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„Ein ungemein malerisches Ansehen“ – Kyiv/Kiew um 1900

Als die ukrainische Metropole im Frühjahr 2022 im Feuer explodierender Granaten und einschlagender Raketen unterzugehen drohte, erwachte bei vielen Menschen im Westen das Interesse am, bis dahin nur marginal beachteten, Land Ukraine. Ganz konsequent reagierte der Buchmarkt mit zahlreichen Neuauflagen bewährter Werke und mit sogenannten „Schnellschüssen“. Auch der Autor möchte sich diesem Trend nicht verschließen und bietet seinen Lesern einen Blick auf die Stadt Kyiv/Kiew zur Zeit ihrer Blüte an.

Von Robert Schlickewitz

Herangezogen wurden zwei Einträge aus einem, inzwischen historischen, deutschen Nachschlagewerk von 1897, die auch bescheidene Einblicke in das jüdische Leben der Stadt und ihres Umlandes zulassen.

Deutsche sind, sofern sie über die nötigen Kenntnisse verfügen, gerne stolz auf ihre nationale Lexikonkultur. Dass es diesen ganz besonderen Stolz durchaus zu relativieren und zu hinterfragen gilt, hat der Autor auf dieser Plattform bereits mehrfach aufgezeigt, besonders anschaulich am Beitrag zu den Juden-Komposita im deutschen Lexikon.

Denn deutsche Enzyklopädien des 19. und des 20. Jahrhunderts waren selten frei von nationalistischen, antisemitischen, antiziganistischen und rassistischen Positionen.

Entsprechendes trifft bedauerlicherweise auch für den Eintrag Gouvernement Kiew des Meyer Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Leipzig und Wien 1897 zu, der unten, leicht gekürzt, gemeinsam mit dem Eintrag Stadt Kiew wiedergegeben wird.

Das deutsche Renommier-Nachschlagewerk gibt Informationen zu jüdischem Leben im Gouvernement Kiew und in der Stadt Kiew wertfrei wieder, mit einer Ausnahme, nämlich der Feststellung: „Der Handel befindet sich gänzlich in den Händen der sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung.“ –  Das Attribut „sehr zahlreichen“ steht hier in gewissem Widerspruch zur zuvor gemachten, demografischen Angabe „gegen 11 Proz. Juden“. „Sehr zahlreichen“ ist somit keine objektive Aussage, sondern eine subjektive Wertung, die einer bestimmten, im 19. und 20. Jahrhundert im überwiegend christlichen Deutschland weit verbreiteten Einstellung entspricht, nämlich: Der Anteil der Juden an der Bevölkerung ist zu hoch.

Eine Konsequenz dieser Einstellung bekamen nur vier Jahrzehnte nach Veröffentlichung der hier besprochenen Ausgabe des Meyer-Lexikons die Menschen der Stadt Kyiv/Kiew und deren Umlandes zu spüren, in Form des Massakers von Babyn Jar.

Im Eintrag Kiew Stadt ist lediglich von jüdischen Bethäusern die Rede, eine Synagoge wird nicht erwähnt. Man darf wohl annehmen, dass die Nachricht von der Errichtung der ältesten Kyiver/Kiewer Synagoge im Stadtteil Podil/Podol im Jahre 1894 nicht mehr rechtzeitig vor Redaktionsschluss bei Meyers eingegangen ist. Das Gebäude existiert übrigens noch und befindet sich in der Vul. Shekavytska 29 (Peter Koller: Ukraine. Bielefeld 2019. S. 54).  

Das immerhin drei Tage währende Kyiver/Kiewer Pogrom vom 26. April (7. Mai) 1881, das als Folge des Attentats auf Zar Alexander II. angesehen wird, und sich auch nach außerhalb der Stadt ausdehnte, fand im Meyer gleichfalls keine Erwähnung. Umso mehr Aufmerksamkeit wurde in diesem, den christlichen Standpunkt gerne bekundenden, Nachschlagewerk dem „mit Brillanten verzierten Bild des Erzengels Michael“ und dem „prächtigen Glockenturm“ zuteil.

Der rascheren Auffindbarkeit wegen wurden sämtliche Juden betreffenden Informationen im reproduzierten Text kursiv gesetzt.

