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Das Kupferhaus in Haifa

Angekommen bin ich im legendären Kupferhaus in Haifa. Subtropische blühende Bäume und Hecken empfangen mich in allen Farben, die Rosen sind schöner denn je. Der Enkel des Erbauers des Hauses, kommt die Treppe herunter.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Haifa im Mai 2022
für Christian, der mir vor zwölf Jahren über die Kupferhäuser in Israel erzählte und Material in die Hand drückte

Gabriel Bach starb vor drei Monaten in Jerusalem und ich erinnere mich, dass er 1961 als junger stellvertretender Chefankläger das Verfahren gegen den Massenmörder Adolf Eichmann übernahm und durch diesen Prozess weltweit bekannt wurde. Der damalige Justizminister Israels Dr. Pinchas Rosen beauftragte ihn damit. Pinchas Rosen, geboren als Felix Rosenblüth, stammte aus dem Messingwerk bei Eberswalde. Ich erinnerte mich auch daran, dass Bachs Vater Victor Bach aus Halberstadt in den 1930er Jahren Generaldirektor der Eberswalder Kupferfabrik in Berlin war und 1938 mit der Familie nach Amsterdam ging und 1940 vor den Nazis nach Palästina flüchtete.

Dr. Hermann Tuchler aus Breslau spürt ebenfalls, dass die Zukunft für jüdische Bürger  in Deutschland täglich schwieriger wird und kauft für sich und seine Familie ein Kupferhaus bei den Hirsch-Kupfer- und Messingwerken (HMK) im märkischen Eberswalde. Das Haus soll das neue Zuhause der Tuchlers werden. Grund und Boden wird nach der Einreise auf dem Carmel in Haifa ausgesucht und gekauft. Das zusammengelegte Kupferhaus ist bereits in Haifa mit dem Schiff angekommen, liegt zum Aufbau im Hafen bereit. Auf dem ausgesuchten Areal muss das Haus Platz finden und fast fertig ist der Gedanke vom zukünftigen Zuhause im Wüstenland, doch Querelen folgen.

Dr. Tuchler ist Rechtsanwalt und Wirtschaftsberater im Deutschen Reich in Schlesien. Die Not der Juden in den 1930er Jahren ist erkennbar und wächst täglich. Der neue Reichskanzler Adolf Hitler fackelt nicht mit ihnen, enthebt sie von ihren Ämtern und nimmt ihnen ihre Rechte und ihre gesamte Existenz. Nicht alle jüdischen Familien können ins Ausland fliehen, andere wollen in der Heimat an ihrem angestammten Platz bleiben. Als der Terror gegen die Bürger unerträglich wird, ist eine Ausreise unmöglich geworden. 1939 beginnt der 2. Weltkrieg, Länder werden vom Naziregime überfallen, die Menschen ermordet, ausgelöscht die jüdische Kultur. 1933 besteigen die Tuchlers das Schiff in Genua und die fünfköpfige Familie erreicht den Hafen von Haifa, ist im Land König Davids, im Land der Pioniere und Zionisten angekommen. Andere Familienmitglieder retten sich nach Nord- und Südamerika, die Zurückgebliebenen werden in den Gaskammern ermordet.

Die Firma Hirsch Kupfer- und Messingwerke (HMK) in Eberswalde bei Berlin entwirft die moderne Architektur, ein Fertighaus aus Kupfer soll es sein, ein Angebot seit 1929. Der Architekt Walter Gropius ist eine Zeitlang dabei und entwickelt ebenfalls Ideen für das HMK. Das Kupferhaus ist wetterbeständig und soll den Bewohnern in heißen Ländern Kühle spenden. Praktisch sollen diese Häuser sein, zusammengeklappt auf dem Schiff nach Palästina oder andere Länder  gebracht werden. Einfach soll der Aufbau in der neuen Heimat sein, im  Handumdrehen sozusagen. Nicht nur für Palästina wird das Haus konzipiert, auch für andere tropische und subtropische Länder. Selbst in Berlin werden einige gekauft und aufgestellt, noch heute stehen sie wetterfest auf dem Berliner Sandboden. Ein robustes Kupfermärchen ist erdacht. Verschiedene Modelle in verschiedenen Größen mit unterschiedlichen lockenden  Namen, wie „Eigenscholle“, „Frühligstraum“ und „Sonnnnschein, „Juwel“ und gar „Kupfermärchen“  werden angeboten,  das repräsentativste und größte ist das „Kupfercastell“, für jeden etwas, vor allem für das Portemonnai und für die Zionisten, die das Deutsche Reich in Richtung Palästina verlassen wollen. Der mittelständische Bürger, auch der Arbeiter, sollen davon profitieren. Eingebaute Schränke, eingebaute Bäder und WC, Muster und Farben für die Innenwände sind der Hit. Ein wahrer Rausch erfasst das Hirschunternehmen. Ganze Siedlungen werden gedanklich von der Firma Hirsch bereits in verschiedenen Kontinenten aufgebaut. Zur Internationalen  Kolonialausstellung in Paris 1931 kommt die halbe Welt und das „Kupfercastell“ von Firma Hirsch wird mit dem Grand Prix ausgezeichnet.

