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Putinizer, zumal solche aus der AfD

Auf ihr „Geschwätz von gestern“ hin bedacht …. Eine Abrechnung

Das „Geschwätz von gestern“ (Adenauer) in Erinnerung zu bringen ist mitunter eine große Gemeinheit. Ein Womanizer beispielsweise gerät regelmäßig auf die Palme, so ihm sein „bester Freund“ abends auf der Kö vorhält, was er vorgestern Abend alles geschwätzt habe über die „Dusseligkeit einer Düsseldorferin“ – mit der er gestern in der Kiste war. Aber es gibt Schlimmeres als Womanizer, AfDler, zumal die, wie ich sie mal nennen will, Putinizer unter ihnen. Sie zu prüfen im Blick auf das, was sie vor Putins Krieg alles so schwätzten über Putin, könnte eine Aufgabe sein wie für mich gebacken, eingedenk der 800-Seiten-Schwarte „Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon“ (2021) aus der Feder.

Von Christian Niemeyer

Vorab: Die Kursivschrift hier wie oben schon soll andeuten, dass diese Sätze neu sind. Alles andere ist Zitat, aus jenem Buch, damit man mir nicht vorhalten kann, über die AfD in Kenntnis von Putins Krieg geurteilt zu haben. Und, auch dies noch: Im (kostenlos herunterzuladenden) Online-Anhang jenes Buches finden sich alle Zitatnachweise. Schließlich: Das Buch selbst erschien im August 2021, unmittelbar vor dem skandalös-hektischen Abzug der USA und Deutschlands aus Kabul. Ein Abzug, der vielen politischen Beobachtern (mir jedenfalls) als der eigentliche Beginn von Putins Krieg gilt, nach dem für ihn womöglich maßgebenden Motto: „Wer sich derart peinlich verkrümelt, wird im Fall Kiew doch keinen Zwergenaufstand wagen!“ Keine Entschuldigung, diese Herleitung, für Putin, mit dem etwas passiert sein muss, das niemand vorhersehen konnte und auf das man im Mittelalter wohl mit Exorzismus mit, im Fall des fehlenden Erfolgs, nachfolgenden Scheiterhaufen plus Vierteilen reagiert hätte. Aber, auch dies will bedacht sein: keine Beschuldigung, etwa an die Adresse der Kramp-Karrenbauers dieser Welt. Die ja inzwischen ohnehin sehr kleinlaut geworden sind, wie man, dadurch bedingt allerdings etwas schlechter, hört. Und, das wissen wir doch alle, zumal jene, die beglückt der Annalena Baerbock zusehen bei ihrem klugen Agieren als Heiko-Maaß-Nachfolgerin: Nachtreten geht gar nicht – es sei denn, wir redeten von denen, bei denen Hopfen und Malz ohnehin verloren sind, wie offenbar bei den meisten AfDler.

Damit bin ich bei meinem ersten Punkt in Sachen „Geschwätz von gestern“, einem recht harmlosen, wie am Ende deutlich geworden sein dürfte. Zumal damit noch nicht einmal die AfD selbst in den Fokus rückt, wohl aber ein vormaliger Womanizer, nachmals Putinizer:

  1. Gerhard Schröder, auf die Folterbank seines „Geschwätzes“ gespannt

Unser Ex-Kanzler, nach wie vor, ganz anders als seine Nachfolgerin, zu bewundern für seine Weigerung, dem lügenbasierten Bush-Blair-Krieg beizutreten, wird in jenem Schwarzbuch eingeführt im Rahmen eines Konstrukts, das von einer bedeutenden Veränderung zum Positiven kündet, ehe dann diverse Vermutungen darüber angestellt werden, worum es gehe könne. Etwa, so auf S. 90 ff. jenes Buches, wo wir lesen:

Hat Wladimir Putin seinen Freund Alexander Lukaschenko aus Belarus ans Händchen genommen und ihn zusammen mit seinen allerletzten nützlichen Idioten Gregor Gysi (PDS), Robby Schlund (AfD; s. SP Nr. 52/19.12.2020: 41), Ulrich Oehme (AfD) sowie Putins „Laufbursche“ (Alexey Nawalny; zit. n. SZ Nr. 235/2020: 4) Gerhard Schröder herausgeführt via Damaskus? Ungeachtet der dank Putin inzwischen dem Boden gleichgemachten letzten Krankenhäuser Quartier machend für ihnen gleichgesonnene Chefs aus Brasilien über Budapest bis Istanbul? Und mit dem Auftrag an Putin, darüber nachzudenken, ob er den dämlichen Killer Konstantin Kudrjawzew aus seinem Geheimdienst, der Nawalny auf den Leim ging und sich wg. seiner Mitwirkung am Giftanschlag auf diesen in KW 51 am Telefon verplapperte, nicht doch besser von Sibirien zurückholen soll, wg. dort ansonsten drohender Überbevölkerung. Und Vadim Krasikov, den „Tiergarten-Mörder“ (an Zelimkhan Khangoshvili), der so blöd war (s. SP Nr. 12/20.3.2021: 45), sich mit verräterischem Tatoo fotografieren zu lassen, das auch Vadim Sokolov eignet (der er eigentlich sein will), aus nämlichem Grund besser erst gar nicht nach Sibirien zu schicken. Vielleicht – um diesem mit derart viel Aufgaben belasteten Head eines Mörderordens aus Moskau etwas zu entlasten – wäre ja Madagaskar eine Option (sollte sich das Berliner Kammergericht nicht dazu durchringen können, Krasikov alias Sokolov wg. Mordes zu verurteilen, mit der Folge, dass der Tätowierte eines Tages in Moskau wieder auf der Matte stünde, um einen neuen Job nachsuchend). Dem folgt, übergangslos, ein Auftrag an Schröder, sich anhand von Timothy Snyders The Road to Unfreedom (2018) zu informieren über die Strategien seines Kumpels, der aus der Kälte man, etwa anhand des Kapitels über Alexander Dugin (vgl. Snyder 2018: 96 ff.) oder in jenem über den aus Amsterdam kommenden Malaysia-Airlines Flug 17 (MH17). (ebd.: 188 ff.) Danach böte sich Craig Ungers Buch Trump in Putins Hand (2018) an. Es hilft, sich ein wenig vertraut zu machen mit dem Schicksal von Khangoshvilis Kollegen Paul Klebnikow, Alexander Litwinenko, Sergej Magnitski oder Anna Politkowskaja. Hinzugerechnet Timur Kuashev sowie Ruslan Magomedragimow, um nur die zu nennen, die der mutmaßliche Nawalny-Attentäter Kudrjawzew gleichfalls auf dem Gewissen zu haben scheint. (vgl. Dobrokhotov/Grozev/Schmid 2021) Mein Tipp, als ehemaliger FroG (= „Friends of Gerd“) und SPDler kann ich mir diese vertrauliche Anrede leisten: Lieber Gerd, einfach mal anrufen, die Telefonnummer Kudrjawzews hat Nawalny, ersatzweise, da dieser aktuell unabkömmlich ist, denke ich schon, dass der „lupenreine Demokrat“ persönlich in dieser Frage aushelfen wird.

Nein, Schröder will nicht telefonieren, auch nicht mit Joe Biden über dessen in KW 11/2021 auf Nachfrage bekannt gemachten Attribut („Mörder“) für Putin und die Gründe, die ihn zu dieser, wie vielfach gerügt wird, zumal von AfDlern, „undiplomatischen“ Rüge  bewogen? Schröder, so erzählt man sich, vertraue ganz seiner Menschenkenntnis, er sähe also etwas in Putins Augen, was Biden arg vermisste: eine Seele ?

