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„Wir träumten von nichts als Aufklärung“

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zu Moses Mendelssohn

Von Christel Wollmann-Fiedler

Mit vierzehn Jahren verlässt er seine Vaterstadt  Dessau, wandert nach Berlin und betritt  durch das Hallesche Tor die Stadt, in der er sein weiteres Leben verbringen wird. Die Thoraschule ist sein Ziel. Als Mendels Sohn wird er 1729 in Dessau an dem Flüsschen Mulde geboren. Sein Vater erkennt sehr bald die Begabung des Sohnes und fördert ihn, den kleinen etwas verwachsenen Jungen. Nicht nur begabt, hochbegabt ist er und wird einer der größten jüdischen Philosophen und Gelehrten. Mit christlichen und jüdischen Freunden, wie Gotthold Ephraim Lessing, dem einflussreichen Berliner Verleger Friedrich Nicolai und wichtigen Persönlichkeiten in seiner damaligen Umgebung, diskutiert Mendelssohn über Identität, Philosophie, Politik und anderen wichtigen Themen der Zeit. „Wir heben eine jüdische Perspektive hervor und zeigen, wie das Berlin des 18. Jahrhunderts zu einem Ort wurde, an dem sich unterschiedliche jüdische und nichtjüdische Sichtweisen begegneten und sich eine jüdische Moderne entwickelte, die nahezu ganz Europa beeinflusste“, schreibt Hetty Berg, die Direktorin des Jüdischen Museums Berlin.

Der Urahn einer der wichtigsten und bekanntesten jüdischen Familien wird er, Moses Mendelssohn. Fromet Guggenheim aus Hamburg heiratet 1762 Moses und wird Mutter seiner Kinder. Der Mendelssohn’sche Name wird weltweit bekannt und reicht bis in die Gegenwart.

Wir träumten von nichts als Aufklärung“ ist das Motto der großartigen Ausstellung im Jüdischen Museum zu Berlin, die vor Kurzem eröffnet wurde und bis in den September 2022 zu sehen ist. Als kulturhistorisch wird die Ausstellung bezeichnet, die von Inka Bertz, einer Mitarbeiterin des Jüdischen Museums und Dr. Thomas Lackmann von der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft e.V. kuratiert wurde.

Nicht nur eine Zeitgeschichte des großen Philosophen stellt diese Ausstellung dar, auch eine nicht unwichtige Zeitgeschichte des 18. Jahrhunderts in Berlin ist gut zu erkennen an unendlich vielen Dokumenten, Gemälden, Gegenständen der Zeit und vor allem sind Wandtexte zur Information in jedem Raum angebracht. Weitläufig und groß ist die Ausstellung, gut aufgeteilt, gut erklärt und gut zu verstehen.

Mit einem Festakt am Abend des 13. April 2022, wird die Ausstellung im Jüdischen Museum eröffnet. Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, erzählt in seiner großartigen Festrede den Gästen im abendlichen Glashof vom Leben und des philosophischen Tuns des großen Aufklärers Moses Mendelssohn und seiner Zeit.

„Nach so manchen barbarischen Jahrhunderten […], in welchen die menschliche Vernunft dem Aberglauben und der Tyrannei hat frönen müssen, hat die Weltweisheit endlich bessere Tage erlebt.“

Als Moses Mendelssohn diese Zeilen schrieb, war er eine europäische Berühmtheit. Der deutsche Spinoza, der Weltweise, der Jude zu Berlin, der Luther der Juden – dieser Moses Mendelssohn war einer der bekanntesten und am meisten gelesenen Denker seiner Zeit. Ein Bestsellerautor, würde man heute sagen. Ein umfassend gebildeter und vielseitiger dazu: Literaturkritiker und Philosoph, jüdischer Gelehrter und Aufklärer, gern gesehener, scharfsinniger Gast in den Berliner Salons und ebenso scharfsinniger Gastgeber, Familienvater und Fabrikant.

Wie dankbar war Mendelssohn, dass er in dieser Zeit der Aufklärung leben durfte – und ich zitiere ihn noch einmal: „Ich habe der Vorsehung zu danken, dass sie mich in diesen glücklicheren Tagen hat geboren werden lassen.“ Wer diese Zeilen heute, in unserer Zeit, liest, den werden sie nicht unberührt lassen. Wie viel Hoffnung spricht daraus! Wie viel Hoffnung beflügelte ihn und seine Mitstreiter, diese jungen Wilden des europäischen 18. Jahrhunderts. Wir träumten von nichts als Aufklärung – ich werde nachher noch einmal auf diesen Satz Mendelssohns zurückkommen.“ F.-W. Steinmeier

Auch die Familie Mendelssohn wurde in ihrer Zeit vom Antisemitismus nicht verschont, wenn sie in den Berliner Straßen unterwegs war. Böse Beschimpfungen wurden den Eltern und Kindern nachgerufen, sogar Steine warf man nach ihnen…

F.-W. Steinmeier …“Der Hass auf die Juden traf anlasslos, er gehörte zum christlichen Kanon und wurde in den Zeiten des wachsenden Nationalismus Teil der deutschen Ideologie.

Mendelssohn litt unter den Beleidigungen, den Demütigungen, unter uralten antisemitischen Vorurteilen und Klischees. Und wie sollte er nicht! Er litt darunter, dass Friedrich II. verhinderte, dass er in die neugegründete Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde. Er litt unter der Unterscheidung von Juden und Deutschen. Sie hatte nur ein Ziel: Ausgrenzung. Und das hat er gespürt.

Aber das ist nicht nur ein Thema der Vergangenheit. Wir alle wissen: Diese Form der Ausgrenzung gibt es noch heute in unserem Land. Schlimmer noch: In den vergangenen Jahren äußert sich Antisemitismus wieder viel unverhohlener, auf der Straße, auf dem Schulhof, auf angeblichen Spaziergängen, aber vor allem im Netz. Wir müssen wachsam sein. Wir müssen jeder Form von Antisemitismus entschieden entgegentreten. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland ausgegrenzt, diffamiert, bedroht, sogar tätlich angegriffen werden. Das ist die Lehre aus unserer Geschichte. Unsere Verantwortung kennt keinen Schlussstrich“.

Die beiden Cellisten spielen den Dialogue für zwei Violoncelli, den der polnisch-französische Komponist Szymon Laks 1964 komponierte. Laks wurde 1901 in Warschau geboren, starb 1983 in Paris und überlebte das Konzentrationslager Auschwitz.

Ich verlasse das Jüdische Museum, es ist dunkel geworden in Berlin.

Frühlingsmäßig schön ist Berlin, nach dem grauen bleiernen Winter, der Coronaeinschränkungen und den täglichen Bombardierungen in der Ukraine. Noch viel gäbe es über Moses Mendelssohn und seine ihm gewidmete Ausstellung zu sagen und zu schreiben. Kommen Sie nach Berlin, gehen Sie ins Jüdische Museum und formen Sie sich ein eigenes Bild über den genannten Aufklärer, dem Vorfahr der berühmten Musikerin Fanny Hensel und ihrem Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung ist erschienen mit Beiträgen von Inka Bertz und Dr. Thomas Lackmann und nicht zuletzt ein Graphic Novel „Moische. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn“ von Designer Fake Booij aus Amsterdam.

Die Ausstellung läuft bis 11. Sep 2022.

Weitere Informationen: https://www.jmberlin.de/ausstellung-moses-mendelssohn

Fotos: Christel Wollmann-Fiedler