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Die Komponistin Fanny Gordon (1904/1914-1991)

Das polnisch-russische Verhältnis gilt als dauerhaft geschädigt. Jedoch gab es stets Verbindungen und häufig waren es gerade Juden, die Mittlerfunktion übernahmen. So besaß der legendäre russisch-jüdische Barde Vladimir Vysotsky nicht nur eine beachtliche polnische Fangemeinde, sondern die Polen richteten ihm sogar ein Museum ein. Eine Jüdin, die ebenfalls beide Nationen musikalisch miteinander verband, war Fania Markowna Kwiatkowska, alias Fanny Gordon. Sie war eine der wenigen weiblichen Komponisten der leichten Muse im Polen der Zwischenkriegszeit und später in der Sowjetunion.

Von Robert Schlickewitz

Denkt man als Westeuropäer der geburtenstarken Jahrgänge an Unterhaltungsmusik aus Polen von vor dem Zweiten Weltkrieg, so fällt einem wohl eher nichts ein. An die beiden tschechischen Bandleader R(udolf) A(ntonín) Dvorský sowie Karel Vlach vermag man sich gerade noch zu erinnern; auch hat man sicher mal neugierig in die Schellackplatten des Sowjetrussen Leonid Utjossow (der eigentlich Lejser Waisbein hieß) hineingehört. – Nur,  polnische leichte Muse aus der Zwischenkriegszeit ?!?

Klar doch, bei der polnischen E-Musik hätten wir noch mitreden, den Chopin, den Penderecki, den Lutosławski, den Moniuszko, den Paderewski, oder die Maria Szymanowska nennen können.

Aber …

Schlagen wir also bei Leuten nach, die sich dem Thema professionell angenommen haben:

Ebenso wie Deutsche und andere Europäer blickten auch die Polen nach dem Ersten Weltkrieg vornehmlich nach Westen, wenn sie sich in Sachen Unterhaltungsmusik orientieren wollten. Sie übernahmen, ebenfalls wie anderswo, den US-amerikanischen Jazz und passten ihn heimischen Verhältnissen an. Ehe sie ihn dann später zu einer eigenständigen Kunstform weiterentwickelten, musste er allerdings zunächst noch als Tanzmusik herhalten. Allerdings erfreute er sich keineswegs polenweiten, breiten Zuspruchs, sondern eher in der oberen Mittel- als in der Unterschicht und eher in der Großstadt als in der Provinz. Landeseigene Interpreten und Komponisten wuchsen mit der Zeit heran, wobei zu nennen sind:

Der Saxophonist Zygmunt Karasiński (1898–1973), der ab 1922 mit seiner Jazzgruppe aktiv wurde;
das aus dieser Gruppe hervorgegangene Jazzorchester Karasińskis mit Szymon Kataszek, das später unter der Bezeichnung Karasiński & Kataszek Jazz-Tango Orchestra auch außerhalb Polens auftreten sollte;
das Ensemble von Gold und Petersburski (nach der Umbenennung Petersburski & Gold Orchestra); das Orchester „Wileńczycy“ von Leonard Ilgowski (später Lofka Ilgowski Orchestra);
die „O’Key Band“ von Leon Mittelbach;
die „The Jolly Boys“ von Henryk und Stanisław Sperber;
die „Melody Maker“ von Jan Polocki;
der Musiker Henryk Wars, der auch als Komponist von Filmmusik bekannt wurde.

Neben mehreren männlichen Begleitsängern verdienen zwei Vokalistinnen genannt zu werden, die aus Warschau stammende Stanisława Nowicka (1905–1990), die allerdings 1936 Polen für immer verließ, (ebenso wie die Deutsche Marlene Dietrich – mit Ziel USA) und Tola Mankiewiczówna (alias Teodora Raabe; 1900-1985).

Paweł Brodowski: Jazz in Polen. In: Klaus Wolbert (Hg.): That’s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt 1997.
Krystian Brodacki: Historia jazzu w Polsce. Kraków 2010.
Igor Pietraszewski: Jazz in Poland. Improvised Freedom. Frankfurt am Main 2014.

Ab 1933, als in Deutschland ein repressives Regime die Verfolgung von Juden zur Tagespolitik erklärte und dazu überging, Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit auszuweisen, kamen auch jüdisch-polnische Musiker in ihre alte Heimat zurück. Unter ihnen die Trompeter Eddie (Ady) Rosner und Manny Fischer, die Saxophonisten Bobby Fidler, Eryk und Erwin Wolffeiler, der Geiger Arkady Flato, der Schlagzeuger Georg „Joe“ Scharcstein und der Sänger Lothar Lempel.

Einer dieser polnischen Staatsbürger, die aus ihrem vertrauten deutschen Umfeld gerissen wurden, hat seine Erlebnisse festgehalten:

„Am 28. Oktober 1938 wurde ich frühmorgens… von einem Schutzmann,… energisch geweckt. Nachdem er meinen Paß genauestens geprüft hatte, händigte er mir ein Dokument aus. Ich würde, las ich, aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Ich solle mich, ordnete der Schutzmann an, gleich anziehen und mit ihm kommen… Daß ich alles, was ich in dem kleinen Zimmer besaß, zurücklassen mußte, versteht sich von selbst. Nur fünf Mark durfte ich mitnehmen und eine Aktentasche…

Ich sah mich gleich inmitten von zehn oder vielleicht zwanzig Leidensgenossen: Es waren Juden… Sie sprachen tadellos Deutsch und kein Wort Polnisch. Sie waren in Deutschland geboren oder als ganz kleine Kinder hergekommen und hier zur Schule gegangen. Doch hatten sie allesamt einen polnischen Paß – ebenso wie ich… Es handelte sich um die erste von den Behörden organisierte Massendeportation von Juden. Ausgewiesen wurden aus Berlin nur Männer, aus anderen deutschen Städten auch Frauen: Insgesamt waren es rund 18 000 Juden…

An der deutschen Grenze mußten wir aus den Waggons aussteigen und uns in Kolonnen aufstellen. Es war vollkommen dunkel, man hörte laute Kommandos, zahlreiche Schüsse, gellende Schreie. Dann kam ein Zug an. Es war ein kurzer polnischer Zug, in den uns die deutschen Polizisten brutal hineinjagten…

Was würde in Polen aus mir werden? Je mehr wir uns dem (vorerst unbekannten) Ziel näherten, desto mehr irritierte mich die einfache Frage… Was sollte ich in dem Land machen, das mir vollkommen fremd war, dessen Sprache ich zwar verstand, doch nur mühselig und kümmerlich sprechen konnte? Was sollte ich in Polen anfangen… ?“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 157-160.)

Frauen blieben in der Zwischenkriegszeit in der U-Musik-Szene Polens im allgemeinen auf die Rolle der Bandsängerin beschränkt und waren deutlich unterrepräsentiert. Jedoch gab es Polinnen, die sich der neuen Musik literarisch, feuilletonistisch oder wissenschaftlich-analytisch annahmen.

So zum Beispiel die bedeutende polnische Lyrikerin Maria Pawlikowska-Jasnorzewska (1891-1945), genannt die „polnische Sappho“, von der u.a. die Gedichte „Jazzband“ und „Krzyk Jazzbandu“ vorliegen. Die zeigen, wie die nicht aus der eigenen Kultur hervorgegangene, importierte, von vielen als fremd empfundene Musikrichtung auch auf polnische Menschen wirken konnte. Außerdem…

„Pre-war female publicists also expressed strong opinions about jazz. In the pages of Lwowskie Wiadomości Muzyczne i Literackie the musicologist Zofia Pohorylesowa wrote an article entitled Luźne Uwagi o Jazzbandzie (Casual Observations about Jazz Bands), in which she elaborated, amongst other things, on the significant role of syncopation in this music. Although informative, the piece was a testimony to the author’s distaste for jazz. The same newspaper published a similar article about this genre by Dr Alicja Simonówna. Compared to the previous two authors, another pre-war publicist, Irena Mirska, ought to be called a jazz enthusiast. In 1935, in the pages of Krakow’s Ilustrowany Kuryer Codzienny, the author published an article entitled Dwudziestolecie Jazzu. This eloquent text, explaining the keywords of the jazz scene, testified to Mirska’s outstanding knowledge.“
https://culture.pl/en/article/polish-women-jazz

Manche der polnisch-jüdischen Musiker, die in Jazzlokalen oder Tanzkapellen gespielt hatten, sahen sich später im Warschauer Ghetto wieder, wie ein Überlebender festhielt:

„Juden galten immer schon als musikalisch, besonders jene aus osteuropäischen Ländern: Bei den Warschauer Philharmonikern, in den Orchestern der Warschauer Oper und des Polnischen Rundfunks, in den vielen Ensembles der Unterhaltungs-, Tanz- und Jazzmusik – überall fanden sich nicht wenige Juden. Sie waren nun im Getto (sic!) und allesamt arbeitslos. Da sie meist keine Ersparnisse hatten, wurde ihre Not von Tag zu Tag größer…

Bald kamen einige umsichtige Musiker auf eine Idee. Man könne doch im Getto ein Symphonieorchester organisieren… Es stellte sich rasch heraus, daß man im Getto ohne Schwierigkeiten ein großes Streichorchester gründen konnte… Schwieriger war es mit den Bläsern. Mit Hilfe von Inseraten in der einzigen (…) Zeitung im Getto und auf Anschlagtafeln wurden geeignete Kandidaten gesucht: Es meldeten sich Trompeter, Posaunisten. Klarinettisten und Schlagzeuger aus den Jazzbands und den Tanzkapellen – rasch zeigte sich, daß sie, auch wenn sie nie in einem Symphonieorchester gearbeitet hatten, gleichwohl Schubert oder Tschaikowsky tadellos vom Blatt spielen konnten…

Die erfolgreichste, die populärste Figur des Musiklebens im Getto war eine ganz junge schwarzhaarige Frau mit mädchenhafter Anmut, eine Sopranistin, die vor dem Krieg noch niemand kannte: Marysia Ajzensztadt…“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 219F, 225.)

In der polnischen leichten Muse der 1920er und 1930er gab es zumindest eine Frau, die als Musikschaffende bekannt wurde und ohne deren Kompositionen die Unterhaltungsmusik des Landes sicherlich wesentlich ärmer ausgesehen hätte, Fanny Gordon.

Biografie

Leider liegen noch keine endgültigen, gesicherten Erkenntnisse über den Lebensweg der Komponistin, Textdichterin, Autorin, Übersetzerin und (akademischen?) Lehrerin Fanny Gordon vor; vielmehr gibt es mehrere sich teilweise widersprechende Varianten.

Die Widersprüche beginnen bereits beim Geburtsdatum, das entweder mit 23. Dezember 1914 oder mit 23. Dezember 1904 angegeben wird. Zugleich soll Fannys Mutter Anna Isaakowna Kwiatkowska (Квятковская Анна Исааковна) einmal von 1896 bis 1960 gelebt haben, während sie nach der anderen Version bei der Belagerung von Leningrad durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an Unterernährung verstorben ist. Weitgehende Einigkeit besteht über die meisten Stationen des Werdegangs, über Werke, über Einschätzung und über Sterbedatum bzw. -ort der Künstlerin.

Faiga Jofé, andere Schreibweisen ihres Namens lauten auf Fayge Yoffe oder Fayge Yofe, kam also am 23. Dezember 1904 oder 1914, im Schicksalsort so vieler Völker, in Jalta an der Südküste der Krim, zur Welt.