Herkömmlichen, vornehmlich auf Russland fixierten, Gewohnheiten folgend, präsentierten die Redakteure des Meyer den ukrainischen Stadtnamen, Kyiv, gar nicht, den russischen hingegen gleich zweimal; einmal in der bis heute in Deutschland üblichen Schreibweise, Kiew, dann in der der Aussprache eher entsprechenden, Kijew. Außerdem wurde noch der polnische Name Kijow angegeben.

Besonders dem Eintrag Kiew-Stadt ist die erhebliche Bedeutung zu entnehmen, die der Besitz der Stadt für Menschen haben muss, die stark in ihrem historischen, religiösen, kulturellen etc. Erbe verwurzelt sind.

 

Kiew (besser Kijew, poln. Kijow), russisches Gouvernement, begreift den größten Teil der ehemaligen polnischen Ukraine und die Stadt K(iew) mit ihrem Kreisgebiet in sich, grenzt im N(orden) an das Gouv(ernement) Minsk, im O(sten) an Poltawa und Tschernigow, von denen es durch den Dnjepr geschieden wird, im S(üden) an Podolien und Cherson und im W(esten) an Wolhynien und Podolien und umfasst 50 999,5 qkm (…). Das Land ist im allgemeinen flach, doch findet man malerische Punkte längs des Dnjepr, dessen Ufer an einigen Stellen gegen 50 m Höhe haben. Im Kreis von Tschigirin trennt sich eine kleine Reihe Hügel vom Fluß und bildet, nordwestlich bis nach Podolien sich erstreckend, leichte Wellungen, während der südlichste Teil eine große Steppe ist. In geognostischer Hinsicht gehört der östliche Teil des Gebietes dem alttertiären (Eocän-) System an, während im westlichen plutonische Formationen zu Tage treten. In den Tertiärformationen finden sich schöne Lager von Lehm, Thon (sic!), Sandstein, Schleifstein, Eisen, Lignit und Torf. Der Boden besteht im südlichen Teile aus Schwarzerde, einer fast meterhohen Humusschicht, welche nach N immer dünner wird und mit Lehm und Sand gemischt auftritt, bis sie im nördlichen Teil in reinen Sand und Lehm übergeht. Der bedeutendste Fluß ist der Dnjepr, der zwar nur die Grenzen berührt, zu dessen System aber die Flüsse, welche das Land bewässern, gehören. Berühmt sind die Kajetanowschen Quellen. Das Klima ist sehr trocken, namentlich in den waldlosen Strichen. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt + 6,5 Grad, die des Sommers + 12,5 Grad, die des Winters – 10 Grad.

Die Bevölkerung beziffert sich auf (1891) 3 139 937 Köpfe (51 pro Quadratkilometer), wovon die überwiegende Mehrzahl Kleinrussen, gegen 11 Proz(ent) Juden und ein geringer Prozentsatz Polen und Litauer sind. Dem Religionsbekenntnis nach gehören die Einwohner meist der griechisch-katholischen Kirche an, und nur ein kleiner Teil ist römisch-katholisch, jüdisch, protestantisch und Sektierer.

Vom Areal kommen auf Ackerland 57 Proz., auf Wiesen 16, auf Wälder 20 und auf Unland 7 Proz. Die Jagd ist bei dem Reichtum an Wild nicht unbedeutend, weniger bedeutend die Fischerei. Das Pflanzenreich liefert in Fülle Roggen und Hafer, dann Weizen, Gerste, Runkelrüben, Hirse, türkischen u. Buchweizen, Kartoffeln, Gemüse, Obst, Hanf und Lein.

In K(iew) selbst gedeihen welsche Nüsse, Birnen, Kastanien, Wassermelonen, Melonen, Tabak und Kardendisteln sehr gut; in vielen Gärten findet man Maulbeerbäume in großer Üppigkeit.

Der Viehbestand belief sich 1890 auf 471 000 Stück Hornvieh, 995 294 Schafe, 441 638 Schweine und 435 908 Pferde (…). Jährlich finden 13 Pferdemärkte mit sehr bedeutendem Umsatz statt; die ansehnlichsten sind die von Berditschew und von Bjelaga Zerkowj. Die Viehzucht wird durch die fetten Weiden sehr begünstigt, und die in K. gezogenen ukrainischen Ochsen gehen in Masse nach dem Innern des Reiches bis nach Petersburg.