Schade. Trösten wir uns also damit, dass es Nawalny in KW 3/2021 seiner Moskaureise wegen zum mutigsten Mann aller Zeiten brachte. Leider aber auch, am 3. Februar 2021, zum eingesperrtesten aller Zeiten. Der in jener Woche, in der Biden über Putins fehlende Seele klagte, verlauten ließ, es gehe ihm gut in Strafkolonie Nr. 2 in der Kleinstadt Pokrow in der Region Wladimir nordöstlich von Moskau – gut, jedenfalls nach den Maßstäben des Dystopischen, denn, so Nawalny per Instagram-Post: „Ich glaube, jemand hat (George) Orwells ‚1984‘ gelesen und gesagt: ‚Ja, cool. Lasst uns das machen. Erziehung durch Entmenschlichung.“ „Uns“ meint hier: Putin. Dessen Agenten zu dumm gewesen waren, Nawalny umzubringen; und er selbst so dumm, dass er seinem Gegenspieler die Chance gab, Putins Leute öffentlich und voller Hohn zu fragen, ob noch nicht einmal sie ihren Chef zuhörten, insofern er ja laut Kunde davon gegeben habe, wo sein Gegenspieler war, als er der Bewährungsauflagen wegen in Moskau vermisst wurde: in Berlin natürlich, als „Berliner Patient“, deutlicher: als Patient von Putins Ungnaden. Zusammenfassend gesprochen: Nie wohl bisher in diesem Jahrtausend ist ein derartiges Schmierenstück auf der Bühne der Weltöffentlichkeit aufgeführt worden, mit dem Höhepunkt der Watschen für einen EU-Bittsteller durch den russischen Außenminister Sergej Lawrow, dem merklich am A…. vorbeiging, dass der Europäische Gerichtshof Nawalny schon 2017 Haftentschädigung zugesprochen hatte wg. eines Unrechtsurteils, dessen Exekution man nun in aller Seelenruhe vollzog, ungestört von der Kanzlerin, die den einzigen Denk- und Sprachbegabten in diesem ganzen Spiel, Norbert Röttgen, schon vor Jahren als von ihr (nebst Friedrich Merz und Christian Wulf) (dritt-)gefürchtetsten Nebenbuhler weggebissen (weggelobt) hatte – so dass man nun in Berlin und Schwerin und überall dort, wo man den Willen nahe am AfD-Wasser gebauter Wähler fürchtet, so tut, als hänge das Seelenheil an North Stream 2 (und an Schröders Freude ob dieser späten Übereinstimmung mit dieser von ihm verlachten Kanzlerin). Wobei…. sorry, aus dem Off funkt jemand, ich müsse jetzt aufhören, sonst fühle sich die AfD ermutigt ob ihres eigenen Kanzlerin-Bashing.

  1. Die AfD, auf die Folterbank ihres „Geschwätzes“ ad Putin gespannt

Die Überleitung kann hier knapp gehalten werden: Ich zitiere im Folgenden einfach weiter (ab S. 92), nun eben unter dieser neuen Überschrift.

