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Dieser Schmerz betrifft uns alle!

In Köln wurde an den 107. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern erinnert. Die Initiative Völkermord erinnern fordert endlich einen festen Platz im Zentrum Kölns für das Mahnmal.

Von Claudia Müller

„Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“
Adolf Hitler

Es war erneut, wie bereits in den vergangenen Jahren, eine eindrucksvolle Erinnerungsveranstaltung an den türkischen Völkermord an den Armeniern. Im Zentrum stand die Musik, verbunden mit kurzen Ansprachen u.a. des armenischstämmigen Kölner Rechtsanwalt Ilias Uyar und einer bestimmt 30 Minuten anhaltenden Blumenniederlegung am Mahnmal. Optisch im Mittelpunkt stand jedoch, wie bereits in den vorigen Jahren, das imposant-traurige viersprachige Mahnmal mit dem gespaltenen Granatapfel an der Spitze. Dieser symbolisiert den Schmerz, den der seelisch sowie gesellschaftlich weiterhin verleugnete Völkermord hinterlässt, vor allem in der nachwachsenden armenischen Gesellschaft, auch in Köln. Die viersprachige Inschrift des Mahnmals lautet: „Dieser Schmerz betrifft uns alle.“

Köln, so darf man mit Fug und Recht konstatieren, ist das Zentrum der kontinuierlichen Erinnerung an diesen ersten oder zumindest frühen Völkermord. Das armenische Mahnmal, das in Köln wegen der Verweigerung der Verantwortlichen immer noch keinen festen Standort erhalten hat und jedes Jahr mit einem LKW zum Trauerort gebracht werden muss, braucht endlich einen festen Ort in Köln, betonte Ilias Uyar in seiner Rede.

Mit dieser Würdelosigkeit – denn darum dürfte es sich inzwischen handeln – , soll es nun in Köln vorbei sein. Die Initiative Völkermord erinnern hat deshalb den Hashtag #Dasmahnmalbleibt initiiert, um endlich einen festen Platz im Zentrum Kölns für das Mahnmal zum Genozid an den Armeniern zu finden, so auch eine Meldung von Haypress.

 Zahllose ergebnislose Gespräche – und nun die Initiative „Das Mahnmal bleibt“

Vier Jahre lang führte die rührige Kölner Initiativgruppe Gespräche mit allen Kölner Parteien, mit der Verwaltung und sogar mit Moscheegemeinden – letztlich ergebnislos.

Dies könnte um so mehr überraschen, als die Initiative für das armenische Mahnmal „Dieser Schmerz betrifft uns alle“ in Köln durchaus zahlreiche prominente Paten und Unterstützer gefunden hat: Bereits im Jahr 2015, am 100. Jahrestag des türkischen Völkermordes an den Armeniern, waren zahlreiche deutsche sowie türkisch- und armenischstämmige Prominente für die Initiative aufgetreten. Und seit vier Jahren wird die eindrückliche Denkmalidee u.a. vom Architekt Peter Busmann, dem Arbeitskreis christlicher Kirchen in Köln, der Armenischen Kirche in Deutschland und dem Förderverein des NS-Dokumentationszentrums nachdrücklich unterstützt. Nur die Parteien, insbesondere wohl die Kölner SPD, verweigert eine dauerhafte Lösung.

Man wird wohl konstatieren müssen, dass der Einfluss erdogantreuer türkischstämmiger Mitglieder recht groß ist. Diese ist in allen demikratischen Parteien zu beobachten, vielleicht mit Ausnahme der Linken und weitgehend den Grünen; aber in der SPD scheint dieser traditionell besonders ausgeprägt zu sein.

Es sei hierzu ergänzend angemerkt, dass der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu soeben, am 23.4.2022 – also unmittelbar vor dem Jahrestag des türkischen Völkermordes – Armenierinnen und Armeniern auf dem Matriz-Platz in Montevideo (Uruguay), die gegen die türkische Leugnungspolitik des Völkermordes an den Armeniern protestierten, wortlos den „Wolfsgruss“ der Grauen Wölfe zeigte. Der türkische Außenminister ließ hierzu extra die Fenster seines gepanzerten Wagens hinunter.