Die Stadt wurde international sicher am besten bekannt durch die nach ihr benannte Konferenz der Hauptalliierten des Zweiten Weltkrieges vom Februar 1945, bei der nicht weniger als die Schicksale Europas und Japans zur Verhandlung standen. Jalta war bereits in der Antike besiedelt gewesen und hatte im Mittelalter dem italienischen Stadtstaat Genua als wenig bedeutender Außenposten gedient. Im 19. Jahrhundert veranlasste das milde Klima, die herrliche, durch das Jaila-Gebirge geschützte Lage, die Exotik der Krim als Tatarengebiet und deren Hervorhebung durch den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin, russische und ukrainische Adelige Sommersitze und Ferienhäuser in und um Jalta zu errichten. Nach der Russischen Revolution machten Sanatorien und Erholungsheime die Stadt zu einem vielbesuchten Bade- und Rekreationsort der Sowjetunion sowie zu einem wichtigen Passagierhafen.

1918 wurde Jalta, wie ähnliche Orte, an denen Adelige und Wohlhabende Grund und Besitz angehäuft hatten, zum Schauplatz mindestens eines blutigen Massakers – im Zusammenhang mit den Wirren der Russischen Revolution. Diese Umstände waren offensichtlich auch der Grund, warum die Familie von Fanny Gordon die Schwarzmeerregion verließ und sich in Warschau ansiedelte.

„In Jewpatoria, einer Küstenstadt auf der Krim, gestatteten die Sowjetführer den bolschewisierten Matrosen zu randalieren: In drei Tagen metzelten sie 800 Offiziere und Zivilisten nieder. Die meisten wurden gefoltert und dann, nachdem man ihnen die gebrochenen Arme und Beine um den Kopf gefesselt hatte, ins Meer geworfen. Ähnliche Massaker fanden in Jalta, Feodossija und Sewastopol statt“.
Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der Russischen Revolution 1891 bis 1924. Berlin 1998. S. 558.

Polen war nach dem Ersten Weltkrieg gleichfalls nicht zur Ruhe gekommen:

„Im November 1918 bahnte sich eine grundlegende Neuordnung der politischen Landkarte in Ostmitteleuropa an. Das Russische Reich war bereits seit einem Jahr durch den Bürgerkrieg zwischen dem bürgerlichen (…) und dem kommunistischen (…) Lager gelähmt, und mit der Kapitulation der Mittelmächte am 9. November zerfielen auch die beiden anderen Imperien, die Ostmitteleuropa beherrscht hatten…

In Warschau hatte Józef Piłsudski nach dem Oberbefehl über die polnischen Streitkräfte am 14. November auch die oberste Staatsgewalt übernommen…

Im Osten versuchte Piłsudski, die neue Republik bis zu den Grenzen von 1772 hin auszudehnen. Polnische Truppen konnten die Rote Armee im Frühsommer 1920 zunächst bis hinter Kiev zurückdrängen, doch dann stießen die sowjetischen Verbände in einer Gegenoffensive bis an die Weichsel vor. In dieser Lage schalteten sich auf Bitten der polnischen Regierung die Alliierten ein und schlugen Verhandlungen auf der Grundlage ‚ethnischer Grenzen‘ vor… Doch die Rote Armee war nicht zu einem Waffenstillstand zu bewegen… Als die Sowjetarmee bereits kurz vor Warschau stand, gelang es der polnischen Abwehr, die Nachrichtenchiffren der Roten Armee des Gegners zu entschlüsseln. Über die Planungen und Schwächen des Gegners informiert, konnte Piłsudski erfolgreich die Verteidigung Warschaus organisieren (…) und danach die Sowjettruppen wieder weit nach Osten zurückdrängen. Im Frieden von Riga (…) einigten sich Polen und Sowjetrussland auf eine Grenzziehung…

Wie die meisten der nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Staaten besaß auch Polen keine ethnisch homogene Bevölkerung… Polen stellten ca. 65 % (…), gefolgt von Ukrainern mit ca 16 %, Juden (ca. 10 %) und Deutschen…

In Bezug auf die jüdische Bevölkerung sind die auf den Gesamtstaat umgerechneten Prozentzahlen ebenfalls wenig aussagekräftig. In den Städten lag ihr Bevölkerungsanteil mit ca. 25 % im Durchschnitt knapp zehnmal so hoch wie auf dem Land (2,6 %); in Warschau betrug er fast 30 %…

Innerhalb des Landes existierten deutliche Entwicklungsunterschiede. Die westlichen Landesteile waren dichter urbanisiert, während die östlichen Wojwodschaften von agrarisch geprägten Kleinstädten geprägt waren. Insgesamt lebten nur ein Viertel der Bevölkerung in den Städten und drei Viertel auf dem Land…“  

(Heyde, Jürgen: Geschichte Polens. München 2017. 4. Aufl. S. 91-95.)

Von Interesse erscheinen Aussagen von berufener Seite zum so differenzierten polnisch-polnischen Verhältnis, und natürlich zur polnischen Haltung Juden gegenüber:

„Der polnisch-sowjetische Krieg von 1920 war ein Krieg nationaler Entmischung wie imperialer Vereinnahmung. Mit dem militärischen Zusammenstoß war die Zugehörigkeit zur polnischen Nation neu verhandelt worden… Allein schon an den ins Feld geführten polnischen Kontingenten spiegelte sich die Teilungsgeschichte wider. Preußische, russische und österreichische Traditionen trafen aufeinander. Polnische Truppenteile etwa, die auf seiten der aus dem Weltkrieg siegreich hervorgegangenen Entente gekämpft hatten, verweigerten den Polen, die auf der Seite der unterlegenen Mittelmächte gefochten hatten, den Gehorsam. Auch die ethnische Zugehörigkeit war für manche noch keineswegs ausgemacht. Zu den Abteilungen des polnischen Generals Zeligowski, der im Bürgerkrieg auf der Seite der französisch befehligten Interventionskräfte vor Odessa gegen die ukrainischen Roten gekämpft hatte, zählten auch russische Ulanen; in den Reihen der sowjetischen Westfront waren polnische Schützen im Einsatz.

Soziale und ethnische Markierungen nationaler Zugehörigkeit wurden nicht nur im Felde, sondern auch im Hinterland, in Warschau, neu fixiert…

Zudem brachte der Krieg zwischen dem nationalen Polen und dem imperialen Russland einen weiteren Schub der Entfremdung in das ohnehin seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts angespannte Verhältnis zwischen ethnischen Polen und polnischen Juden. Die nationale Zugehörigkeit letzterer zum Polentum wurde in Zweifel gezogen. Sie wurden verdächtigt, in der Tradition des übernationalen Imperiums zu stehen. Vertreter der jüdischen Arbeiterbewegung, des Bundes, wurden festgehalten, jüdische Soldaten von der Front abgezogen und jüdische Krankenschwestern aus den Hospitälern entfernt. Eine nicht unerhebliche Anzahl polnische Juden wurde interniert…

Während der gesamten Zwischenkriegszeit litt das nominell polnische, faktisch jedoch multiethnische Gemeinwesen unter schier unlösbaren Minderheitenproblemen; über ein Drittel aller polnischen Staatsbürger waren keine ethnischen Polen. Diese Probleme wiederum waren Ausdruck eines ungeklärten Selbstverständnisses, schwankend zwischen Nationen- und Nationalstaat.“

(Diner, Dan: Das Jahrhundert verstehen 1917 – 1989. Eine universalhistorische Deutung. München 1999/2015. S. 109f, 112f)

In zahlreichen Quellen wird auf die unterschiedlichen Wertesysteme, die bei den Polen auf dem Lande und bei ihren Landsleuten in der Großstadt festzustellen waren, hingewiesen. Ein Zeitzeuge, der bis dahin ausschließlich das Leben in der Hauptstadt Warschau kannte, beschreibt, wie er die Verhältnisse im ländlichen Polen erlebte:

„… hier gab es nur Wiesen, Wälder und Weiden, Seen und Sümpfe und schäbige Bauernhütten. Immerhin konnte man in ihnen übernachten. Betten allerdings waren nicht vorhanden, die Bauern schliefen auf Bänken, die an den Wänden standen. Bänke, Schemel und Tische – das war das ganze Mobiliar. Keine Schränke, keine Kommoden? Nein, derartiges brauchten diese Dorfbewohner offenbar nicht. Sie besaßen nichts, was man in Schränken oder Kommoden hätte unterbringen können. Das Zivilisationsgefälle zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil Polens war sehr groß – das wußte man natürlich. Daß es so enorm war, daß es in Polen Gegenden gab, in denen Menschen nicht anders lebten als im Mittelalter, das habe ich erst im September 1939 erfahren.

Dort, in der unheimlichen Stille des Dorfes, waren wir von der Welt abgeschnitten. Kein Radio, keine Telefone, keine Zeitungen. Auf der Suche nach Lektüre fragte ich die Bauern, ob sie denn keine Bibel hätten, kein Gebetbuch. Nein, sagten sie verwundert, so etwas hätten sie nie gehabt, Bücher könne man vielleicht bei dem Herrn Pfarrer finden, der freilich in der Stadt wohne, etwa zwanzig Kilometer entfernt. Wozu sollten denn für sie Bücher gut sein? Sie waren wie ein nicht geringer Teil des polnischen Volkes Analphabeten…“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 172f.)

In der polnischen Metropole lebte Fanny Gordon mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, dessen Name Kwiatkowski war, zusammen. Ab den 1920er Jahren begann sie sowohl Lyrik zu veröffentlichen, als auch Kompositionen für Kabaretts und Musiktheater zu schreiben, will einer der Biografen wissen.

Eine konkurrierende Lebensbeschreibung geht von einem größeren Umweg aus, ehe Warschau erreicht wurde. Demnach ging die Familie Joffe nach Tientschin in China, lebte dort 1921 bis 1930 in einer Kolonie russisch-jüdischer Emigranten, in der die künftige Komponistin ihren Schulabschluss in den Fächern Englisch, Französisch, Deutsch, Stenografie und Musik machte.

Fanny Gordons Familie siedelte, um 1930, nach Warschau über, wo ihr Stiefvater herstammte. Erst hier und jetzt nahm sie ihren Künstlernamen an. Sie sei, heißt es weiter, Anfang der 1930er erstmals in die USA gegangen, um am Chicago Conservatory of Music Gesangsunterricht zu nehmen. Von 1932 an soll sie in New York nicht näher genannten Privatunterricht erteilt haben.

