen, Hitlers Devianz als Geschichte eines lebenslangen Amoklaufs aufzubereiten. (vgl. Keller 2010) Das Einzige, was, im Vergleich dazu, eine gewisse Aufmerksamkeit beanspruchen darf, ist Hitlers rasanter Verfall. Anzunehmen ist, ungeachtet der peinlichen Unmutsgeste des allerneuesten Hitler-Biographen Volker Ullrich gegenüber „sensationsheischenden“ (Ullrich 2018: 590) neueren Thesen, Pervitin-Abusus, im Übrigen schon seit über dreißig Jahren im Gespräch (vgl. Lange-Eichbaum/Kurth 1992: 89), wohl durch Hitlers Leibarzt Theodor Morell zu verantworten und u.a. in Das Buch Hitler nachlesbar. Im Februar 1943, nach dem Fall Stalingrads, erreichte dieser Abusus einen neuen Höhepunkt, mitsamt der unübersehbaren Nebenwirkungen, die wir in ähnlicher Form von der Modedroge Crystal Meath – mit Pervitin verwandt – kennen. Ein Beispiel gibt der Suizid Erich Udets („Des Teufels General“), dessen Verfall der Göring-Biograph Guido Knopp mit dem Abusus von „Aufputschmitteln“ (Knopp 2006: 158) erklärte, ohne zu sagen, welchen: Pervitin (vgl. Härtel-Petri/Haupt 22015: 22) Der Verfall Udets ist jenem Hitlers komplementär – kein Thema für Volker Ullrich, der, wie gesehen, jenes des Letzteren banalisierte und den Verfall Udets ignorierte: Er hat „aus Verzweiflung über die Schwierigkeiten des Luftwaffenprogramms Selbstmord begangen“ (Ullrich 2018: 247) – Basta! Mehr war da nicht? Auch nicht in Sachen des Syphilitikers Carl Röver? „Am 15. Mai 1942 starb in Oldenburg der Gauleiter von Weser-Ems, Carl Röver. Hitler ordnete einen Staatsakt im Mosaiksaal der Neuen Reichskanzlei an“, lesen wir bei unserem Hitler-Biographen (ebd.: 345), als handle es sich bei Hitler nicht etwa um den eigentlichen Verantwortlichen für den Mord an Röver, sondern um einen Gentleman, der weiß, was sich beim plötzlichen Tod eines verdienten Mitarbeiters gehört. Kaum weniger auffällig: Ullrichs Komplettschweigen in puncto Nietzsche unter Einschluss von Thomas Manns Doktor Faustus (1947) – als sei die Frage nach den weltanschaulichen Grundlagen der Nazis sowie die in diesem Zusammenhang interessierende Frage, ob es einer Nazifizierung Nietzsches a) bedurft hätte sowie b) gab, inzwischen eine nebensächliche Offenbar ebenso nebensächlich wie die für Carl Zuckmayer – kein Name für Ullrich – noch wichtige Beobachtung ad Udet, wonach aus dem charmanten und galanten Jagdfliegerass des Ersten Weltkriegs im Herbst 1940 ein völlig desolater Typ geworden war: „Bleich, aufgedunsen und ungepflegt, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Udet verfiel zusehends.“ (Knopp 2006: 158) Ähnlich lesen wir zu Hitler (allerdings nicht bei Ullrich!), als Zeichen für den Ausschlag des Pervitin-Abusus ins Paranoid-Verschwörerideologische hinein:

Die Anfälle nervöser Gereiztheit nahmen zu. Bald schien es Hitler, sein Kragen sei zu eng und hemme den Blutkreislauf, bald waren ihm die Hosen zu lang. Er klagte über Hautjucken. Überall – im Spülwasser der Toilette, in der Seife, in der Rasiercreme oder in der Zahnpasta – vermutete er Gift und forderte genaue Analysen. Auch das Wasser, mit dem sein Essen gekocht wurde, musste untersucht werden. H. kaute an den Fingernägeln, kratzte sich Ohren und Nacken blutig. (Eberle/Uhl 2005: 187)