Okay, und um die Sache ein wenig abzukürzen und näher heranzurücken an unser Thema im engeren: Nichts Neues 2021, 2020, 2019 – oder 2018, um an dieser Stelle den Fall des AfD-Verteidigungspolitikers Jan Nolte, ins Spiel zu bringen, der Ende November 2018 voller Stolz ein Foto getwittert hatte mit einem neuen Mitarbeiter, der zuvor in die Schlagzeilen geraten war als Helfer des Bundeswehrsoldaten Franco A. Der wiederum hatte sich Ende 2015 als syrischer Asylbewerber ausgegeben, um von ihm geplante Terroranschläge diesem in die Schuhe schieben zu können. Und dadurch der Empörung über Flüchtlinge in Deutschland und damit der AfD Auftrieb zu geben (vgl. Hock/Naumann 2019: 49 f.) – mit Ansteckungswirkung übrigens, wie in einer 2029 spielenden Glosse (Nr. 21) noch zu zeigen sein wird. Bei diesem Franco A. – Hallo? Wir sind jetzt wieder in der Wirklichkeit! – fanden sich übrigens Todeslisten mit Namen wie Joachim Gauck, Bodo Ramelow und Claudia Roth. Sowie: Franco A.‘s Vorbereitungen wiesen auf einen Tag X hin, ohne dass das Oberlandesgericht Frankfurt/M. es 2018 für erforderlich hielt, den Fall höher zu hängen als an ein Landgericht. (vgl. Kaul et al. 2019: 252 ff.) Und: Franco A. hatte seine rechtsextreme Gesinnung schon 2013 in seiner Masterarbeit an der französischen Militärakademie offengelegt, ohne dass sein Vorgesetzter mehr als eine Ermahnung für erforderlich hielt. (vgl. Jakob/Litschko 2019: 69) Vorgesetzte – ein Kapitel für sich, zu rücken unter die Überschrift: Vom Fisch, der vom Kopf her stank? Oder, um Dirk Laabs die Ehre zu geben, der darüber gerade ein spannendes Buch verfasst hat, das dem Spezialgebiet Tiefer Staat zuzurechnen ist: Staatsfeinde in Uniform. Wie militante Rechte unsere Institutionen unterwandern (2021)?

Warum nicht, wenn man noch den Fall des AfD-nahen Geraer Staatsanwalt Martin Zschächner einbezieht. Der über Jahre hinweg, ungestört vom zuständigen Justizminister (Die Grünen), haarsträubende Entscheidungen fällen durfte im Fall von Anzeigen, also beispielsweise nichts Schlimmes fand am Spruch „Wir bauen eine U-Bahn von Jerusalem bis nach Auschwitz!“ (vgl. Grunert 2019) Und der auf Staatskosten sechzehn Monate lang gegen Philipp Ruch und das gegen Björn Höcke gerichtete Zentrum für politische Schönheit wg. Bildung einer kriminellen Vereinigung ermitteln ließ. Still, also ohne Resonanz, hallt seitdem das Erstaunen ehemaliger Zschächner-Kommilitonen darüber nach (vgl. Meisner 2019; 2019a: 215 ff.), dass er überhaupt in die Beamtenlaufbahn habe übernommen werden können, dieser, so sein ehemaliger Mitstudi Kim Manuel Künstner, „Jura-Nazi“. Wie auch immer: Er jedenfalls kam davon, anders als „Lügen-Lüth“, also der vorerwähnte Gauland-Intimus Christian Lüth, Pressesprecher der AfD seit 2013 (ab 2017 der AfD-Bundestagsfraktion, bis zum 24. Februar 2020), selbstbekennender „Faschist“ mit Vorlieben für das Zeigen des Hitlergrußes (schon 2016, so Frauke Petry) sowie für das Trällern des Horst-Wessel-Lieds. („SA marschiert, mit ruhig festem Schritt“) Lüth war am 28. September 2020 zu bewundern auf Pro Sieben mit Überlegungen (heimlich mitgeschnitten in der Newton Bar in Berlin-Mitte am 23. Februar 2020) dahingehend, dass man das deutsche Elend im Interesse der erhöhten Zustimmung zur AfD ja vielleicht vorübergehend künstlich steigern könne durch erhöhte Aufnahmezahlen für „Migranten“, denn, und auch dies ganz nüchtern vorgetragen und ernst gemeint:

„Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen.“ (zit. n. Fuchs 2020)