Die Buntmetallfabrik der Familie Hirsch in Eberswald ist der größte Konzern dieser Art in Europa. Der Kupferhausbau ist eine neue Idee , große Pläne für die gesamte Welt hat die Firma. Die Familien- und Aufstiegsgeschichte der Jüdischen Familie von Aron Hirsch ist eine  eigene, eine ganz besondere.  1783 wird Aron in Halberstadt geboren, wird Kaufmann und übernimmt vom Schwiegervater Joseph Goslar zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine kleine Altmetallhandlung.  Aus einer kleinen Altmetallhandlung in Halberstadt entsteht ein Konzern, der durch die Ideen und den Fleiß des Sohnes nach dem Tod des Vaters in die ganze Welt expandiert und bekommt den Namen Aron Hirsch & Sohn. Wegen der unterschiedlichen Judenedikte in den Städten ziehen sie von Halberstadt, nördlich des Harzes,  nach Eberswalde in die Mark Brandenburg ins Preußische.  Jüdische Bewohner der Gegend bekommen gute Arbeitsplätze, werden zusammen eine große Familie, das tägliche koschere Mittagessen kommt hinzu, am Schabbat wird nicht gearbeitet, kranke Arbeiter werden finanziell unterstützt, begabte Kinder zur Weiterbildung auf Schulen geschickt. In Messingwerk bei Eberswalde entstehen Arbeiterwohnungen.  Das Gelände für den Weissenseer Jüdischen Friedhof wird erworben. Soziales Engagement und wohltätige Zwecke in der bürgerlichen Gesellschaft gehören selbstverständlich dazu.

Söhne und Brüder, Neffen und Enkel, auch ein Schwiegersohn, steigen in die Erfolgsgeschichte in den verschiedenen Generationen ein, Niederlassungen entstehen weltweit. Aktivitäten werden aufgeteilt und ausgegliedert, auch ein neuer Name entsteht „HKM“, exklusive Geschäftsräume in der Reichshauptstadt in Charlottenburg errichtet und Victor Bach aus Halberstadt steigt zum  Generaldirektor auf.

Zur Elite Berlins gehört die jüdische Familie Hirsch in der Zwischenzeit, der Titel Kommerzienrat  wird vom Kaiser einem Mitglied verliehen. Die „Judenemanzipation“ hat auch Gegner. Die Gesellschaft bleibt antisemitisch, von „gleichberechtigt“ kann kaum die Rede sein.

Der Krieg, die Weltwirtschaftskrise und andere politische Ereignisse schwächen auch die Hirsch Kupfer & Metallwerke, doch die Idee mit dem Kupferhaus wird nicht aufgegeben, die Abteilung entsteht 1929. Tochterfirmen gehen pleite, müssen Konkurs anmelden. 1932 bereits ist die Erfolgsgeschichte der HKM (Hirsch Kupfer-und Messingswerke) nach 130 Jahren beendet. Doch die Kupferhausidee bleibt bestehen, die neue Firma wird 1932 gegründet. 200.000 Juden kommen 1938 bereits nach Palästina,  Wohnungen gibt es keine. Großsiedlungen aus Kupfer sollen geschaffen werden, doch die Jewish Agency for Palestine hat keine positiven Nachrichten in Palästina eingeholt. Das Reichswirtschaftsministerium mit neuen Devisenverordnungen, Reichsfluchtsteuer, etc. erschwert die Einreise nach Palästina, auch die Jewish Agency for Palestine hat ebenfalls  Forderungen und bewertet diese Häuser negativ, im Land selbst wird Konkurrenz gewittert. Seit 1934 darf Kupfer nicht mehr für private Zwecke verwendet werden (Erlass der Reichsregierung).1938  wird die HKM endgültig von der AEG übernommen (Arisierung), das jüdische Unternehmen gibt es nicht mehr. Die Familienmitglieder flüchten nach Palästina, Ägypten, in die USA und in die Schweiz, der letzte Aron Hirsch wird im Konzentrationslager 1942 ermordet, seine Frau nimmt sich vor der Deportation das Leben.