Bis 1937 habe sie abwechselnd in den Vereinigten Staaten und in Polen gelebt. Gerade diese Zeit des ständigen Hin und Her zwischen zwei Kontinenten sei zu ihrer erfolgreichsten geworden, auch weil sie in Polen die einzige Frau war, die für die leichte Muse komponierte. Just aus ihrer so bewegten Biografie und ihren Reiseerlebnissen habe sie die so vielfältig-multikulturellen Inspirationen für ihre Arbeiten bezogen. Die Zusammenarbeit Fanny Gordons mit namhaften polnischen Musikerkollegen sei insofern bemerkenswert gewesen, heißt es weiter, weil sie keine formelle musische Ausbildung genossen habe und möglicherweise nicht einmal in der Lage war, Noten zu lesen (?). Debütiert habe sie bereits im Alter von 16 Jahren, 1929, mit dem Foxtrott „Pod samowarem“…

Als Exkurs und zur Erinnerung ein Blick auf die Geschehnisse im Palästina jenen Jahres. Wir zitieren aus einem Brief Gerschom Sholems an dessen Mutter vom 29. August 1929:

„Liebe Mutter,

ich habe meiner Schwägerin telegraphiert, sie möchte dir telephonisch Bescheid geben, daß wir wohl auf und munter sind…

Die Sache fing an mit der Klagemauer, auf die die Moslems immer mehr Rechte beanspruchten bzw. immer stärker betonten, daß der Platz ihr Eigentum war, was ja juristisch stimmte. Durch die Schikanen waren die Juden gereizt und erregt, und das führte zu einer unklugen und überlauten Anmeldung ihrer Ansprüche, und das Resultat davon war, daß die Moslems jetzt behaupteten, die Juden wollten die Omarmoschee für sich. Es war leicht, unter diesem Schlagwort die Bewohner vieler Dörfer und in geringerem Maße auch Stadtbewohner zu einem bewaffneten Aufstand gegen die Juden zu verlocken. Wir sahen das alles und wußten auch, daß die Situation ernst war, aber trotzdem hätten wir dies nie für möglich gehalten, daß an einem Freitag, als Demonstrationen drohten, die Araber plötzlich mitten am Tag in Mea Schearim stehen würden, bewaffnet mit Knütteln und Dolchen…

Zum Glück hatten Juden und Polizisten dort Feuerwaffen, die Araber aber nicht, so daß sie nicht näherkommen konnten. Denke dir, das alles zwei Minuten von meiner  Wohnung entfernt, im Herzen Jerusalems. – Seit dieser Zeit sind wir natürlich nicht recht mehr zur Ruhe gekommen…

In Zukunft wird England hier viel mehr Militär halten müssen. – Es kam zu vielen Überfällen im ganzen Lande, die Araber wurden überall zurückgeschlagen, und viele Leute verloren ihr Leben dabei. In Hebron, wo Juden und Araber zusammen wohnen, gab es einen furchtbaren Pogrom, wobei viele Juden elend umkamen oder grausam zugerichtet wurden. Im ganzen soll (es) in ganz Palästina etwa 110 getötete Juden geben. Außerdem viele, viele verwundete. – Du kannst dir nicht denken, wie Jerusalem aussieht…

Fast alle Außenviertel der Stadt und die gemischten Stadtteile sind von ihren jüdischen Bewohnern verlassen…

In der Hoffnung auf bessere Zeiten…

(Scholem, Gershom: Unruhen in Palästina. In: Die Juden. Ein historisches Lesebuch. (Hg.) Günter Stemberger. München 1991. 3. Aufl. S. 267f.)

Eine der Quellen geht näher auf den ersten Hit und auf weitere Werke von Fanny Gordon ein:

Ihr erster großer Erfolg stellte sich demnach mit dem Schlager „Pod Samowarem“ (Unterm Samowar) ein, der 1929, in polnischer Sprache gesungen, von der Plattenfirma Parlophon eingespielt wurde. Das Konkurrenzunternehmen Polydor Records, das sich bei den vielen Russen der Region gute Verkaufschancen versprach, beauftragte die junge Künstlerin zusätzlich noch einen russischsprachigen Text zu dem Lied zu verfassen. Dieser konnte noch im selben Jahr vom polnischen Sänger Arpolin Numa (Arpalin Numma) in russischer Sprache interpretiert, im nicht fernen lettischen Riga auf Platte erscheinen.

Die eingängige Melodie mit dem wie angegossen sitzenden Text erfreute sich derartiger Beliebtheit, dass sie 1931 ebenso vom litauisch-russischen Sänger Danielius Dolskis (Daniil Dolskij, 1891-1931) wie für die Firma Columbia Records vom russischen „Tangokönig“ Pjotr Konstantinowitsch Leschtschenko (1898-1954) aufgenommen wurde. 1934 folgte dann noch die Version des auch außerhalb seines Landes bekannt gewordenen, sowjetrussischen Jazzmusikers  Leonid Utjossow (1895-1982). Der beging allerdings den Fehler, die Komponistin auf seinem Plattenetikett nicht mit aufzuführen, was zu Überwürfnissen zwischen den Beteiligten führte, die erst Jahrzehnte später und in der Sowjetunion beigelegt werden konnten.

Als weitere Vermarkter traten die polnischen Syrena Records auf den Plan, die das Lied auch unter der verkaufsfördernden Genrebezeichnung „russischer Foxtrott“ herausbrachten und schließlich noch deutsche sowie US-amerikanischen Tanzkapellen mit deren Einspielungen.

Das Lied erlebte, von Zula Pogorzelska und Tadeusz Olsza in der Revue „Podróż na księżyc“ (Reise zum Mond) des Warschauer Morskie-Oko-Theaters im April 1931 erstmals aufgeführt, übrigens noch eine Bühnenfassung, neben mindestens einer Filmfassung.

Zu Ehren des polnischen Staatschefs und Volkshelden Marschall Józef Piłsudski schrieb Fanny Gordon den Marsch „Marszałek zwycięża“ (Siegreicher Marschall).

Ihren Tango „Skrwawione serce“ (Blutendes Herz) spielte eine Plattenfirma mit der polnischen „Tangokönigin“ Stanisława Nowicka als Vokalistin ein.

Neben den Herstellern der schwarzen Scheiben zählten die Warschauer Kabaretts und Musiktheater zu Fanny Gordons dankbaren Abnehmern, die sie mit beschwingten Kompositionen wie „Buddha“ oder „Piraci“ (Piraten) belieferte. Namhafte Interpreten wie Mieczysław Fogg (1901-1990), Adam Aston (1902-1993) und Tadeusz Faliszewski (1898-1962) sorgten auf Weltmarken wie Columbia, Odeon, Parlophon und der heimischen Syrena dafür, dass die Komponistin für längere Zeit zu den führenden Persönlichkeiten ihrer Branche gezählt wurde.

Im Jahre 1930, 1932 oder 1933 (drei Quellen – drei unterschiedlichen Jahreszahlen!) trat die Künstlerin der polnischen Vereinigung der Autoren und Bühnenkomponisten ZAIKS bei, um ihre Rechte professionell vertreten zu lassen.

Fanny Gordons Foxtrott „Abdul Bey“ von 1932, interpretiert von Tadeusz Faliszewski and Albert Harris, darf ruhig als Reminiszenz an ihre multikulturelle, auch von Muslimen bewohnte, Geburtsregion Krim, in der zahlreiche osteuropäische Märchen mit Orientflair spielen, verstanden werden.

In polnischen Musikzeitschriften, wie z. B. im Trubadur Warszawy vom 3. Dezember 1932, wird Fanny Gordon voller Anerkennung als „talentierte, sehr geschätzte, polnische Komponistin, die durch ihre populären Hits bekannt wurde“ charakterisiert.

Das Magazin zählt die Künstlerin trotz deren ukrainisch-russisch-jüdischen Hintergrunds als zur eigenen, polnischen, Nation gehörig. Jedoch begannen sich die Lebensverhältnisse für Juden in Polen deutlich zu verschlechtern:

„Nach Piłsudskis Tod 1935 verließen seine Nachfolger dessen Kurs eines unbedingten Staatspatriotismus, der auch ein gewisses Integrationsangebot an die Minderheiten enthalten hatte, zugunsten eines polnischen Nationalpatriotismus. Dieser zeigte sich zunehmend ungeduldiger gegenüber den slawischen Minderheiten,… und aggressiv ausgrenzend gegenüber den Juden.

Später, …, nahm er [der Antisemitismus] verstärkt auch Elemente der kirchlichen Judenfeindschaft in sich auf. Die Gleichung ‚Pole = Katholik‘ diente als Begründung, die Juden gänzlich aus der Gesellschaft auszugrenzen… Auch in Regierungskreisen wuchs die Akzeptanz für antisemitische Losungen… … bei antijüdischen Ausschreitungen war die Regierung immer weniger bereit, gegen die ‚polnischen‘ Gewalttäter vorzugehen, um die ‚jüdischen‘ Opfer zu schützen. Erst die Eskalation der Gewalt gegen Juden in Deutschland, mit der Deportation von ca. 17 000 Juden in der sog. ‚Polenaktion‘ im Oktober und dem großangelegten Judenpogrom (‚Reichskristallnacht‘) am 9. November 1938, die in der gesamten polnischen Öffentlichkeit Empörung hervorrief, ließ die Größe der Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland deutlich werden. Daraufhin ging die antisemitische Propaganda in den letzten Monaten vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein wenig zurück…“

(Heyde, Jürgen: Geschichte Polens. München 2017. 4. Aufl. S. 98, 101)

„… vor allem seit 1936, nahmen die Aggressionen gegen die Juden in allen Bereichen zu. Weitverbreitete physische Gewalt, Wirtschaftsboykott, zahlreiche Zusammenstöße an den Universitäten und die Hetze der Kirche wurden durch eine Kette rechtsgerichteter Regierungen ermutigt…

In einem Hirtenbrief vom 29. Februar 1936 versuchte Augustus Kardinal Hlond, die oberste Autorität der katholischen Kirche in Polen, die zunehmende Welle antijüdischer Gewalt einzudämmen: ‚Es ist eine Tatsache‘, erklärte der Kardinal, ‚daß Juden gegen die katholische Kirche Krieg führen, daß sie von Freidenkerei erfüllt sind und die Vorhut des Atheismus bilden. Es ist eine Tatsache, daß die Juden einen verderblichen Einfluß auf die Moral haben und daß ihre Verlage Pornographie verbreiten. Es ist wahr, daß die Juden Betrug verüben, daß sie Wucher praktizieren und Prostitution betreiben. … Doch seien wir gerecht. Nicht alle Juden sind so. … Man darf die eigene Nation mehr lieben, aber man darf niemanden hassen. Nicht einmal Juden. … Von dem schädlichen moralischen Einfluss von Juden sollte man sich fernhalten, von ihrer antichristlichen Kultur sollte man sich distanzieren und insbesondere die jüdische Presse und demoralisierende jüdische Veröffentlichungen boykottieren. Doch es ist verboten, Juden anzugreifen, zusammenzuschlagen, zu verstümmeln oder zu verunglimpfen…‘

(Friedländer, Saul: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945. München 2006. S. 52)

In wie weit sind Polen und Deutschland in Bezug auf ihren Umgang mit den Juden vergleichbar?

„In Polen, wo die Juden bei einem Anteil von insgesamt 35 Prozent nichtethnischer Polen  über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, wirkte sich der sich verschärfende Gegensatz von Stadt und Land gegen sie aus. Die in die urbanen Zentren zuwandernden ethnischen beziehungsweise katholischen Polen wurden von Monopolunternehmen und anderen staatlichen Betrieben und Behörden Juden gegenüber vorgezogen…

Die jüdische Bevölkerung Deutschlands war in den dreißiger Jahren in einer anderen Situation als die Polens. Im Unterschied zu den polnischen Juden, die unter der diskriminierenden Politik der Regierung, einem volkstümlichen Alltagsantisemitismus und den Folgen struktureller Armut zu leiden hatten,stellten die deutschen Juden mit nur knapp einem Prozent der Bevölkerung Deutschlands weder ein soziales Problem dar, noch bildeten sie wie ihre polnischen Glaubensbrüder eine nationale Minderheit.Die polnischen Juden wurden seitens nationalistischer Kreise, gleichsam als ‚vierte Teilungsmacht‘ geschmäht. Ihnen war immer wieder vorgeworfen worden, im Verbund mit anderen Nationalitäten des Landes – Ukrainern, Weißrussen, Litauern und Deutschen – unter Berufung auf den in die polnische Verfassung eingelassenen Minderheitenschutz die territoriale Integrität des Landes zu untergraben. Während sich die polnische Regierung eines, wie sie meinte, überschüssigen Teils der jüdischen Bevölkerung mittels Auswanderung, etwa nach Madagaskar oder nach Palästina, zu entledigen suchte, legten es die antijüdischen Maßnahmen der Nazis in Deutschland offenkundig darauf an, alle Juden außer Landes zu treiben.