Sprüche wie diese entsprechen durchaus dem, was ansonsten zum Thema verlautet, etwa gut einen Monat zuvor, am 29. August 2020 in der Villa Stückgarten der Burschenschaft Normannia in Heidelberg, wo ein 25-jähriger Student aus der benachbarten Landsmannschaft Afrania lt. Staatsanwaltschaft „antisemitisch beleidigt, mit Gürteln geschlagen und mit Münzen beworfen worden sein [soll].“ (Bohr/Gerlach 2021: 48) Sein ‚Vergehen‘: Er habe „jüdische Vorfahren“, soll er gesagt haben – und sei im Nachgang von sechs Burschenschaftlern ‚kontrhiert‘, also „einer verschärften Form von Mensur“ unterzogen worden. Wohl nichts Besonderes nach Aussage des Aussteigers Leon Stockmann, der auch über das beinahe tägliche „Heil Hitler!“ zu berichten wusste oder darüber, dass die Identitäre Bewegung in der Villa ihren Stammtisch abgehalten habe. (ebd.) Übrigens: Eines der Mitglieder der Altherrenschaft dieses Burschenschaft ist Christian Wirth (AfD-MdB), im März 2020 hervorgetreten mit dem Vorschlag, die durch die Coronakrise freigewordenen Kapazitäten der Luftfahrtbranche für die Rückschickung der angeblich 250.000 ausreisepflichtigen Migranten zu nutzen. (vgl. Teidelbaum 2020)

Umtriebe wie diese sind seit Jahren in Deutschland gängig, am Extremsten wohl 2015 zur Aufführung gebracht seitens des Anführers der rechtsterroristischen Gruppe Freital, Philipp W., der im koreanisch verschlüsselten Messangerdienst Kakao-Talk zu Protokoll gab:

„Wenn ich an der Macht bin, werden alle illegal eingereisten Ausländer lebendig verbrannt.“ (zit. n. Ebner 2018: 95)

Aber auch in der AfD ist derlei Jargon gängig, wie sich Mitte August 2020 auf der Facebook-Seite der AfD Solingen zeigte, wo der Flüchtling mit „Müll“ verglichen wird, „den man besser entsorge, statt darüber zu diskutieren, wie man den Gestank besser ertrage.“ (SZ 258, Nr. 189: 4) Sechs Wochen später, Ende September, war die Sache wegen der Prominenz Lüths dann aber doch wohl etwas zu öffentlich geworden, so dass die AfD-Bundestagsfraktion Lüth am nämlichen Tag fristlos entließ – zu spät allerdings für AfD-Gründungsmitglied Konrad Adam, der nun seinerseits seiner Partei kündigte, weil ihm unter Gauland die Rückwendung der AfD zu einer bürgerlich-konservativen Partei nicht mehr machbar schien. Wird man also dereinst den 23. Februar 2020 als Newtongate erinnern, komplementär zum Ibizzagate vom Juli 2017 mit Heinz-Christian Strache (FPÖ) in der Rolle Lüths? Mehr als dies, schlimmer, schlimmer jedenfalls für mich als Autor und für den Verlag: Wird dieses Buch am Tag seines Erscheinens makuliert werden müssen, weil es infolge Newtongate dasjenige, worüber sich der Autor erregt, gar nicht mehr gibt?

Eine, mit Verlaub, ziemlich naive Frage – gesetzt, das bisher brav nacherzählte Narrativ, abzüglich der nicht eingeplanten Zugabe Konrad Adams, sei für die Dummen gedacht gewesen, für den Verfassungsschutz beispielsweise, dem so suggeriert werden soll, man habe die Sache mit dem Flügel im Griff und räume konsequent auf mit Überradikalen wie Christian Lüth. Dem man ohne jede Frage in jener Ausschlusssitzung kaum mehr vorwarf als Geschwätzigkeit in Sachen des Ausplauderns des an sich noch recht offenen Ende eines Skripts, dessen erster Satz auf das Jahr 2015 zurückgeht und den Timothy Snyder wie folgt auf den Punkt brachte:

„Die deutsche Regierung gab am 8. September 2015 bekannt, sie plane die Aufnahme von einer halben Millionen Flüchtlingen pro Jahr. Keineswegs zufällig begann Russland drei Wochen später mit der Bombardierung Syriens.“ (Snyder 2018: 208)

Etwas ausführlicher geredet und weitergedacht, bis hin zu Lüth:

„Russland würde Syrien bombardieren, um Flüchtlinge zu produzieren, und dann unter Europäern eine Panik schüren. Das würde der AfD helfen und Europa Russland ähnlicher machen.“ (ebd.)