Nicht vergessen sei der diagnostisch wichtige Hinweis, dass Hitler die Temperatur in seinen Räumen auf 12° herunterregulieren ließ – eine völlig rationale Haltung, wenn man die Reduzierung des Kälteempfindens durch Pervitin in Rechnung stellt. Was denn auch Hitlers Wohlempfinden in seiner unwirtlichen, mitten im ostpolnischen Wald gelegenen ‚Wolfsschanze‘ erklären könnte. (vgl. Ohler 2015: 153) Eineinhalb Jahre nach diesem Dokument aus der Zeit zu Beginn des Unternehmens Barbarossa waren die Folgen dieser Lebensweise unübersehbar:

Hitler sah alt und müde aus. Sein Haar war grau geworden. Er ging gebeugt und zog die Beine nach. Er war ungewöhnlich nervös und unruhig, brauste noch schneller auf als sonst und traf widersprüchliche Entschlüsse.“ (Eberle/Uhl 2005: 349)

Dass Hitler nach wie vor Anhänger findet oder jedenfalls doch Interpreten wie den vormaligen Intimus von Alfred Dregger (CDU), Alexander Gauland (AfD), der von Hitlers Hinterlassenschaft als „Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ (SP Nr. 25/16.6.2018: 121) zu reden wagte, ist unfassbar. Zu denken ist in diesem Zusammenhang auch an Gaulands Parteigenossen Björn Höcke, der 2017 gegenüber dem Wall Street Journal monierte, „dass man Hitler [in Deutschland] als das absolut böse darstellt.“ (zit. n. SP Nr. 44/27.10.2018: 28) Heißt: Durch ein positiveres Hitler-Bild und einen dem korrespondierenden Geschichtsrevisionismus zu einem neuen großen Deutschland als Effekt einer „erinnerungspolitischen Wende um 180°“ (Höcke) – so das Programm einer im Deutschen Bundestag vertretenen Partei.

Dieser Mär gilt es entgegenzutreten: Hitler war, zusammen mit Stalin, verantwortlich für den II. Weltkrieg; im Ferneren verantwortete er als Oberster Kriegsherr („Gröfaz“) die meisten der in seinem Verlauf getroffenen, zumeist falschen Entscheidungen, mit der Folge von insgesamt gut vierzig Millionen Toten. Mehr als dies: Hitler kündigte im Januar 1939 im Reichstag für den Kriegsfall „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ (zit. n. Kellerhoff 2015: 256) an, hatte, in Mein Kampf (1925/26), der Vision Ausdruck gegeben, „zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal 12 000 oder 15 000 dieser hebräischen Volksverderber […] unter Giftgas gehalten“, also „zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht eine Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet“ (ebd.: 255) – kurz: Hitler trug Verantwortung, wenn auch wohl nicht informiert über alle Details der Planung, auch für den auf Visionen wie diesen aufbauenden Holocaust mit mehr als 6 Millionen Toten.  Angesichts der gigantischen Dimensionen dieser Verbrechen sei hier nochmals die Jämmerlichkeit Hitlers betont, die ihren klarsten Ausdruck findet im larmoyanten Ton, mit dem er seinen Suizid orchestrierte, etwa in Weisung Nr. 75 vom 15. April 1945, in welcher er im Fall der Niederlage das Schicksal der Besiegten weissagt („Während die alten Männer und Kinder ermordet werden, werden Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren erniedrigt. Der Rest marschiert nach Sibirien!“), um zu enden mit einem Satz, den man wohl als Eingeständnis lesen darf. Hitler nämlich schreibt: „Im Augenblick, in dem das Schicksal den größten Kriegsverbrecher aller Zeiten dieser Erde weggenommen hat, wird sich die Wende dieses Krieges entscheiden“ (zit. n. Hubatsch 21983: 311) – und gibt damit zu, dass er eben dies war: der „größte Kriegsverbrecher aller Zeiten“, und nichts außerdem, dies auch im Blick auf seine Untaten ab 1939, als man die Krankenhäuser für die Kriegsbeschädigten benötigte und die in zureichender Anzahl verfügbaren „willigen Helfer“ unter den Ärztinnen und Ärzten die benötigten Betten gleichsam frei spritzen, unter Leitung des oben im Zusammenhang des Mordes an Carl Röver bereits erwähnten Karl Brandt, eine Zeitlang Hitlers Begleitarzt, und im Rahmen der Aktion T4 todbringend tätig. (vgl. Niemeyer 2021: 383 ff.)