Der faschistische „Wolfsgruß“ wurde von seinen umstehenden Sicherheitsleuten und Mitarbeitern demonstrativ lautstark beklatscht. In Deutschland wird die türkische rechtsextremistische Ülkücü-Bewegung, die den „Wolfsgruß“ als Erkennungszeichen nutzt, vom Verfassungsschutz beobachtet. Die taz interpretiert diese demonstrative faschistische Geste des Außenministers als die weiterhin bestehende Entschlossenheit der türkischen Regierung und erdogantreuer Kreise auch in der Bundesrepublik, das historische Faktum des türkischen Völkermordes auch zukünftig zu leugnen. 

Das armenische Mahnmal im Herzen Kölns wäre eine überzeugende, symbolische Geste, dass auch die Verantwortlichen der Stadt Köln und der Kölner Stadtrat sich eindeutig dem Bundestagsbeschluss vom April 2016 anschließen. Das erneute, skandalös und geschichtsvergessen anmutende Entfernen des armenischen Denkmals hingegen entspräche einem „Einknicken“ der sich ansonsten erinnerungspolitisch als „liberal“ darstellenden rheinischen Metropole.

Nach vier Jahren letztlich ergebnisloser Gespräche ergreift die Initiative nun neue Schritte, um in der vorgeblich liberalen und antirassistischen Millionenstadt Köln endlich einen dauerhaften Ort für die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern zu finden: Soeben, einen Tag nach der Erinnerungsveranstaltung, hat die Initiative Völkermord erinnern, so teilte sie in einer Presseerklärung mit, „unter Berufung auf die Gemeindeordnung NRW“ beim Verwaltungsgericht, beim Amt für Denkmalschutz und beim Kulturbeirat der Stadt Köln beantragt, „dass sich die Verantwortlichen der Stadt endlich mit dem Begehren einer großen Zahl Kölner Bürgerinnen und Bürger befassen, das Mahnmal „Dieser Schmerz betrifft uns alle!“ an der Hohenzollernbrücke aufgestellt zu lassen.“ Um dem Anliegen Nachdruck zu verleihen hat die Initiative das Mahnmal auf dem Platz vor der Hohenzollernbrücke, vor dem Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms II, belassen.

Zahlreiche Gespräche seien über Jahre geführt worden, auch seien ihnen immer wieder „Schritte in der geforderten Richtung in Aussicht gestellt“ worden. Danach sei jedoch nichts gefolgt, nur durchschaubare Ausflüchte. Die Verantwortlichen wollten „die anstehende Entscheidung“ offenkundig „weiterhin aussitzen“. Damit stellten die Verantwortlichen Köln „in offensichtlichen Gegensatz zur Resolution des Deutschen Bundestages von 2016“. Der Bundestag daran sei erinnert, hatte 2016, anlässlich des 100.ten Jahrestages des Völkermordes, seine aufsehenerregende Erklärung zur Anerkennung des türkischen Völkermordes verabschiedet – trotz massiver Pressionen der Türkei und erdogantreuer Gruppierungen in der Bundesrepublik.

Besonders empört die Initiative auch der Umstand, dass die Stadt Köln, offenkundig im Kontext der vielfältigen Kritik an der Beteiligung Kaiser Wilhelms am armenischen Völkermord, vor wenigen Wochen eine Tafel an das Reiterdenkmal zur Hohenzollernbrücke befestigt hat, die in ihrem ahistorischen und geschichtsverharmlosenden Charakter erschüttern könnte. Offenkundig hat sich bei den Verantwortlichen der Stadt Köln noch nicht die vehemente Kritik an der deutschen Beteiligung am Völkermord herumgesprochen, so könnte es scheinen.

Der Kölner Schriftsteller Ralph Giordano hatte diese Kritik bereits 1986 in seiner berühmten WDR-Dokumentation „Die armenische Frage existiert nicht mehr“  von Köln aus formuliert.

Die Inschrift gibt vor, über die Hohenzollernbrücke aufzuklären und findet verklärende Worte über „die vier Reiterbilder der vier Herrscher aus dem Hause Hohenzollern (…) Diese beiden Standbilder schmückten schon die Dombrücke.“

Uyar verband bei der gestrigen Gedenkveranstaltung in seiner Rede die musikalischen Darbietungen des armenischen Gemeindechores mit der Solidarität mit den Opfern des Völkermordes vor 107 Jahren. Er strich die Bedeutung des armenischen Komponisten   Komitas Vardapet hervor wie auch die schmähliche Rolle Kaiser Wilhelms des II. Es sei an der Zeit, dass das Mahnmal nicht jedes Jahr wieder abtransportiert werden müsse, forderte Uyar. Das Mahnmal müsse nun endlich seinen festen Platz in Köln bekommen.