Im Gegensatz zu den Problemen von Nationalität, Massenarmut und Volksantisemitismus in Ostmitteleuropa waren die antijüdischen Maßnahmen im nationalsozialistischen Deutschland weltanschaulich motiviert. Dies führte gegen alle Erwägungen von Nützlichkeit und Selbsterhaltung zur Vernichtung der europäischen Juden. Man beließ es nicht dabei, die jüdische Bevölkerung aus dem eigenen Herrschaftsbereich zu vertreiben. Die notorische Praxis ethnischer Säuberungen wurde nicht nur überboten; die Logik der Vertreibungen verkehrte sich vielmehr im Zuge der nazideutschen Expansion in ihr Gegenteil. Es galt, die Juden von überallher in Europa zusammenzusuchen, um sie allesamt zu vernichten.

(Diner, Dan: Das Jahrhundert verstehen 1917 – 1989. Eine universalhistorische Deutung. München 1999/2015. S. 208f)

„Dass von den Jahren der polnischen Republik allenfalls sieben relativ frei von antijüdischer Gewalt waren, spricht für die Einschätzung Herbert A. Strauss, der polnische Antisemitismus sei damals eine politische, ideologische und religiöse Norm gewesen. Manche Autoren ziehen durchaus Parallelen zwischen der aggressiven Politik des autoritär regierten polnischen Staates ab 1934 und der gleichzeitigen Judenverfolgung im Dritten Reich. In beiden Ländern wurden antijüdische Agitation und Gesetzgebung staatliche Politik, wobei die NS-Maßnahmen Vorbildcharakter für die polnischen besaßen. Dennoch gab es gravierende Unterschiede: Der polnische Antisemitismus trug kaum rassistische Züge, denn einer Übernahme der NS-Rassenlehre stand entgegen, dass in ihr die Slawen in der Rassenhierarchie zu den unteren Kategorien zählten, und er war auch kein Erlösungsantisemitismus, der sich in einem ‚Weltkampf‘ gegen das Judentum sah.“

(Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2016. 5. Aufl. S. 95)

Fanny Gordon hatte bei Tagesschlagern sicher ihre produktivsten Jahre in der ersten Hälfte der 1930er Jahre. Sie lebte damals, hier stimmen die Quellen überein, auch einige Zeit in den USA, wo sie am Chicago Conservatory of Music Gesangsunterricht erteilte, oder nur studierte (unterschiedliche Angaben). Nach ihrer Rückkehr nach Polen heiratete sie und übernahm sie, so will es die eine Variante ihres Lebenslaufs, den Namen ihres Mannes, Kwiatkowski/a (gemäß der anderen freilich war der Name Kwiatkowska bereits der ihrer Mutter).

Die Ära des Tonfilms, die in den Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte der 1920er einsetzte, brachte auch die ersten Musicalfilme nach Europa. Man denke etwa an „The Jazz Singer“ von 1927 mit Al Jolson und dem berühmten Kantor Jossele Rosenblatt (1882-1933). Zahlreiche weitere Filmoperetten sollten folgen und auch die Menschen auf dem alten Kontinent begeistern. Fanny Gordon schloss sich konsequent dem Trend an und schrieb ab 1933 ebenfalls für das Genre Operette, gemeinsam mit ihrem Kollegen Władysław Eiger (1907-1991).

Beider Gemeinschaftswerk, die Musikkomödie „Jacht miłości“ (Die Jacht der Liebe; 1933), erfreute sich rasch derartiger Popularität, dass sie auch in andere Sprachen übersetzt wurde. Mehrfach gelangte sie so 1934 in Brüssel (im „Alhambra”-Theater auf Französisch) und in Antwerpen (im Revuetheater „Scala“ mit Elna Gistedt in der Hauptrolle auf Flämisch) zur Aufführung. Ein Einzeltitel aus dieser Operette, der Tango „Indje“, verkaufte sich zusätzlich noch als Schellackplatte und als Notenheft für Amateurmusiker im Inland, während er außerhalb Polens, in den Niederlanden und den USA, als „New York Baby“ in die Musikläden kam. Zu den Arrangeuren der Komponistin zählten u.a. Zygmunt Białostocki und der oben genannte Władysław Eiger. Fanny Gordon dirigierte übrigens ihre Kompositionen gelegentlich selbst, wird berichtet.

Den Text zu ihrem Tango „Nietoperze“ (Fledermäuse), verfasste der namhafte polnische Dichter Jan Brzechwa, wenngleich unter seinem Pseudonym Szer-Szeń; „Nietoperze“ widmet sich denen, die nachts ausschwärmen, auf der Jagd nach der Liebe.

1934 brachte Fanny Gordon erneut einen Hit heraus: „Bal u starego Joska“ (Tanzball beim alten Josek), zu dem sie sich durch tatsächliche Örtlichkeiten und Ereignisse aus der berüchtigten Warschauer Unterwelt um den Gangsterboss Bloody Feluś hatte inspirieren lassen. Das Lied wurde noch unter einem anderen Namen bekannt, „Bal na Gnojnej“ (Tanzball an der Jauchegrube), und nach dem Krieg u.a. von Stanisław Grzesiuk neu aufgenommen.

Mit ihrem Lied „Siemieczki“ (Sonnenblumenkerne) griff sie eine traditionelle, bei den Menschen des ehemaligen Zarenreiches, zu dem Teile Polens lange Jahre über gehört hatten, beliebte kleine Zwischenmahlzeit auf, die in gewisser Weise den selben sozialen Stellenwert besaß wie woanders der Kaugummi. Diese, ebenfalls als „russischer Foxtrott“ klassifizierte Komposition weist deutlich wahrnehmbare Anklänge an russische Weisen auf, was auf ihre Geeignetheit auch für einen außerpolnischen Musikmarkt hinweist.

Ebenfalls in den 1930ern kam ein Musiktrend auf, der um die Welt ging, der sich erstaunlich lange halten bzw. immer wieder neu aufleben sollte. Die Rede ist von der Imitation bzw. Adaptierung unterschiedlichster südamerikanischer Rhythmen. Selbstverständlich gingen auch hier die ersten Impulse von den USA (bzw. Cuba) aus, aber Japaner und Koreaner sprangen mit gewisser Verzögerung genauso auf diesen Zug auf, wie zuvor Europäer, Australier, Nordafrikaner und auch Libanesen (Beirut). Fanny Gordons Beitrag bestand in der Komposition „Conchinella“. 

Indem die Komponistin sich motivmäßig von allen Erdteilen her inspirieren lassen konnte, wie gesehen, offenbarte sie nicht nur besondere kompositorische Qualitäten, sondern bewirkte sie auch, kraft der weiten Verbreitung ihrer Werke, eine gewisse kulturelle Öffnung Polens. Denn das Land verfügte bis dahin zwar über eine weltgewandte, allen Errungenschaften und Moden der Moderne offen gegenüberstehende Oberschicht, zugleich aber über eine Unter- und Mittelschicht, die fast ausschließlich die eigene Kultur lebte. Künstlern wie Fanny Gordon verdankte und verdankt Polen eine nicht zu unterschätzende Modernisierung und Kosmopolitisierung, oder – mit anderen Worten – eine internationale Aufwertung. 

In Heft 2-3 (März bis Mai) 1937 der Zeitschrift „La Femme Polonaise“ erschien ein Beitrag, der sich elfer zeitgenössischer polnischer Komponisten und Musiker annahm, unter ihnen auch Fanny Gordons. Die Autorin, Zofia Bergerowa, würdigte sie darin mit einer Kurzbiografie.

Jedoch sollte sich das politische Klima Europas bald eintrüben, Krieg brach aus:

„Am 1. September 1939 überfielen die deutschen Truppen Polen. Die Wehrmacht rückte von Norden (…), Westen (…) und Süden (…) vor, die Luftwaffe begleitete den Vormarsch mit Terrorbombardements auf die Zivilbevölkerung (Wieluń 1.9., Warschau 4.-6.9.1939)… Die deutschen Verbände rückten in schnellem Vormarsch nach Osten vor. Als sich am 16.9. die deutschen Armeen von Norden und Südwesten vereinigten und die polnischen Hauptstreitkräfte bei Kutno eingekesselt waren, marschierten sowjetische Truppen in Ostpolen ein… Der Septemberfeldzug war von Anfang an als Vernichtungsfeldzug angelegt, um nach dem militärischen Sieg jeglichen Widerstand unmöglich zu machen. Dazu dienten die Terrorbombardements, aber auch Erschießungen von Zivilisten als ‚potentielle Partisanen‘ – ohne konkrete Verdachtsmomente und unter bewusster Missachtung der Haager Landkriegsordnung… Erklärtes Ziel der Besatzer war die Vernichtung der polnischen Nation. Angehörige der Intelligenz wurden ermordet, die übrige Bevölkerung sollte durch gezielten Terror gefügig gemacht werden. Bereits Ende 1939 begannen die Deutschen, die Polen … in großem Umfang (…) zu vertreiben; die verbleibende Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet… die Lebensmittelrationen für die Polen lagen an der Hungergrenze, für die Juden noch weit darunter…Die deutschen Besatzer nutzten diese Abstufungen [von ihnen eingeführte Hierarchie der Rassen], um die einzelnen Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Bereits im September 1939 wurden Volksdeutsche ermutigt, gegen Polen und Juden vorzugehen und sich z.B deren Besitz anzueignen; für (selbst vermeintlichen) Widerstand wurden demonstrative ‚Vergeltungsaktionen‘ organisiert. Im Sommer 1941, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in das zuvor sowjetisch besetzte Ostpolen, kam es zu zahlreichen Pogromen gegen Juden, verübt von ihren polnischen und ukrainischen Nachbarn… In einer ersten Massenflucht versuchten ca. 300 000 Juden ins sowjetisch besetzte Ostpolen zu gelangen, 1.8 Millionen verblieben weiterhin unter deutscher Herrschaft. Ab 1940 wurden die Juden dann systematisch verfolgt. In Warschau und Lodz (…) entstanden die ersten Ghettos, mit Mauern umgeben und von der Polizei streng bewacht… Die Lebensmittelrationen waren so gering bemessen (180-230 Kalorien täglich…), dass allein im Warschauer Ghetto jeden Tag Tausende an Hunger und Entkräftung starben… Nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 begannen die Deutschen mit Massentötungen, Ende 1941 wurde in Kulmhof im Wartheland (Cheƚmno) das erste Vernichtungslager eingerichtet, bald darauf Belzec, Sobibor und Treblinka… Auschwitz, in dem allein über eine Million Juden den Tod fand.“

(Heyde, Jürgen: Geschichte Polens. München 2017. 4. Aufl. S. 103-107)

Ein Zeitzeuge erinnert sich an den Kriegsbeginn in Warschau:

„Die Nachricht vom deutschen Überfall auf Polen haben wir dann, so unwahrscheinlich das auch anmuten mag, mit Erleichterung, mit befreitem Aufatmen zur Kenntnis genommen… So sicher ich war, daß der Krieg mit der Niederlage Hitlers und der Seinen enden werde, so sehr befürchtete ich – … – daß den Juden Grausames bevorstehe. Ich habe das, was dann tatsächlich geschehen ist, weder vorausgesagt noch vorausgeahnt, nur meinte ich, daß man einem Regime, das die ‚Kristallnacht‘ – … – organisiert hatte, auch das Schrecklichste zutrauen könne und müsse.