Angelegt waren Maßnahmen wie diese schon in Hitlers Mein Kampf (1925/26). Die „Versyphilitisierung des Volkskörpers“ sei bedingt durch „Prostituierung der Liebe“ (Hitler 361933: 269 ff.) und werde vor allem von Juden unters (deutsche) Volk gebracht (vgl. Gilman 1993/94: 102 ff.; Henschel 2008), lesen wir hier, deutlicher: las der jüdische Freud-, Marx- wie Nietzsche-Schüler Erich Fromm hier – und kommentierte, die Syphilis stelle keine Bedrohung „in dem Ausmaß dar, wie Hitler behauptete. Aber es handelt sich dabei um die typische Phantasie eines Nekrophilen: die Angst vor Schmutz und Gift und vor der Gefahr sich anzustecken.“ Dem folgte, als Resümee dessen, der, in Frankfurt a. M. als Sohn eines Rabbiners geboren worden war, 1934 in die USA emigrierte, um schließlich in Mexiko als Professor (1951-1965) zu reüssieren (vgl. NLex2 [Otte]: 177 f.):

Höchstwahrscheinlich war Hitlers Haß gegen die Juden in diesem Komplex verwurzelt: ein Haß gegen die Juden als Fremdlinge. Fremde sind giftig (wie die Syphilis), deshalb müssen Fremde ausgerottet werden. Daß die Juden nicht nur das Blut, sondern auch die Seele vergiften, war nur eine Ausweitung der ursprünglichen Vorstellung. (Fromm 1974: 363)

Vor diesem Hintergrund ist die von Volker Elis Pilgrim (2017: 603) gestellte (und verneinte) Frage, ob Hitler Syphilis hatte[3], zweitrangig und führt in spekulative Bereiche – anders als Fromms von Pilgrim ignorierte[4] Diagnose: ‚Nekrophilie‘, verstanden als Variante bösartiger Aggression, die an Toten und am Töten ihre Freude hat, wie Fromm anhand zahlloser Dokumente als Hitlers Problem auszuweisen vermag. (vgl. Fromm 1974: 360 ff.) Herausragend dabei: Ein erstmals 1969 publizierter Traum Albert Speers über seinen vormaligen Chef vom 13. September 1962 (vgl. Speer 1975: 557 f.). Ihn nämlich deutete Fromm, was den auf Hitler bezüglichen Teil[5] angeht, dahingehend, dass Speer in Hitler nun einen Menschen sah, „der seine ganze Zeit darauf verwendet, dem Tod zu huldigen, aber auf merkwürdige Art ist sein Tun völlig mechanisch, und für Gefühle bleibt dabei kein Raum.“ (Fromm 1974: 303) Ähnlich verhält es sich, so Fromm, mit dem zweiten Psychopathen im Führungsteam der Nazis, Heinrich Himmler (1900-1945)[6], gleichfalls vom Typus ‚bösartige Aggression‘, aber nicht der Unterform ‚Nekrophilie‘ zurechenbar, sondern jener mit den Vokabeln ‚Grausamkeit und Destruktivität‘ zu umschreibenden (ebd.: 271 ff.), der auch Stalin zugehöre (ebd.: 258 ff.). Belassen wir es bei diesen Hinweisen unter Konzentration auf jenen zu Hitler und ergänzt um den Hinweis des führenden Psychiaters der NS-Zeit, Oswald Bumke (1877-1950), wonach bei hypochondrisch Veranlagten „die Symptome, die nach der Meinung des Kranken die Lues, die Tabes oder die Paralyse anzeigen könnten, […] im Mittelpunkt all seiner Gedanken [stehen].“ (Bumke 61944: 177) Eine in aller Unschuld dahingesprochene Erwägung – obgleich sie, dies ihre Sprengkraft, die Fälle Hitler und Nietzsche wunderbar schlüssig unter einem Hut zu subsumieren erlaubt: Hitler, wohl eher kein Syhilitiker, aber extrem sypholophob und nekrophil; sowie Nietzsche, der ausgesprochen hypochondrisch veranlagte Syphilitiker. Beider Unterschied: Hitler, den Psychopathen, drängte es zur Tat; Nietzsche, dem Geistesmenchen, stand nur das Wort zur Verfügung, über welches er im Nachgang derart erschrak, dass er es nicht – gemeint ist seine über fünf lange Jahre hinweg gesammelten Aufzeichnungen zu Der Wille zur Macht (vgl. Niemeyer 2013a) – mit seinem „Imprimatur!“ zu versehen sich getraute.

