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Antisemitismus bei AfD-Anhängern und Muslime

Über Antisemitismus in Deutschland erschien eine neue empirische Studie, die vom American Jewish Committe in Auftrag gegeben wurde. Sie macht deutlich, dass insbesondere unter AfD-Anhängern, aber auch unter Muslimen antisemitische Zerrbilder verbreitet sind.

Von Armin Pfahl-Traughber

Das American Jewish Committee (AJC) Berlin beauftragte jüngst das Institut für Demoskopie Allensbach damit, über die in Deutschland kursierenden antisemitischen Einstellungen eine empirische Untersuchung vorzunehmen. Dabei gab es erwartbare, aber auch überraschende Erkenntnisse, die hier dargestellt und reflektiert werden sollen. Aktuellen Anlass für das Interesse liefern auch die gestiegenen Straftatenzahlen, denn 2021 wurden 3.028 Delikte gezählt, was seit dem Beginn der gesonderten Erfassung in der Polizeistatistik der höchste Wert ist. Zwar stehen diese Daten nicht für Einstellungen, sondern für Handlungen. Gleichwohl ergeben sich ja aus antisemitischen Mentalitäten auch antisemitische Taten. Insofern ist auch der Blick auf die Einstellungen wichtig. Bevor die Ergebnisse angesprochen werden, bedarf es dazu noch folgender Informationen: Die Online-Befragung erfolgte vom 22. Dezember 2021 bis zum 18. Januar 2022. Befragt wurden 1.025 deutschsprachige Personen und 561 Muslime, jeweils ab 18 Jahren.

Allgemein konstatierte man nur wenige Antipathien gegenüber Juden, 43 Prozent erklärten sie für sympathisch, nur 6 Prozent für unsympathisch. Von dieser Durchschnittseinstellung wichen nur folgende Gruppen ab: Einfach Gebildete mit 11, AfD-Anhänger mit 13 und Personen mit einem negativen Bild von Israel mit 18 Prozent. Größere Anerkennung wurde nur folgenden Gruppen gegenüber ausgesprochen: Asiaten mit 49 und Homosexuellen mit 46 Prozent. Anders verhielt es sich aber bei den Muslimen, wovon Juden nur von 36 Prozent als sympathisch, aber von 22 Prozent als unsympathisch empfunden wurden. Blickt man auf die Einstellungen zu bestimmten Meinungen, so lässt sich schon eine größeres Ausmaß an antisemitischen Mentalitäten konstatieren: 23 Prozent meinten, dass Juden zu viel Macht in der Wirtschaft hätten. Zu viel Macht in Medien und Politik schrieben ihnen jeweils 18 Prozent zu. Gar elf Prozent meinten noch, Juden seien für viele Wirtschaftskrisen verantwortlich. Das steht für bedeutsame Anteile in der Gesamtbevölkerung

Die Angaben für Muslime weisen demgegenüber noch höhere Werte auf: 54 Prozent meinten, Juden würden ihren Opferstatus ausnutzen, 49 Prozent, dass sie zu viel Macht in der Wirtschaft hätten, und 45 Prozent, dass sie zu viel Macht in der Politik hätten. Damit liegen die Angaben doppelt bis dreifach höher wie in der Gesamtbevölkerung. Ein besonderes Detailergebnis ist hier noch interessant, denn es wurden auch Daten zu Moscheebesuchen erhoben. Dabei lässt sich ein eindeutiges Ergebnis konstatieren: Je häufiger diese Besuche erfolgen, desto höher sind die antisemitischen Einstellungen; je geringer diese Besuche sind, desto geringer sind auch die antisemitischen Einstellungen. Diese Erkenntnis verdient besonderes Interesse, auch und gerade für die Erklärung einer muslimischen Judenfeindschaft. Sie hat offenkundig nicht allein etwas mit dem Bild von Israel im Nahostkonflikt zu tun. Auch wenn diese Einsicht für Manche unangenehm wirkt: Der religiöse Glaube stellt in seiner Intensität offensichtlich für die Judenfeindschaft einen relevanten Wirkungsfaktor dar.

Es gibt aber auch noch eine andere Gruppe mit hohen Werten, welche sich vom Durchschnitt eindeutig unterscheidet: Gemeint sind die AfD-Wähler. Dafür zwei Beispiele: „Juden haben zu viel Macht in der Politik meinen im Durchschnitt 18 Prozent, bei den AfD-Anhängern sind es 39 Prozent, „Juden haben zu viel Macht im Bereich der Medien“ im Durchschnitt ebenfalls 18 Prozent, bei den AfD-Anhängern sind es 34 Prozent. Bei den Anhängern aller anderen Bundestagsparteien sind die Werte unterdurchschnittlich. Indessen gibt es noch eine Ausnahme: Auch „Die Linke“-Anhänger weisen häufig leicht überdurchschnittliche Werte auf. Dies ist eine neue Erkenntnis, gab es hier doch früher unterdurchschnittliche Zustimmungen. Auch diese Entwicklung verdient größeres Interesse und stellt eine gewisse Überraschung dar. Ansonsten zeigte sich auch immer wieder, dass das eher negative oder eher positive Bild von Israel von Relevanz für den Zusammenhang ist. Je schlechter das Bild ist, desto höher die Werte. 37 Prozent latente Vorurteile waren es hier.

Welche Erkenntnisse ergeben sich nun aus der genannten Studie? Erstens ist nach wie vor von einem bedeutsamen latenten antisemitischen Einstellungspotential in der Gesamtbevölkerung auszugehen. Zweitens sind die AfD-Anhänger von judenfeindlichen Ressentiments stärker geprägt, was die offizielle pro-jüdische Einstellung der Partei doch als wenig glaubwürdig erscheinen lässt. Drittens gibt es aber auch einen eindeutigen wenn auch geringen Anstieg derartiger Einstellungen bei den „Die Linke“-Anhängern, insbesondere wenn man sie mit den „Die Grünen“-Anhängern mit den geringsten Werten vergleicht. Viertens sind antisemitische Einstellungen mitunter doppelt bis dreifach stärker als in der Gesamtbevölkerung bei Muslimen auszumachen. Je gläubiger ihre Einstellung ist, desto höher sind ihre Werte. Fünftens wird am Rande in der Studie erwähnt, dass der bedeutendste Bedrohungsfaktor für europäische Juden von ihnen in extremistischen Muslimen gesehen wird. Dies spiegelt sich nicht in den deutschen Statistiken wider, was einer Erklärung bedarf.

Link zur Untersuchung: Antisemitismus in Deutschland. Eine Repräsentativbefragung