Die Freude über den Kriegseintritt der Alliierten wurde bald von Panik abgelöst. Noch unlängst hatte man in polnischen Zeitungen lesen können, das deutsche Heer sei unzureichend ausgerüstet, viele Offiziere und Soldaten seien Hitlergegner und somit potentielle Deserteure. Allen Ernstes wurde die Ansicht geäußert, der jämmerliche Zustand der meisten polnischen Chausseen und Wege würde den Vormarsch der deutschen Tanks und Panzerwagen erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen – und somit Polen zum Vorteil ausschlagen. Doch kam alles anders, als die unverbesserlichen polnischen Optimisten lauthals prophezeit hatten. Die deutschen Armeen triumphierten, und gleich hörte man in Warschau von ungeheuerlichen Grausamkeiten der deutschen Soldaten: Sie würden in den besetzten polnischen Ortschaften den Männern, zumal den Juden, die Zungen abschneiden und bisweilen auch die Hoden. Wenige glaubten an diese Gerüchte. Gleichwohl verbreiteten sie Angst und Schrecken.

Am 7. September teilte ein Oberst des polnischen Generalstabs über den Rundfunk mit, daß sich die deutschen Panzer Warschau näherten. Er appellierte an alle waffenfähigen Männer, die Stadt sofort zu verlassen und sich in östliche Richtung zu begeben. Dem entnahm man, daß eine Verteidigung der polnischen Hauptstadt überhaupt nicht geplant sei, daß vielmehr das Oberkommando der polnischen Armee es für richtiger halte, sich zurückzuziehen… Die überwiegende Mehrheit der jungen Männer folgte sofort diesem Aufruf und verließ Warschau in größter Eile – meist ohne Gepäck und ohne zu wissen, wohin sie fahren oder gehen sollten. Ein heilloses Chaos brach über die Stadt herein…“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 169ff.)

„Am 2. November [1939] flog Goebbels nach Polen, zunächst nach Ƚódź: ‚Fahrt durch das Ghetto. Wir steigen aus und besichtigen alles eingehend. Es ist unbeschreiblich. Das sind keine Menschen mehr, das sind Tiere. Das ist deshalb auch keine humanitäre, sondern eine chirurgische Aufgabe. Man muss hier Schnitte tun, und zwar ganz radikale. Sonst geht Europa an der jüdischen Krankheit zugrunde’…

Die Einsatzgruppen I, IV und V sowie vor allem Obergruppenführer von Woyrschs ‚Sondereinsatzgruppe‘  hatten den Auftrag, die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. Die brutale Ermordungs- und Vernichtungskampagne, die sie gegen Juden in Gang setzten, hatte nicht die systematische Zielsetzung, ein bestimmtes Segment der jüdischen Bevölkerung zu liquidieren wie im Falle der polnischen Eliten, sondern sie war einerseits eine Manifestation des allgemeinen Hasses der Nazis auf die Juden und andererseits eine Demonstration von Gewalt, die die jüdische Bevölkerung dazu veranlassen sollte, aus einigen Regionen, die dem Reich angegliedert werden sollten… zu fliehen… Von Woyrschs Einsatzgruppe… leistete ganze Arbeit… Insgesamt hatte die Einheit bis zum 20. September etwa 500 bis 600 Juden ermordet.

Das Massakrieren von Juden wurde von der Wehrmacht möglicherweise als ein Vorgang angesehen, der disziplinarisches Handeln erforderte, aber ihre Folterung war sowohl für die Soldaten als auch für die SS-Angehörigen eine willkommene Unterhaltung. Besonders beliebt als Opfer waren orthodoxe Juden, die sich durch Aussehen und Kleidung leicht identifizieren ließen. Auf sie wurde geschossen, sie wurden gezwungen sich gegenseitig mit Kot zu beschmieren, sie mußten springen, kriechen, singen, Exkremente mit Gebetsschals abwischen, um Feuer tanzen, in denen Torarollen verbrannt wurden. Man peitschte sie, zwang sie Schweinefleisch zu essen, oder schnitt ihnen Judensterne in die Stirn. Der beliebteste Zeitvertreib war das ‚Bartspiel‘: Bärte und Schläfenlocken wurden abgeschnitten, ausgerupft, in Brand gesteckt, mit oder ohne Teile der Haut, der Wangen oder des Kiefers abgesäbelt, und das zum Amüsement eines gewöhnlich großen Publikums applaudierender Soldaten. Zu Jom Kippur 1939 war eine derartige Truppenunterhaltung besonders lebhaft.“

(Friedländer, Saul: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945. München 2006. S. 47, 52f)

Der Kriegsausbruch überraschte die Künstlerin an ihrer langjährigen Wirkungsstätte in Warschau. Während ihr Stiefvater und ihr Ehemann bald in Zusammenhang mit Krieg oder Flucht den Tod fanden, gelang ihr gemeinsam mit ihrer Mutter noch rechtzeitig die Flucht ins litauische Wilna/Vilnius.

Auch zu dieser Periode bietet eine der Quellen eine alternative Darstellung:

Demnach beendete der Kriegsausbruch 1939 Fanny Gordons musikalische Karriere und sie sah sich gezwungen eine Stelle in einem Büro der deutschen Besatzer anzunehmen.

Als Jude bzw. Jüdin für die Deutschen zu arbeiten, war oft die einzige Möglichkeit, sich und seine Angehörigen durchzubringen, angesichts der von den Besatzern verfügten, auf ein Minimum reduzierten Lebensmittelversorgung für die jüdische Bevölkerung. Dabei schwebten Juden in ständiger Gefahr, aus ihrer Stelle entfernt und anschließend ermordet zu werden. Ein Betroffener berichtet:

„Sofort wurden besonders gekennzeichnete Lebensmittelkarten für Juden eingeführt. Die Zuteilungen waren erheblich kleiner als die für die nichtjüdische Bevölkerung. Die Auswirkungen waren voraussehbar und geplant: Die Unterernährung und der fatale gesundheitliche Zustand der meisten Juden ließen nicht lange auf sich warten… Eine der vielen Aktionen, die die konsequente Aussonderung der Juden bezweckten, war eine besondere Volkszählung. Jeder Jude mußte einen sehr langen und ausführlichen Fragebogen ausfüllen… Für die Volkszählung, …, benötigte man Hunderte von Büroangestellten, darunter auch solche, die Deutsch konnten. Ich folgte dem Ratschlag von Bekannten und meldete mich… Meine Prüfung dauerte nicht länger als eine Minute – ich war akzeptiert, doch nur für zwei Wochen. Aber daraus ergab sich wenig später eine ständige Tätigkeit. Ich wurde vom ‚Judenrat‘ angestellt, um dessen Korrespondenz in deutscher Sprache zu führen… Der Briefwechsel mit den deutschen Instanzen wuchs schnell. Immer mehr Schriftstücke mußten alltäglich übersetzt werden… Ein besonderes Referat wurde nötig. Man nannte es ‚Übersetzungs- und Korrespondenzbüro’… Ganz unverhofft hatte ich eine feste Anstellung mit einem Monatsgehalt – wenn auch einem bescheidenen. Ich war zufrieden – nicht zuletzt deshalb, weil ich zum Unterhalt der Familie ein wenig beitragen konnte.“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 201-204.)

„Über die Dächer schimmert der Barockturm einer Kathedrale. Das Schiff trägt unverkennbar die Merkmale deutscher Gotik.

Aber nur wenige Schritte weiter beginnt das Warschauer Ghetto, der Judenstadtteil, d. h. eigentlich hatten diese Parasiten unersättlicher Raffgier, wie überall im ehemaligen Polen, schon die ganze Stadt infiziert und Warschau geradezu zur Judenmetropole gemacht, war es doch bislang nach New York die größte Judenstadt der Welt.

In welch einen Pfuhl tritt man jedoch beim Besuch jener Bereiche, in den sich diese Hyänen der Menschheit so daheim fühlen, in den Ghettos. Ewig geschäftig schwenken sie in langen Kaftanen und kurzen Käppis auf dem gegringelten schwarzglänzenden Haar einher. Aus dem schiefen gelblichen Gesicht strömt wie ein Wasserfall der fettige Bart. Darüber flackern in liebäugelnder Nachbarschaft zur Hakennase jene Lichter, die gerade immer an dem, was sie anblicken, so knapp vorbeischimmern und dabei die Situation doch rascher erfassen, als würden sie geradeaus sehen.

Ich habe sie in allen Schattierungen erlebt, diese schmierigen Ostjuden. Fast unbeschreiblich ist der Schmutz, in dem sie hausen und dementsprechend groß die Anzahl der Läuse, die auf dem Rücken ihres Herrn, Tod und Verderben aus den Winkeln des Ghettos in die übrige Stadt tragen. Flecktyphus sehen sie als ihre Spezialität an. Dem Juden, dem schaden sie nicht; vielleicht aus lauter Dankbarkeit für die dienernd geschäftige Mittlerrolle. In Wahrheit hat den Juden der Dreck der Jahrhunderte gefeit gegen solche Seuchenübertragung. Es juckt ihm freilich des öfteren das Fell; aber dafür hält er sich auf seine Weise schadlos.

Sauberkeit fürchtet der Jude noch mehr als die Nazis.

Davon konnten wir uns besonders anschaulich hier im Warschauer Ghetto überzeugen. Als sie später in die Zange der hygienischen Maßnahmen – wann hatte es je vorher so etwas gegeben – der deutschen Verwaltung gerieten, hob ein großes Weih-Geschrei an. Entlausung, Baden – muß das sein? Nein – nur nicht baden müssen, lieber wollen sie ein Sümmchen zahlen.

Mit ihren Angeboten ließen sie sich etwas kosten, die Gauner. Sie wurden dennoch geschrubbt!

Dabei besaßen sie sogenannte Badeanstalten für ihre finsteren rituellen Gepflogenheiten. Das waren aber stinkende, schmutzigste Badelöcher.

Den Pestgeruch bin ich eine Woche lang nicht los geworden. Man soll eben nicht überall seine Nase hineinstecken!

Über eine ausgelatschte, halsbrecherische Wendeltreppe ging es in einen tiefen schmutzstarrenden Keller hinab. In engem quadratischem Raum blinkt unten im matten Lichtschein eine Wasserpfütze, deren Atem mir den meinigen fast verschlug. Kein Wunder – man erneuerte dieses Wasser selbst bei intensivster Benutzung wochen-, ja monatelang nicht. So platschte ein Jude nach dem anderen in dieses Wasserloch, nicht etwa, um sich von allen Sünden dieser Welt zu reinigen, sondern nur um nach strengem Ritus mit dem Hemd bekleidet einige Male unterzutauchen. Selbst dieses stinkige Wasser hat sie immer wieder von sich gegeben.

