- haGalil - https://www.hagalil.com -

Das Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz

Ein Ort des Erinnerns, als auch ein Ort des Lernens. Das Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz in Mainz ist beides und bietet Besucher:innen viele Möglichkeiten der Teilhabe. Als zentrale Gedenkstätte der Landeshauptstadt Mainz für alle Opfer der nationalsozialistischen Diktatur leistet das Haus seinen Beitrag zur lebendigen Erinnerungskultur in Mainz. Neben Workshops und Ausstellungen bietet das Haus auch Stadtführungen, Studientage als auch Planspiele an. Ein breites Bildungsangebot also, sowohl für junge als auch ältere Menschen sowie Multiplikator:innen und andere Interessierte.

Dr. Cornelia Dold, Jahrgang 1991, ist Historikerin und Pädagogin. Nach dem Studium der Fächer Geschickte, Deutsch und Politik, promovierte sie 2019 mit dem Titel Außerschulische Lernorte neu entdeckt. Feldstudien in der Gedenkstätte KZ Osthofen zur Förderung tiefgreifender Lernprozesse durch „aktivierte Rundgänge“ mit selbstreguliertem Lernen und Fachsprachentraining. Dr. Dold leitet seit April 2019 das „Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz Mainz“ und ist seit Dezember 2019 Mitglied des Sprecher*innenrates der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz.

Interview: Ilgin Seren Evisen

Wie gut sind Ihre Workshops zu Antisemitismus besucht? Welche Motivation erkennen Sie bei den Teilnehmenden, wieso nehmen sie teil?

Im Jahr 2021 haben insgesamt über 300 Personen an unseren Workshops zu Antisemitismus teilgenommen. Das ist für unser Haus ein großer Erfolg, so stellte uns die pandemiebedingte Schließung unseres Hauses vor enorme Herausforderungen. Doch wir haben es sehr schnell geschafft, ein digitales Angebot zu konzipieren. So bieten wir einen Workshop zum Thema Antisemitismus mit Interviews von jüdischen Zeitzeug*innen an, die die NS-Zeit überlebt haben und in den 1990er-Jahren ihre Erinnerungen dank der Arbeit der Shoah Foundation dokumentierten. Daneben bieten wir auch einen Studientag Antisemitismus an, in dem wir uns mit Antisemitismus bis 1945, aber auch ab 1945 bis heute beschäftigen.

Die größte Motivation der Teilnehmenden ist die Begegnung mit Zeitzeug*innen, auch wenn sie nicht real ist. Bei den interviewten Personen handelt es sich um ehemalige Mainzer*innen; sie schildern den aufkeimenden Antisemitismus in der Stadt, erzählen von Ausgrenzung und Verfolgung in der NS-Zeit. Gerade der regionale Schwerpunkt unserer Angebote bietet für junge Menschen einen sehr guten Zugang zu diesem komplexen Thema. Natürlich freuen wir uns, wenn wir unser Haus auch wieder für größere Besucher*innengruppen öffnen können und dann hoffentlich noch mehr Teilnehmende erreichen können.

Bestimmt teilen die Teilnehmenden Ihnen ihre Erfahrungen mit Antisemitismus mit. In welchen Lebensbereichen herrscht Antisemitismus, wo begegnen Juden und Jüdinnen am meisten antisemitischen Ressentiments?

Die Teilnehmenden in unseren Workshops haben meist persönlich noch keinen Antisemitismus erlebt. Das liegt daran, dass nur wenige unserer Besucher*innen selbst jüdisch sind. Es liegt aber auch daran, dass gerade junge Menschen noch nicht wirklich für antisemitische Ressentiments sensibilisiert sind. Ziel unserer Workshops und Studientage ist es daher auch, genau dies zu tun: aufzuklären und zu sensibilisieren. Gerade in unserem Studientag Antisemitismus zeigen wir auf, dass Antisemitismus in allen Lebensbereichen vorkommt und somit auch sehr vielfältig auftritt. Vom als Schimpfwort verwendeten Ausruf „Du Jude!“ bis hin zu antisemitischen Verschwörungserzählungen, die die Aberkennung des Existenzrechts des Staates Israel beinhalten. Macht man Teilnehmende auf genau diese Formen des Antisemitismus aufmerksam, so stellen die meisten fest, dass sie schon häufig antisemitischen Ressentiments begegnet sind.