Ein Blick zurück: 2015 – 2021

Wie bereits erwähnt: Die Erinnerungspolitik in Köln an den Völkermord reicht weit zurück: Zumindest bis ins Jahr 2015 aber eigentlich bis zu Giordanos berühmtem Armenien-Film im Jahr 1986. 2015 wurde unter Beteiligung zahlreicher Kölner und Köln-türkischer Prominenz, darunter selbstredend auch der kürzlich verstorbene Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli und Günter Wallraff, auf der Domplatte des 100. Jahrestages des türkischen Völkermordes an den Armeniern gedacht: „Warten auf die Aberkennung“ titelte jungle world; 300 Menschen, darunter zahlreiche armenische Jugendliche, erinnerten in dichter Weise an die brennende Wunde. Wallraff forderte das Anerkennen des historischen Unrechts ein. Und er vermisse „die Anwesenheit von Mitgliedern der Kölner Moscheegemeinde“ fügte er in seiner Ansprache hinzu

Im Mitte April 2018 dann die Fortsetzung: An gleicher Stelle wie gestern wurde von der Initiativgruppe sowie Ilias Uyar mit Blumen und Ansprachen an den Völkermord gedacht. Und es gab ein eindrückliches Geschenk für die Stadt Köln und die Kölner Öffentlichkeit: „Ich werde zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern ein Gedicht mitbringen“, hatte der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli angekündigt. Das literarische Werk erwies sich als wuchtig: Ein 200 Kilogramm schweres, bronzenes, pyramidenförmiges Mahnmal

Und es gab auch gleich noch eine Schenkungsurkunde für die Stadt Köln hierzu. Enthüllt wurde das Mahnmal – hieran wurde bei der gestrigen Ansprache vom Sprecher der Initiativgruppe erinnert – durch den Kölner Schriftsteller Peter Finkelgruen, den Namibia-Aktivisten Israel Kaunatjike sowie Dogan Akhanli. Die Kölner Oberbürgermeisterin Reker reagierte wenig einfühlsam – und lehnte die Annahme des eindrücklichen bronzenen armenischen Mahnmals erst einmal ab. Angst vor Pressionen der erdogantreuen türkischen Community wurde wohl zu Recht als Motiv vermutet. Und geschätzt 80.000 türkischstämmigen Kölner Wähler zählen für Machtpolitiker allemal mehr als die kleine, in Köln-Riehl beheimatete armenische Gemeinde Kölns.

Eine Woche später, am 25.4.2018, am gleichen Platz am Rhein nahe der Hohenzollernbrücke, folgte die jährliche Gedenkfeier. Und es wurde erneut an das große Engagement Ralph Giordanos für das Schicksal seiner armenischen Freunde erinnert: „Wenn Ralph Giordano heute noch leben würde: Er wäre der Erste, der die Stadt Köln und die Kölner Parteien für ihren geschichtsverleugnenden, opportunistischen Abtransport des Denkmals kritisiert hätte“, hieß es.

Am 24.4.2021 gab es erneut die jährliche Gedenkveranstaltung. Und es gab erneut das Angebot an die Kölner Zivil- und Stadtgesellschaft, sich der historischen Verantwortung zu stellen: Das Erbe, das Geschenk in Form eines Mahnmals anzunehmen: „Das Ziel der Verschickung ist das Nichts“, titelte haGalil.

Man darf gespannt sein, ob die Millionenstadt Köln endlich ihrer Verantwortung und ihrem Ruf als weltoffene Gesellschaft gerecht wird – und dem Bundestagsbeschluss des Jahres 2016 konkrete Ausgestaltung gibt. Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte das Anliegen in seiner außergewöhnlichen Rede am 24.4.2015 eindrücklich formuliert. Die Verantwortlichen in Köln sollten an dieser Rede gemessen werden.

Das sind sie auch dem Andenken des großen, am 31.10.021 verstorbenen Kölner Schriftstellers und Menschenrechtlers Dogan Akhnli schuldig. Die Anerkennung des türkischen Völkermordes an den Armeniern, dafür hat Dogan Akhanli, stets an der Seite seines Kölner Freundes Ilias Uyar, über Jahrzehnte gestritten. Das Mahnmal mit dem gespaltenen Granatapfel ist ein Symbol von Dogan Akhanlis Lebenswerk. Es gehört ins Zentrum Kölns.

Foto oben: (c) Herby Sachs, Gedenkfeier am 24.4.2022