In Ahuza auf dem Carmel wird das architektonische Wunder mit dem Namen „Jerusalem“ am Hang aufgestellt, der Blick aufs Mittelmeer ist  grandios. Die neue Heimat der Familie Tuchler in Kupfer im Wüstenland. Der Carmel, einer der hundert Hügel in Haifa, fast unbewohnt in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ankommende Einwanderer, damals fast alle aus dem deutschsprachigen europäischen Raum, bringen ihr Hab  und Gut aus Europa mit und lassen sich Häuser im modernen „Bauhausstil“, ein wenig mit arabischen Rundungen, bauen. Das Kupferhaus passt dazu. Modern ist die Idee, eine architektonische Revolution sowieso. Die Jeckes mit ihrer deutschen Sprache haben sich auf dem Carmel niedergelassen,  noch Jahre  wird diese Sprache zu hören sein. Die Zeiten ändern sich, die Sprachen ebenso. Die damaligen Einwanderer haben diese Welt und den Carmel verlassen.

Wer die Moriya Ave und die Horev Str. entlang geht und rechts und links in die Seitenstraßen blickt erkennt die Gebäude der Moderne aus den 20er und 30er Jahren, oft in einem miserablen Zustand nach einhundert Jahren.

Dr. Hermann Tuchler kann in Palästina, dem späterem Israel nicht in seinem studierten  juristischen Beruf arbeiten. Eine völlig neue Arbeitswelt wird es werden. Die Nahariah Small Holding Ltd. wird gegründet, ein landwirtschaftlicher Siedlungsplan entsteht, eine rein privatwirtschaftliche Aufgabe. Nördlich von Akko ist Landwirtschaft und Hühnerzucht  das Tagesgeschäft. Akademiker werden nicht gebraucht, doch Bauern, die Land bestellen können, propagiert Chaim Weizmann. Der landwirtschaftliche Aufbau entpuppt sich als Fehlentscheidung. Als Mitbegründer, Siedler und Aktionär von Naharia beschreibt Hermann Tuchler die Situation. Mit seiner Familie  zieht er zurück nach Haifa.

Zusammen mit seiner Frau Nanni betreibt Hermann Tuchler dann einige Jahre die  „Pension Tuchler“,  im Kupferhaus auf dem Carmel, die Einnahmen sind karg. 1952 erhält Dr. jur. Hermann Tuchler seine Anwaltslizenz von der Bundesrepublik Deutschland zurück, zieht mit seiner Frau 1957 nach Berlin und übernimmt Wiedergutmachungsverfahren für israelische Bürger. 1963 stirbt er in Berlin und wird auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße beerdigt.

Auch das Tuchlersche Kupferhaus hat in all den Jahren sein Äußeres verändert. In den Steinmauern ächzt das Alter. Das Salz des Meeres frisst sich  in das Kupfer des Hauses, das helle Licht an der levantinischen Küste lässt es dunkler erscheinen, auch An- und Umbauten verändern das Grundprinzip der architektonischen Idee von damals, die Idee der 30er Jahre.

Gaza

Hernieder auf ein endlos Gartenmeer,
Herab auf Orchideen- und Kaktushegen
Blickt der El Muntar mild mit Vatersegen,
Weht rosendüftend sanft der Zephir her.

Im Mittagsstrahl erglänzen der Moscheen
Gewölbte Kuppeln, die vergoldet blinken
Und freundlich müden Wandrern gegenwinken,
Ein schattig Ruheplätzchen zu erspähen.

Hier hört man fremder Zungen seltne Weisen.
Man schaut ein ruhlos Hasten, ruhlos Jagen;
Lastträger eilen, Händler Waren preisen.

Und lange Züge staub’ger Karawanen
Durch Gazas weite Straßen südwärts ziehen
Nach Syriens fernen fruchtbaren Plantanen.

(aus Klänge der Wehmut – Ein Immortellenkranz für Herzls Grab. Gedichte von Hermann Tuchler, Berlin 1916, Druck von H. Scherokosz in Berlin O.27.)

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Interessierte, die mehr und gut über die Kupferhäuser informiert werden möchten, sollten  das Suhrkamp Taschenbuch „Heimatcontainer – Deutsche Fertighäuser in Israel“  von Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer lesen.