Aufgrund des Nah-Ost-Konflikts kommt es in vielen Ländern der Welt immer wieder zu antisemitischen Demonstrationen, bei denen es zu Hate Speech gegenüber Juden und Jüdinnen kommt. Ist es für Sie als Referentin beängstigend in einer zunehmend antisemitischen Welt über Antisemitismus aufzuklären, wurden Sie schon bedroht?

Natürlich beobachten wir gesellschaftliche Entwicklungen immer sehr genau und leider muss man sagen, dass bei aller Arbeit und allem Engagement zahlreicher Akteur*innen im Bereich der historisch-politischen Arbeit antisemitische, rassistische und rechtsextreme Straftaten in den vergangenen Jahren zugenommen haben. In Krisenzeiten wie der derzeitigen Pandemie scheinen extreme Meinungen zu erstarken oder zumindest lauter zu werden; leider gehören dazu eben auch antisemitische Aussagen und Verschwörungserzählungen. Beängstigend ist diese Situation insofern für mich, als dass man sich Sorgen um Jüdinnen*Juden macht. Persönlich wurde ich aufgrund meiner Arbeit zum Glück noch nicht bedroht – dies gilt übrigens für das gesamte Team unseres Hauses. Natürlich hofft man, gerade wenn man in einem solchen Bereich tätig ist, dass die Gesellschaft „weiter“ ist, dass Antisemitismus, Rassismus und alle Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit abnehmen. Dass dies offensichtlich noch nicht so ist, macht mich traurig und zum Teil auch wütend. Es ist zugleich aber auch Ansporn für unsere Arbeit. Wir dürfen niemals aufhören, uns für ein demokratisches Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft einzusetzen!

Wieso kommt es zu Antisemitismus? Was sind die Gründe dafür? Lässt sich Antisemitismus über Aufklärung und Bildungsarbeit beenden?  Was ändert sich durch eine Teilnahme an Ihren Workshops?

Das sind sehr komplexe Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind. Antisemitismus hat leider eine sehr lange Tradition in unserer Gesellschaft. Darauf verweisen wir auch immer bei unserer Arbeit. So gibt es für Mainz das Beispiel des antisemitischen Hetzblattes „Die Wucherpille“, das bereits im Deutschen Kaiserreich in dieser Region erschien. Darin erkennt man die gleichen antisemitischen Stereotypen wie später im nationalsozialistischen „Der Stürmer“. Doch natürlich finden sich auch noch weitaus ältere Belege von Antisemitismus bzw. Antijudaismus. Ich denke, dass es schwer ist, wirklich zu erklären, woher Antisemitismus kommt. So wandelten sich die Formen des Antisemitismus vom mittelalterlichen Antijudaismus hin zur pseudowissenschaftlichen „Rassentheorie“. Heute tritt Antisemitismus vor allem da auf, wo sich die „Wir“-Gruppe von vermeintlich „Anderen“ abgrenzen möchte. Jüdinnen*Juden sind eine Minderheit und leider aufgrund dessen vermehrt von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung betroffen. Insgesamt lässt sich ein Zusammenhang von Antisemitismus mit Krisen und damit einhergehenden Umbrüchen, ökonomisch tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Interessen erkennen.

Wer unterstützt Sie und das Haus des Erinnerns? 

Das Haus des Erinnerns wird maßgeblich von der Stadt Mainz, genauer dem Kulturamt unterstützt. Gemeinsam mit der Landeshauptstadt Mainz konnten wir so eine Förderung beim Bundesprogramm „Demokratie leben!“ erwirken, die unsere Arbeit in dem Maß, wie wir sie heute leisten, erst ermöglichte. Daneben gibt es natürlich unzählige Kooperationspartner*innen und ehrenamtlich Engagierte, die unsere Arbeit unterstützen. Sei es durch die Arbeit in unseren Stiftungsgremien, bei der Realisierung von Veranstaltungen oder Projekten oder aber bei unseren Bildungsangeboten.

–> https://www.haus-des-erinnerns-mainz.de/

Ilgin Seren Evisen ist gebürtige Mannheimerin und studierte Turkologin/Soziologin/Germanistin/Betriebswirtin für NGOs. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie vor allem über Minderheiten in der Türkei, türkische Literatur, politische Entwicklungen in der Türkei und die türkischen Communitys Deutschlands sowie über die türkisch-jüdische Gemeinde in Israel. Ferner ist sie Biografin und gibt Schreibkurse sowie interkulturelle Trainings. –> www.masal-levon.de