Was hier ‚Hilfe für die AfD‘ meint, zeigte Snyder am Beispiel der von Putins Außenminister Sergej Lawrow damals persönlich beglaubigten, indes aber frei erfundenen Mär über eine von muslimischen Flüchtlingen vergewaltige 13-jährige Russlanddeutsche, ein Fall, über den es seinerzeit in der Zeitschrift für Sozialpädagogik hieß:

„Ihm, Lawrow […] ging es [bei dieser Fake News; d. Verf.] um die Destabilisierung Deutschlands durch Stabilisierung seines Chefs, der damals, im Januar 2016, wg. unschöner Mord- und Finanzgerüchte in der Bredouille saß, aus der er sich dann ja auch, wie der Februar in Syrien zeigte, heraus zu bomben verstand, auf diese Weise den Anteil der Deutschland weiter destabilisierenden Flüchtlinge selbstredend erhöhend, was wiederum Pirinçci und anderen Vasallen aus Moskaus ‚fünfter Kolonne‘ um und aus Pegida, AfD und CSU zu pass kam.“ (s. Essay Nr. 17)

Fügen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, an dieser Stelle des Puzzles bitte die Namen „Lüth“ sowie „Newtongate“ ein – und flugs sind wir wieder hier, fünf Jahre später, 2020, in diesem Prolog und können uns kaum des Eindrucks erwehren, im Zentrum einer Verschwörungstheorie von links platziert zu sein, wäre das Ganze mehr als das von Timothy Snyder erstellte Protokoll des Geschehenen unter Benennung einiger Zusatzannahmen, was die Motive derjenigen betrifft hinter den Kulissen, in diesem Fall: jener Putins. Auf dessen Kappe und die und seiner Hacker-Vasallen von der Internet Research Agency (IRA) auch schon die Destabilisierung der USA durch wahlentscheidende Social Bots und Fake News zu Lasten von Donald Trumps Kontrahentin Hilary Clinton im US-Wahlkampf 2016 geht. (vgl. Gensing 2019: 136 ff.) Sehr zur Freude der Trump-Versteher in der AfD, darunter Michael Klonovsky, der im November 2017 andeutete, er werde erst dann den Fall Alexej Nawalny unter der Kategorie „Verfolgung der Opposition in Russland“ rubrizieren, wenn gleiches gelte für den Umgang „mit den ‚Reichsbürgern‘ oder der NPD in Deutschland.“ (Klonovsky 2018: 472) Heißt, in Übersetzung geredet: Die AfD ist, der hier zitierten Zukunftshoffnung dieser Partei zufolge sowie der Politik ihres Mitglieds Robby Schlund als Vorsitzendem der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe nach (vgl. SP Nr. 52/19.12.2020: 41), kaum mehr als die 5. Kolonne Moskaus (unter Putin) als auch die Washingtons (unter Trump, inzwischen temps perdu). Als erstere kritisiert sie im Namen Putins den Umgang in Deutschland mit ‚Reichsbürgern‘ und NPD als Verfolgung, jedenfalls solange die Deutschen den Umgang Putins mit Nawalny für eine solche erklären. Und als 5. Kolonne Trumps kritisiert die AfD den Gegenwind, auf den sie in Deutschland trifft, wegen der Trump-Nähe dieser Partei als einen gleichsam anti-amerikanischen Umtrieb.

Was soll man aus heutiger Sicht bloß sagen zu diesem Geschwätz der AfD über Nawalny als eines der NPD vergleichbares Symptom dafür, dass, wenn schon, denn schon, in Moskau in Gestalt Putins und in Berlin in Gestalt Merkels, Diktaturen in Wirksamkeit seien? Aber es kommt noch schlimmer – wenig überraschend, haben wir doch bisher kein Wort verloren über Björn Höcke.