Gesetzt nun, Nietzsche wäre – Thomas Mann hat dies bei seinem Nietzsche, Adrian Leverkühn, nicht zureichend bedacht – eine Generation jünger gewesen, etwa so alt wie Carl Röver, und er wäre zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Erbgesundheitsgesetzes in der Irrenanstalt Jena verwahrt worden: dann jedenfalls hätte man ihn ohne zuvor stattgehabte Zwangssterilisation nicht in häusliche Pflege via Naumburg entlassen. Der Gesetzeskommentator Oswald Bumkes ist zwar in dieser Frage uneindeutig. Vergleichsweise gemütlich merkte dieser zum Stichwort ‚Syphilitiker‘ an:

Von ihnen wissen wir, daß sie in einem gewissen, freilich nicht kurzen Abstand von der Infektion ihrer Krankheit gewöhnlich nicht mehr übertragen. Daß der Kranke selbst darum noch eine Paralyse bekommen kann, versteht sich von selbst. Eine Gefahr für die Nachkommenschaft bedeutet er in diesem Stadium aber gewöhnlich nicht mehr.“ (Bumke 61944: 131)

Indes: Ungeachtet dieses Einwandes, den wir angesichts der oft als Oberschichten-Krankheit rubrizierten Syphilis und verglichen mit Bumkes harscher Haltung gegenüber etwa „Säufern“, die „beinahe immer schon von Haus aus minderwertig sind“ (ebd.: 130)[7], gerne als Zeichen lesen würden für einen schichtenbezüglichen, also soziologisch zu erklärenden Bonus, zog die Zwangssterilisationsmaschine unbarmherzig ihre Spur mit der unmittelbaren Folge von Hunderttausenden von zeugungsunfähig Gemachten mit nachfolgender Euthanasie auch für Syphilitiker (vgl. Schonlau 2005: 117 ff.). Details der nun um sich greifenden und gegenüber Verwandten nach der ‚Methode Röver‘ vollzogenen schrecklichen Patientenmorde seien dem Leser hier erspart (vgl. Niemeyer 2020: 496 ff.), zugunsten eines wichtigen Lehrsatzes:

„Der Krieg wurde nicht geführt und die Juden wurden nicht vernichtet, weil Hitler krank war, sondern weil die meisten Deutschen seine Überzeugungen teilten, ihn zu ihrem Führer machten und ihm folgten.“ (Neumann/Eberle 2009: 296)

Damit scheint mir die Aufgabe ad Putin recht gut bestimmbar: Auch sein Krieg gegen die Ukraine wurde nicht geführt und Kriegsverbrechen dort nicht begangen, weil der Chef womöglich krank ist und lebensüberdrüssig oder beispielsweise, an Nekrophilie à la Erich Fromm leidet, sondern weil die meisten Russen seine Überzeugungen teilten, ihn zu ihrem Führer machten und ihm folgten. Anstatt, beispielsweise, Alex Nawalny. Einverstanden: Diese Option wurde propagandistisch vernebelt durch eine ‚Lügenpresse‘ à la Goebbels. Aber dies ist kein Faktor, der die auf Russland zurollende Kollektivschuldthese vom Grundsätzlichen her abwenden helfen dürfte. Ebenso wenig wie jene Teilschuldthese, die auf Deutsche zulaufen dürfte, die heute noch ihrer Verachtung Dritter aus dem SPD-Lager so sicher zu sein scheinen wie sonst nur der Sand in der Wüst[e] oder der Bauer seiner Pferdchen im Merz.  