Die Industrie ist im raschen Steigen begriffen. Während 1843 der Produktionswert aller Fabrikate sich auf 2 ½ Mill. Rubel belief, betrug derselbe 1859: 14 ¼ Mill. und 1890 ca. 80 Mill. Rub(el). Die Zahl sämtlicher industriellen Etablissements war 1890: 663 mit 39 676 Arbeitern. Die erste Stelle nimmt die Runkelrübenzuckerfabrikation ein, welche in großartigem Maßstab betrieben wird und 1889/90 in 62 Fabriken mit 25 454 Arbeitern für 28,7 Mill. Rub. Produkte lieferte. In zweiter Linie steht die Branntweinbrennerei (16,9 Mill. Rub.); dann folgen Tabaksindustrie (2,8 Mill. Rub.), Getreidemüllerei (5,6 Mill. Rub.), Maschinenindustrie (2,5 Mill. Rub.), Gerbereien (1 Mill. Rub.). In geringerm (sic!) Maße werden produziert: Seife, Talg, Wachs, Metallwaren, Watte, Papier, Öl, Fayence und Ziegelsteine. Die ukrainischen Bauern fertigen fast alle ihr Hausgerät sowie Boote, Wagen, Schlitten e(t)c. selbst und haben in Holzschnitzereien eine bewundernswerte Fertigkeit.

Der Handel befindet sich gänzlich in den Händen der sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung.

Die wichtigsten Ausfuhrartikel sind Korn und Zucker. In den Städten werden jährlich Messen gehalten.

Die Zahl aller Lehranstalten 1498, die aller Schüler 61 000, darunter eine Universität, 27 mittlere Lehranstalten mit ca. 9 000 Schülern und 8 Fachschulen mit 1296 Lernenden.

Die Exarchie von K. und Galitsch datiert von den Zeiten des heil(igen) Wladimir her und ward die erste Rußlands; die Diözese begreift 1684 Kirchen (1458 griechisch-katholische, 201 römisch-katholische, 9 der Sektierer und 16 lutherische), darunter 12 Kathedralen und 30 Klöster. Daneben gibt es 74 Synagogen und 414 jüdische Bethäuser.

Das Gouvernement zerfällt in zwölf Kreise: Berditschew, Kanew, K., Lwowez, Radomysl, Skwira, Swenigorodka, Taraschtscha, Tscherkassy, Tschigirin, Uman und Wassillow. – Das gegenwärtige Gouvernement K. ist nicht mit dem von Peter d(em) Gr(oßen) 1708 gebildeten zu verwechseln. Letzteres bestand aus der ganzen östlichen Ukraine und einem großen Teil von Mittelrußland mit den Städten Orel, Kursk u.a. (im ganzen 55). 1782 wurde die Statthalterschaft K. aus Teilen des jetzigen Kiewschen, Poltawaschen und Tschernigowschen Gouvernements gegründet; 1796 erhielt sie die jetzige Form.

 

Kiew (besser Kijew, poln. Kijow), Hauptstadt des gleichnamigen russ. Gouvernements (…), ist die alte Residenz der Großfürsten, eine der ältesten Städte Rußlands und die Wiege des Christentums daselbst. Sie liegt 200 m ü. M. am rechten Ufer des Dnjepr, über den die Nikolaus-Kettenbrücke und unterhalb eine Eisenbahnbrücke führen, im Knotenpunkt der Eisenbahnen K(iew) – Kursk und K. – Shmerinka (mit Anschluß nach Galizien und Odessa), auf 100 – 130 m sich erhebenden Anhöhen erbaut, und besteht eigentlich aus drei Teilen, die untereinander verbunden sind und den gemeinschaftlichen Namen K. führen.