  1. Björn Höcke: Stammt der Plan für den aktuellen Strategiewechsel in Putins Krieg etwa von ihm?

Aus heutiger (26. März 2022) Sicht legt sich der Verdacht nahe, Björn Höcke habe 2018 ein Skript vorgelegt, welches den aktuell zur Diskussion stehenden Strategiewechsel Moskaus vorwegnimmt. Deutlicher: Putins neuer Plan der Konzentration auf die Eroberung wenigstens doch des Donbass könnte Höcke abgelauscht sein. Klingt verrückt – passt aber zu dem Widersinn, dass ein angeblich auf Entnazifizierung der Ukraine abstellender Krieg mit Nazi-Methoden geführt wird, wie der Feuertod ausgerechnet eines Holocaust-Überlebenden offenbart. Deswegen: Vielleicht stimmt sie ja doch, meine These, dass der eine Verrückte beim anderen seine ungeistige Heimat fand. Lesen Sie also, was auf S. 122 ff. meines Schwarzbuchs, ausführlicher, nachlesbar ist, nämlich die folgende Vision Höckes, 2018 ausgebreitet gegenüber seinem gleichsinnigen Gesprächspartner Sebastian Hennig und eröffnet mit einem von Letzteren festgehaltenen Zitat des Ersteren:

„Wenn alle Stricke reißen, ziehen wir uns wie die tapfer-fröhlichen Gallier in unsere ländlichen Refugien zurück und die neuen Römer, die in den verwahrlosten Städten residieren, können sich an den teutonischen Asterixen und Obelixen die Zähne ausbeißen! Wir Deutschen – zumindest die, die es noch sein wollen – sind dann zwar nur ein Volksstamm unter anderen. Die Re-Tribalisierung im Zuge des multikulturellen Umbaus wird aber so zu einer Auffangstellung und neuen Keimzelle des Volkes werden. Und eines Tages kann diese Auffangstellung eine Ausfallstellung werden, von der eine Rückeroberung ihren Ausgang nimmt.“ (Höcke/Hennig 2018: 253)

Wer, besser vielleicht: was spricht hier eigentlich? Ein Kind? Das Es? Der Suff? Oder, man beachte den erstaunlichen Übergang von ‚Auffangstellung‘ zu ‚Ausfallstellung‘, ein Wiedergänger des ‚Rembrandtdeutschen‘, dem man ja, wie wir noch sehen werden (s. Essay Nr. 9), eine Schizophrenie attestierte? Selbst Höckes Gesprächspartner war sich seiner Sache nicht mehr sicher:

„Sie monierten vorhin die Infantilisierung der Politik, um nun Ihrerseits Comicstrips für politisch-strategische Überlegungen zu zitieren!“ (ebd.)

Doch Höcke blieb gänzlich ruhig, antwortete postwendend:

„Warum nicht? […] Und gleich noch eine schlechte Nachricht für unsere künftigen ‚Römer‘, die diesen edlen Titel eigentlich nicht verdient haben: Wie Asterix haben auch wir einen Zaubertrank.“ (ebd.)

Und eine Wunderwaffe vom Typ V 2?, möchte man am liebsten noch nachfragen, wenn die Sache nicht allmählich aus dem Ruder liefe. Höcke nämlich, sich zusehends wohliger einrichtend in der Vision, er sei Kanzler, gibt zu verstehen, dass unter seinem Regime „ein notwendiges Remigrationsprojekt“ notwendig sei, bei welchem man wohl nicht „um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie es Peter Sloterdijk nannte, herumkommen“ werden und sich „menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“ Er aber – zur Verdeutlichung: nun offensichtlich nicht mehr Kanzler, sondern Führer Höcke – strebe an, dabei „so human wir irgend möglich, aber auch so konsequent wir nötig vor[zu]gehen.“ (ebd.: 254) Im Übrigen sei er sich sicher, „daß – egal wie schlimm die Verhältnisse sich auch entwickeln mögen – am Ende noch genug Angehörige unseres Volkes vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können.“ Dem folgt, nahtlos:

„Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen.“ (ebd.: 257)

Spätestens hier nun, im Blick auf diese vielfach skandalisierten Sätze (vgl. etwa Quent 2019: 49), kann kein Zweifel mehr sein: So spricht kein Kind, so ähnlich sprachen vielmehr Nazis wie Horst Frank, der 1941 im Schulungsbrief der NSDAP zum Thema „straffe deutsche Führung im Generalgouvernement“ u.a. ausführte:

„Wer für das Großdeutsche Reich arbeitet, soll auch sein Brot finden. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird unbarmherzig ausgelöscht.“ (Frank 1941: 89)

Wohlgemerkt: Dies war Horst Franks Wort an die „polnische Bevölkerung“, nicht an „die nahezu zwei Millionen Juden […] auf diesem europäischen Gebiet“, die an Arbeit und Broterwerb besser erst gar nicht denken sollten, sondern bezüglich derer klar sei, dass „sie insbesondere durch Einweisung und Bewachung in Ghettos so abgesondert [werden], daß ihnen jede Möglichkeit genommen ist, ihren verderblichen Einfluß und ihre dunklen Praktiken weiter auszuüben.“ (ebd.) Wohlgemerkt, erstens: Von der ‚Endlösung der Judenfrage‘ ist hier noch nicht die Rede sowie, zweitens: Dass Höcke derlei oder auch nur Vergleichbares gesagt hätte, wird hier nicht behauptet und hat auch Niklas Frank nicht getan, vielmehr ausdrücklich festgestellt:

„Höcke ist im Gegensatz zu meinem Vater kein Verbrecher, aber warum geht er, wenn auch nur ansatzweise, in die gleiche Richtung?“ (Frank 2020: 107)

Gute Frage – nur keine, die, ginge es nach Höckes gleich furchtbaren Verteidiger Klonovsky, der „bestürzend kregeler Filius“ (Klonovsky 2020: 395) von Hans Frank nicht mehr lange zu stellen die Gelegenheit hat.

Womit die Sache stimmig wird, dies unter Berücksichtigung des Umstandes, dass Klonovskys eben beigezogenes Notat vom 12. September 2019 substantiell nichts Neues bringt im Vergleich zu einer analogen Philippika vom 1. Mai 2014 nach einem TV-Auftritt von Niklas Frank (vgl. Klonovsky 2015: 308 ff.) – abgesehen eben vom kaum verhüllten Todeswunsch. Für denjenigen, der hier nicht stutzt, in eine kleine Denksportaufgabe in Sachen hieraus zu ziehender Konsequenzen transformiert: Was sagen wir einem, der so denkt und schreibt und, nach Vorliegen des Höcke’schen Skandalons von 2018, auf das Frank jun. sich 2020 kritisch bezieht, wünscht? Wohl kaum mehr – so mein Vorschlag – als das für vergleichbare Fälle in Vorrat gehaltene, auf den jüdischen NS-Ankläger Benjamin Ferencz (*1920) zurückgehende, diesem Prolog als Motto vorangestellte Wort: „Fallt tot um“, das uns abschießend noch beschäftigen wird (s. Prolog X) und das wir bis dahin übersetzen wollen mit: Fallt alle tot um, die ihr, in der AfD oder außerhalb von ihr, der Bagatellisierung der NS-Zeit das Wort redet oder gar ihrer Wiederkehr.

Ein, wie mir scheint, geniales Fazit in Sachen des „Geschwätze von gestern“, das die Putinizer aus der AfD vor Beginn von Putins Krieg produzierten. Hoffen wir im Namen aller, dass sie, nun jedenfalls, und sei es nach Lektüre des Vorstehenden, doch noch zur Einsicht gelangen. Und nun endlich zur Kenntnis nehmen, was, beispielsweise, Timothy Snyder schon vor Jahren schrieb.

Foto:  Kremlin.ru / CC BY 4.0