Nach solchen geheiligten ‚Waschungen‘ aber blühte ihr Geschäft in den nicht minder schmierigen Läden, in denen schiefgelatschte Schuhe neben der Butter oder höchst heranrüchiger Käse neben fliegenbelagertem Zuckerzeug liegt, noch einmal so gut. So meinten sie.

Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß jemand aus solchen Läden etwas kauft. Doch der Teufel frißt nicht nur in der Not Fliegen!

Im Warschauer Ghetto blühte aber damals das Geschäft aus anderen Gründen. Hier war das Diebesgut der Millionenstadt zusammengeströmt. Warschaus heldenmütige Verteidiger hatten ja selbst die Anweisung gegeben, alle Gefängnistore zu öffnen. Die so plötzlich mit der goldenen Freiheit überhäuften Verbrecher sprangen auch hier nicht in die Breschen des Kampfes, sie  benutzten vielmehr die Gelegenheit ihres Lebens, Millionenwerte zusammenzustehlen. Während sich die Einwohner angsterfüllt in die Keller verkrochen, stöberten sie die leeren Wohnungen durch und verschacherten ihr Diebesgut an die Juden, denen auf so billige Weise im Höllenlärm splitternder Bomben und Granaten paradiesischer Gewinn in die Ghettoverstecke gebracht wurde, in die sie sich schlotternd und wie Würmer eingewühlt hatten.

Kaum aber hatte Warschau kapituliert, kamen sie mit ihrem Reichtum – der sich immer noch am laufende Band vergrößerte – hervorgekrochen und boten vom Fotoapparat bis zum glitzernden Geschmeide, vom Seidenstrumpf bis zum Persianer einen stattlichen Warenbestand an. Und die Bevölkerung kaufte zu höchsten Preisen, nur um das Notwendigste wieder zu haben.

So wurde der Sturz Warschaus der Juden größtes Geschäft. Sie verdienten auch an diesem Kriege auf ihre Art, wie bisher unverdientermaßen an den meisten Kriegen dieser Welt“

(Bruno Hans Hirche: Erlebtes Generalgouvernement. Krakau 1941. S. 72f)

„Allein im Warschauer Ghetto starben rund 100 000 Menschen an den Folgen der Unterversorgung und den damit einhergehenden Krankheiten.“

(Lehnstaedt, Stephan: Polen. Völkermord als Politik. In: Deutsche Herrschaft. Nationalsozialistische Besatzung in Europa und die Folgen. (Hg.) Wolfgang Benz. Freiburg u.a. 2022, S. 122.)

Zeitgleich habe Fanny Gordon auch Unterricht in englischer Sprache und in Kurzschrift erteilt. 1944 sei sie von der Gestapo verhaftet worden, jedoch beim Ausbruch des Warschauer Aufstands freigekommen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee sei sie schließlich Dolmetscherin des sowjetischen Kommandanten der polnischen Stadt Grodzisko geworden.

Der Warschauer Aufstand (1.8. bis 2.10.1944) sollte nicht mit dem Warschauer Ghettoaufstand (April/Mai 1943) verwechselt werden:

„Zum Fanal des polnischen Widerstands wurde deshalb der Aufstand in Warschau 1944… Die Rote Armee stand auf dem anderen Weichselufer und drohte … die Stadt zu erobern… Zugleich hatte die [polnische] Heimatarmee bislang keinen größeren Kampf gegen die Deutschen aufgenommen, obwohl sie gerade in Warschau bestens organisiert und vergleichsweise gut mit Waffen ausgestattet war… Doch der Wehrmacht gelang überraschend eine Stabilisierung der Ostfront, sodass die Deutschen viel Zeit hatten, um den unerwartet zähen Widerstand niederzuschlagen und die Zivilbevölkerung mit einer bislang unbekannten Gewalt zu überziehen. Angesichts der Dimension der Stadt Warschau gingen die Täter systematisch vor: Sie hoben vorab Massengräber aus und töteten die Menschen per Genickschuss direkt an den Gruben… Wenn das Massengrab voll war, übergoss man die Leichen mit Benzin und zündete sie an. Es kam zu Massakern in Krankenhäusern und in Kirchen, zu Massenvergewaltigungen und zu Plünderungen. Nach 63 Tagen waren mindestens 150 000 Opfer zu beklagen, davon allein 30 000 im Stadtteil Wola… Zu den zivilen Toten kamen etwa 15 000 getötete Kämpfer der Heimatarmee… Die Zerstörung Warschaus war zugleich Rache an der Stadt und ihren Bewohnern wie Element der dystopischen Vision eines germanischen Ostens, der untrennbar mit genozidalen Praktiken verbunden war.“

(Lehnstaedt, Stephan: Polen. Völkermord als Politik. In: Deutsche Herrschaft. Nationalsozialistische Besatzung in Europa und die Folgen. (Hg.) Wolfgang Benz. Freiburg u.a. 2022, S. 133ff.)

Die Gesamtbilanz dieses deutschen Krieges gegen Polen ergab einen volkswirtschaftlichen Schaden für Polen, der jedwede Vorstellungskraft übersteigt:

„Legt man zeitgenössische polnische Ausarbeitungen zugrunde und rechnet diese in heutigen Wert um, ergibt sich eine volkswirtschaftliche Schadenssumme – inklusive menschlicher Verluste, für die bereits die Alliierten entsprechende Beträge festgelegt hatten – von ziemlich genau einer Billion Euro.

(Lehnstaedt, Stephan: Polen. Völkermord als Politik. In: Deutsche Herrschaft. Nationalsozialistische Besatzung in Europa und die Folgen. (Hg.) Wolfgang Benz. Freiburg u.a. 2022, S. 123.)

Aus jüdischer Sicht hingegen ergab sich folgendes Bild:

„On May 8, 1945, the Germans surrendered unconditionally and World War II ended four month later on September 2. Some sixty million people died in the war (about 3 percent of the world’s population in 1940), including the six million Jews (constituting one.third of the Jewish people) who had been murdered in the Holocaust. Ben Gurion, years later, would reflect on the horrific toll of the Holocaust and note that ‚had partition been carried out [as it was proposed by the Peel Commission] the history of our people would have been different and six million Jews in Europe would not have been killed – most of them would be in Israel.‘ “

(Gordis, Daniel: Israel. A Concise History of a Nation Reborn. New York 2016. S. 139)

Während des Krieges seien ihr Ehemann als polnischer Offizier und ihr Stiefvater hingerichtet worden. Wohl aufgrund der sich verschärfenden, judenfeindlichen Situation in Polen habe sich Fanny Gordon im Juni 1945 gemeinsam mit ihrer Mutter in die Sowjetunion begeben. Dort sei sie sehr bald Dirigentin des Jazzorchesters der regionalen Philharmonie der Stadt Kalinin (heute Twer) geworden. Nach Auflösung des Ensembles im Jahre 1946 sei sie als Englischlehrerin im Pädagogischen Institut der Stadt untergekommen.

Auch in der Sowjetunion war es zeitweise zu Verfolgungen von Juden gekommen:

„Die Parteiführung verurteilte diese Vorfälle in einem Artikel der ‚Prawda‘ ‚Gegen den Antisemitismus‘ (1927) und bestritt einen Zusammenhang des innerparteilichen Streits mit der Nationalität der Oppositionellen. Im gleichen Jahr konstatierte Stalin in seinem Rechenschaftsbericht auf dem 15. Parteitag, daß es Ansätze von Antisemitismus in der Mittelschicht, der Arbeiterschaft und sogar in der Partei gebe, gegen die man unerbittlich ankämpfen müsse…

Nach 1930 ging die Politik dahin, Antisemitismus als klassenfeindliche Aktivität zu bekämpfen und die Juden nicht stärker als alle anderen Sowjetbürger zu schützen…

Es gibt in den dreißiger Jahren Berichte über die Diskriminierung von Juden bei der Arbeitssuche und über antisemitische Vorfälle. Stalins Politik einer ‚Nationalisierung des Sowjetkommunismus‘ führte zur Auflösung der jüdischen Parteisektionen (…), und die Massenverhaftungen von 1937 betrafen auch viele jüdische Parteimitglieder, doch richtete sich diese Politik gegen alle Nationalitäten… Die Entwicklung in der Sowjetunion stellte in Europa einen Sonderfall dar…

Ab 1948/49 begann sich im Zuge des Kalten Krieges und des Bruchs zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion, der zur Suche nach den Feinden in den eigenen Reihen führte, ein antisemitisches Klima auszubreiten, und auch das Verhältnis zu Israel kühlte im Ostblock stark ab.Als sich die Hoffnung auf ein sozialistisches Israel nicht erfüllte und die sowjetischen Juden Sympathie für Israel bekundeten, begann Stalin, der zu einem paranoiden Antisemiten geworden war, die Juden aus dem politischen Leben der Sowjetunion auszuschalten. Der erste Schritt war die Auflösung des ‚Antifaschistischen Jüdischen Komitees‘, das sich zur Unterstützung des Landes im Zweiten Weltkrieg gebildet hatte. Seine Mitglieder wurden verhaftet und 1952 hingerichtet, nachdem man sie in einem Geheimprozess abenteuerlicher Verbrechen beschuldigt hatte. Die Juden der UdSSR zählten zu den Opfern zweier einander scheinbar widersprechender Kampagnen, mit denen die Sowjetführung innenpolitisch auf den Kalten Krieg reagierte: Die Antikosmopolitismus-Kampagne sollte die sowjetischen Künstler und Intellektuellen von westlichen Einflüssen abschotten. Die Beschimpfung als ‚wurzelloser Kosmopolit‘ entwickelte sich zum Synonym für ‚Jude‘. Die Antinationalismus-Kampagne richtete sich gegen jeden nicht-russischen Nationalismus und führte zum Terror gegen Juden und andere Nationalitäten. Wichtige kulturelle Einrichtungen wurden geschlossen, und man begann, Juden aus den Spitzenpositionen von Partei, Bürokratie und Universitäten zu verdrängen… Der große ‚Ärzteprozess‘ und Pläne zu einer Massendeportation von Juden blieben nur durch Stalins Tod am 5. März 1953 unausgeführt.

Auf sowjetischen Druck wurde die antijüdische Politik in den frühen fünfziger Jahren von den kommunistischen Parteien der anderen Ostblockstaaten übernommen…

Bis 1967 unterhielten die sozialistischen Staaten auch diplomatische Beziehungen zu Israel. Dies schloss nicht aus, dass in der Ära Chruschtschow antizionistische und antisemitische Propaganda in den sowjetischen Medien erschien. Die Existenz von Antisemitismus wurde aber ebenso negiert wie die Tatsache, dass der Holocaust auf die Ermordung der Juden gezielt hatte.

(Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2016. 5. Aufl. S. 90f, 119f, 125)

Bald darauf habe Fanny Gordon erneut einen Ortswechsel vorgenommen und in Leningrad eine neue Wirkstätte gefunden. Hier sei sie bis an ihr Lebensende unter dem Namen Feofania Markowna Kwiatkowskaja komponierend und literarisch tätig gewesen. Zu ihren Werken hätten Theaterstücke, Erzählungen, Satiren, Übersetzungen aus dem Englischen gehört sowie habe sie Filmmusik komponiert. Das Musikstück „Mädchen aus Shanghai“ von 1950 sei auf ihre Jugenderinnerungen zurückzuführen.