Der erste Teil, Podol genannt, liegt unmittelbar am Dnjepr auf einer Art Vorland, welches sich hier zwischen dem Wasser und dem steilen Ufer erstreckt. Hier hat sich der Handel konzentriert; zugleich bildet dieser Stadtteil den Übergang zu den zwölf Vorstädten. Über Podol auf der Höhe liegen Altkiew und Petschersk, welche durch den Kreschtschatik, die eleganteste Straße, miteinander verbunden sind. Petschersk ist der Stadtteil des Militärs und der Geistlichkeit, Altkiew der der administrativen Behörden und Beamten. Die bergige Lage u. die gewaltigen goldenen Kuppeln der vielen Kirchen geben K. ein ungemein malerisches Ansehen. Man zählt ca. 60 orthodoxe Kirchen, je eine der Raskolniken, Katholiken und Protestanten, 8 Klöster und 15 jüdische Bethäuser. Im südlichen Teile von Petschersk liegt das berühmte Kloster gleichen Namens, um 1050 vom Russen Hilarion angelegt und im 12. Jahrh(undert) zur Lawra erhoben, und tief unter demselben das unterirdische sogen(annte) Höhlenkloster, wo in weitverzweigten Gängen die zahlreichen Heiligen, jeder in einer besonderen Nische, ruhen. Die Zahl der Pilger, welche jährlich dieses Kloster besuchen, läßt sich annähernd beurteilen, wenn man erwähnt, daß im Logierhaus des Klosters 1892: 118 268 Pilger einkehrten. Das goldgedeckte Michaelskloster (1008 gegründet) liegt auf einem Berg und enthält ein 1825 vom Kaiser Nikolaus geschenktes, reich mit Brillanten verzierte Bild des Erzengels Michael, des Schutzpatrons der Stadt, und das silberne Grabmal der heil. Barbara. Die 1037 gegründete Kathedrale der heil. Sophia steht auf demselben Platz, wo Jaroslaw 1036 mit seinem Gefolge von Warägern und Nowgorodern über die Petschenegen siegte. Der mit reichem Mosaikschmuck bedeckte Altar ist sowohl durch die Reinheit der Ausarbeitung als durch seine Größe berühmt und nimmt drei ganze Stockwerke ein. Das Innere der Kirche stellt eine Art von Labyrinth dar, das aus Galerien, Scheidemauern, Säulen und Gewölben besteht; in den Zwischenräumen befinden sich die Gräber der Großfürsten sowie das Marmorgrab von Jaroslaw Wladimirowitsch. Die Kathedrale zur Himmelfahrt Mariä ward auf Kosten des Warägers Simon von vier Baumeistern aus Konstantinopel erbaut, welche in dem Fundament die von dort mitgebrachten Gebeine von sieben Heiligen niederlegten. Der prächtige Glockenturm mit zehn Glocken besteht aus vier Stockwerken. Noch sind bemerkenswert die 969 vom Großfürsten Wladimir I. erbaute, 1240 von den Tataren zerstörte und 1842 renovierte Zehntkirche zu Mariä Geburt und die Kirche des heil. Andreas des Erstberufenen, auf dem höchsten Punkte von Altkiew 1744 in Anwesenheit der Kaiserin Elisabeth gegründet. Hervorragende Profanbauten sind: das kaiserliche Schloß (mit Park), 2 Theater, ein Opernhaus, ein Arsenal mit Gewehrfabrik. K. hat Denkmäler Wladimirs I. (von Klodt), des Grafen Bobrinsky (von Schröder) u.a. Die Zahl der Einwohner betrug 1889: 186 041, wovon 144 070 Rechtgläubige, 16 691 Juden, 1135 Sektierer, 2375 Protestanten, 18 871 Katholiken waren. Auf industriellem Gebiet ragen Lohgerbereien und Talglichtefabriken hervor; auch hat K. eine Anstalt zur Bereitung künstlicher Mineralwasser. Der Handel ist beträchtlich. K. hat eine Börse, mehrere Bankinstitute, darunter eine Agrarbank (auf Aktien), die mit einem Grundkapital von 2 570 850 Rubel bis 1. Jan. 1892 für 26 247 800 Rubel Pfandbriefe emittiert hat. Berühmt ist der Kreschtschensche Jahrmarkt, der vom 15. Jan. bis 1. Febr. abgehalten wird. K. hat ein Krankenhaus, ein Findelhaus und verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten. Die 1833 aus Wilna hierher übergeführte Wladimir-Universität zählte 1892: 2110 Studierende und hat eine historisch-philologische, eine juristische, eine mathematische und eine medizinische Fakultät. Sie ist sehr reich ausgestattet und besitzt wertvolle Sammlungen, ein schönes physikalisches Kabinett, ein Anatomikum und einen bedeutenden meteorologischen Apparat nebst botanischem Garten. Das zoologische Kabinett enthält namentlich eine schöne Sammlung von Steppensäugetieren. K. hat außer der Universität 56 Lehranstalten, nämlich 34 Elementarschulen, 16 mittlere Schulen und 6 Spezialschulen. Unter den letztern (sic!) befinden sich eine Infanteriejunkerschule, 2 Priesterseminare, 2 Feldscherschulen, eine Handwerkerschule. Unter den mittlern Lehranstalten sind 4 Gymnasien, ein Progymnasium, ein Militärgymnasium, eine Realschule und 2 Pfarrschulen für die männliche, 5 Gymnasien (darunter zwei private), ein Fräuleininstitut und eine Pfarrschule für die weibliche Jugend. K. ist Sitz eines Metropoliten, eines Generalgouverneurs und des Kommandos des 9. Armeekorps sowie eines deutschen Berufskonsuls. Die wichtige Festung K. liegt 7 km südlich von der Mündung der Desna auf dem rechten, über 100 m hohen Ufer des Dnjepr, von wo aus sie das linke sandige und sumpfige Ufer vollkommen beherrscht.