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer. niem.ch2020@outlook.de

Bild oben: Portät Friedrich Nietzsches, 1882; Das zugrunde liegende Original stammt aus einer Serie von 5 Profilfotographien des Naumburger Fotographen Gustav-Adolf Schultze, Anfang September 1882.

[1] Priesterweihe 1898, Pfarrer, zuletzt (ab 1922) in Prüm, dort auch Dechant, später Bistum Trier, dreimonatige Gefängnisstrafe (zur Bewährung) wg. Beleidigung von Alfred Rosenberg in der Silvesterpredigt 1934, Gesuch um Versetzung nach Wassenach (ab Dezember 1937), um die Prümer Gemeinde vor NS-Verfolgung zu schützen, dort weiteres Aufbegehren mit Gestapo-Verhören und Strafbefehlen. (vgl. Niemeyer 2021a: 91)
[2] Es verdient bei dieser Zählweise vermerkt zu werden, dass ich Nils Wegner aus dieser Rechnung herausgenommen habe und bereit bin, ihn bei entsprechender Einsicht analog jener Jörg Meuthens nur einen ‚dummen Jungen‘ zu heißen.
[3] Als Fund brachte er ein, dass Hitlers mutmaßlicher Arzt in Sachen seiner WK-I-Kriegspsychose, Edmund Forster, bevorzugt über Gehirn-Syphilis forschte und ihm damalige Charité-Studien über „die Rückbildung der Geschlechtsorgane und Geschlechtsmerkmale bei einem an Syphilis erkrankten Mann“ (Pilgrim 2019: 70) nicht unbekannt geblieben sein dürften. Eine indes rein akademische Debatte angesichts der auch von Pilgrim nicht verfochtenen These, Hitler sei Syphilitiker gewesen.
[4] Pilgrim (2017; 2018; 2019), der über vierzig Jahre nach Fromm geltend zu machen suchte, dass Hitler ein „Sexopath“ war, dem es ein besonderes Vergnügen gewesen sei, jene zu töten, die, wie für Syphilitiker wohl zu unterstellen, anders als er konnten und gerne wollten, erwähnt Fromm nur am Rande und sein hier in Rede stehendes Buch im entscheidenden, der „Lust am Töten“ gewidmeten Band seiner Trilogie (Pilgrim 2018) noch nicht einmal dem Titel nach.
[5] Zum Traumanfang, handelnd von Speer als Staatsminister unter Hitler und „ein sehr aktiver Mensch […], der die Dinge selber in die Hand nahm“, vermerkt Fromm: „Vielleicht ist der Schmutz, den er wegfegt, ein symbolischer Ausdruck für den Schmutz des Naziregimes, und seine Unfähigkeit, seinen Arm in den Jackenärmel hineinzubekommen, ist höchstwahrscheinlich symbolischer Ausdruck für sein Gefühl, bei diesem System nicht mehr mitmachen zu können; dies bildet den Übergang zum Hauptteil des Traums, in dem er erkennt, daß nichts übriggeblieben ist als die Toten und ein nekrophiler, mechanischer, langweiliger Hitler.“ (Fromm 1974: 303)
[6] Dessen Masseur Himmlers Meinung kolportierte, Hitler leide an progressiver Paralyse – eine Meinung, die nach Redlich, sollte sie zuverlässig erinnert worden sein, eher etwas aussagt über Himmlers Ambitionen denn über Hitlers Geschlechtskrankheit. (Redlich 2016 [1998]: 274)
[7] In Relation gesprochen zu dem Umstand, dass Bumke allen Aspekten dieses Gesetzes, auch jenen die Zwangssterilisation im Fall von Alkoholismus betreffenden, zuzustimmen vermochte, Letzteres mit dem Hinweis, dass „die Trinker, denen gegenüber bisher jede sonstige Form des Zwanges […] beinahe nichts ausgerichtet hat, wenigstens daran verhindert werden, Kinder zu erzeugen, sie durch ein zerrüttetes Familienleben zu quälen und durch ihr Beispiel zu verderben.“ (Bumke 61944: 130)