In den 1960er und 1970er Jahren seien die Theaterstücke „Adieu Andrejkino“, „Wenn wir alle wollen“, „Haltestelle Voller Hoffnung“, „Kleine Blume“ und „Maske“ (jeweils übersetzt aus dem Russ.) entstanden. Fanny Gordon sei Mitglied der Allrussischen Vereinigung zum Schutz der Autorenrechte des Schriftstellerverbandes der UdSSR gewesen.

Der Sechs-Tage-Krieg in Nahen Osten führte zu einer Verschlechterung der Lage der Juden in der Sowjetunion:

„Der Juni-Krieg von 1967 veränderte das Bild Israels grundlegend, es galt vielen nun primär als Militär- und Besatzungsmacht. Die kommunistischen Staaten, Länder der Dritten Welt und die radikale Linke im Westen reagierten mit einer scharfen Wendung zum Antizionismus, der von antisemitischen Tönen nicht frei war… In der Sowjetunion der Ära Kossygin begann ab 1967 eine scharf antizionistische Politik, die allerdings zwischen ‚guten Sowjetjuden‘ und ‚Nazi-Zionisten‘ zu unterscheiden vorgab, wohl um Emigrationswünschen sowjetischer Juden keine Nahrung zu geben. Sie löste eine Welle populären Antisemitismus aus. Die sowjetischen Karikaturen dieser Jahre zeigten den Zionismus als Musterschüler des Nationalsozialismus und zeichneten andererseits die Juden im schlimmsten ‚Stürmer‘-Stil als weltbedrohende Gefahr und Handlanger des US-Imperialismus. Fast zwanzig Jahre lang sollte diese antizionistische Kampagne im Ostblock, in den arabischen Ländern und in der Dritten Welt ihre Wirkung entfalten. Sie gipfelte in der UN-Resolution von 1975, die Zionismus als ‚Form von Rassismus‘ brandmarkte…

Die Ostblockstaaten, allen voran die Sowjetunion, schwächten in den frühen achtziger Jahren ihre antizionistische Politik ab, und mit Gorbatschow wurde sie ganz fallengelassen.

(Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2016. 5. Aufl. S. 127, 133)

Folgt man den anderen Varianten, so floh Fanny Gordon entweder 1944/1945 in die Sowjetunion, um sich in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg niederzulassen. Oder, sie kam bereits früher von Litauen aus in die Stadt an der Newa und erlebte dort gemeinsam mit ihrer Mutter die 900tägige Belagerung durch die Deutschen (ab 1941), in deren Folge sie ihre Mutter verlor.

Zu Fanny Gordons weiterem Lebensweg berichten vorgenannte Quellen, sie habe sich unter den Namen Fania Markovna Kviatkovskaya und Fania Kviatkovski auch in der neuen Umgebung einen soliden Ruf als Schöpferin origineller Bühnenarrangements und gern gehörter Unterhaltungsmusik erworben. Zu ihren bedeutenderen Kompositionen in der Sowjetunion hätten Operetten wie „Mädchen aus Shanghai“ von 1950, bei der auch das Libretto von ihr stammte, gehört, zudem die dem gleichen Genre zuzurechnenden Kompositionen „Martin Eden“, „Krieg und Liebe“ sowie „Unter dem Himmel von Alabama“ (jeweils übers. aus dem Russ.).

Warschau, bzw. Polen, hat sie offensichtlich, so einige der Quellen ganz explizit, nie wieder besucht. Was mag hierfür die Ursache gewesen sein?

Möglicherweise das Verhalten vieler Polen ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber:

„Kaum hatte sich Warschau ergeben, kaum war die Wehrmacht in die Stadt einmarschiert, da ging es gleich los, da begann schon das große Gaudium der Sieger, das unvergleichliche Vergnügen der Eroberer – die Jagd auf die Juden… Die jungen Soldaten sahen also zum ersten Mal in ihrem Leben orthodoxe Juden… Hier waren sie, die arglistigen und abstoßenden Feinde des deutschen Volkes, die Untermenschen, vor denen der Führer beschwörend zu warnen pflegte und über die noch häufiger und noch viel anschaulicher der kleine Doktor sprach, der Reichsminister Goebbels…

Die Soldaten hatten bald gemerkt, daß man orthodoxe Juden besonders schmerzhaft demütigen konnte, wenn man ihnen die Bärte abschnitt. Zu diesem Zweck hatten sich die unternehmungslustigen Okkupanten mit langen Scheren versorgt. Aber die feigen Juden flohen und verbargen sich in Höfen und Häusern. Das half ihnen nicht viel, sie wurden rasch ergriffen. Von wem? Von den deutschen Soldaten? Gewiß, auch von ihnen, doch häufiger noch von jenen, die ihnen, den neuen Herren, sofort zu Diensten standen: von polnischen Rowdies und Nichtstuern aller Art, oft von Halbwüchsigen, die glücklich waren, daß sie eine fröhliche und auch abwechslungsreiche Betätigung gefunden hatten.

War es ihnen gelungen, einen fliehenden Juden zu fassen, dann schleppten sie ihn grölend zu den Deutschen, die gleich ans Werk gingen: Beherzt schnitten sie die langen Judenbärte ab, die sie bisweilen erst einmal mit einer brennenden Zeitung anzündeten. Das war besonders sehenswert. Kaum war der Bart auf den Damm gefallen, da johlten die vielen Schaulustigen, manche klatschten Beifall. Die beflissenen Hilfswilligen gingen nicht etwa leer aus: Mitunter fand sich für sie eine Banknote oder ein Ring.

Bald wurden auch die assimilierten, die europäisch gekleideten Juden ausgeraubt – und da es den Deutschen schon schwerfiel, sie von den Nichtjuden zu unterscheiden, konnten sich die polnischen Helfer wiederum nützlich machen: Die meisten kannten nur ein einziges deutsches Wort – ‚Jude‘ – , aber das reichte ja für ihre Aufgabe. Bestritt ein aufgegriffener Mann, Jude zu sein, dann lautete das Kommando: ‚Hosen runter!‘ – und es stellte sich bald heraus, ob er beschnitten war oder nicht…“

(Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben. Stuttgart und München 2000. 14. Aufl. S. 178-181.)

Antisemitismus oder auch Konflikte zwischen polnischen und ukrainischen Bevölkerungsgruppen hatte es auch schon vor 1939 gegeben, und schon damals war immer wieder vereinzelt Blut geflossen. Nun aber brach eine Judenfeindschaft los, die nicht mehr nur Zwangsauswanderung propagierte, sondern aus eigenem Antrieb die ‚Judenfrage‘ ‚lösen‘ wollte. Morde an Jüdinnen und Juden waren an der Tagesordnung und wurden durch die extreme Rechte explizit gefordert. Neuere Schätzungen gehen von einem polnischen Anteil am Tod von bis zu 150 000 jüdischen Mitmenschen aus…

(Lehnstaedt, Stephan: Polen. Völkermord als Politik. In: Deutsche Herrschaft. Nationalsozialistische Besatzung in Europa und die Folgen. (Hg.) Wolfgang Benz. Freiburg u.a. 2022, S. 136.)

„Für viele überlebende Juden war mit dem Endes des Krieges keineswegs das Ende von Gewalt und Verfolgung gekommen. In Polen sahen sich die aus der Sowjetunion, den Vernichtungslagern und dem Untergrund zurückkehrenden Juden gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Über 300 starben in Pogromen (wie 1946 in Kielce) und in anderen Mordaktionen. Die Ursachen lagen in der Bürgerkriegssituation, der Brutalisierung des Antisemitismus durch die Naziherrschaft sowie in der unterstellten Identifikation der Juden mit dem Sowjetkommunismus, den der antikommunistische und nationalistische polnische Untergrund bekämpfte. Die Bevölkerung griff zu Gewalt, um die Rückgabe jüdischen Besitzes zu verhindern. Diese Welle von Gewalt führte zur Flucht von ungefähr 150 000 Juden in die DP-Lager der westlichen Besatzungszonen Deutschlands.“

(Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2016. 5. Aufl. S. 118)

Fanny Gordon verstarb, darüber besteht Einigkeit, als polnisch-sowjetische Komponistin am 9. Juli 1991 in Leningrad. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem jüdischen Friedhof von Russlands zweitgrößter Stadt. Ihr Grabstein weist sie in russischer Sprache als Feofania Markovna Kvjatkovskaja aus.

Zwar liegt noch keine verlässliche Biografie der Künstlerin vor, jedoch erinnern erfreulich viele Webseiten in verschiedenen Sprachen an ihr Leben. Ihre Musik ist über Anbieter wie YouTube jedem Interessenten leicht zugänglich.

Zahlreiche Deutsche vertreten nach wie vor die Ansicht: „Der Iwan war genau so schlimm wie wir!“. Sie irren. Eine vergleichbare Karriere wie die der jüdischen Komponistin Fanny Gordon oder etwa der berühmten russischen Romni-Sängerin Sonia Timofeeva hat es im „Reich“ bzw. daran anschließend in der BRD nicht gegeben und hätte es dort auch niemals geben können.

„Umfragen der Amerikaner zeigen, dass Ende 1946 mindestens 40 % der Deutschen als antisemitisch, weitere 20 % als rassistisch und weitere 20 % als nationalistisch einzustufen waren, wobei diese Vorurteile bis Anfang der fünfziger Jahre eher zu- als abnahmen. Insbesondere die jüdischen Displaced Persons, die bis in die fünfziger Jahre hinein in Lagern und requirierten Wohnungen lebten, wurden als Schwarzhändler, Kriminelle und als ‚Gefahr für die Deutschen‘ hingestellt. In Friedhofsschändungen und Tumulten trat Antisemitismus 1947-48 erneut in Erscheinung. Führende jüdische Funktionäre verließen Deutschland wegen des ‚Kalten Krieges gegen die Opfer‘ wieder. Die Mehrzahl der Politiker, Kirchenmänner und Pädagogen schwieg zu diesem unpopulären Thema, wie eine Studie der US-Militärregierung kritisch anmerkte… Die Zulassung rechtsextremer Parteien ließ antisemitische Anschauungen wieder hervortreten. Andererseits zielten das Luxemburger Abkommen über Wiedergutmachungszahlungen an Israel von 1952 und das Bundesentschädigungsgesetz von 1953 – gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit – auf Aussöhnung mit den Juden und auf einen ‚Schlussstrich‘ unter die Vergangenheit. Daneben beschäftigten die Deutschen in den Jahren 1949 bis 1952 eine ganze Reihe von entsprechenden Skandalen (…), bevor eine Phase des ‚Beschweigens‘ der NS-Vergangenheit einsetzte.“

(Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2016. 5. Aufl. S. 121f)

Namensvarianten

Wer sich in Archiven oder im Internet weiter über Fanny Gordon informieren möchte, sollte bei seinen Recherchen noch weitere Namensformen mitberücksichtigen, so für Polen auch Franciszka Gordon, Fanni Gordon sowie Fanny Gordonówna und für Russland Fania Markowna Kwiatkowska, Fania Kwiatkowski bzw. Feofania Markowna Kwiatkowskaja.

„Pod Samowarem“

Warum war ausgerechnet dieses Lied Fanny Gordons so erfolgreich? – Sicher, seine Melodie geht ins Ohr und es ließ/lässt sich ausgezeichnet dazu tanzen. Aber, da war doch noch mehr. „Pod Samowarem“ hat nämlich mit einem ganz wesentlichen Bestandteil russischer, ukrainischer, weißrussischer sowie ex-ostpolnischer Lebensart, der Kultur des Teetrinkens, zu tun.