K., der Sage nach schon vor Christi Geburt von Griechen und Skythen, nach andern 430 n. Chr. von Slawen gegründet, war in der vorchristlichen Zeit Hauptsitz des altslawischen Götzendienstes. 862 gründeten die warägo-russischen Fürsten Askold und Dir das Fürstentum K. Schon um das J(ahr) 882 war K. die Hauptstadt des russischen Reiches. Von 988 an, als Wladimir der Heilige hier die heidnischen Götzen beseitigte und das Christentum einführte, wurde K. für lange Zeit auch die geistliche Metropole Rußlands. Wie rasch K. danach aufgeblüht sein muß, kann man daraus schließen, daß alte Urkunden besagen, bei einer großen Feuersbrunst 1124 seien allein 600 Kirchen abgebrannt. 1169 ward K. von dem Großfürsten Andrej Bogoljubskij erobert und hörte seitdem auf, Hauptstadt des russischen Reiches zu sein. 1240 wurde es von Tataren verwüstet, 1320 von den Litauern unter dem Großfürsten Gedimin erobert. Es blieb nun unter litauischer Herrschaft bis 1569, wo es an das Königreich Polen fiel, unter dessen Herrschaft es blieb, bis es die Russen 1654 wieder in Besitz nahmen, denen es 1686 förmlich abgetreten ward. In K. rastete Katharina II. mehrere Wochen auf ihrer berühmten Reise in die Krim 1787.

 

Babyn Jar/Babi Jar:

Den vordringenden deutschen Truppen im Rußlandfeldzug folgten Einsatzgruppen, die im rückwärtigen Frontgebiet „polizeiliche Aufgaben“ wahrnehmen sollten. Was darunter zu verstehen war, belegt eine „Aktion“ des Sonderkommandos (SK) 4a der Einsatzgruppe C am 29./30.9.1941 bei Kiew. Mit Maueranschlag waren die Juden der ukrainischen Hauptstadt aufgefordert worden, sich zur „Umsiedlung“ zu melden. Es kamen 33 771 Männer, Frauen und Kinder, die von den SK-Männern in die Schlucht Babi Jar in der Nähe der Stadt geführt und dort gruppenweise sämtlich erschossen wurden. Nach dem zweitägigen Massaker sprengten Pioniere die Ränder der Schlucht, so daß das herabfallende Erdreich die Toten und Verwundeten begrub. Im SK-Bericht vom 3.11.1941 hieß es: „Obwohl man zunächst nur mit einer Beteiligung von etwa 5000 bis 6000 Juden gerechnet hatte, fanden sich über 30 000 Juden ein, die infolge einer überaus geschickten Organisation bis unmittelbar vor der Exekution noch an ihre Umsiedlung glaubten.“ Nach dem Krieg konnten einige Täter, darunter Kommandant Blobel, zur Rechenschaft gezogen werden.