Nach der großen Umsiedelung von nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als Millionen Ostpolen im Landeswesten neue Wohnsitze bezogen, verschwammen die einst so klar abgesteckten Grenzen zwischen Teepolen und Kaffeepolen. Die heutigen Bewohner des Landes jenseits der Oder sind, nach eigenen Angaben, eine sich im Verhältnis von etwa 50:50 gegenüberstehende Kaffee-Tee-Mischkultur und somit durchaus mit den Deutschen vergleichbar.

Der Samowar ist vor allem in Osteuropa bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das meist verwendete Gerät zur Teebereitung gewesen. Einst händisch mit glühender Holzkohle beschickt, wurde er später mit Strom betrieben. Die Ursprünge des Samowars, dessen Name ins Deutsche übersetzt „Selbstkocher“ bedeutet, reichen zurück ins 18. Jahrhundert.

Es gab ihn außer in der klassischen auch noch in Kugel-, Ei-, Frucht- und Urnenform sowie aus reinem Silber ebenso wie aus Gusseisen. Verbreitung fand er nicht nur auf dem Gebiet des ehemaligen Zarenreiches, sondern auch in Polen, in England, in den Niederlanden und in Mittel- bzw. Norddeutschland. In Werken und Dokumenten ostslawischer Schriftsteller, Poeten, Liederautoren und Philosophen spielte er häufig eine wichtige Rolle, auch indirekt, indem er zu einer ganz besonders anregenden oder schöpferischen Atmosphäre beitrug.

Der Samowar war somit keineswegs lediglich ein Küchengerät. Samoware schufen Wohlbefinden und Heimeligkeit, trugen zu Gemütlich- und Geselligkeit bei, vermochten ein Gefühl des Zuhauseseins und der guten Laune zu vermitteln. Samowarstimmungen wurden häufig zu unauslöschlichen Kindheitserinnerungen und gingen in die Weltliteratur ein.

Vorläufiges Werksverzeichnis

An manchen der Kompositionen von Fanny Gordon waren auch die jeweiligen Textdichter oder dritte Personen beteiligt. Manche Entstehungsdaten sind nicht eindeutig, Quellen nennen unterschiedliche Jahreszahlen. Mehrere Lieder erhielten mit der Zeit unterschiedliche Titel.

Die Übersetzungen der Liedtitel in die deutsche Sprache, im Verzeichnis unten, stehen in Klammern. Selbstverständlich kann das Verzeichnis keinen Anspruch auf Vollständig erheben.

1930

Caballeros z Grenady („Caballeros aus Granada“), One Step, Text: Jan Brzechwa

Dlaczego mnie zdradziłaś? („Warum hast du mich betrogen?“) / Dlaczegoś mnie zdradziła? („Warum hat sie mich betrogen?“), Tango, Text: Wiktor Budzyński

Don Carlos, Tango, Text: Wiktor Friedwald

Jutro zapomnę („Morgen werde ich vergessen“) / Pedro, Tango, Text: Jan Brzechwa

To wiosna gra („Ein Frühlingsspiel“), Blues, Text: Wiktor Friedwald

1931

Аргентина („Argentina“), Tango

Buddha / Budda, po co stworzyłeś serce? („Buddha, warum hast du das Herz erschaffen?“), Tango, Text: Walery Jastrzębiec

Miłość cię zgubiła („Die Liebe ging dir verloren“), Tango, Text: Tadeusz Stach

Nietoperze („Fledermäuse“) / Słodkie sekrety („Süße Geheimnisse“), Tango, Text: Jan Brzechwa

Piraci („Piraten“) / Tango piratów („Piraten-Tango“) / Wypij do dna („Ganz austrinken“), Tango, Text: Wiktor Friedwald

Pod samowarem / Przy samowarze („Unter dem Samowar“) / Ja i moja Masza („Ich und meine Mascha“) / Nowe Bubliczki („Neue Bublitschki“), Foxtrott, Text: Andrzej Włast

1932

Abdul Bej / Abdull Bey, Foxtrott, Text: Ludwik Szmaragd

Ach co za nos! („Ach, was für eine Nase!“), Foxtrott, Text: Andrzej Włast

Brygida („Brigitte“) / Milość po niemecku („Liebe auf Deutsch“) / Gdy czlowiek jest ostrożny, to się nie wida! („Wenn ein Mann vorsichtig ist, kann er nicht sehen!“), Tango, Text: Walery Jastrzębiec

Czekam cię („Ich warte auf dich“), Tango, Text: Andrzej Włast

Czy miłość jest grzechnem? („Ist Liebe eine Sünde?“), Tango, Text: Stanisław Mar

Czy Pani chce byc gwiazda? („Möchtest Du ein Stern sein?“), Tango, Text: Andrzej Włast

Dla mej kochanki („Für meinen Schatz“), Tango, Text: Andrzej Włast

Itak mi ciebie żal („Du tust mir leid“) / I tak mi siebie żal („Ich tu mir selbst leid“), Tango, Text: Walery Jastrzębiec

Kiedy zegar północ bije („Wenn die Uhr Mitternacht schlägt“) / Kiedy zegar północ bił („Als die Uhr Mitternacht schlug“), Tango, Text: Tadeusz Stach

Perła Grenady („Perle von Granada“), Tango, Text: Stanisław Mar

Skrwawione serce („Herzblut“), Tango, Text: Walery Jastrzębiec

Trzeba umieć się rozstać… („Man muss sich trennen können…“), Tango, Text: Stanisław Mar

Upojny walc („Ein mitreißender Walzer“), Wiener Walzer, Text: Walery Jastrzębiec

Zagraj mi znów! („Spiel mich nochmal!“), Russischer Tango, Text Jerzy Ryba

1933

Bal u starego Joska („Tanzball beim alten Josek“), Walzer, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Bardzo przepreaszam („Es tut mir sehr leid“), Englischer Walzer, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Betty, Walzer-Foxtrott, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Dzwony weselne („Hochzeitsglocken“) / Weselne dzwony („Hochzeitsglocken“), Walzer, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Egzotyczna pieśń („Exotisches Lied“), Blues, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Indje („Indien“) / Nirwana / Pieśń o Indiach („Lied von Indien“) / Indie („Indien“), Tango, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Jak we wschodniej bajce („Wie in einem orientalischen Märchen“), Tango, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Melodia serce („Herzensmelodie“) / Melodja serc („Melodie der Herzen“), Tango-Serenade, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Miłość i morze („Die Liebe und das Meer“) / Morze i miłość („Das Meer und die Liebe“), Tango, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Mój świat – to ty („Meine Welt, das bist Du“), Tango-Lied, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Na duszę smutek padł („Trauer befiel meine Seele“), Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

New York Baby, Foxtrott, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Nie wierz w swój pech! („Glauben Sie nicht an Ihr Pech!“), Foxtrott, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

Nostalgia / Nostalgja, russisches Lied, Text: Ludwik Szmaragd

Ostatnia noc („Letzte Nacht“) / Gdy nadeidzie kres („Wenn das Ende kommt“), Tango, Text: Ludwik Szmaragd

W zacisznym gabinecie („In einem stillen Zimmer“), Slowfox, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

1934

Tylko forsa („Nur ein Bündel Banknoten“), Foxtrott, Text: Emanuel Schlechter

W maleńkim domku („In einem kleinen Häuschen“), Tango, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

1935

Siemieczki („Sonnenblumenkerne“), Foxtrott, Text: Andrzej Włast

1936

Przestań („Halt ein“), Tango, Text: Andrzej Włast

1937

Złudzenie („Illusion“), Tango, Text: Andrzej Włast

1938

Conchinella / Conchinello, Tango, Text: Zbigniew Maciejowski

1939

Gdy miłość zapuka do drzwi („Wenn die Liebe an die Tür klopft“)

1950

Девушка из Шанхая („Mädchen aus Shanghai“, gemeinsam mit А. М. Manewitsch)

1965

Кот и пингвин („Katze und Pinguin“), Musikspiel für Kinder

Entstehungsjahr unbekannt:

May Wong, Blues,Text: Andrzej Włast

Tra-ta-ta / Strażacka trąbka gra („Das Feuerwehrhorn ertönt“), Foxtrott-Polka, Text: Leopold Brodziński und Julian Krzewiński

W haremie („Im Harem“) / Pieśń wschodnia („Orientalisches Lied“), Text: Wiktor Friedwald

Лишь для нас… („Für uns allein…“)

В ночной глуши напев звучит („In der Stille der Nacht erklingt ein Lied“), Czárdás

Под небом Алабамы („Unter dem Himmel von Alabama“)

Война и любовь („Krieg und Liebe“)

 

Quellen:

https://culture.pl/en/artist/fanny-gordon

https://en.wikipedia.org/wiki/Fanny_Gordon

https://pl.wikipedia.org/wiki/Fanny_Gordon

https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%B2%D1%8F%D1%82%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F,_%D0%A4%D0%B0%D0%B8%D0%BD%D0%B0_%D0%9C%D0%B0%D1%80%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D0%BD%D0%B0

https://staremelodie.pl/kompozytorzy/17/Fanny_Gordon

https://isroe.co.il/kto-sidit-u-samovara/

http://cyclowiki.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B8%D0%BD%D0%B0_%D0%9C%D0%B0%D1%80%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D0%BD%D0%B0_%D0%9A%D0%B2%D1%8F%D1%82%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F

http://spb-tombs-walkeru.narod.ru/2012/4/25.html

https://nekropol-spb.ru/kladbischa/preobrazhenskoe-evreyskoe-kladbische/kvyatkovskaya-faina-markovna

https://blatata.com/places/925-faina-kvjatkovskaja.html

https://news.jeps.ru/lichnaya-istoriya/evrejskaya-muzyika-faina-kvyatkovskaya-istoriya-zhizni.html

 

Musik-Links:

Polish Bublitschki – Pod samowarem, 1931

U samovara

У самовара (1933)

Пётр Лещенко „У самовара я и моя Маша“ – Фильмы „Последнее лето детства“, „Шпионы“

У самовара (1975) / Не может быть. 1975

Ансамбль Бархатный сезон. У самовара я и моя Маша

Квятковская Ф. „У самовара“ обр. ансамбля „Дивертисмент“

Шоу-дуэт аккордеонов AccoNergi

Fanny Gordon Тамара Кравцова Голубые сумерки Old Russian Fox

Fanny Gordon Старое танго Помнишь годы юные Old Tango Miłość cię zgubiła

Аргентина, танго

Аргентина (feat. Джаз-оркестр п/у Пауля Годвина)

Fanny Gordon Hungarian Tune Тамара Таубе Венгерские напевы

Old Yiddish Tango from Warsaw

Tadeusz Faliszewski – Bal u Starego Joska, 1934

Caballeros z Grenady – Tadeusz Faliszewski 1931!

Abdul Bey Polish-Arabic-Jewish Foxtrot

Gdy miłość zapuka do drzwi – Wiera Gran

Mieczyslaw Fogg – Zludzenie

Chór Dana – Nietoperze (Tango by Fanny Gordon)

Tango from Poland: Stanisława Nowicka – My Bleeding Heart, 1932

Mieczysław Fogg – Siemieczki (Syrena Record)

Siemieczki

Tango from Poland: Fanny Gordon: – Indie, 1933

Czekam cię – Mieczysław Fogg