(Friedemann Bedürftig: Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg. Das Lexikon. München und Zürich 2002. Stichwort: Babi Jar)

 

Glossar:

Gouvernement = russische Verwaltungseinheit der Jahre 1708 bis 1929

geognostisch = alte Bezeichnung für geologisch

plutonische Formationen = Tiefen- oder magmatische Gesteine wie Granit, Granodiorit, Syenit, Diorit, Gabbro

Lignit = Schieferkohle, Xylit; dunkelbraune Masse, die im Tagebau gewonnen wird

Kleinrussen = historische Bezeichnung für Ukrainer

Sektierer = in erster Linie „Raskolniken“

Runkelrüben = Steckrübe, Futterrübe; Rinderfutter, zugleich Basis für Heilmittel, oder Grundlage für Energiegewinnung (Biogas)

türkischer Weizen = Mais; als Herkunftsland der Kulturpflanze wurde fälschlich das Osman. Reich angenommen

Lein = Flachs; Kulturpflanze zur textilen Verwendung, seit 8000 Jahren in Gebrauch

welsche Nüsse = Walnüsse (welsch = von den Romanen kommend)

Kardendisteln = auch Weber-Karde, Tuch-, Rau- oder Woll-Karde genannte Kulturpflanze; einst von Tuchmachern zur Aufrauhung der Oberfläche von Wollgeweben verwendet

Fayence = zumeist blau oder mehrfarbig bemalte Keramik, deren französischer Name auf die italienische Stadt Faenza zurückgeht

Exarchie = eine vom (orthodoxen) Patriarchen unabhängige Teilkirche mit eigener Leitung

Raskolniken = auch „Sektierer“ oder „Altgläubige“ genannt — ostslawische, christliche Gemeinschaften, die sich 1667 von der Russisch-Orthodoxen Kirche abwandten

Lawra = Gruppen orthodoxer Einsiedler(mönche), die in Höhlen, Grotten oder Zellen leben

Logierhaus = Bleibe, Unterkunft, Obdach

1825 vom Kaiser Nikolaus geschenktes = Zar Nikolaus I. (1796-1855)

Waräger = aus Skandinavien stammende Krieger und Handeltreibende, die im Frühstadium der Geschichte der Ostslawen eine bedeutende Rolle gespielt haben

Petschenegen = ursprünglich aus Westsibirien stammendes, altes Turkvolk, das sich häufig in kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Ostslawen befand

Jaroslaw Wladimirowitsch = Jaroslaw der Weise (1054 verstorben), Angehöriger der Dynastie der Rurikiden, Großfürst von Kyiv/Kiew

Zehntkirche = der Großfürst wendete ein Zehntel der Einnahmen seiner Staatskasse für den Unterhalt dieser Kirche auf

Arsenal = Rüstkammer, Zeughaus, Waffenlager, Munitionsdepot

Rechtgläubige = Eigenbezeichnung der orthodoxen Christen

Lohgerbereien = Handwerksbetriebe, in denen Rinderhäute zu verwendungsfähigem Leder verarbeitet werden

Findelhaus = Einrichtung für ausgesetzte, abgegebene oder aufgefundene (Findel-)Kinder

Wohlthätigkeitsanstalten = Soziale Einrichtung für Bedürftige, Behinderte, Kranke

physikalisches Kabinett = Naturwissenschaftliche Sammlung

Anatomikum = Anatomische Sammlung

Infanteriejunker = Infanterie-Offiziersanwärter

Feldscherschulen = Ausbildungsanstalten für Militärärzte

Götzen = abwertende Bezeichnung für der eigenen Religion fremde Gottheiten

Kommandant Blobel = Paul Blobel, geb. 1894 in Potsdam, SS-Standartenführer; 1941 bis Jan. 1942 Führer des Sonderkommandos 4a, später Chef des Sonderkommandos 1005; im Einsatzgruppen-Prozeß 1948 zum Tode verurteilt und 1951 durch den Strang hingerichtet; letzte Worte vor der Vollstreckung: „Nun haben mich Disziplin und Treue an den Galgen gebracht.“ (Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Hamburg 2016.)